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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Literatur
Auszug aus dem Roman "Hellers allmähliche Heimkehr" – Teil II
Zwei Polizisten besuchen eine Nazitruppe
Von Wolfgang Bittner

Im Kontext der aktuellen Diskussionen über um fremdenfeindliche Gewaltexzesse erzählt der Jurist und Autor Wolfgang Bittner in seinem fiktionalen Roman »Hellers allmähliche Rückkehr« die Geschichte des heimkehrenden Journalisten Martin Heller, der in den Ort seiner Jugend zurückkehrt, um dort als Chefredakteur der ansässigen Lokalzeitung einen Neuanfang zu wagen. Kaum angekommen, stößt er auf eine Verflechtung von privaten und öffentlichen Interessen, die unter dem Deckmantel gutbürgerlicher Situierung eine Form von Korruption verbirgt, deren Wurzeln tief in rechtsradikale Ideologien hineinreichen. Hier Teil II unserer Serie aus dem Roman. – Die Redaktion
 
Journalist Heller hatte den Tipp erhalten, dass sich die Kameradschaft, der er nun schon mehrmals in der „Krone“ begegnet war, zu einer Wehrsportübung treffen wollte. Nach dem Frühstück packte er ein paar Schnitten, seinen Fotoapparat und sein Fernglas in den kleinen Rucksack, den er gelegentlich für Ausflüge in die Natur benutzte. Dann machte er sich auf zu dem Bauernhof, der Berkemeier gehörte und von der Nazitruppe, die sich Standarte Salfelden nannte, für ihre theoretisch-ideologischen wie auch martialischen Zwecke genutzt wurde. Er fuhr nicht ganz an das abseits eines Dorfes inmitten von Büschen und Bäumen gelegene Gehöft heran, sondern parkte das Auto einige hundert Meter entfernt an einem der Waldstücke, von denen es hier in der Feldmark mehrere gab. Als wolle er ein wenig wandern und die frische Landluft genießen, wandte er sich auf einem Feldweg entlang eines mit Buschwerk und halbhohen Eichen bestandenen Walls dem Nazihof zu, zunächst noch ganz offen. Erst als er sich seinem Ziel auf etwa zweihundert Meter genähert hatte, trat er hinter einen Baum, spähte hinüber und wartete ab, ob ihn jemand gesehen hatte. Das schien nicht der Fall zu sein, so dass er sich nach einer Weile einen passenden Beobachtungsposten suchte.
 
Hier in der Geest waren viele der Felder und Äcker von diesen Wallhecken begrenzt, und manchmal hatten sich in einer spitzen Ecke oder an einer sumpfigen Stelle kleine Biotope mit Weidengebüsch, Erlen und Birken gebildet, die Vögeln und Wild Zuflucht boten. An so eine Stelle schlich sich Heller vorsichtig heran. Er überstieg den Wall und drang in das Gesträuch ein, bis er einen freien Blick auf die Zufahrt und in den an drei Seiten von Gebäuden umgebenen Innenhof hatte. Hier breitete er den Regenponcho aus, den er im Rucksack immer mitführte, legte die Kamera mit dem Teleobjektiv zurecht und betrachtete die Gebäude durch das Fernglas. Vor ihm befand sich ein Graben, dahinter ein Stacheldrahtzaun.
 
Es war jetzt zehn Uhr, nichts Bedeutendes tat sich dort drüben. Der Bauernhof, der anscheinend nur noch in sehr beschränktem Maße bewirtschaftet wurde, bestand aus einem sicherlich zwei bis drei Jahrhunderte alten Wohngebäude mit angrenzenden Stallungen unter einem Dach, wie es in dieser Gegend üblich war. Daneben gab es eine ebenso alte Scheune und einen großen kastenförmigen Mehrzweckbau jüngeren Datums. Im Gegensatz zu den älteren Gebäuden aus Klinkern, war der Neubau in Fertigbauweise errichtet, was ihm ein nüchternes, nicht in das ursprüngliche Ensemble passendes Aussehen gab. Vor der Tür des Wohnhauses stand ein grüner Jeep, lange Zeit war niemand zu sehen. Nur einmal ging eine ältere Frau zwischen dem Wohnhaus und der Scheune hin und her. Heller richtete sich auf eine längere Wartezeit ein. Er machte es sich in seiner Deckung bequem und verhielt sich ruhig.
 
Obwohl der Anlass nicht gerade erfreulich und auch nicht ungefährlich war, tat es gut, wieder einmal in der Natur zu sein. Vor der höher steigenden Sonne wurde er von einer Eberesche geschützt, in deren Zweigen ein Taubenpaar sein Nest hatte und seine Jungen fütterte. Meisen hüpften umher, am Rande eines entfernten Maisfeldes äste ein Rehbock und in der Bläue des Himmels kreisten zwei Bussarde. Die Wiese, die sich bis nahe an die Gebäude hinzog, war durchsetzt von leuchtend roten Blüten des Klatschmohns und kniehohen Mariendisteln, weiter hinten grasten auf einer Koppel mehrere Pferde. Ein Bild, wie von einem alten Meister in Öl gemalt. Hin und wieder wurde die Stille von den scharfen Schreien der Bussarde und dem krähenden Ruf eines Fasanenhahns durchbrochen.
 
