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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Sport
Deutsch-französisches Freundschaftsspiel im Erdgas-Park Halle
Formidables Match ohne Verlierer
Von Bernd J.R. Henke und Johann Blaha

29.11.2012. Halle (Saale) Im Zeichen gemeinsamer EM 2013-Vorbereitungen begegneten sich am Donnerstag im Hallenser Stadion bei leichtem kühlem Nieselregen auf schlüpfrigem Rasen die filigranen gallischen Frauenfußball-Statuetten unter Leitung des Nationaltrainers Bruno Bini mit der aus frankophoner Sicht körperbetont spielenden „Kampfmaschine“ deutscher Bauart. Ganze acht Monate vor der Europameisterschaft in Schweden trennten sich der EM-Titelverteidiger gegen den WM- und Olympia-Vierten Frankreich mit 1:1 (1:1) Remis.

Startformation der l´Équipe Tricolore in Halle (Saale): obere Reihe v. lks.: Sandrine Soubeyrand, Camille Abily, Marie-Laure Delie, Wendie Renard, Corine Franco, Laura Georges, untere Reihe v. lks.: Jessica Houara, Elodie Thomis, Sarah Bouhaddi , Louisa Nécib, Eugénie Le Sommer
Foto: FFF
 
Gegen 14:22 Uhr betrat Bruno Bini gut eingepackt mit wattiertem Mantel und rundum gestreifter Wollmütze den Rasen in Halle, in seinem Schlepptau die Spielerinnen in regentauglicher Trainingskleidung. Was er sicher nicht ahnte, zum selben Zeitpunkt - zur selben Minute - lüftete der Weltverband FIFA in der brasilianischen Millionenmetropole São Paulo das Geheimnis der Nominierung der drei Finalisten für den FIFA-Gala-2012-Ballon d’Or in der Kategorie bester Frauenfußballtrainer der Welt.

                       
Bruno Bini auf der Trainerbank mit Mütze im Hallenser Erdgas Sportpark
Foto: FFF
 
Die internationale Jury entschied sich zum Finale im Züricher Kongresshaus für drei Namen: Bruno Bini (Frankreich), Norio Sasaki (Japan) und die jüngst im Londoner Wembley Stadium frisch gekürte Olympiasiegerin Pia Sundhage (USA/Schweden). Der Franzose mit seiner „Équipe Tricolore“ genoss schon im Vorjahr die Wertschätzung, denn da landete er auf Platz drei hinter dem Gewinner Nokio Sasaki und der Zweitplatzierten Pia Sundhage. Binis Visionen und Erfolge spiegeln den femininen Aufstieg des französischen Fußballs in die Weltspitze.

Bruno Bini mit der Mannschaft bei der kurzen Vorbereitung im Centre Technique National Fernand Sastre (CTNFS), dem Leistungszentrum des französischen Fußballverbandes in Clairefontaine
Foto: Antonio Mesa
 
Auf die Frage nach seinem Vorbild spricht Bini selbstironisch von der Möwe Jonathan. In dem Roman von Richard Bach will sich Jonathan von seinen Artgenossen abgrenzen. Die Möwen fliegen, um zu leben. Jonathan lebt, um zu fliegen. Er will über den Durchschnitt hinaus und das Außerordentliche erfahren. Derweil, vom hell erleuchteten Flughafen Paris Charles de Gaulle zu der ostdeutschen Bezirkshauptstadt Halle geflogen, instruierte der selbsternannte „Jonathan“ zu unzeitgemäßer TV-Übertragungszeit und bei 3 Grad Kälte seine Ballkünstlerinnen im Stadionrund der anhaltinischen Frauenfußball-Diaspora mit der letzten taktischen Raffinesse für das Spiel.
 
