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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Krieg und Frieden
Das Volk wird oft mit Lügen für den Krieg gewonnen
Albert Einstein, Sigmund Freud: „Warum Krieg?“
Von Heinrich Frei

1932, also vor 80 Jahren, hat Albert Einstein aus Potsdam Sigmund Freud in Wien in einem Brief die Frage gestellt: „Gibt es einen Weg, die Menschen vor dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“ Einstein dachte, Freud könne diese Frage von seinen „vertieften Kenntnissen des menschlichen Trieblebens aus beleuchten.“ Einstein vertraute darauf, dass Freud „auf Wege der Erziehung werde hinweisen können, … welche der psychologisch ungeübte wohl ahnt, … er aber nicht zu beurteilen vermag.“ (1)
 

Albert Einstein
NRhZ-Archiv
Die politische Situation zur Zeit des Briefwechsels
 
Wie war die Situation vor achtzig Jahren als dieser Briefwechsel zwischen Einstein und Freud stattfand? 1932 stand in Deutschland Hitler vor der Tür. Hitler wurde von der Hochfinanz unterstützt, da er dieser versprach, er könne die rote Gefahr, den Kommunismus eindämmen. 1932 waren Millionen Menschen arbeitslos. Deutschland rüstete damals wieder auf, obwohl das der Versailler Vertrag verboten hatte. Carl von Ossietzky machte diese heimliche Aufrüstung publik. Er wurde deshalb wegen "Spionage“ zu 18 Monaten Haft verurteilt. Kurt Tucholsky "beleidigte“ in dieser Zeit das deutsche Militär. Er schrieb: „Soldaten sind Mörder“. Tucholsky hatte vermerkt, dass im Krieg Mord obligatorisch sei, während Mord im Zivilen verboten ist. (2) Benito Mussolini, der seit 1925 in Italien diktatorisch regierte, wurde für viele zum Vorbild für Recht und Ordnung in Europa. Wie in anderen Staaten Europas begannen sich auch in Österreich faschistische Parteien durchzusetzen. Im Mai 1932 wurde Engelbert Dollfus zum österreichischen Bundeskanzler ernannt. Vom Oktober 1932 regierte er dann teilweise unter Berufung auf ein Ermächtigungsgesetz ziemlich autoritär, ab dem 5. März 1933 dann wirklich diktatorisch.
 

Sigmund Freud 1921
Quelle: wikipedia
Foto: Max Halberstadt
Pessimistische Antwort Freuds
 
Zurück zum Briefwechsel Einstein/Freud. Freud beantwortete die Frage „Warum Krieg“ eher pessimistisch. Einstein hatte darauf vertraut, dass Freud „auf Wege der Erziehung werde hinweisen“. Aber dies unterblieb in seiner Antwort weitgehend. Freud meinte: „Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzipiell durch die Anwendung von Gewalt entschieden. So ist es im ganzen Tierreich.“ Von Zusammenarbeit, von gegenseitiger Hilfe im Tier- und Menschenreich war bei Freud nicht die Rede. Er nahm auch an: „Außerdem befriedigt die Tötung des Feindes eine triebhafte Neigung.“ Freud erwähnte dann auch den „angeborenen Destruktions- und Todestrieb des Menschen“. Er relativierte diese Aussage zwar: „Wohl könne man den Eros, der Gegenspieler der Destruktion, zu Hilfe rufen; alles, was Gefühlsbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen herstelle, könne dazu dienen, die Macht der Aggression zu verringern.“ Aber: „Das Triebleben des Menschwesens müsste einer Diktatur unterworfen werden.“ Vorsichtig bezeichnete Freud seine psychologischen Theorien jedoch als „eine Art von Mythologie“.
 