Auf einmal begann es auf der Zufahrt zu knattern. Zwei Motorräder fuhren auf den Hof. Die beiden Fahrer trugen schwarze Lederkleidung und Motorradhelme in Form der Stahlhelme der ehemaligen deutschen Wehrmacht; wenn nicht alles täuschte, befanden sich seitlich SS-Runen. Heller stellte die Kamera ein und fotografierte. Als die Fahrer ihre Helme abnahmen, erkannte er Justus Ritter und Andi Behrens, deren Gesichter ihm von der Maikundgebung und Kalweits Fotos her bekannt waren. Die beiden verschwanden im Wohnhaus, kamen jedoch bald darauf wieder heraus. In demselben Moment hielt neben den Motorrädern ein Auto, dem zwei noch jüngere Männer entstiegen. Heller wischte sich die Augen. Waren das nicht die beiden Polizisten, die ihn zur Blutprobe genötigt hatten? Er war sich sicher, hielt die Kamera drauf. Die beiden Neuankömmlinge wurden von Ritter junior und Andi Behrens freundschaftlich begrüßt, palavernd blieben sie auf dem Hof stehen. Im Abstand von wenigen Minuten kamen noch zwei weitere Autos mit je vier Personen und einige Motorradfahrer an; die meisten der Ankömmlinge trugen Kampfanzüge in Camouflage. Nachdem auch sie mit großem Hallo begrüßt worden waren, gingen alle in das Mehrzweckgebäude.
 
Nach den Gesichtern zu urteilen, die Heller sich mit dem Fernglas herangeholt hatte, gehörten zu dieser Gesellschaft nicht nur einige bullige Dumpfbacken, sondern auch zwei Frauen und mehrere durchaus intelligent wirkende junge Männer, vielleicht Schüler oder Lehrlinge. Was brachte solche Menschen dazu, sich einer Nazitruppe anzuschließen und dümmliche nationalistische Parolen zu verinnerlichen und zu verbreiten?
 
Er musste an einen Hochschullehrer denken, der ihnen während seiner Studienzeit in einem Seminar die Theorie eines von den Nazis geschätzten Philosophen nahegebracht hatte, wonach der Mensch ein „instinktgebundenes, antriebsüberschüssiges Mängelwesen“ ist, das der Führung bedarf. Schon damals hatte er zum Missfallen des Professors gemeint, Menschenbildung und eine humane Erziehung seien wichtiger als „Führung“, und „Führertum“ biete keine wirkliche Perspektive für denkende Menschen, erst recht nicht für solche mit moralischen oder charakterlichen Schwächen. Er erinnerte sich noch gut an die folgende heiße Diskussion, in der er den Kürzeren gezogen hatte.
 
Erst Jahre danach hatte er gelesen, dass dieser Arnold Gehlen, um den es ging, einen Cousin namens Reinhard Gehlen hatte, der bis 1945 Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“ und somit Chef der Ostspionage im Generalstab der Hitler-Wehrmacht gewesen war. Die Cousins machten auch in der neuen deutschen Demokratie wieder Karriere: Arnold, der „Extremist der Ordnung“, schon ab 1947 als Soziologieprofessor, Reinhard als erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Das waren zwei Fälle von vielen, in denen alte Nazis bald nach dem Ende ihres „Dritten Reichs“ wieder in Führungspositionen kamen, sozusagen die Spitze eines riesigen Eisbergs. Da brauchte man sich nicht zu wundern.
 