Deutschlands Frauen gegen das feminine Frankreich - beide Sportverbände gingen sich in den letzten 25 Jahren oftmals aus dem Wege, die Nachbarn bestritten in dieser Zeit nur 11 Partien - solch ein sportlicher Leckerbissen fände nach dem Vorstoß der Französinnen in die absolute Weltspitze in größerem Rahmen mit intensiverer medialer Aufmerksamkeit sicher noch mehr als 5.200 Zuschauer. Ein traditioneller Spielort mit nachgewiesen femininer Fußballtradition in Reichweite maximal dreier Fahrtstunden vom Rheintal wurde im Verbandsallerlei nicht ins Kalkül gezogen.
 
Demgegenüber zeigte scheinbar der französische Fußballverband bei der Auswahl des Rückspiels mit der elsässischen Europastadt Straßburg als Gastgeber eine emotional gute Handschrift - auffällig die passable, kundengerechte Anpfiffzeit, vorbildhaft die ausreichende Zuschauerkapazität im grenznahen Bereich. Der französische Fußballverband vermerkte auf seiner Homepage den Termin: Mercredi 13 Février 2013, Match Amical France-Allemagne au Stade de La Meinau de Strasbourg (18h30)

Vor dem Anpfiff im Erdgas-Sportpark Halle beide Mannschaften mit Schiedsrichterin Haikinnen (Finnland)
Foto: Anke Viehl
 
„In Frankreich serviert man ein Menü wie „Coq au vin, Zwiebelsuppe und Crêpes bis Crème brûlée“ auch nicht in einem gut geführten Schnellimbiss, sondern in einem gut frequentierten Feinschmecker Restaurant“, erklärte ein weit gereister Kenner und Edelfan in Sachen Frauenfußball, der mit seinem VW-Bus durch ganz Europa kreuzt. Als Bundestrainerin Silvia Neid kurz vor dem Anpfiff ihre langjährige bewährte Jokerin Martina Müller wie verabredet für ihr 101. und letztes Spiel in der Nationalmannschaft ehrte, erschien während dem Vollzug der üblichen „Funktionärsinszenierung“ überraschend auf der Haupttribüne das „Shining Light“ des US-Olympiawunders, Erfolgstrainerin Pia Sundhage, die nach ihrer Rückkehr nach Europa ab dem 1. Dezember offiziell in ihr Arbeitsumfeld als schwedische Nationaltrainerin eintauchen wird. Der Hallenser Erdgas-Sportpark war für einen Donnerstag im November heimliches Wallfahrtsziel der besten Frauenfußball-Trainer, dank Pia, Silvia, Bruno sowie Maren Meinert, Ute Ballweg, den beiden Ex-Bundestrainern Tina Theune und Gero Bisanz sowie VfL-Trainer Ralf Kellermann.

Pia Sundhage während der WM 2011
Foto: kandschwar, Wikipedia
 
Geballte Trainerprominenz, darunter auch Hope Powell, die englische Nationaltrainerin, die bei der Olympiade in London die britische Olympiamannschaft als Gruppensieger bis ins Viertelfinale coachte, war als Kiebitz anwesend. England und Frankreich starten während der Europameisterschaft in derselben Gruppe. Ihren Abschied als erfolgreichster US-Head-Coach aller Zeiten hatte Pia Sundhage Ende September mit einem glanzvollen 6:2 Sieg der Golden Girls gegen die „Matildas“ aus Australien gefeiert.
 
Es war an diesem Nachmittag nicht die Sternstunde der ARD, denn der Sprecher der Live-TV-Übertragung hatte mehr mit seiner Sendezentrale zu kämpfen - die Winter-Sportart Biathlon drängte sich in die Sendezeit - als die exzellente fußballerische Darbietung der Weltbesten angemessen zu kommentieren. Schade übrigens, dass die mit Spannung erwartete Auslosung des DFB-Pokal-Viertelfinals nicht live gezeigt wurde. Biathlon, nicht gerade Volkssport, aber gut bezahlt, hatte Vorfahrt.

