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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Sport
USA-U-20 Frauen-Team "spielte“ Fußball während das DFB-Team Fußball "arbeitete“
US-Wettkampfstärke verhindert erträumten WM-Jubel
Von Bernd J.R. Henke

Für die Juniorinnen der USA gab es nur alles zu gewinnen im WM-Finale gegen den haushoch favorisierten deutschen Titelverteidiger. Nach einem überragenden klaren 3:0 Vorrundensieg gegen die amerikanischen Herausforderinnen war Deutschland ohne Gegentore bis ins Endspiel marschiert. Keine Frage – großes deutsches Potential mit den besseren Einzelspielerinnen überwog


Japanische Nationalflagge im National Stadium Tokyo
Foto: DFB
Nach totaler Olympiaabwesenheit der DFB-Mannschaften beiderlei Geschlechts, wie auch anderer Ballsportarten, außer dem Hockey und dem Volleyball der Männer, beschäftigte sich die DFB-Öffentlichkeitsarbeit im August wochenlang mit den "50 Jahre Bundesliga“-Mythen. Fußballerische Highlights der DFB-Teams fehlten, sogar Jogi Löws Männer patzten gegen die weiß-himmelblauen Gauchos in Frankfurt.
 
Wenn da nicht die U-20 Juniorinnen gewesen wären, die im fernen Japan leise Hoffnungen auf einen neuerlichen Titelgewinn auflodern ließen. Die U-20 DFB-Frauennationalmannschaft erspielte sich im Verlaufe des FIFA U-20 WM-Turnier die Favoritenrolle. Berichte über japanische Gastfreundschaft sowie nette TV-Storys und Interviews im Medium dfb.tv erhellten die mageren Sommermonate mit fußballerischer Freude.
 
Das vorsichtig agierende Trainerinnenteam Meinert/Wiegmann war mit seinen sehr talentierten Spielerinnen und einem soliden Fundament für die Vorrundenspiele in Hiroshima und Tokio nach Japan gereist. Die überraschend eindeutige Niederlage der Amerikanerinnen gegen die DFB-Auswahl im Gruppenspiel schien den Titelgewinn zum Greifen nah gemacht zu haben.


Poster des japanischen Veranstalters zur WM Event Werbung in Japan – ein Ball mit elf „Origami“ Kranichen (tsuru), Symbol für den Frieden
Foto: JFA
Aber Endspiele kennen ihre eigenen Gesetze. Die US-Girls wurden diesmal von "Head Coach” Steve Swanson intensiver präpariert als in der Vorrunde. Die Amerikanerinnen störten frühzeitig, verengten schneller die Räume, glänzten durch einen effektiveren Vorwärtsdrang. Bei hohen Bällen wurde es im deutschen Strafraum brenzlig. Die beste Chance zum Führungstreffer ließ Mittelfeldspielerin Melanie Leupolz (36.) bei einem Distanzschuss ungenutzt.

Kurz vor dem Pausenpfiff musste die Freiburgerin Benkarth dann zum ersten Mal im Turnier hinter sich greifen. Kealia Ohai bestrafte die unaufmerksame deutsche Hintermannschaft und ließ der deutschen Torfrau mit einem trockenen Schuss vom Elfmeterpunkt keine Chance (44.). In einer hektischen Schlussphase noch einmal gegen die Niederlage, doch Abwehrspielerin Leonie Maier (72.) verpasste den Ausgleich mit einem Lattentreffer denkbar knapp.
 
Die Wettkampfstärke der Amerikanerinnen verhinderte den erträumten Jubel. Die US-Girls gewannen alles, während die deutschen Fußballerinnen mit einem Tor der USA alles verloren - nämlich den WM-Titel aus 2010, der nun an die Vereinigten Staaten weitergereicht wurde. Tatsache ist wohl, dass große spielerische Potentiale nicht ausreichend sind um körperbetont aggressiv kämpfende US-Girls aufzuhalten. Eine deutlich stabilisierte US-Abwehrkette destabilisierte den deutschen Drang zum Tor.
 
Frauenfußball Experte Johann Blaha meinte: „Ein paar gelbe Karten mehr für das deutsche Team hätten weniger etwas ausgemacht, als in fußballerischer Schönheit zu sterben. Im letzten Spiel kann man sogar eine rote Karte riskieren - die deutschen Girls spielten einmalig gut, nur im richtigen Moment mentale Werte in den Vordergrund zu rücken – wie absoluten Siegeswillen - das fehlte dieser Mannschaft. Mangelnde Cleverness wurde bestraft.


