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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Parameter zur Differenzierung
Der Leistungsträger - Teil 2
Von Herbert Tepe

Zwei Zeilen aus seinem Gedicht "Der Leistungsträger" hatte der Autor dem ersten Teil dieser Artikelreihe als Motto vorangestellt: "Der Leistungsträger trägt der Leistung Last…, der Lastenträger trägt nur schwere Last…" Wir denken, sie passen auch vor den aktuellen Teil 2. Das vollständige Gedicht soll dann am Abschluss des letzten Teils der Reihe stehen. – Die Redaktion.  
 
Solange von einer Arbeitsgesellschaft gesprochen werden kann, und das wird hier unterstellt, ist Arbeit die Tätigkeit, die jeder, der dazu in der Lage ist (ausgenommen Menschen mit noch zu benennenden Handicaps) zu leisten hat. Wichtigste Kriterien für die Bemessung der individuellen Arbeitsleistung ist die geleistete Arbeitszeit, hier das Quantitative genannt, und da Arbeit nicht gleich Arbeit ist, die körperlichen und geistigen Anstrengungen, die zur Erfüllung einer legitimen und legalen Aufgabe notwendig sind, hier das Qualitative genannt. Die Begriffe Arbeit und Arbeitsgesellschaft sind wissenschaftlich vielschichtiger als sie hier verwendet werden. Viele kluge Bücher sind darüber verfasst worden, aus denen man lernen kann. Beim Lesen dieser Bücher kann man aber schnell den „Verstand verlieren“, nicht weil sie so schwer zu verstehen sind, sondern weil sich hier Theorie an Theorie abarbeitet, ohne dass ein wirklicher Impuls für das praktische Handeln zustande kommt. Der aber wäre dringend erforderlich.
 
Welche qualitativen Anforderungen können billigerweise an Alle gestellt werden? Jeder tue das was er kann; dazu soll gehören, sein gegebenes Talent mit Fleiß und Ausdauer einzubringen, zu nutzen und mit Anstrengungsbereitschaft weiter zu entwickeln (Grundtugenden). In Tätigkeiten, die in den legitimen und legalen Leistungsaustausch eingelassen sind. Die derzeit eingelassenen Tätigkeiten müssen dabei einer kritischen Revision unterzogen werden.
 
Nun ist es aber wohl so, dass im Vergleich zweier Menschen am gleichen Arbeitsplatz, trotz Erfüllung der oben genannten Kriterien verschiedene Ergebnisse erzielt werden. Diese Unterschiede müssen aber nicht vergolten werden. Das Widerfahrene - Sartre nennt es Widrigkeitskoeffizient - also das was jedem von uns in die Wiege scheint, was jeder Einzelne in höchst unterschiedlicher Weise erfahren hat, muss hier kompensiert werden. Die Faktizität unserer Geburt müssen wir anerkennen, ohne dass uns das von den Grundtugenden entbindet. Aber wir müssen auch konstatieren, dass der Spielraum, die „windows of opportunity, die der Einzelne besitzt schon von Geburt an grundverschieden sind. Und mehr als sein Bestes kann schlechterdings niemand geben.
 
Nicht jeder der bereit ist, sein gegebenes Talent mit Fleiß, Ausdauer und Anstrengungsbereitschaft einzubringen, wird die gleichen Tätigkeiten ausüben können. Tätigkeiten, die eine Gesellschaft wohl erwarten darf. Der Eine hat möglicherweise sein Talent schon ausgeschöpft, wenn er überwiegend einfache, repetitive Tätigkeiten ausübt, ein Anderer kann hoch komplexe Tätigkeiten, die zudem noch Mut, Initiative und Kreativität verlangen, leisten. Hier sind qualitative Differenzen auszumachen, die auch in der Vergütung sichtbar werden sollten. Die genauen Kriterien zur Differenzierung müssen gefunden und benannt werden, was hier im Weiteren geschieht.
 
Als überragendes Element bleibt aber zunächst die Forderung nach den Grundtugenden. Sind diese erfüllt, sind zunächst einmal alle Menschen gleich zu entlohnen (gleiche Arbeitszeit vorausgesetzt). Erst danach kann man ausdifferenzieren. Mit dieser Vorgehensweise wird auch überzeugender als bisher erreicht werden können, dass Einkommensdifferenzen ohne Neid zugestanden werden.
 
Kriterien der qualitativen Differenzierung können allein aus dem zu Leistenden entstehen, das in den verschiedenen Tätigkeiten zu erbringen ist und auch erbracht wird. Positionen, Ränge, Titel sind keine Kriterien zur Leistungsbemessung, ebenso die besondere Würdigkeit mit der man Ämter von weltlichen, kirchlichen oder militärischen Würdenträgern belegt. Sie verdanken sich überkommenden Macht- und Herrschaftsstrukturen, die legalisiert wurden. In einer aufgeklärten Gesellschaft würden sie niemals Legitimation erfahren.
 
