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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Lokales
Das "Deutsche Zentrum für verfolgte Künste“ wird realisiert / Zukunft ungewiss
Dornröschenschlaf oder Pionierprojekt?
Von Peter Kleinert

„Die Stadt Solingen hat es jetzt schriftlich: Die Bezirksregierung hat keine Bedenken gegen die Gründung des neuen Zentrums für verfolgte Künste in Solingen-Gräfrath in Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland. Das neue Museum wird privatrechtlich in Form einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung geführt.“ So begann eine Pressemeldung der Stadt Solingen am 3. Januar 2013. Happy-end eines jahrzehntelangen Kampfes der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft mit ihrem Partner PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, besser bekannt als "Exil-PEN“? Nur auf den ersten Blick. Eine typisch deutsche Geschichte.

Bereits am 15. März 1995 empfing Bundespräsident Roman Herzog eine Abordnung der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft im Schloß Bellevue. Überreicht wurde eine Benefiz-CD für das "Zentrum für verfolgte Künste", darauf zur Verfügung gestellte Lieder u.a. von BAP, Reinhard Mey, Wolf Biermann, Purple Schulz, Klaus Lage-Band, Pe Werner, BRINGS, Ina Deter oder Klaus Hoffmann (rechts im Bild, daneben Hajo Jahn, Jürgen Serke und Hans Joachim Schädlich, ganz links Roman Herzog)
Quelle für alle Bilder: Else Lasker-Schüler-Gesellschaft
 
Ausgerechnet in der so genannten Provinz, nicht in Berlin, Frankfurt oder München entsteht eine weltweit einmalige Einrichtung, die ein Phänomen thematisiert, das vor allem ein deutsches ist, aber auch ein internationales war und ist. Denn am brutalsten haben die Nazis Intellektuelle verfolgt und vertrieben, aber auch Stalin, Mao Tse Tung und heutige Machthaber wie Putin und der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad. Unter dem Dach des Kunstmuseums Solingen werden permanent zwei Sammlungen ausgestellt: Die Bilder-"Sammlung Gerhard Schneider“ und die Exil-Literatur-"Sammlung Jürgen Serke“. Die Bildersammlung wurde mit Hilfe Solinger Bürger erworben. Die Literatursammlung hat die Else Lasker-Schüler-Stiftung "Verbrannte und verbannte Dichter/Künstler“ für 300.000 Euro dem Publizisten Serke abgekauft. Und sie hat die Präsentations-Vitrinen bezahlt – mit dem Stiftungsvermögen, was eigentlich nicht zulässig ist. Doch der Stiftung und ihrer "Mutter“-Gesellschaft blieb nichts anderes übrig, wollte sie die Sammlung für ihr Satzungsziel eines "Zentrums für Verfolgte Künste“ einlösen. "Vater“ Staat gab nichts, baute lieber tote Denkmäler und Stelenfelder.
 
Grundstockvorhanden                                                                                                                                                                                                                                                                            
Die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft bringt ferner Original(exil-)briefe von Thomas Mann und 23 Originalzeichnungen von Else Lasker-Schüler ein: die größte Sammlung von einst als "entartet“ beschlagnahmten Kunstwerken der malenden Dichterin außerhalb Israels. Sie ist mit ihrer Doppelbegabung die Brücke zwischen verfolgter Malerei und Literatur im "Zentrum“; ihr Schicksal wie eine Metapher für alle verfolgten Kunstsparten. Ergänzt wird das reale "Zentrum“ im Internet durch www.exil-zentrum.de mit www.exil-archiv.de (1.600 Biographien einst und jetzt Verfolgter) und der pädagogischen Website www.exil-club.de.
 
LangerAtem                                                                                                                                                                                                                                                                                        
Ein hochzufriedener Oberbürgermeister Norbert Feith, so hieß es in der Solinger Pressemitteilung weiter, übermittelte telefonisch aus seinem spanischen Urlaubsort: „Das neue Zentrum für verfolgte Künste wird ein Leuchttum der Solinger Kultur, der weit über die Klingenstadt strahlt und wirkt, regional und national und darüber hinaus. Allerdings wird die rechtliche Struktur mit zwei Museen unter dem Dach des alten Gräfrather Rathauses nun noch ein Stück komplizierter als sie bisher schon war. Aber ich bin überzeugt, dass sie mit dem guten Willen aller Beteiligten tragfähig ist. Ich danke allen, die an den Vorbereitungen beteiligt waren, für den langen Atem und das Verhandlungsgeschick; insbesondere meinen Mitarbeitern. Es war eine anspruchsvolle und komplexe Arbeit. Die Stadtverwaltung hat ihre Hausaufgaben gemacht!"
 