Jubel der amerikanischen U-20 Girls
Foto: JFA
 
FIFA Hauptsponsor Sony lieferte kurze Spielberichte für die Fans in aller Welt - kurze Filmausschnitte vor weitgehend leeren und später halbleeren Tribünen in den japanischen Stadien für die Fans an ihren "Gucklöchern“ der interaktiv sozialen Medien. Die Macht der digitalen FIFA-Live-Bilder übernahm für den arabischen Raum der arabische Medienkonzern Al Jazeera, Europa wurde weitgehend versorgt mit dem Kanal Eurosport 1, der mit seinen Sprechern die Kommentierung von Paris aus unterlegte.
 
Die Leiterin der FIFA-Abteilung Frauenwettbewerbe Tatjana Haenni sowie Junji Ogura, der Vorsitzender des LOK (Lokales Organisationskomitee) präsentierten ein packendes U-20 WM-Turnier - aber im Gegensatz zur vergangenen U-20 WM 2010 in Deutschland erreichten die japanischen Veranstalter mit ihren gigantisch großen Superstadien keine nennenswerte Stimmung bei einem Zuschauerschnitt von knapp 9.500 Zuschauern.
 
Die Überreichung des "Goldenen adidas Schuh“ an die beste Spielerin der unterlegenden Mannschaft - der Deutschen Dzenifer Maroszan - mag ein Hinweis darauf sein, wer ursprünglich der weitsichtige unternehmerische Initiator in der Entwicklung dieses sehr beliebten und weltweit anerkannten Juniorinnen Turniers gewesen ist. Die glücklichen Siegerinnen mit "Stars and Stripes“ jedenfalls dachten nur daran zu siegen, wohl zwar nicht mit adidas-Schuhen des Hauptsponsors, aber mit der globalen Marke des Konkurrenten Nike.
 
Die FIFA war immer bei so großen Turnieren personell gut aufgestellt. Weltfußball-Präsident Joseph F. Blatter nutzte die Gelegenheit, um über die Werte, die beim Frauenfußball im Gegensatz zum kommerziellen Männerfußball doch so vorbildlich vorgelebt würden, zu sprechen: „Es gab keine einzige schwere Verletzung, und das ist ein Kompliment für die Entwicklung des Frauenfußballs. Die Zuschauer haben bei den Olympischen Spielen gesehen, wie gut und wie fair sie Fußball spielen und wie gut sie sich verhalten haben. Männer können sich wirklich ein Beispiel am Verhalten der Frauen auf dem Spielfeld nehmen.“


Erschöpfte aber zufriedene Vizeweltmeisterinnen
Foto: DFB
 
Über das allseits bekannte Gender-Problem in den Trainer- und Funktionärsetagen der Vereine und Sportverbände führte Blatter weiter aus: „Der Frauenfußball ist auf dem Vormarsch, aber das reicht nicht aus. Von den 16 hier in Japan vertretenen Teams wird nur ein einziges von einer Frau trainiert. Wir möchten mehr technische Direktoren sehen, die Frauenfußball-Trainerinnen ausbilden, denn das ist eine sehr wichtige Komponente für die Zukunft dieser Sportart.“ Über die Neustrukturierung der FIFA für die Zeit nach Blatter sagt das wenig aus, aber es demonstriert durchaus Weitsichtigkeit.
 
Zu den Verdiensten des allseits besonders in Deutschland verhassten Joseph F. Blatter steht außer Frage, dass unter seiner Führung die Förderung des Frauenfußballs zuerst begonnen hat. „Fußball kann in allen Ländern und allen Kulturen gespielt werden. Dieses Jahr hat der FIFA-Kongress nach 108 Jahren zum ersten Mal eine Frau [im Exekutivkomitee] begrüßt. Ihr Name ist Lydia Nsekera, und sie ist gleichzeitig Mitglied des IOC. Wir sind auf dem richtigen Weg“, erklärte Blatter nicht ohne Stolz.


