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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Lokales
Frithjof Bergmann-Vortrag in der Köln-Mülheimer SSM-Halle am Rhein
Von der alten zur "Neuen Arbeit"
Von Heinz Weinhausen

Keine Frage, da gibt es jemand, der hat Ziele und Visionen: Gesellschaftsveränderung durch "Neue Arbeit". Seit Jahrzehnten schon schreibt und referiert Frithjof Bergmann unerlässlich zur "Neuen Kultur" und hält weltweit Vorträge. Jüngst referierte und diskutierte er wieder mal in Köln. 70 BesucherInnen kamen am 22. November in die Kölner SSM-Halle am Rhein. An den darauf folgenden Workshop-Tagen waren es insgesamt 30 Teilnehmende aus verschiedenen Initiativen und Organisationen. Auf die Beine gestellt und durchgeführt wurden die Bergmann-Tage vom Team von "Ideenhochdrei - Räume für Entwicklung".
 

Frithjof Bergmann
Foto: Heinz Weinhausen
Frithjof Bergmann sieht verheerende gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen auf die Welt zukommen, die auch und gerade die Industrie-nationen erfassen werden. Er spricht gerne in einprägsamen Bildern von Plagen wie im alten Ägypten, von einem Tsunami usw.. Kern seiner Ausgangslage: Das entfremdete Lohnarbeitssystem, was er als Krankheit ansieht, geht zu Ende, "die Arbeitsplätze werden wegschmelzen wie der Schnee im April", weil die heute vorherrschende digitale, mikroelektronische Produktionsweise sich durchgesetzt hat und in allen Branchen Arbeitszeit und Arbeitsplätze wegrationalisiert. Und deren Potentiale sind noch wenig ausgeschöpft. Den Zusammenbruch der alten Industrie hat er in den achtziger Jahren in der Autostadt Detroit miterlebt und versuchte schon damals andere Impulse zu geben, einen Übergang zu einer erneuerten Gesellschaft in Gang zu setzen. Heute sieht er sie als Stadt der Neuen Arbeit, die sich zumindest mit Nahrungsmitteln weitgehend selbst versorgen kann. Der Kniff dabei: viel Eigeninitiative und vertikale Gärten.

Bergmann-ZuhörerInnen in der SSM-Halle am Rhein
Foto: Heinz Weinhausen
 
Mit Marx gesprochen sieht die heutige Gesellschaftssituation so aus, dass die Produktivkräfte dabei sind über die Produktionsverhältnisse hinauszuwachsen, mit Vollautomatisierung ist kein Lohnarbeits-Entfremdungs-Ausbeutungs-System mehr zu machen, was auch das Geldsystem samt ihren Staaten alt aussehen läßt. Schon 1997 sagte der französische Präsident Giscard d'Estaing: "Ach, hätte ich nur einen Zauberstab!" Weil er sich in der Zwickmühle sitzen sah. Mehr Staat und Verschuldung (Keynes) brachte die Wirtschaft nicht in Gang, und weniger Staat und Deregulierung (Neoliberalismus) auch nicht, zumindest nur um den Preis des Beinahe-Bankenkollaps und damit Geldkreislaufkollaps. Schön, könnte mensch sagen, soll der häßliche Kapitalismus doch in sich zusammenbrechen, das Problem dabei: das Überleben der Menschen ist noch an ihn gekoppelt.
 
Frithjof Bergmann visiert einen friedlichen Übergang zu einem grundsätzlich anderen Wirtschaftssystem an, wobei er Arbeitslosen wie auch Konzernherren Ansprechpartner ist. Das Jobsystem gilt es herunterzufahren (Arbeitszeitverkürzung auch ohne Lohnausgleich, wenn anderes nicht durchsetzbar ist), einen Sektor von Community Production, von High Tech Self Providing, von gemeinsamer Eigenarbeit aufzubauen. In seinen Worten:
 