Sigmund Freud war ein Kind des hierarchisch österreichisch-ungarischen Kaiserreiches. - „Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann“. - Freud ging von einer „angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit“ der Menschen aus, „dass sie in Führer und Abhängige zerfallen. Die letzteren bedürften der Autorität.“ Seine Vorstellung war, eine „selbständig denkende Oberschicht heranzubilden, der dann die Lenkung der unselbständigen Massen zufallen würde.“ Einstein sah dies anders, er schrieb, nach seinen Lebenserfahrungen unterliege gerade die sogenannte „Intelligenz“ am leichtesten Massensuggestionen.
 
Destruktions- und Todestrieb wird in Frage gestellt
 
Zu dem von Freud postulierten Destruktions- und Todestrieb schrieb die Soziologin Elfi Janecek: "Wenn die Aggressivität kein biologisch verankerter Trieb oder Instinkt ist, sondern sozial bedingt, dann müssen soziale Bedingungen die Ursache von Krieg, Mord und Gewalt aller Art sein. Sie werden Gegenstand kritischer Untersuchung ...“ Und weiter: "Wenn die Aggressivität jedoch ein natürlicher Trieb ist..., kann im pädagogischen, sozialen und politischen Bereich im Prinzip alles so bleiben, wie es ist... Antworten werden zum Beispiel dann lauten: Kriege gibt es letztlich aus biologischen Gründen, nicht weil die Herrschenden die Soldaten zum Kriegsdienst zwingen, nicht weil Kriege ein Geschäft sind und viele andere konkrete Ursachen haben. Selbstmorde werden als ein biologisches Phänomen abgetan, verursacht durch einen letztlich nicht erklärbaren Todestrieb. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse (Arbeitslosigkeit) und die Erziehungspraktiken in den Familien und Schulen, die schon junge Menschen dazu bringen sich umzubringen, werden nicht in Frage gestellt.“ (3)
 
Hitler an der Macht
 
Ein halbes Jahr nach dem Briefwechsel Einstein/Freud wurde in Deutschland am 30. Januar 1933 Adolf Hitler Reichskanzler. Am 27. Februar kam es zum Reichstagsbrand. Hitler nutzte die Brandstiftung, um die Grundrechte außer Kraft zu setzten. Tausende seiner politischen Gegner ließ er verhaften, insbesondere Kommunisten und Sozialdemokraten. Auch Carl von Ossietzky wurde inhaftiert und später in ein Konzentrationslager verschleppt. Im Dezember 1932 reiste Einstein in die Vereinigten Staaten, kehrte dann wegen Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 nicht mehr nach Deutschland zurück.
 
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland fielen Freuds Werke in die Bücherverbrennung vom Mai 1933. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich am 12. März 1938 wurde die Tochter Anna Freud durch die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, verhört. Sie war vom Hausarzt für den Notfall mit Veronal, einem Gift, versorgt worden. Als Anna durch Glück wieder heimkommen konnte, entschloss sich Freud das Land zu verlassen. Es gelang ihm dann, dank dem Einsatz von Freunden und Diplomaten und nach Zahlung der obligaten "Reichsfluchtsteuer“, mit seiner Familie Österreich zu verlassen. Auch unterschrieb er, um nach London ausreisen zu dürfen, dass sie gut behandelt worden wären, und ergänzte: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“
 
Tötung des Feindes eine triebhafte Neigung?
 
Wie schon erwähnt meinte Freud, „die Tötung des Feindes befriedigt eine triebhafte Neigung…“ Mit dieser „triebhaften Neigung“ ist es meist nicht so weit her. Soldaten müssen zuerst das Töten lernen, da ein seelisch einigermaßen gesundes Individuum nicht einfach so auf Befehl Unbekannte ermorden kann. Im Ersten und auch noch im Zweiten Weltkrieg sollen auch nur 10 - 20 Prozent der Soldaten der Infanterie geschossen oder auf den Feind gezielt haben. Mit neuen Trainingsmethoden, die die Armeen heute einsetzen, wird erreicht, dass ein viel höherer Prozentsatz der im Gefecht Stehenden tatsächlich tötet. Dazu werden auch computergesteuerte Videokinos eingesetzt, in denen der Soldat auf den agierenden Gegner auf der Leinwand reflexartig schießen lernt. Solche "Games" finden sich heute auch in Kinderzimmern. In solchen Spielen können Kinder und Erwachsene aus der Ich-Perspektive am Computerbildschirm an virtuellen Kampfhandlungen teilnehmen. (4)
 