Hajo Jahn, Gründer der Else
Lasker-Schüler Gesellschaft
Hajo Jahn freut sich einerseits über diese Meldung. Der Spiritus Rector der Idee einer aktiven Einrichtung gegen das Vergessen und zur Erinnerung an die verfolgten Künstler von einst mit der Brücke zur Gegenwart – „weil Intellektuelle verfolgt werden, so lange es autoritäre Regime gibt!“ - bekam Glückwünsche aus aller Welt. Etwa von Jiri Stransky, dem ehemaligen PEN-Präsidenten Tschechiens. Von George Dreyfus, Exil-Komponist im fernen Australien. Oder von Susan Cernyak-Spatz, emeritierte Literaturprofessorin in den USA, die Auschwitz überlebt hat. Sie und die Mitglieder der von Jahn 1990 gegründeten Else Lasker-Schüler-Gesellschaft haben auf diesen Augenblick hin zugearbeitet. Einst waren es 1.900 Mitglieder. 500 haben im Laufe der Zeit aufgegeben. Vermutlich weil sie nicht mehr an die Realisierung geglaubt haben. Dagegen mussten sie miterleben, wie im Jahr 2000 das "Zentrum gegen Vertreibungen“ installiert wurde, das jährlich mit rund 2 Millionen Euro Steuergeldern ausgestattet ist, „ohne dass die Bürger gefragt worden wären. Dabei war der Bund der Vertriebenen, der dies durchgesetzt hat, jahrelang dominiert von ehemaligen Nazis in seinem Vorstand“, kritisiert Hajo Jahn.
 
EinzweitesUnrecht?                                                                                                                                                                                                                                                                        
„Was für die Vertriebenen recht ist, das sollte für die verfolgten Schriftsteller, Filmemacher, Musiker, Schauspieler, bildenden Künstler und anderen Intellektuellen, die widerständig waren, billig sein“, sagt Jahn, Jahrgang 1941. Durch seine Eltern ist der ehemalige Bergmann und WDR-Studioleiter in Wuppertal selber Heimatvertriebener und Flüchtling. Er ist deshalb authentisch, wenn er feststellt: „Die Vertreibung hat 1933 begonnen. 45 war die Folge. Aber trotz des Unrechts der Vertreibungen aus Ostdeutschland bleibt festzuhalten, dass die meisten dieser Menschen stillgehalten oder Heil Hitler gerufen haben, so lange gesiegt wurde.“ Sie seien, so Jahn, keine Vorbilder für kommende Generationen.
 

Thomas Mann - mit seiner Unterschrift auf dem Foto.
Exilbriefe von Thomas Mann an die deutschen
Exilblätter in Santiago de Chile gehören der Else
Lasker-Schüler-Stiftung und sind "Mitgift“ für das
Zentrum für Verfolgte Künste
Ganz anders dagegen die verfolgten und oft widerständigen KünstlerInnen und anderen Persönlich-keiten. „Es waren Zehntausende. Die überwiegende Mehrzahl ist vergessen.“ Jahn nennt als Beispiele für diese erste Vertreibung (siehe Die Welt vom 10. Mai 2008) Namen von Prominenten, „um deutlich zu machen, mit welchem Kapital hier Erinnerungsarbeit geleistet“ werden könnte: Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht oder Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs und Anna Seghers. Filmemacher wie Billy Wilder, Schauspieler wie Lilly Palmer, Regisseure wie Erwin Piscator, Architekten wie Walter Gropius, Komponisten wie Arnold Schönberg und Paul Hindemith, bildende Künstler wie Max Ernst oder Lyonel Feininger und heute Ai Weiwei, Wissenschaftler wie Albert Einstein und Lise Meitner, Fotografen wie Ellen Auerbach oder Sportler wie die Leichtathletin Gretel Bergmann und den Fußballer Richard Dombi.
 

Else Lasker-Schüler 1894 als Braut
anläßlich ihrer Heirat mit dem Arzt Dr.
Jonathan Berthold Lasker
Dass die Türkei Zufluchtsort für Ernst Reuter wurde, dem späteren Regierenden Bürgermeister von Berlin, sei ein Beispiel dafür, wie man in manchen Ländern deutsche Wissenschaftler mit offenen Armen aufgenommen habe. „Kemal Atatürk hat die überwiegend jüdischen Intellektuellen zum Kommen und Arbeiten in seinem Land ermuntert“, erinnert Jahn. Und fügt hinzu: „Wie aber Deutschland mit seinen exilierten Menschen umgegangen ist, dafür steht Willy Brandt, dem in Wahlkämpfen seine Flucht aus der Heimat vorgeworfen wurde.“

Opfer nicht anerkannt  
                                           
Bis heute sind die verfolgten Künstler und Intellektuellen als eigene Opfergruppe nicht anerkannt. Zumindest dieses Eingeständnis hat Jahn mit einer seiner Aktionen erreicht, nachzulesen in einer Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags von 2011. Doch das "Zentrum für Verfolgte Künste“ in Solingen profitiert bislang nicht von dieser Einsicht. Die pädagogische Website www.exil-archiv.de wurde mit 2 Millionen DM subventioniert und mit Hilfe von "Schulen ans Netz e.V.“ realisiert. Die Förderung ist eingestellt, Schulen ans Netz wird abgewickelt. Andererseits nehmen die Gewalttaten von Neonazis zu. 1994 hatten mehr als 50 Autoren den Aufruf des "Exil-PEN“ und der ELS-Gesellschaft für ein "Zentrum“ unterzeichnet, darunter Günter Grass, Herta Müller, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Peter Härtling und Eva Demski. Sie hatten 1992 an den Dichterlesungen in Asylbewerberheimen teilgenommen, als diese von Neonazis bedroht worden waren.
 