"Der Kernbegriff ist, dass man unter zur Hilfenahme von ganz raffinierten Erfindungen, manchmal sehr einfachen wie die Erfindung der sogenannten vertikalen Gärten, aber eben auch die Erfindung ganz moderner Maschinen wie die sogenannten Fabrikatoren (3D-Fabber), mit denen man dezentral in kleinen Räumen eine unwahrscheinliche Vielfalt von Produkten herstellen kann, die hohe Qualität haben, die direkt verfügbar sind und gar nicht mehr transportiert werden müssen. So wird man in kleinen Gruppen vieles selber herstellen können, von den Kleidern und Schuhen bis zu den Möbeln, bis zu Mikrowellenöfen, bis zu Computern. Also dezentrale Herstellung in kleinen Räumen ist der Inbegriff dessen, was wir uns unter einer neuen Wirtschaft vorstellen. Die einerseits ökologisch ist und andererseits die riesigen sozialen Probleme abschafft. Damit meine ich die Spaltung zwischen den zwanzig Prozent der Menschen, die in den Oasen leben und den achtzig Prozent, die in der Wüste leben, die ich Wüstenmenschen nenne." (Interview mit Dan-Felix Müller im Juni 2011)
 
Auf diesem existenzsichernden zweisäuligen Boden stehend plädiert er für den dritten Sektor von individueller Freiheit im Tun: das Salz in der Suppe, damit das menschliche Leben gut schmecken kann, nämlich das zu tun, was mensch wirklich, wirklich tun will (Calling). Nur derjenige Mensch wird in sich ruhen und tief zufrieden sein, der das, was gewissermaßen in ihm steckt, auch zu leben weiß. Dressiert wie eine Maschine für das Jobsystem wissen allerdings viele gar keine Antwort auf diese Frage, was es denn sein könnte, was ihnen so sehr wichtig ist. Hier gibt es Beratungen, Coaching, inzwischen sogar ein Wesenskernspiel entwickelt von Christine Jung. Bergmann hofft dabei auch auf den Synergieeffekt, dass erfüllte Menschen keine Shoppingerlebnisse brauchen und auch so der verschwenderische Ressourcenverbrauch drastisch gesenkt werden könnte. Und überhaupt, in seiner Vision von Neuer Arbeit, Neuer Wirtschaft und Neuer Kultur soll die Fröhlichkeit ihren festen Platz haben.
 
Soweit die vereinfacht dargestellte Skizze der Ideen von Frithjof Bergmann. Mensch mag darüber streiten, ob das alles so trägt für eine neue Gesellschaft. Beispielsweise kritisiert er die Lohnarbeit, ohne aber einen Begriff vom Geld als "sozialem Ding" (Marx) zu haben. Für ihn scheint es einfach eine überhistorische Rechengröße zu sein. Damit fehlt ihm der Zusammenhang von mikroelektronischer Revolution und dem Aufplustern der Geldmärkte ins fast Unermessliche. Die große Entwertung - so ein Buchtitel von Norbert Trenkle und Ernst Lohoff - steht unweigerlich in den nächsten Jahrzehnten bevor, da wird es auch nicht helfen, wenn mensch auch mit selbstbestimmter Calling-Arbeit Geld verdienen möchte. Er weiß auch nicht zu denken, dass auf der historischen Tagesordnung der Wechsel ansteht von der Geldvergesellschaftung (Grundlage Ware-Geld-Markt-Staat) hin zur direkten Vergesellschaftung ohne diese Krücken. Eine Umwälzung, die - wenn sie denn gelingen sollte - größer sein wird als diejenige von der mittelalterlichen Ständegesellschaft hin zum Kapitalismus.
 