Aus der Präambel der UNESCO
 
In der Präambel der UNESCO Charta heißt es: „Da Krieg in den Köpfen der Menschen beginnt, muss in den Köpfen der Menschen Vorsorge für den Frieden getroffen werden“. Aber besonders durch unsere Erziehung zum Gehorsam, durch unsere Schulbildung und Beeinflussung durch die Medien wird leider nicht „Vorsorge für den Frieden“ geschaffen. „Zur Verteidigung gegen den äußeren und inneren Feind gibt es nur die Armee“, denken wir. Alternativen, wie der gewaltlose Widerstand, sind weitgehend unbekannt. - Je nachdem wo wir aufgewachsen sind und wie wir informiert wurden, haben wir eben unsere Vorstellungen.
 
In Großbritannien können schon 16-jährige für die Berufsarmee des Vereinigten Königreiches rekrutiert werden. Mit 18 kehren sie dann vielleicht schon im Sarg aus Afghanistan zurück. Ich wurde mit 19 rekrutiert und war froh, dass die Armee mich als "diensttauglich“ einstufte. Eingerückt in die Rekrutenschule wurde ich dann instruiert, nach einem Atomschlag den radioaktiven Staub abzubürsten, die Hosenbeine und die Ärmel gut zu verschnüren und weiterzukämpfen. Leute die sich damals gegen eine atomare Bewaffnung der Schweizer Armee wehrten, galten als Staatsfeinde. Die Neue Zürcher Zeitung griff in diesen Jahren sogar den Urwaldarzt und Nobelpreisträger Albert Schweitzer an, weil er sich gegen die weltweite atomare Aufrüstung gestellt hatte. Und heute? Die Luftwaffe der deutschen Bundeswehr trainiert auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel im Rahmen der nuklearen Teilhabe der Nato immer noch den Einsatz von Atombomben mit Jagdbombern. In Büchel sollen sich 10 bis 20 Atombomben befinden, Bomben mit einer Sprengkraft, die etwa 26-mal größer ist als die Hiroshima-Bombe.
 
Ein junger Amerikaner, den ich 1966 in Fanas, einem Lager des Service Civil International kennenlernte, erzählte mir, dass er sich dank einem seiner Lehrer nicht für die US-Armee rekrutieren ließ. Dank diesem Lehrer setzte er sich ins Ausland ab, um keinen Kriegsdienst in Vietnam leisten zu müssen. Viele seiner Altersgenossen hätten leider nicht einen solchen Lehrer gehabt, sagte er mir.
 
Befreiungskriege wie in Algerien, Vietnam und anderswo hatten auch hier in Zürich Sympathisanten. So war 1968 bei Demonstrationen auf Transparenten zu lesen, „Schafft zwei, drei, viele Vietnams“. Eine Aussage, die Che Guevara gemacht haben soll. Aber was würde dies heissen: „zwei, drei, viele Vietnams“? Was waren die Folgen des Vietnamkrieges? Laut der vietnamesischen Regierung soll dieser Krieg insgesamt 5,1 Millionen Menschen das Leben gekostet haben.
 
Kaiser Wilhelm II.
 
Das Volk wird oft mit Lügen für den Krieg gewonnen. Angriffskriege werden als Verteidigungskriege dargestellt. Kaiser Wilhelm II. suggerierte seinen Untertanen am 4. August 1914, man müsse mobilisieren, um sich gegen Russland zu verteidigen. Die Sozialdemokraten begründeten 1914 ihre Zustimmung zu den "Kriegskrediten" ebenfalls mit der „notwendigen Verteidigung gegen Russland“: „In der Stunde der Not lassen wir unser Vaterland nicht im Stich."
 
