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Literatur
Wolfgang Bittners „Kur-Roman“
Reha, Zürich, New York
Von Ulrich Klinger

Natürlich denkt man/frau bei dem Titel des Romans „Schattenriss oder Die Kur in Bad Schönenborn“ sofort an den „Zauberberg“ von Thomas Mann – oder aber an triviale Erzeugnisse diverser einschlägiger Taschenbuchverlage. Doch hier weit gefehlt! Wolfgang Bittner lässt uns an einer ganz anderen Geschichte teilnehmen.
 
Nach einem Ärztepfusch begibt sich der Schriftsteller Ludwig Mahler in eine Kurklinik. Er genießt den Aufenthalt, gerät aber zunehmen in eine Lebenskrise. Die leiden-schaftliche Beziehung zu einer attraktiven jüngeren Frau bringt ihm die Wende. Hier würde die Trivialliteratur enden. Doch jetzt kommt Wolfgang Bittner, einer der besten Romanciers, den wir in Deutschland haben.
 
Der Autor lässt uns teilhaben am Liebesglück der neuen Beziehung, aber auch am Festhalten von Mahler an der Liebe zu seiner Frau Brigitte. Was überwiegt? Was zählt mehr? Das neue Unbekannte oder das alte Gewohnte? Bittner beantwortet diese Frage mit der ihm eigenen Überzeugung.
 
Gemeinsam unternehmen die zwei Frischverliebten eine Reise nach New York, da Françoise Dubois, die Geliebte (Anwältin für internationales Recht in einer Kanzlei in Zürich, eine emanzipierte Frau Mitte Vierzig) dort einen beruflichen Termin hat. Sie ist attraktiv, gebildet, weltgewandt. Aber sie hat andere Erfahrungen, genießt das Leben, stellt wenig Fragen zu dem politischen Hintergrund unseres Lebens. Und damit treffen zwei Welten aufeinander. Denn Ludwig Mahler wollte nie nach New York, die Stadt macht ihm als Lebensraum, als Betonwüste eher Angst. Die USA sind ihm als westliche Supermacht eher suspekt.
 
Meisterlich schildert Bittner diesen Konflikt. Hier die unbelastete, oberflächliche Herangehensweise der Dubois, dort der lebenserfahrene, von Zweifeln beherrschte Mahler. Am Beispiel des als Indianerschriftsteller bekannt gewordenen James Fenimore Cooper („Lederstrumpf“) und dessen Amerikakritik schildert der Autor einen der Streitpunkte zwischen den sich Liebenden. „Cooper beschreibt, wie die sogenannten Pioniere die Natur verwüsteten, wie sie mit Kanonen auf die Taubenschwärme feuerten, Seen trockenlegten, um sämtliche Fische auf einmal zu fangen und wie sie auf alles schossen, was sich in der Prärie und im Wald bewegte. Die puritanischen Yankees nannte er Heuschrecken des Westens, und später schrieb er, dass diese Heuschrecken ihre Schiffe in alle Welt schicken, um für ihre Ziele Krieg zu führen.“ Mit solch einer Haltung kann sich die erfolgreiche Anwältin Dubois (natürlich) nicht anfreunden. Inhaltlich geht es dabei um die „Wahlverwandtschaft zwischen Kapitalismus und Puritanismus, diese ökonomische Prädestinationslehre“, die Mahler auch heute noch für die maßgebliche Haltung in den USA sieht. Er macht dies auch am Leben und Schreiben von Melville fest („Moby Dick“). Françoise Dubois hält das für „plumpen, primitiven Antiamerikanismus“. Sie ist der Auffassung: „Wir können doch froh sein, wenn die Amerikaner für uns die Ordnungsmacht spielen.“
 
Ebenfalls erwähnenswert: Auf Seite 96 (noch in der Kurklinik) eine kurze Abhandlung über Korruption in der Kommunalpolitik im Allgemeinen und in Köln im Besonderen. Es sind diese Passagen, die den Roman so spannend und lesenswert machen. Dazu zählt auch noch insbesondere ein längeres Gespräch mit dem Chefarzt der Klinik über den Gottesbegriff, wie auch über Moral und Christentum. Diese Diskurse sind geistreich und stellenweise philosophisch unterlegt, aber eben nicht abgehoben. Jede/r kann sie verstehen und das dürfte voll und ganz im Sinne von Bittner sein (ob im Sinne der etablierten Literaturkritik, mag bezweifelt werden).
 
Im weiteren Verlauf des Romans stellt sich immer dringender die Frage, ob zwei Menschen vollkommen unterschiedlichen Welt- und Politikverständnisses auf die Dauer ihre Liebe erhalten und leben können. Wie diese Geschichte ausgeht, will ich Ihnen hier nicht verraten. Das müssen Sie sich schon selbst „erlesen“.
 
Es ist die (gefühlte) zweite Hälfte dieses Buches, die es so absolut lesenswert macht. Zwar lohnt sich immer Wolfgang Bittner zu lesen; seine Sprache ist einfach meisterhaft, doch dieses Mal besonders. Es ist die Humanität, die aus seinen Zeilen spricht, seine Lebenserfahrung und seine (linke?) Überzeugung, die ihn so wertvoll macht. Links nicht mißzuverstehen als eine Parteizugehörigkeit, sondern als eine Grundhaltung, die nicht nur „die da oben“ sieht, sondern aus eigenem Erleben und eigener Überzeugung vor allem auch „die da unten“ ernst nimmt. (PK)
 
Wolfgang Bittner, "Schattenriss oder Die Kur in Bad Schönenborn", VAT Verlag, Mainz 2011, 240 Seiten, gebunden, 18,90 Euro.
 
Wolfgang Bittner ist Jurist und Schriftsteller, lebt in Göttingen.
Weitere Informationen: www.wolfgangbittner.de


Online-Flyer Nr. 390  vom 23.01.2013

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