Camille Abily (OL) und Annike Krahn, die im Sommer 2012 nach Frankreich ging. Sie spielt für Paris St. Germain (PSG)
Foto: FFF
 
ARD-Frauenfußball-Expertin Nia Künzer wurde vom ARD-Moderator gefragt, ob sie denn beeindruckt sei, im neuen Erdgas-Sportpark Halle zu sein, musste sich durch Zuflüstern im Sendestudio im entfernten Leipzig korrigieren lassen, da sie vor einer TV-Projektionswand mit Motiv der Stadt Halle losgeplappert hatte, aber vorgab schon im Stadion in Halle zu sein, eigentlich noch gar nicht angekommen sei, aber schön sei es schon das neue Stadion. Diese Peinlichkeit war bezeichnend für das beliebige Einerlei in der Berichterstattung - zum anderen unterschätzten die verantwortlichen Organisatoren des DFB den hohen Stellenwert der Superbegegnung für die europäische Sportöffentlichkeit.
 
Bruno Bini - der Psychologe und Pädagoge - predigt Werte wie Respekt und Toleranz. Er bewunderte schon als wissbegieriger Sohn einer Fußballerdynastie - sein Vater war Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit dem Traditionsclub Stade Reims französischer Meister - die Magie prägender Worte von Frankreichs Trainerlegende Albert Batteux, bei dem er als Kind häufig zuhause war. Durchdrungen mit einer altruistisch humanistischen Grundeinstellung und betonter Erzieherrolle eines Fußballpädagogen ließ der Camus-Liebhaber während der Weltmeisterschaft 2011 in den Mannschaftshotels der Bleues einen Raum als Sport- und Literaturcafé einrichten.

Spielerinnen der Nationalmannschaft im Park von Clairefontaine
Foto: Antonio Mesa
 
In seinen jungen Trainerjahren arbeitete Bruno Bini als Sporterzieher im Strafvollzug des Justizdienstes, dort wo einsitzende junge Menschen ein wenig mehr Zeit zum Nachdenken und zur Förderung ihrer persönlichen Talente finden sollten. Frankreichs Trainerpoet Bruno Bini bestückte die mitreisende Bibliothek seiner ihm anvertrauten Fußballerinnen mit rund fünfzig Titeln, darunter Werke von Rimbaud, Appollinaire, Saint-Exupéry, aber auch Coelho, einem Fan des brasilianischen Fußballzaubers, der in Frankreich zum Botschafter des INSP -International Network of Street Papers - wurde, dem Weltverband der Straßenzeitungen zur Bekämpfung von Armut und Obdachlosigkeit.

Trainer- und Betreuerstab von Bruno Bini, in der Mitte Co-Trainerin Corinne Diacre, eine ehemalige Nationalspielerin
Foto: Antonio Mesa
 
„Unser Trainer ist ein guter Coach, ein guter Psychologe - und er ist ein Poet und kein Macho", schwärmte Spielführerin Sandrine Soubeyrand. Bini beurteilt Spielerinnen in aller Grundsätzlichkeit nach ihrer Teamfähigkeit. So begründete er seine Auswahl des erfolgreichen WM-Kaders 2011 mit den Worten „Das sind nicht die einundzwanzig besten Spielerinnen Frankreichs, aber die besten, die als Gruppe im Wettbewerb weit kommen können.“ Etliche Monate vor dem anstehenden Duell gegen Deutschland in Halle an der Saale bekam die 156-fache französische Nationalspielerin Sonia Bompastor und Kapitänin von Olympique Lyonnais (OL) zum ersten Mal seit zwölf Jahren keine Nominierung für die nacholympischen Freundschaftsspiele gegen England im Stade Charléty de Paris 2:2 und gegen die Niederlande in Eindhoven 1:1.

