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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Sport
Erstes transatlantisches Gipfeltreffen im Frauenfußball endete 1:1
United States als Härtetest
Von Bernd J.R. Henke und Johann Blaha

Körperhaltung und Gestus der amerikanischen Fußballerinnen verrieten beim Singen der Nationalhymne viel Emotion und Patriotismus. Seit August tanzen die amtierenden achtzehn Goldmedaillengewinnerinnen der Olympics London 2012 auf einer nationalen Woge der Freude und Zustimmung.

Saskia Bartusiak im Zweikampf mit Alex Morgan
Foto: AM Pics
 
Dieses transatlantische Schauspiel beider Spitzenmannschaften, USA gegen Deutschland, zeigte am frühen Abend im Toyota Park Stadion in Bridgeview bei Chicago viel Glanz und Spielfreude. Eine gut vorbereitete deutsche Mannschaft traf auf eine wie immer kampfbetonte USA. "Abby and Alex will ambush Germany", lautete die Prognose auf einem Transparent amerikanischer Fans aus Illinois.
 
Die dreiundzwanzigjährige Alex Morgan, seit der FIFA WM 2011 in Deutschland US-Stammspielerin, symbolisiert im Duett mit der exzentrischen Abby Wambach für die amerikanische Sportöffentlichkeit die effiziente amerikanische Tormaschinerie. In sage und schreibe einer Minute und siebenundvierzig Sekunden sah sich Torfrau Nadine Angerer gezwungen, den Ball hinter der deutschen Torlinie herauszufischen.

Tooor nach 107 Sekunden – Abby Wambach wird gefeiert für ihr 147. Tor für die USA in der Nationalmannschaft
Foto: AM Pics
 
Nach einem überhasteten Abspiel und gleichzeitigem Ballverlust von Bianca Schmidt bekam Mittelfeldspielerin Tobin Heath den Ball unter Kontrolle, passte schnell in die Mitte zu Lauren Cheney. Cheneys Vorwärtsschuss wiederum fand den Weg zur linken Seite auf Alex Morgan, die sich durchsetzte und diagonal quer auf den rechten Torpfosten von Nadine Angerer zielte. Kein deutscher Fuß berührte den diagonalen Ball.
 
Die aus dem Hintergrund vorpreschende Torjägerin Abby Wambach touchierte das runde Leder ziemlich effektvoll, indem sie aus vollem Lauf ungehindert in den Ball hineinrutschte und zur überraschenden 1:0 Führung einnetzte. Es war Abby Wambachs 147. Tor für das WNT-Team, nur die legendäre Mia Hamm steht mit 158 Treffern in der "All-in-Time" Liste vor Wambach. Die schnelle Führung war ein stimmungsvoller Anfang für die 19.522 Zuschauer im komplett ausverkauften Toyota Park.

Toyota Park Stadion, Heimstadion der Chicago Fire Soccer Mannschaft der Männer
Foto: Toyota Park
 
Jeden siegreichen Zweikampf ihrer Mannschaft belohnten die amerikanischen Zuschauer mit frenetischem Jubel. Frauenfußball ist für die Amerikaner zuallererst ein Kampfspiel. „Wir lieben den direkten Fußball - unsere Philosophie ist es Tore zu schießen. Fußball ist im Grunde ein sehr einfaches Spiel - das ist unser Konzept", erklärte einer der begeisterten Fans mit dem vorherseherischen „Abby & Alex“-Slogan. Zugegeben, das frühe Tor fiel glücklich.
 
Es übertünchte die strukturellen Probleme des professionellen amerikanischen Frauenfußballs. Die Olympiasiegerinnen hatten nach der Verabschiedung von Erfolgstrainerin Pia Sundhage kein längeres Vorbereitungscamp mehr durchgeführt. Fern vom olympischen Trainingszyklus traf man sich erst am Donnerstag vor dem Duell mit der adidas-Nationalmannschaft Silvia Neids. Der US-Profi-Frauenfußball laboriert derzeit an seinen elementaren Grundfesten.