Gerhard Schneider konnte seine Sammlung
verfemter Maler in das Zentrum einbringen,
angekauft durch eine Bürgerstiftung. Inzwischen
hat Dr. Schneider weitere Kunstwerke erworben,
doch seine Hoffnung, die Stadt Aschaffenburg
würde diese erwerben, hat sich zerschlagen.
Das Thema ist trotz vielfältiger Bemühungen für
viele Politiker eben immer noch tabu.
„Im Land, das einst seine Besten ins ausländische Asyl und in die Konzen-trationslager getrieben hatte, sollten und duften heutige Asylbewerber nicht angegriffen werden, nicht schutzlos bleiben. Deshalb muss man mit den Namen, Schicksalen und Werken dieser Menschen arbeiten, um kommende Gene- rationen aufzuklären und zu motivieren, nicht neuen extremistischen Verführern aufzusitzen“, sagt Jahn. Er bewertet zwar die Aufar-beitung der national-sozialistischen Vergan-genheit als „vorbildlich“. Doch die andere Seite dieser Medaille treibt ihn seit der Gründung der politisch agierenden Literaturgesellschaft an, die deshalb Foren in Israel, Polen, Tschechien, der Schweiz, Italien und Österreich veranstaltet hat. Mit Zeitzeugen und Diskussionen in Schulen und auf Podien, mit Konzerten verfemter Musik, Vorführung einst verbotener Filme, Lesungen und Ausstellungen, kurz: „Mit Veranstaltungen, wie sie keine Museen, keine Archive organisieren – abseits der gängigen Formen des Erinnerns an NS-Diktatur und Holocaust. Mit erhobenem Zeigefinger und Hinweisen auf ungeheuerliche, aber abstrakt bleibende Zahlen ermordeter Menschen lassen sich Jugendliche nicht mehr interessieren. Und erst recht haben die vielen Schüler mit so genanntem Migrationshintergrund nichts mit den grausamen Verbrechen der Nazis zu tun.“
 
Schande der Chance?                                                                                                                                                                        
In diesem Zusammenhang wird von ihm auch darauf hingewiesen, dass auch die Aufarbeitung von Diktaturen in Europa unerledigt sei – ein „Jahrhundertthema. Von 27 Mitgliedsstaaten in der EU haben 17 Erfahrungen mit Diktaturen machen müssen. Viele von ihnen waren einst Gastländer für die Exilanten aus Deutschland.“ Die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft und ihr Vorsitzender Jahn ist sich mit Günter Kunert, dem Präsidenten des "Exil-PEN“ bewusst, dass sich „unsere Gesellschaft den Erfordernissen einer globalisierten Erinnerungskultur“ stellen muss, was in der opferidentifizierten Gedenkkultur bislang kaum der Fall sei. Das "Zentrum für Verfolgte Künste“ habe auch hier eine wichtige Aufgabe. Doch notwendig sei eine Finanzierung durch den Bund wie beim "Zentrum gegen Vertreibungen“. Und weiteres Engagement der Solinger Bürger, die sich bis in den Rat hinein vorbildlich für das "Zentrum“ eingesetzt hätten, sagt Jahn.

Unter dem Dach des Kunstmuseums Solingen gibt es künftig das „(Deutsche) Zentrum für Verfolgte Künste. Es soll mehr sein als ein „Exil-Museum“. Das wäre nach Meinung der Initiatoren in der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft „zu kurz gesprungen“. Ein Anbau wäre notwendig und möglich. Der damalige grüne Minister für Bauen und Wohnen in NRW, Michael Vesper, sagte in Solingen bei dem „Theresienstadt“-Forum der ELS-Gesellschaft eine finanzielle Förderung des Anbaus durch das Land zu.
 
Doch schon jetzt leidet das Jugendstilgebäude, ein ehemaliges Rathaus, in Solingen-Gräfrath unter Platzmangel. Ein Anbau wäre dringend notwendig. Fachleute müssten engagiert werden. Bislang fehlt sogar ein angestellter Hausmeister. Die Stadt Solingen steht unter Finanzkontrolle der Bezirksregierung, kann also keine Mittel für das mögliche Vorzeigeprojekt freimachen. Lediglich der Landschaftsverband Rheinland hat die Chance dieser einmaligen Einrichtung seit langem erkannt. Er beteiligt sich mit jährlich rund 300.000 Euro. Das aber reicht weder für die nationalen noch für die internationalen Aufgaben des "Zentrums für Verfolgte Künste“. Sonst ist es zu einem Dornröschenschlaf verdammt. Was ja auch typisch deutsch wäre. (PK)


Online-Flyer Nr. 388  vom 09.01.2013

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