Sandrine Soubeyrand im Zweikampf mit Verena Faißt. Soubeyrand ist mit Abstand die älteste Spielerin bei den Bleues, sie ist 39 Jahre alt, nahm an den Europameisterschaften 1997, 2001, 2005 und 2009 sowie an der Weltmeisterschaft 2003 (drei Einsätze) teil. Sie spielte bisher 188 Mal für die Nationalmannschaft und erzielte 17 Tore, ist zudem Mannschaftskapitänin der Bleues. Sie stand auch im französischen Aufgebot für die Weltmeisterschaft 2011, bestritt in Deutschland sämtliche sechs Spiele der Bleues und beendete das Turnier mit ihnen auf dem vierten Rang. Sie gehörte weiter zum französischen Olympiaaufgebot 2012, obwohl Bini sie in den ersten Monaten des Jahres nur noch gelegentlich eingesetzt hatte, und übernahm dort nach überstandener Verletzung prompt wieder die Rolle als Spielführerin.
Text: Wikipedia, Foto: FFF
 
Sonia Bompastors klangvoller Name fehlte im Aufgebot für das Freundschaftsspiel im ostdeutschen Halle. Bruno Bini hatte seit Anfang 2011 den Kreis seines nationalen Kaders systematisch um einige Debütantinnen erweitert - alles Spielerinnen außerhalb Lyons von anderen Erstligavereinen. Bini berief Marina Makanza (SC Freiburg), Julie Soyer (Juvisy FCF), Kheira Hamraoui (Paris St. Germain), Sabrina Delannoy (Paris St. Germain) und die schon 30-jährige Julie Morel vom EA Guingamp, dem Pokalmeister 2009 aus der Bretagne. Ein gewisses Gegensteuern gegen die allzu große Lyoner Blockbildung war offenkundig erkennbar. Die Wiederernennung der 39-jährigen Ausnahmesportlerin Sandrine Soubeyrand zur Mannschaftsführerin bestätigt diese Annahme ebenfalls.
 
Bini ganz stolz: „Souberyrand ist unsere Jeannie Longo.“ Die 52 Jahre alte französische Radsport-Legende Longo-Ciprelli tritt heute gegen Konkurrentinnen an, die bei ihrem ersten WM-Titel 1985 noch nicht einmal geboren waren. Es sei höflich angemerkt: man stelle sich vor, eine Birgit Prinz verstärkt den deutschen Kader bei der EM 2013 in Schweden - bei der TSG 1899 Hoffenheim schoss die 35-Jährige ihren neuen Verein kürzlich gegen 1. FC Lok Leipzig ins DFB-Viertelfinale. Sichtlich ein Ding der Unmöglichkeit im Land der angeblich besten Liga der Welt. Unsere Nachbarn am Rhein, die ticken eben anders, wie man sieht. Zum Termin in Deutschland berief der weitsichtige Bini nach verletzungsbedingter Pause die genesenen Lyoner Spielerinnen Elise Bussaglia (OL),Wendie Renard (OL) und Céline Deville (OL) zurück in den Kader der Nationalelf. Nach kurzer Vorbereitungszeit im nationalen Leistungszentrum Clairefontaine nominierte Bruno Bini zur Reise in den Hallenser Erdgas- Sportpark zwanzig Spielerinnen, darunter zehn Spielerinnen vom Block des Meisters und Pokalsiegers Olympique Lyonnais (OL), jeweils vier Fußballerinnen vom Tabellenzweiten Paris Saint-Germain (PSG) und dem lupenreinen Frauenfußballverein Juvisy FCF sowie zwei Frauen von Montpellier Hérault SC (HSC).

Verena Faißt (Mitte) schoss die 1:0 Führung, sie entwickelt sich langsam zur Stammspielerin in der Neid-Elf, umarmt von Lena Goeßling und Anja Mittag
Foto: FFF
 
 
Abwehr: Laure Boulleau (PSG), Sabrina Delannoy (PSG), Corine Franco (OL), Laura Georges (OL), Ophélie Meilleroux (HSC), Wendie Renard (OL), Julie Soyer (FCF)
Mittelfeld: Camille Abily (OL), Elise Bussaglia (OL), Kheira Hamraoui (PSG), Jessica Houara (PSG), Louisa Necib (OL), Sandrine Soubeyrand (FCF), Gaetane Thiney (FCF)
Tor: Sarah Bouhaddi (OL), Céline Deville (OL)
Angriff: Camille Catala (FCF), Marie-Laure Delie (HSC), Eugénie Le Sommer (OL), Élodie Thomis (OL)
 