Vorbereitung der deutschen Mannschaft auf einem Football-Field der University of Chicago
Foto: DFB
 
Für die amerikanischen Weltklassespielerinnen steht in dieser Saison keine professionelle erste Profi-Liga zur Verfügung. Die begeisterten "la-Ola-Wellen" der Zuschauer für ihre heimatlosen "Golden-Girls“ ohne Profi-Liga versteckten für eine kurze Zeit das Dilemma. Die vom amerikanischen Fußballverband (USFF) arrangierte "Fan Tribute Tour" mit bis zum Jahresende insgesamt sieben Spielen dient für die "Nike"-Olympiasiegerinnen vor allem dazu, weiterhin ausreichend Spielpraxis zu unterhalten und persönliches Marketing für circa fünfundzwanzig Kaderspielerinnen zu gewährleisten.
 
Der anfängliche Pechvogel Bianca Schmidt sowie die nach Paris St. Germain gewechselte Linda Bresonik und die jüngst in Malmö gekürte, torgefährliche schwedische Meisterin Ex-Potsdamerin Anja Mittag zeigten im Verlauf der nächsten Minuten die nötige Arbeitskraft, um das Spiel offensiv für Deutschland zu wenden. Plötzlich entwickelte die emsige Simone Laudehr Löwenkräfte, erkämpfte im Mittelfeldkreis das runde Leder und bediente elegant Sturmspitze Anja Mittag.

Hope Solo in Trauer-Pose nach Anja Mittags Super Tor
Foto: WNT
 
Mittag, die sich bravourös von den beiden mitlaufenden US-Verteidigerinnen Heather Mitts und Christine Rampone löste, hob den Ball nervenstark in Sekundenschnelle über die weit ausgestreckten Arme einer etwas zu weit vor dem Tor stehenden Hope Solo – zudem in majestätischer Grandezza aus vollem Lauf. Dieses Supertor in der 14. Minute zum verdienten 1:1 Ausgleich stärkte das Selbstvertrauen der Deutschen. Mittlerweile wurde bemerkbar, dass das die deutschen Bundesliga Stars auf einen Olympiasieger trafen, der sich weitestgehend in einem abfallenden Trainingszyklus präsentierte.
 
Auffällig war in dieser wichtigen Phase, dass den Amerikanerinnen das noch in London im Sommer so elegante Direktpassspiel fehlte. Immer mehr geriet Weltklasse Torfrau Hope Solo in Bedrängnis, sodass die US-Nationalmannschaft zunehmend in ihre traditionell alte Gewohnheit zurückfiel, sich mit langen Bällen auf die temperamentvolle Abby Wambach zu verlassen, nur auf diesen Umstand war die deutsche adidas-Nationalmannschaft von Bundestrainerin Silvia Neid bestens vorbereitet.

Kim Kulig(8) im Zweikampf mit Alex Morgan, dahinter links: Simone Laudehr (6)
Foto: AM pics
 
Die gesprächige Wambach äußerte sich spontan und salopp nach dem Spiel, als sie meinte: "Ohne Pia (Sundhage) läuft es nicht rund. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man seit der Olympiade nicht mehr viel zusammengespielt hat." Interimstrainerin Jill Ellies ergänzte:"Um in solch einem Spiel zu bestehen und zu siegen, geht es um Fitness sowie ausreichende Vorbereitung." In der 24. Minute gelang es Linda Bresonik auf der rechten Seite durch die US-Verteidigung zu marschieren.
 
Ihre präzise Flanke auf die im Strafraum freistehende Simone Laudehr hatte Torfrau Hope Solo schon so gut ausgespielt, dass zur Vollendung dieser dicken Chance nur ein Tor folgen musste. Der folgende Schuss von Simone Laudehr aus Sechsmeterdistanz ging aber knapp am linken Torpfosten vorbei. Eine Minute später organisierte im Gegenzug die ehemalige WPS-Chicago Red Star-Mittelfeldspielerin Megan Rapinoe (jetzt vereinslos) durch in den deutschen Strafraum weiten hohen Steilpass eine Gefahrenlage am deutschen Tor. Die fünfunddreißigjährige Kalifornierin Shannon Leigh Boxx erwischte den Ball im Sechsmeterraum zwar, aber Angerer konnte das runde Leder doch noch in Besitz nehmen.
 

Shannon Leigh Boxx
Foto: Wikipedia
Das deutsche adidas Team steigerte im Verlauf der ersten Halbzeit seine Spielanteile. Torgefährliche Situationen entstanden aber dadurch nicht. Kurz vor der Halbzeit brannte es wieder im deutschen Strafraum. Alex Morgan hatte sich auf der rechten Seite frei gekämpft und steuerte mit Ball in die Mitte. Ex-Boston Breakers WPS-Spielerin Lauren Cheney (jetzt vereinslos) feuerte den Ball volley an den rechten Pfosten. Der Streifschuss landete im Aus.
 
