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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Sport
Kleine Nachbetrachtung der EM 2012
Rotwürdig nachgetreten
Von Harald Schauff

Wieder gegen Italien ausgeschieden. Wieder die Krönung versaubeutelt. Wieder titellos traurig. Wo sich der zwölfte Mann bzw. Frau doch so ins Zeug gelegt haben. Mit weißen und grünen Bundesadler-Auswahl-Trikots, schwarz-rot-güldenen Hütchen und gleichfarbigen Girlanden um Haut, Haar und Hals. Mit bemalten Wangen und stoffverkleideten Autospiegeln.

Cartoon: Kostas Koufogiorgos
 
Und natürlich einem Meer von Fahnen und Fähnchen: Über den Seitenfenstern und auf den Dächern der Autos, an den Fenstern und über den Fensterbänken und Balkonen von Wohnhäusern. An Einkaufskassen und über Postschaltern. Allgegenwärtig schmücken die drei Farben den öffentlichen Raum. Schwarz steht wieder einmal für die Titelaussichten, wie sich hinterher herausstellt. Rot für die mitfiebernde Birne vor Leinwand und Bildschirm. Und Gold für die Farbe des Gerstensaftes, vor und nach erfolgtem Stoffwechsel.
 
Aus den Gläsern, Flaschen und Mündern schäumt die patriotisch eingefärbte Fußballbegeisterung über die Fanmeilen und Plätze vor den Großleinwänden. Längst ist sie von der sich selbst feiernden Party- und Event-Kultur vereinnahmt worden. Fangemeinde, Springers gedruckte Volksstimme und öffentlich rechtliches Nationalgebläse von Gebührenzahlers Gnaden schaukeln sich mit Querpässen und Steilvorlagen gegenseitig hoch. Es entsteht der überstrapazierte schaumgleiche Eindruck: Die Jungs sind nicht zu stoppen, diesmal muss er endlich gelingen der End-, pardon, Finalsieg.
 
Dann kommen leider die Italiener und spielen wieder zu gekonnt, geschickt und unberechenbar für unsere großen Pläne. Endstation Halbfinale. Wo das Endspiel gegen Spanien doch schon praktisch gebucht war. Kurz vor dem Ziel bringt ein anderer südeuropäischer Pleitegeier den DFB-Adler zum Absturz. Dabei hatte er doch kurz zuvor das griechische Federvieh noch so vortrefflich gerupft. Einmal mehr bleibt ihm nur der gefühlte Trosttitel des moralischen Turniermeisters der hirnlosen Herzen und des ballernden Boulevards.
 
Dieser darf für die nächste Eventparty in zwei Jahren in Brasilien als Stimmungsanzünder herhalten. Dann wird er wieder auferstehen, der patriotische Wunschtraum vom großen Fußballsieg. Solange das Bier reicht, treibt sie dann ihr Unwesen, jene mediengesteuerte Kollektiv-Vorgaukelei, man wäre dabei und hätte etwas davon, wenn überbezahlte, übertrainierte und überdotierte Tretexperten in meilenweiter Entfernung Triumphe feiern.
 
Michel und Micheline selbst kehren anderntags zurück in die triste Alltagsliga, die Lichtjahre entfernt ist von den Sphären des Spitzenverdienstes. Sie nehmen es hin, solange sie den geprügelten inneren Schweinehund dann und wann bei solchen künstlichen Begeisterungserlebnissen von der Leine lassen können. In Zeiten der Krise bewährt er sich besonders im Sinne mächtiger Eliten, der gute alte Brot- und Spiele-Mechanismus. (PK)
 
 
Harald Schauff ist Redakteur des "Kölner Querkopf" - eine Arbeitslosen- und Obdachlosenzeitung im Straßenverkauf.


Online-Flyer Nr. 361  vom 04.07.2012

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