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Literatur
Roman von Monika Goetsch – Grüne Witwe
Eine Reise in die eigene Vergangenheit
Von Uli Klinger

„In (fast) jeder Familie gibt es Geheimnisse. Ereignisse, über die nie gesprochen wird, die aber das Verhalten, die Persönlichkeit der einzelnen Familienmitglieder prägen – und oft genug durch die Nichtbearbeitung zu einer Störung der Persönlichkeitsentwicklung führen.“ Dies schrieb ich 2010 anlässlich der Buchbesprechung von Monika Goetschs Erstling „Wasserblau“. In etwas anderer Form dreht es sich auch darum in „Grüne Witwe“, dem soeben im Schweizer Literaturverlag DÖRLEMANN erschienenen zweiten Roman aus der Feder dieser Autorin.
 
Monika Goetsch nimmt uns mit auf eine Reise von Anna an einen Baggersee, an dem diese zusammen mit ihrem Bruder in der Clique den Sommer verbrachte. Anlass für diese Reise in die persönliche Vergangenheit ist der unfassbare Selbstmord des Bruders. Aber schon bald wird klar, dass noch mehr hinter dieser Reise steckt. Denn dieser rauschende Sommer mit der Clique damals am See endete in einer Katastrophe, deren Ursache und Verlauf von allen Beteiligten vertuscht und verschwiegen wurde und wird.
 
Und so nimmt uns Monika Goetsch mit auf die Reise der Anna, die auf einem Campinglatz landet, untergebracht in einem Wohnwagen, der einer gewissen Erna gehört, als einziger Gast in dieser Nachsaison. Frau Köhler, die rustikale und trinkfeste Besitzerin des Campingplatzes, kümmert sich um sie. Und schon bald wird klar, dass sie auch schon damals, in der Jugendzeit Annas, diesen Campingplatz am Baggersee betrieb, und Anna und ihrer Clique keineswegs wohlwollend gegenüberstand. Sie ist, zusammen mit der in einem Pflegeheim lebenden Erna, die Repräsentantin der Erwachsenengeneration von damals. Und hat nichts vergessen! Sie lebt in ihrer Wahrheit, so wie alle Beteiligten in der jeweils ihrigen. Doch Anna gibt nicht auf, und die Autorin versteht es meisterhaft, den Leser, die Leserin mitzunehmen bei dieser Suche. Diese Reise in die eigene Vergangenheit, dem Lebensgefühl von damals, dem Empfinden der eigenen pubertätsbedingten Unsicherheit, der Verliebtheit und der vermeintlichen Sicherheit der Clique. Die Elternhausersatz ist und – trotz vereinzelt aufkommender leichter Zweifel – das Maß aller Dinge darstellt.
 
Aber dies ist Vergangenheit. Eine prägende Vergangenheit. Und Anna will und muss nun für sich die Wahrheit finden. Über das Unglück von damals und den Selbstmord ihres Bruders in der Gegenwart. Und findet sie. Schmerzlich, überraschend und auch wieder tröstlich. Sie kann dieses Kapitel abschließen und ihr Leben (vielleicht) lebenswerter gestalten. Dies lässt der Roman offen.
 
Das ist das Besondere an dieser Autorin: Dieses feine Sprachgefühl, die Hochachtung vor ihrem "Personal“ und das Vermeiden von Klischees. Selbst wenn sie im Buch auftauchen, sind sie nur Mittel zum Zweck um dann später entlarvt zu werden. Und vor allem diese schnörkellose Sprache. Der Leser, die Leserin lässt sich mitnehmen auf diese Reise, in die Verästelung der Gefühle, der Erinnerungen, für den Blick hinter die Fassaden menschlichen Tuns.
 
Ein hervorragend geschriebener Roman von einer Autorin, die leider immer noch viel zuwenig Beachtung findet und die ich zu einer der Großen der derzeitigen (deutschen) Literaturszene zähle. (PK)
 
Monika Goetsch - Grüne Witwe, DÖRLEMANN Verlag, geb., 220 S., € 19,90
 
Monika Goetsch, 1967 in Marburg geboren, wuchs in der Nähe von Freiburg im Breisgau auf und lebt in München. Sie studierte Literatur-, Theater- und Kommunikationswissenschaften in München, arbeitete in Hamburg und ist heute als freie Journalistin für verschiedene Tageszeitungen und Zeitschriften tätig.

Ulrich Klinger betreibt eine Buchhandlung für ausgesuchte Literatur in Köln, erreichbar unter Buchhandlung-klinger@netcologne.de, in der Rochusstr. 93. Mehr unter www.klinger.online.de



Online-Flyer Nr. 369  vom 29.08.2012

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