Nach der Pause wechselte Bundestrainerin Neid Luisa Wensing für Bianca Schmidt, Kim Kulig für Viola Odebrecht und Verena Faißt für Melanie Behringer. Auf der anderen Seite brachte Interimstrainerin Jill Ellis die Lokalmatadorin Amy LePeilbet als Verteidigerin für Heather Mitts, die dreimalige Olympiasiegerin Heather O´Reilley für Megan Rapinoe im Mittelfeld und die zweimalige olympische Torschützin im siegreichen Finale gegen Weltmeister Japan, Carli Lloyd, für Lauren Cheney.

Verena Faißt im Duell mit Alex Morgan
Foto: AM pics
 
Kim Kulig schien wieder da zu sein. Sie brachte Ruhe ins deutsche Spiel. Ein wunderbarer Querpass von rechts auf Verena Faißt brachte Hope Solo in Bedrängnis (61.) Zehn Meter vor dem Tor versiebte Faißt die große Chance und verzog den Ball knapp neben das Tor. Faißt spielte beweglicher und agiler als die Frankfurterin Behringer, ihre Flankenläufe waren aber allesamt erfolglos
 
Eine weitere Riesenchance vergab Anja Mittag in der 63. Minute, als ihr Ball nicht scharf genug geschossen von Hope Solo pariert wurde. Der folgende Nachschuss von Dzsenifer Marozsan landete im Aus. In dieser Spielphase hatten die Deutschen zwar mehr vom Spiel, sie waren aber zu oft überhastet, flankten zu früh, anstatt noch weiter hinter die amerikanische Linien zu laufen. Manchmal erinnerte Deutschlands Spiel an die Auftritte des 1. FFC Frankfurt in der Bundesliga - viel Besitz und Chancen, aber nicht in der Lage, Tore zu schießen.

Luisa Wensing (22) im Luftkampf mit Alex Morgan, daneben Annike Krahn (Paris St-Germain)
Foto: AM pics
 
Knapp zehn Minuten später (75.) überraschte Heather O'Reilly die deutsche Hintermannschaft mit einem Linksschuss aus mehr als zwanzig Meter, der knapp über die Querlatte fegte. Danach wechselte Deutschland die Frankfurterin Svenja Huth für Linda Bresonik und die Wolfsburgerin Alexandra Popp für die bis dato beste deutsche Spielerin Anja Mittag ein. Die USA brachte die Verteidigerin Becky Sauerbrunn für Kelley O´Hara. In der 80. Minute passte Alex Morgan das Leder auf die heranstürmende Abby Wambach, aber Saskia Bartusiak stoppte die Aktion souverän.
 
Deutschlands Innenverteidigerin, die dreißigjährige Frankfurterin Saskia Bartusiak zeigte in ihrem neunundfünfzigsten Länderspiel ein makellos gutes Spiel mit viel Übersicht und Cleverness. Sie war mit Anja Mittag die beste deutsche Spielerin auf dem Platz. In der 85. Minute brillierte die junge Alexandra Popp mit einem Flugkopfball nach Flanke ihrer Wolfsburger Vereinskameradin Luisa Wensing. Der Ball verfehlte knapp sein Ziel. In den letzten Spielzügen konnte keines der beiden Teams mehr überraschen. Das Spiel der beiden FIFA/Cola Weltranglisten Mannschaften 1 und 2 endete Unentschieden 1:1.

Mannschaftsfoto USA, von links oben: Alex Morgan, Abby Wambach, Hope Solo, Lauren Cheney, Megan Rapinoe, Tobin Heath, von links unten: Kelley O´Hara, Shannon Boxx, Christie Rampone, Heather Mitts, Rachel Buehler
Foto: AM pics
 
Die Art und Weise der Einstufungen der Weltrangliste gelten seit einiger Zeit bei Fachleuten mehr als fraglich, da die USA zum einen keine führende nationale Profi-Liga aufweisen kann und der Dritte im Bunde, Weltmeister und Olympiazweiter Japan, beide führende Teams USA und Deutschland schon in zwei wichtigen Spielen innerhalb von achtzehn Monaten geschlagen hat. Ein weiterer Punkt, der auffällt, ist die Tatsache, dass Deutschland diesmal die Olympiade London 2012 verpasste, scheinbar ohne Berücksichtigung blieb. Japan zeigte wesentlich mehr Power.
 