Jetzt wurden drüben die Tore des Mehrzweckgebäudes geöffnet, zwei Jeeps und ein gepanzertes Fahrzeug fuhren heraus, mehrere bis an die Zähne Bewaffnete mit schwarzen Gesichtsmasken liefen umher, es entwickelte sich eine rege Geschäftigkeit. Anscheinend wollten diese Waffenfetischisten ihrer bevorzugten Freizeitbeschäftigung nachgehen. Diese Leute gaben sich selbstbewusst, das war jeder ihrer Bewegungen anzumerken, sie fühlten sich in ihrer Gemeinschaft aufgehoben, ihre Ideologie gab ihnen den inneren Halt. Die geistige Armut derjenigen, dachte Heller, die einen Götzen, und sei es in Form einer Ideologie oder eines Vertreters einer Ideologie verehren, und sich dadurch immer weiter von sich selbst entfernen, und zwar mit der Folge von Fanatisierung und einer inneren Verhärtung, wie sie bei Menschen wie Berkemeier oder Hertenstein festzustellen war. Agnes Sommer, mit der er darüber gesprochen hatte, war der Meinung, dass es keine geistige Unabhängigkeit und keine innere Freiheit gebe, wenn der Mensch sich nicht von sämtlichen Bindungen und Festlegungen löse. Ein hoher Anspruch und ein nicht leicht erreichbares Ziel. Schon der Sozialpsychologe Erich Fromm, auf den sie sich gern berief, habe gesagt: Selbst wenn der Mensch seine Fixierung an Blut und Boden, an Mutter und Sippe überwinde, klammere er sich doch noch an andere Mächte, die ihm Sicherheit und Gewissheit gäben: an seine Nation, seine soziale Gruppe, seine Familie oder auch an seine Leistungen, seine Macht, sein Geld. Oder aber er werde so narzisstisch, dass er sich nicht wie ein Fremder in der Welt vorkomme, weil er selber diese Welt sei und neben und außerhalb von ihm nichts existiere. Und der Psychoanalytiker C. G. Jung, den die Psychologin ebenfalls sehr verehrte, war der Ansicht, dass aus den Anhängern solcher Vorstellungen jene beängstigenden Kranken entstehen, die eine prophetische Mission zu haben glauben. Diese Leute fühlten sich bei allem, was sie taten, im Recht; ihre „Vernunft“ war nichts anderes als die Summe ihrer Voreingenommenheiten und Kurzsichtigkeiten. Das war ihr Schutzmantel, der sie aus ihrer Vereinzelung und Verlorenheit befreite, den sie nun mit Zähnen und Klauen verteidigen wollten.
 
Die Jeeps und das gepanzerte Fahrzeug entfernten sich auf einem Feldweg in Richtung einer Baumreihe, hinter der sie verschwanden. Bald darauf waren einzelne Schüsse und Feuerstöße zu hören. Heller, der weitere Fotos gemacht hatte, überlegte gerade, ob er den Fahrzeugen folgen sollte, um die Nazitruppe bei ihren Wehrübungen zu beobachten, als aus dem Wohnhaus ein älterer Mann mit einem Schäferhund kam. Der Mann trug trotz der Wärme eine grüne Joppe und Gummistiefel, über seiner Schulter hing eine Schrotflinte. Er sah sich nach allen Seiten um und folgte dann mit dem Hund an seiner Seite einem Trampelpfad, der ihn nach rechts aus dem Blickfeld führte.
 
Heller verwarf die Idee, die Nazis weiter zu belauschen. Er packte seine Sachen zusammen und war soeben dabei seinen Beobachtungsposten zu verlassen, als hinter dem Stacheldrahtzaun plötzlich der Schäferhund auftauchte, gefolgt von dem Mann mit der Flinte. Der Hund begann wie wild zu bellen, und der Mann, der den unerwünschten Späher entdeckt hatte, nahm die Flinte von der Schulter und rief: „Was wollen Sie hier? Bleiben Sie stehen!“ Bevor er wegrannte, sah Heller noch aus den Augenwinkeln, wie der Mann ein Walkie-Talkie hervorholte.
 
Völlig außer Atem erreichte er sein Auto, stieg schnell ein und fuhr auf die Landstraße. Er war erst ein kurzes Stück gefahren, als hinter ihm ein sich rasch nähernder Jeep auftauchte, der ihn zu verfolgen schien. Da gab er Gas. Doch der Jeep hielt die Geschwindigkeit und drehte erst ab, als die Stadtgrenze von Salfelden erreicht war. Verdammt, dachte Heller, worauf habe ich mich da wieder eingelassen. Es kam ihm vor, als habe er gerade Karl May gelesen. Er fuhr in die Redaktion und gab die Fotos in den Computer ein. Immerhin waren auf mehreren die Gesichter deutlich zu erkennen, vor allem die von Ritter, Behrens und den beiden Polizisten. (PK)
 

Wolfgang Bittner
Foto: privat
Teil II aus "Hellers allmähliche Heimkehr" von Wolfgang Bittner, 2012 im VAT Verlag André Thiele, Mainz, 244 Seiten, gebunden, 19.90 EUR, ISBN 978-3-940884-93-0
Teil, III und IV erscheinen in den nächsten NRhZ-Ausgaben
Wolfgang Bittners Biografie finden Sie unter Teil I dieser Serie: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php
 
Lesung mit Wolfgang Bittner aus "Hellers allmähliche Heimkehr"
Mi 21.11.2012 / 20.00 – 22.15 Uhr Friedensbildungswerk Köln / 3 Ustd / Preis: 5 Euro / Kurs 66-B2, Obenmarspforten 7- 11, 50667 Köln, Tel.: 0221 – 952 19 45, Fax: 0221 – 952 19 46, Email: FBKKoeln@t-online.de


Online-Flyer Nr. 380  vom 14.11.2012

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