Die deutsche Elf startete mit einem Blitzstart. Torjägerin Célia Okoyino da Mbabi kämpfte sich auf der rechten Seite durch und flankte präzise zur talentierten Wolfsburgerin Verena Faißt, die auf der linken Offensivseite in der ersten Spielhälfte die Position von Melanie Behringer erhalten hatte. Mit gutem Timing verwandelte Verena Faißt die Vorlage (2.) zielsicher in den Kasten der chancenlosen Torfrau Sarah Bouhaddi zur 1:0 Führung. Das frühe Tor erweckte trotz nasskalten Wetters eine ausgelassene Stimmung der Fans im neuen Hallenser Erdgas-Sportpark.


Louisa Nécib - sie verfügt über eine große technische Begabung, zudem ist sie dribblingstark. Sie wird deshalb gelegentlich mit ihrem großen Vorbild Zinédine Zidane verglichen, daher nennt man sie auch weibliche „Zidanette“, ihre Gegenspielerin Josephine Henning, mit auf dem Bild, gehörte zu den Besten auf der deutschen Seite, sie empfiehlt sich schon seit langem für einen Stammplatz in der Neid-Elf
Foto: FFF
 
Frankreich zauderte nicht angesichts des Rückstandes, Fußballpoet Bini stand seelenruhig am Spielfeldrand. Die Bleues fanden ohne langes Nachdenken zu ihrem eigenen druckvollen Spiel. Es entwickelte sich zwischen den beiden Nachbarn vom Rhein ein Schlagabtausch auf technisch hohem Niveau ohne taktische Zwänge. Die Französinnen wirkten ballsicherer in der 1. Halbzeit, hatten deutlich mehr Spielanteile.
 
Die technischen Fähigkeiten der Spielgestalterin Louisa Nécib - gebürtige Marseillerin mit algerischen Eltern - waren tonangebend. Beim Freistoß von Louisa Nécib (11.) berührte Torfrau Nadine Angerer noch mit den Fingerspitzen das runde Leder, um es an die rettende Querlatte zu lenken. Den folgenden Latten-Abpraller setzte Camille Abily per Kopf erneut an den Querbalken - zweimal Aluminium innerhalb von Sekunden.
 
Ohne Zweifel eleganter und spektakulärer waren die größeren Potentiale der Französinnen nicht zu demonstrieren. Nach einer weiteren Standardsituation war Angerer machtlos. Eine von Nécib getretene Ecke schwebte (24.) durch den gesamten deutschen Strafraum, ehe die Lyoner Rechtsverteidigerin Corinne Franco den Ball zum 1:1 Ausgleich platzierte. Im Mittelfeld ließen die deutschen Spielerinnen dem passsicheren Gegner oft zu viel Spielraum. Frankreichs Frauen konnten ihr gefährliches Kombinationsspiel aufziehen.

Die zierliche Ballkünstlerin Louisa Nécib im Zweikampf mit Bianca Schmidt. Nécibs Querlattentreffer auf das Aluminium war ein technisch perfekter Freistoß, in der Ausführung formidable Weltklasse.
Foto: Anke Viehl
 
Aber auch die Deutschen schalteten schnell bei Ballgewinn um und erspielten sich einige gute Chancen, die aber weder die Halb-Französin Okoyino da Mbabi noch Anja Mittag nutzen konnten. Frankreich glänzte wiederum mit Standards und Fernschüssen, es entwickelte sich in der zweiten Halbzeit eine Feldüberlegenheit der deutschen Mannschaft, bei den Bleues konnte man in dieser Phase des Spiels leicht den Eindruck gewinnen, dass die Mannschaft über ein großes Potenzial besitzt, aber dass sie mit dem 1:1 ganz gut leben konnten.