Lydia Nsekera (*20.April 1967 in Bujumbara, Burundi ) ist eine afrikanische Sportfunktionärin. 1992 schloss sie ihre Studien in Ökonomie an der Universität von Burundi ab. Einen ersten Meilenstein in ihrer Karriere als Sportfunktionärin erreichte sie 2004, als sie zur Präsidentin des Nationalen Fußballverbandes von Burundi nationalen Fußballverbandes gewählt wurde. Mitglied des IOC wurde sie im Jahre 2009. Im Mai 2012 wurde sie als erste Frau in das FIFA Exekutivkomitee gewählt
 
Die deutsche Delegationsleiterin DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg bezeichnete die DFB U-20 Frauen-Nationalmannschaft als „Team der Herzen.“ Auf die Frage von dfb.de- Redakteurin Annette Seitz, wie sie die Mannschaft in Japan hautnah erleben konnte, sagte
Ratzeburg: „Mannschaft, Trainer- und Funktionsteam haben hier vier Wochen lang hart gearbeitet. Ich habe gesehen, dass die Spielerinnen mit viel Spaß ins Training und viel Spielfreude in die Begegnungen gegangen sind. Mit diesem Auftreten hat sich das Team in die Herzen der Zuschauer im Stadion und an den Bildschirmen zu Hause gespielt. Ich denke, die, die mit der Mannschaft mitgefiebert haben, sind genauso traurig wie wir, dass es am Ende nicht auch noch mit dem Titel geklappt hat."
 
„Was hat diese Mannschaft ausgezeichnet?" Ratzeburg: „Ich hatte das Gefühl, dass sie in der Lage war, die taktischen Vorgaben umzusetzen und mit viel Spielwitz und Kreativität aufzutreten. Davon waren alle angetan. Es hat Spaß gemacht, ihr zuzuschauen. Und dieser Eindruck wird auch nicht dadurch geschmälert, dass wir das WM-Finale verloren haben."
 
„Welche Eindrücke bleiben daneben von der WM in Japan?" Ratzeburg: „Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in Japan mitzuerleben, war schon sehr beeindruckend. Wenn ich das Turnier aus organisatorischer Sicht betrachte: Da kann ich dem WM-OK nur ein Kompliment machen, dass es ihnen innerhalb kürzester Zeit gelungen ist, optimale Voraussetzungen zur Austragung dieses Turniers zu schaffen."
 
Die Nachwuchsauswahl der "Nadeshiko" setzte sich im kleinen Finale in Tokio gegen Nigeria mit 2:1 (1:0) durch. Für die Japanerinnen, die im Halbfinale der deutschen Auswahl 0:3 unterlagen, ist es das bislang beste WM-Ergebnis im U20-Bereich.
 
Nach dem zweiten Platz und der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London, dem Gewinn der letzten Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland und nunmehr der Bronzemedaille der japanischen Juniorinnen besitzt der Weltfrauenfußball mit dem japanischen Frauenfußball nun auch in Asien eine große Frauenfußballnation.
Hinsichtlich der Suche nach Sponsoren könnten in ferner Zukunft neben Sony auch weitere japanische Unternehmen in Frage kommen, dem internationalen Frauenfußball den nötigen finanziellen Background zu geben, um auch in Japan eine stabile Frauenliga zu ermöglichen. Der wunde Punkt im internationalen Frauenfußball ist die mangelnde, teilweise nur schleppende Entwicklung der nationalen Ligen.
 
Hierzu fehlen, wie Blatter richtig aussagt, viel mehr engagierte Frauen als technische Direktorinnen als bisher vorhanden.
 
Der verkorkste Bundesligastart in Deutschland, der sichtbar gewordene unmögliche Größenwahn des HSV-Vorstandes bei der Abmeldung der HSV Frauenmannschaft von der Bundesliga und die mangelnde Bereitschaft öffentlich-rechtlicher TV-Sender in Deutschland, den Frauenfußball in einer intensiveren Berichterstattung zu unterstützen zeigt, dass anderseits im Reich des DFB noch vieles zu erledigen oder zukünftig zu verhindern sein wird.
Der DFB U-20 Nachwuchs zeigte in Japan einmal mehr, dass eine neue spielfreudige Generation von Frauen unterwegs ist, die die Stammplätze der deutschen A-Nationalspielerinnen demnächst in Frage stellen wird. Die Vizeweltmeisterschaft der U-20 Nationalmannschaft der Frauen ist ein großer Erfolg für den deutschen Fußball insgesamt. (PK)


Online-Flyer Nr. 371  vom 12.09.2012

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