"Northwoods" - Angriff unter falscher Flagge
 
Für die "Operation Northwoods", die 1962 einen Angriff der USA auf Kuba hätte einleiten sollen, sah das Pentagon unter anderem den Angriff und Abschuss einer zivilen ferngesteuerten Chartermaschine vor, ein Duplikat eines tatsächlich registrierten Zivilflugzeuges. Die vom US-Verteidigungsministerium Pentagon geplante Operation Northwoods beinhaltete zudem inszenierte Terroranschläge, um Kuba angreifen zu können. US-Präsident John F. Kennedy und Verteidigungsminister McNamara lehnten jedoch die Realisierung dieses Planes 1962 zum Glück ab. (5)
 
Der Vietnamkrieg wurde 1964 von den USA durch einen inszenierten Angriff auf ein eigenes Schiff im Golf von Tonking ausgeweitet. Ihre Behauptung, die Nordvietnamesen hätten das Schiff angegriffen. Durch Veröffentlichung der "Pentagon-Papiere" deckte der Friedensaktivist Daniel Ellsberg unter anderem diesen Skandal im Umfeld des Vietnamkrieges auf. (5)
 
Ein Tabu für die Massenmedien ist nach wie vor die Frage, wie es wirklich zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gekommen ist. Diese Anschläge wurden zum Anlass genommen, den so genannten "Krieg gegen den Terror" auszulösen, der jetzt fast elf Jahre danach immer noch im Gange ist. (6)
 
Die Frage, die Einstein einst Freud stellte: „Gibt es einen Weg, die Menschen vor dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“ richtet sich also eigentlich an uns alle. Niemand ist dagegen gefeit, auf Grund seiner Erziehung, seiner Bildung, seiner Autoritätsgläubigkeit oder auf Grund von falschen Informationen auf Kriegs- und Propagandalügen hereinzufallen. Das jüngste Beispiel dafür erleben wir aktuell in Syrien. (PK)
 
 
(1) Albert Einstein, Sigmund Freud, Warum Krieg? Briefwechsel 1932.
(2) Kurt Tucholsky rororo Monographie, dargestellt von Michael Hepp, 1998
(3) Ist Aggression angeboren oder eine erlernte Reaktion? Von Elfi Janecek, Diplomarbeit im Fach Soziologie, Freie Universität Berlin 1974
(4) Rudolf Hänsel, Game over!, Wie Killerspiele unsere Kinder manipulieren“, Kai Homilius Verlag 2011
Mega Buster - Kriegsgebiet Kinderzimmer. Eine Intervention zu Gewalt, Gesellschaft und Entwaffnung. Verlag Edition Fink, Zürich 2009. Das Buch dokumentiert einerseits die Kriegsspielzeug-Entwaffnungsaktion des Künstlerduos Interpixel in Bild und Wort. Andererseits vertiefen darin mehrere Autoren in interdisziplinären wissenschaftlichen Beiträgen das Thema und beleuchten insbesondere auch den Umgang mit den so genannten Killer-Games.
(5) Wikipedia
(6) Mathias Bröckers, Christian C. Walther, 11.9. Zehn Jahre danach Der Einsturz eines Lügengebäudes , Westend Verlag 2011
Josef Rattner Aggression und menschliche Natur, Fischer Taschenbuch 1977

Heinrich Frei ist Vizepräsident des Fördervereins “Neue Wege in Somalia“. Affolternstrasse 171, 8050 Zürich, Email: heinrich-frei@bluewin.ch. Spendenkonto: “Förderverein Neue Wege in Somalia“ Postcheckkonto: 80–53042–7, Zürich Weitere Infos über den „Förderverein Neue Wege in Somalia“ finden Sie auf der Homepage: www.nw-merka.ch


Online-Flyer Nr. 363  vom 18.07.2012

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