Torjubel: Luisa Nécib (14) umarmt die glückliche Torschützin Corinne Franco zum verdienten Ausgleich zum 1:1, daneben die quirlige Stürmerin Eugénie Le Sommer sowie rechts daneben stehend Marie-Laure Delie
Foto: FFF
 
Sicher ein wichtiger Grund für das leichte Zurückschalten war der Flug nach und von Tokio. Die Nationalspielerinnen von Olympique Lyonnais (OL) hatten am Wochenende im fernen Japan die inoffizielle Klub-WM gewonnen. Bruno Bini hatte nur wenige Stunden Zeit, seine Lyoner Frauen für das Spiel im Erdgas-Sportpark einzustimmen. Beim Duell in Halle war glücklicherweise der Jetlag nicht so groß, um gegen den amtierenden Europameister konditionell nach sechzig Minuten einzubrechen. Hier zeigte sich die professionelle Betreuung durch Binis Trainer- und Betreuerstab. Die Einteilung der Kräfte gegen die deutsche „Kampfmaschine“ funktionierte.
 
Im Finale des Mobcast-Cups setzte sich der Champions-League-Sieger Olympique Lyon nach Verlängerung gegen INAC Kobe mit 2:1 (1:1, 0:1) durch. Das Turnier wurde erstmals vom Japanischen Fußballverband ausgerichtet und wurde trotz Abwesenheit amerikanischer Teams als inoffizielle Vereinsweltmeisterschaft ausgetragen. Ausgerechnet die bei den Bleues ausgebootete OL-Kapitänin Sonia Bompastor erzielte den Siegtreffer. Die Lyoner Elf setzte sich im NACK5-Stadion Omiya von Saitama vor knapp 4.200 Zuschauern nach einer packenden, strapaziösen Verlängerung gegen die Japanerinnen durch. Mit einer Siegprämie in Höhe von circa 60.000 US-Dollar flogen die Siegerinnen nach Hause.

Die schnelle sprintstarke, technisch perfekte Élodie Thomis, mit Ball fast schneller als ohne Ball. Das Duell mit der souveränen deutschen Abwehrspielerin, der Ex-Potsdamerin Josephine Henning, war einer der Höhepunkte in Halle, sie ging durch die harte Schule des Trainers Bernd Schröder
Foto: FFF
 
Bundestrainerin Silvia Neid reagierte in der Halbzeit und brachte Viola Odebrecht, Melanie Behringer und Josephine Henning ins Spiel. Der personelle Wechsel zahlte sich aus, denn die Deutschen waren nun wieder forscher und übernahmen das Kommando. Bereits nach zwei Minuten scheiterte Bianca Schmidt aus spitzem Winkel nur knapp (46.), dann parierte die sprunggewaltige Torfrau Sarah Bouhaddi einen strammen Distanzschuss von Simone Laudehr glänzend (54.).
 
Deutschland war nach der Pause das aktivere Team, nutzte aber seine Chancen nicht gut, zeigte sich nicht so kombinationssicher wie die Französinnen. Trotzdem mobilisierte die Mannschaft noch einmal Reserven und hätte sich zum Schluss fast mit dem Sieg belohnt. Die pfeilschnellen französischen Stürmerinnen wurden jetzt besser gedeckt. Gegen Frankreichs Rechtsaußen Élodis Thomis, auf den ersten Metern mutmaßlich die schnellste Spielerin der Welt, behauptete sich die eingewechselte Josephine Henning vorzüglich. In der 72. Minute kam der große Augenblick für die eingewechselte Martina Müller. Die Wolfsburger Angreiferin war für die Sturmspitze Anja Mittag ins Spiel gebracht worden. Ihre Vorlage auf Bianca Schmidt - eine 100%-ige Chance - vergab die Frankfurterin.