Qualifikationsanforderungen nur insofern, als dass sich beim Leistung Erbringen zeigt, dass sie tatsächlich benötigt werden. Allzu oft besteht nämlich keine Korrelation zwischen Qualifikationsnachweisen wie Zeugnissen und anderen Bildungsabschlüssen und der erbrachten Leistung in der Tätigkeit. Viele Talente werden so vergeudet, ohne dass hier geleugnet wird, dass es natürlich auch Tätigkeiten gibt, die man ohne im Vorfeld erworbene Qualifikationen, nicht leisten kann. Ob man diese Qualifikationen nur im institutionellen Rahmen erwerben kann, wie es derzeit vorgegeben ist, bleibt fragwürdig.
 
Das hohe Maß an Verantwortung, das auch immer wieder zur Legitimation überproportionaler Einkommen angeführt wird, ist irreführend und falsch. Die qualitativen Unterscheidungen, mit den daraus hervorgehenden Einkommensunterschieden, reichen völlig aus, ohne dass Verantwortung noch einmal extra honoriert werden muss. Legitime Verantwortung ist inhärenter Bestandteil jeder Tätigkeit. Weitergehender Verantwortung bedarf es nicht. Der General-Manager oder Vorstand, der eine Entscheidung trifft, trifft sie niemals wirklich allein. In der Regel hat er diverse Vorlagen, die von Fachabteilungen u.a. erstellt wurden, vorliegen, auf deren Grundlage er sich ein Urteil bildet und dann eine Entscheidung trifft. Er wählt aus, aus den möglichen Hypothesen. Das gehört zu seiner Tätigkeit und übersteigt nicht die Verantwortung des Waldarbeiters beim Fällen von Bäumen.
 
Wenn man nun einwendet, von der Entscheidung des Managers sei aber eine Vielzahl von Menschen betroffen, dann muss man das Entscheidungsverfahren selbst ändern. Der mögliche Einwand, dass plenare Entscheidungsverfahren zu lange dauern würden, kann nicht zählen. Der Zeitdruck ist eine Erscheinung des bestehenden Paradigmas und muss im Zuge eines Neuen aufgelöst werden. Nur in sich anbahnenden Katastrophenfällen muss davon abgewichen werden, und dann wäre ein einzelner Entscheider hinsichtlich seiner Verantwortung angemessen entschuldet. Der Feldherr, der seine Leute in den Kampf schickt, ist entweder ein Diktator oder ein beherrschter Herrscher. Daraus persönliche Verantwortung abzuleiten ist völlig absurd. So wenig wie die palästinensischen Führer das Recht haben, Menschen in den Tod zu schicken, so wenig haben die israelischen Führer und Generäle das Recht, Menschen in den Kampf zu schicken. Sie können jeweils nur dafür Verantwortung übernehmen, wenn sie selbst in den Kampf ziehen. Im Grunde kann jeder Mensch nur für sein persönliches Handeln verantwortlich sein. Kinder fallen hier bis zu einer Altersgrenze unter die Obhut und Verantwortung der Eltern.
 
Markt, Wettbewerb und Konkurrenz werden hier bewusst nicht zur Differenzierung herangezogen. Der Markt hat kein Ohr, kein Auge, kein Sensorium für Menschenwürde und für den Respekt vor der Mitwelt. Er kennt nur Wachstum, dieses aber verschärft die Segregation (Entmischung) von arm und reich. Wettbewerb und Konkurrenz, wie sie de facto in Erscheinung treten, bringen weit mehr Unheil als Segen. Am „the Winner takes it all“-Verhalten tritt es ständig in Erscheinung und treibt die extensive Sucht nach immer mehr an.
 
In der nächsten Folge geht es um die Messung der Arbeitszeit (das Quantitative) und ein Modell für eine leistungsgerechte Entlohnung wird vorgelegt (in Euro und Cent). (PK)
 
Lebenslauf des Autors:
Geb. am 4.4.1940 in Georgsmarienhütte, einer Kleinstadt bei Osnabrück
1946-1950 Volksschule, 1950-1956 Gymnasium, mehrere Handelsschulen, mehrfacher Schulabbrecher und Leistungsverweigerer
1956-1958 Getrampt durch Süd- und Westeuropa, 1958-1960 Bundeswehr, anschließend Wehrdienstverweigerer
1960-1972 Gearbeitet in Tätigkeiten mit schwerer bis schwerster körperlicher Belastung z.B. Möbelträger/Packer
1972 Umschulung zum Speditionskaufmann und bis 2005 im selben Unternehmen beschäftigt
Vom Hilfsdisponenten über mehrere Stationen zum Leiter einer Internationalen Transportabteilung, Leiter der Personalentwicklung und Ausbildungsleiter
Nach 45 Jahren sozialversicherungspflichtiger Arbeit Rente
Anschließend freiberuflicher Trainer. Spezialgebiete: Mitarbeiter/Innen auf den unteren Lohnstufen (Kraftfahrer/Lagerarbeiter u.a.), Ausbildung für DisponentInnen, lebenslanges Selbststudium, Schwerpunkte: Philosophie/Soziologie/Literatur 
 
 
 
 


Online-Flyer Nr. 390  vom 23.01.2013

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Von Kostas Koufogiorgos
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