Früher unersetzbar galt die Eigenarbeit im industriellen Zeitalter lange nur noch als etwas Altmodisches. Neuerdings hat aber ein Umdenken eingesetzt, weil Eigenarbeit, Selbstversorgung, Community Production, Commons heute ganz andere Potentiale in sich tragen als noch die karge, mühselige Felderbewirtschaftung vor einigen hundert Jahren. (Exkurs: Trotzdem war das Geldsystem im Mittelalter mit nur etwa zwanzig Prozent Beteiligung an der Güterherstellung marginal.) Mit den heutigen Kenntnissen und deren rasanter Verbreitung im Internet und den digital-gefütterten Maschinen stellt sich die Frage einer breiten, kooperativen Selbstversorgung ganz neu und emanzipatorisch. Den Markt zu bedienen und für das Geld zu arbeiten, heißt, sich stets dem Markt und seinen Gesetzen zu unterwerfen und nur noch deren Erfüllungsgehilfe zu sein, wobei die Zahl der Verlierer zunimmt. Nicht der Mensch diktiert dem Markt, sondern umgekehrt. Freiheit ist tendenziell nur noch außerhalb der Marktzwänge realisierbar.
 
Frithjof Bergmann und sein Konzept von Neuer Arbeit bietet hier einen Anfang, wofür er in bemerkenswerter Weise Impulse gibt. Wobei die Trauben auch gar nicht so hoch gehängt werden müssen, wie er selbst es oft tut. Statt vertikaler Gärten ist Erzeugung mit biologischen Nahrungsmitteln auch in den üblichen horizontalen Gärten möglich. Statt digitaler Fabberproduktion tut auch eine pneumatische Bohrmaschine tolle Dienste. Jedenfalls zeigt das Beispiel der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim seit 30 Jahren (und vieler anderer Gemeinschaften ebenso), dass Entschärfung von Marktwirtschaft auch ohne digitale Revolution möglich ist. Werden durch Eigenarbeit und Nutzung von Gebrauchtem, durch Schaffung von Wohnraum die Lebenshaltungskosten drastisch gesenkt, braucht es weniger Umsatz, um den Lebenserwerb zu sichern. Freiräume werden geschaffen für Soziales (Inklusion) und für politisches Wirken zur Stadtteilgestaltung (Self-Empowerment). Was alles nicht gegen Computerisierung spricht, nur dagegen, dass man nicht mit Füreinander-Arbeit beginnen könnte, weil beispielsweise die neue Technik der 3D-Drucker samt deren Softwareprogrammen noch nicht ausgereift ist.
 
In dem Neue-Arbeit-Workshop machte sich jedenfalls Tatkraft breit. Etliche TeilnehmerInnen wollen sich auch in Zukunft vernetzen, um das gemeinsame Produzieren zu probieren. Einige wollen das Herstellen von Lebensmittel und deren Konservierung versuchen. Erstes Projekt: Sauerkraut. Andere wollen sich mit dem Fabbern schlau machen und das auch vor Ort anschauen. Andere haben bereits eine Software entwickelt, die Gemeinschaftsbestände an verschiedenen Orten dezentral erfassen kann. Den Vernetzungsprozess in der Moderation zu unterstützen, hat sich das Team von Ideenhochdrei bereit erklärt. All dies ist pragmatisch gedacht nach dem Motto: Wir trauen dem Marktsystem nicht mehr und wollen uns eigene Kenntnissen und Ressourcen schaffen. Dies mag lächerlich wirken, wenn daraus Gesellschaftsveränderung gedacht wird. Wenn aber viele an vielen Orten ähnliches versuchen, kann Quantität in Qualität umschlagen. (PK)
 
Heinz Weinhausen gehörte 1998 zu den Gründern des Instituts für Neue Arbeit in Köln-Mülheim
 
Ausgewählte Informationen zur Neuen Arbeit:
http://www.neuearbeit-neuekultur.de
http://www.servus.at/tschneid/frithjof
http://www.zw-jena.de/arbeit/arbeit.html
http://www.matthias-jung.de/arbeiten.html
http://www.wesenskernspiel.de
http://crealiity.com/faq.php
http://www.ideenhochdrei.org
http://www.ssm-koeln.org
 
Ein Interview mit Frithjof Bergmann finden Sie in der Frankfurter Rundschau:
http://www.thur.de/philo/ina/ina41.htm


Online-Flyer Nr. 383  vom 05.12.2012

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