Eugénie Le Sommer (OL), die kleine trickreiche Stürmerin, geboren in Grasse, der Welthauptstadt des Parfüms an der Côte d’Azur, Handlungsort des Romans "Das Parfum" von Patrick Süskind. Le Sommer im Zweikampf mit der gebürtigen Thüringerin Bianca Schmidt (1.FFC Frankfurt) und Linda Bresonik (PSG), der deutschen Nationalspielerin, die als eine der ersten deutschen Fußballerinnen den Weg ins Nachbarland Frankreich fand. Das DFB Arena Magazin berichtete darüber in der Story „Baguette statt Curry-Wurst“.
Text: Wikipedia, Foto: FFF
 
Die Schlussphase gestaltete sich ausgeglichen. Beide Mannschaften suchten zwar das entscheidende Siegtor, gingen dabei aber nicht mehr das allerletzte Risiko ein. Auf Seiten der Gäste traf Marie-Laure Delie die Oberkante der Latte (79.) und im direkten Gegenzug vergab Babett Peter noch eine Möglichkeit zum 2:1 (80.). Am Ende hatte Bianca Schmidt nach mustergültiger Vorarbeit von Martina Müller (90.) die beste Chance zum Siegtreffer, doch die Frankfurterin schoss um Zentimeter am Tor vorbei. Frankreich hatte die schnelleren Stürmerinnen, technisch besser als die meisten Deutschen. Auf deutscher Seite brillierten Bianca Schmidt und Verena Faißt. Beide Spielerinnen zeigten in Offensive und schnellen Kontern internationale Reife.

Die großartige Torfrau Sarah Bouhaddi, geboren in Cannes, Tochter migrierter marokkanischer Eltern, fängt souverän die hohen Bälle, hier im Mittelpunkt eines deutschen Angriffs. Für den endgültigen WM-Kader 2011 wurde sie überraschenderweise nicht benannt, wohl aber ab Anfang 2012 wieder. Sie ist Fußballerzieher-Trainer Bruno Binis „liebstes Kind“.
Foto: FFF
                                                                                                                                                                               Bundestrainerin Silvia Neid nach dem Spiel: „Es war ein Spiel auf hohem Niveau. Frankreich hat bewiesen, dass sie bei der EM im kommenden Jahr zu den Favoriten gehören. Wir haben sehr gut angefangen, dann aber das Heft des Handelns aus der Hand gegeben, weil wir in den Zweikämpfen im Mittelfeld nicht genügend Aggressivität gezeigt haben. Die Französinnen sind technisch sehr gut ausgebildet und spielintelligent. Sie sind in der Lage, den Ball unter Druck im engsten Raum zu verarbeiten und zu beherrschen. Sie spielen mit viel Tempo auf allen Positionen. Ihr Kader ist auch in der Breite qualitativ hochwertig besetzt.”
 
Frankreichs Nationaltrainer Bruno Bini nach dem Spiel: „Wir haben nicht gut begonnen und so etwas kann katastrophal enden. Der Freistoß von Louisa Nécib an die Latte hat uns gut getan. Wir hatten oft die Ballhoheit, aber Deutschland war mit schnellen Kontern immer gefährlich. In der zweiten Halbzeit hatten wir Probleme, aber die Spielerinnen haben heute ihr Bestes gegeben.”

Wendie Renard, die Abwehrstrategin, geboren auf der karibischen Insel Martinique ungefähr 6.850 km von Paris und 3.150 km von New York entfernt, sowie 440 km vor der Küste Venezuelas, Stammspielerin von Olympique Lyonnais, im Zweikampf mit Célia Okoyino da Mbabi
Foto: FFF
 
Die konkreten Umstände - schlechtes Wetter, schwer zu spielender Platz, Reisestrapazen vieler französischer Spielerinnen - ließen ein besseres Spiel der Bleues in der zweiten Hälfte wohl nicht zu. Zu hoffen bleibt, dass das Testspiel nächstes Jahr in Frankreich einen noch besseren Aufschluss über die Leistungsstärke der beiden Teams geben kann. Die deutsche Mannschaft absolvierte seit dem unglücklichen WM-Aus bisher alle 18 Spiele der Nationalelf ohne Niederlage.
 