Die adidas-Nationalmannschaft der Frauen ist jetzt seit sechzehn Länderspielen ungeschlagen, aber größtenteils gegen zweitrangige Gegner. Deshalb war das Spiel ein gelungener Härtetest mit den üblichen Fehlern. Deutschland konnte aus zahlenmäßig größeren Torchancen keinen Vorteil herauslocken. Die USA-Frauen, die konditionell in der zweiten Hälfte sogar abbauten, konnten mit einer schlechten Vorbereitung und wenig Spielpraxis trotzdem auf Augenhöhe Widerstand leisten.

Hope Solo – es war nicht ihr bester Tag in Bridgeview
Foto: WNT
 
Der Kommentar von Bundestrainerin Silvia Neid, die leider auf den Einsatz von Celia Okoyino da Mbabi verletzungsbedingt verzichten musste, zeigte die übliche DFB-Rhetorik: „Ich denke, hier wäre ein Sieg möglich gewesen. Wir haben leider unsere Überzahlsituationen nicht gut ausgespielt und die sich bietenden Chancen nicht genutzt. Aber ich bin auch zufrieden, dass wir sehr kompakt gestanden haben und in der Viererkette sehr aufmerksam waren.“ Gegenüber dem letzten Treffen beider Mannschaften im Jahre 2010 in Cleveland/Ohio, welches die USA damals mit 4:0 gewann, war eine Verbesserung im deutschen Spiel spürbar.
 
Für das zweite Freundschaftsspiel am Mittwoch (ab 1.30 Uhr MEZ/19.30 Uhr OZ, live auf Eurosport) in East Hartford im Staat Connecticut wird erwartet, dass beide Seiten mit Überraschungen in der Anfangsformation aufwarten werden. Alex Morgan meinte: „Ich werde nicht lügen, wenn ich feststelle, dass ich ein wenig über das Ergebnis frustriert bin.
Aber die gute Sache ist, dass wir ein weiteres Spiel in ein paar Tagen haben. Ich werde meine Frustrationen mitnehmen und in Tore umsetzen.“ - Wenn das keine Kampfansage ist.

Megan Rapinoe – sie hofft, dass das zweite Spiel für die USA besser verläuft
Foto: London Pics
 
Mannschaftsaufstellung der ersten Begegnung im Toyota Park Stadion in Bridgeview bei Chicago:
 
USA: 1-Hope Solo; 2-Heather Mitts (6-Amy LePeilbet, 46), 3-Christie Rampone (capt.), 16-Rachel Buehler, 5-Kelley O’Hara (4-Becky Sauerbrunn, 73); 15-Megan Rapinoe (9-Heather O’Reilly, 46), 7-Shannon Boxx (8-Amy Rodriguez, 83), 12-Lauren Cheney (10-Carli Lloyd, 46), 17-Tobin Heath; 13-Alex Morgan, 14-Abby Wambach (11-Sydney Leroux, 83)
Ersatzbank: 18-Nicole Barnhart
Trainerin: Jill Ellis
 
GER: 1-Nadine Angerer (capt.); 2-Bianca Schmidt (22-Luisa Wensing, 46), 3-Saskia Bartusiak, 4-Babett Peter, 5-Annike Krahn; 6-Simone Laudehr, 7-Melanie Behringer (15-Verena Faisst, 46), 10-Linda Bresonik (18-Svenja Huth, 75), 11-Anja Mittag (9-Alexandra Popp, 77), 14-Dzsenifer Marozsan, 17-Viola Odebrecht (8-Kim Kulig, 46)
Ersatzbank: 12-Almuth Schult, 13-Celia Okoyino da Mbabi, 16-Martina Muller,20-Lena Goessling, 21-Laura Benkarth, 23-Leonie Maier
Trainerin: Silvia Neid


Plakat des USFF zum Spiel in Hartfield
Foto: WNT
 
Fotobearbeitung. Dietmar Tietzmann, Frankfurt


Online-Flyer Nr. 377  vom 24.10.2012

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