Frauenfußball gehört bei unseren französischen Nachbarn genauso wie in Deutschland zu den am schnellsten wachsenden Sportarten bei Mädchen und jungen Frauen. Nicht zuletzt dank der überragenden Erfolge beider Nationalmannschaften, den populären Vereinsmannschaften in der Champions League sowie der Teilnahme der l´Équipe Tricolore bei den Olympics 2012 hat sich der Frauenfußball in beiden Ländern von einer einst belächelten Randsportart zu einem gesellschaftlich akzeptierten Sport entwickelt. 
 
Was immer noch fehlt, sind eine eigene DFL für den Frauenfußball in der 1. und 2. Bundesliga sowie mehr aktive engagierte und kämpferische Frauen in den Gremien des DFB und der Frauenfußballvereine.

Begeisterte Mädchen aus Halle beim Prestigeduell im neuen Stadion des Erdgas-Sportpark, der Frauenfußball ist eine internationale Trendsportart
Foto: Anke Viehl
 
Statistik:
Deutschland - Frankreich 1-1 (1-1)
(29.11.2012, Freundschaftsspiel, Halle (Saale), Anstoß: 15.15 Uhr)
 
Deutschland:                                                                                                                                      
1-Nadine Angerer, 2-Bianca Schmidt, 3-Saskia Bartusiak (23-Josephine Henning, 46), 5-Annike Krahn, 4-Babett Peter – 20-Lena Goeßling (Nadine Kessler, 88), 6-Simone Laudehr -10-Linda Bresonik, (17-Viola Odebrecht, 46), 11-Anja Mittag (16-Martina Müller, 72), 15-Verena Faißt (7-Melanie Behringer, 46), 13-Célia Okoyino da Mbabi (24-Lena Lotzen, 65)                                                                                                                                            
Ersatzbank: 12-Almuth Schult, 21-Laura Benkrath, 9-Alexandra Popp, 18-Svenja Huth, 22-Luisa Wensing, 25-Leonie Maier                                                                                                

Trainerin: Silvia Neid
 
Frankreich:                                                                                                                                         
16-Sarah Bouhaddi - 19-Jessica Houara, 2-Wendie Renard, 4-Laura Georges, 7-Corine Franco (11-Julie Soyer, 83) - 6-Sandrine Soubeyrand ©, 10-Camille Abily, - 9-Eugénie Le Sommer, 14-Louisa Necib - 12-Élodie Thomis, (8-Camille Catala, 76) - 18-Marie-Laure Delie                                                                                                                   
Ersatzbank: 1-Celine Deville, 3-Laure Boulleau, 8-Camille Catala, 13-Sabrina Delannoy, 17-Gaetane Thiney, 20-Kheira Hamraoui                                                                                                                 Trainer: Bruno Bini
 
Tore: 1-0 Verena Faißt (2.), 1-1 Corine Franco (24.)
Zuschauer:5.200                                                                                                           

Schiedsrichter: Kirsi Heikkinen (Finnland)

Bildbearbeitung: Dietmar Tietzmann, Frankfurt
 
DIE MÖWE JONATHAN - Ballade von Robacki http://www.youtube.com/watch?v=BTar42FbuMI
 
Das Leben der Möwe Jonathan entfaltet sich in diesem atmosphärischen Chanson. Die musikalische Ballade von Mike-Martin Robacki ist inspiriert von der wunderbaren Geschichte von Richard Bach: "Jonathan Livingston Seagull".
 
DIE MÖWE JONATHAN, Musik von Neil Diamond, "Skybird"
http://www.youtube.com/watch?v=nmgLBYIKPO0


Online-Flyer Nr. 384  vom 12.12.2012

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