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Aktueller Online-Flyer vom 24. Juni 2019  

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Inland
Präsident Janukowitsch wollte Stepan Bandera nicht als "Helden der Ukraine"
Zwischen Moskau und Berlin
Von Hans Georg

Anlässlich der EM-Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Lwiw berichten Medien von dramatisch grassierendem Antisemitismus und Neonazismus in der westukrainischen Stadt. Zahlreiche Graffitis der starken rechten Szene ("Jude verrecke") prägten das Stadtbild, heißt es in der deutschen Presse: "Hakenkreuze und Naziparolen verunstalten Lembergs Altstadt".

Stepan Bandera – von vielen Ukrainern immer noch verehrt
Quelle: http://www.rferl.org/
 
Lwiw gilt als ein Zentrum des "Bandera-Kults", der einen der prominentesten ukrainischen NS-Kollaborateure ehrt; in der Stadt konnte vor wenigen Jahren eine extrem rechte Partei ("Swoboda") bei Regionalwahlen 26 Prozent der Stimmen erlangen. Bandera, dessen Milizen im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Massaker begingen, darunter Massaker an Juden, erhielt nach Kriegsende Zuflucht in der Bundesrepublik - wie zahlreiche andere ukrainische NS-Kollaborateure auch. Andere wurden von der CIA in die Vereinigten Staaten verbracht, um dort für die Unterstützung verdeckter Operationen auf sowjetischem Territorium zur Verfügung zu stehen. Gemeinsames Ziel der Bundesrepublik und der USA war es, durch Unterstützung der ukrainischen Nationalisten die Sowjetunion zu schwächen und einen Sieg im Systemkampf herbeizuführen. Die Tradition der Kollaborateure lebt in der heutigen Westukraine fort - dort, wo nicht die aktuell vom Westen bekämpfte Regierung Janukowitsch, sondern die Kräfte der einstigen Ministerpräsidentin Timoschenko ihre Hochburgen haben.
 
Die Bandera-Stadt


Bandera-Denkmal in Lwiw
Quelle: http://checkpointeast.info
 
Bandera sei heute in Lwiw "allgegenwärtig", hieß es schon vor drei Jahren: Nicht nur erhebe sich am Ende einer "Bandera-Straße" im Zentrum der Stadt ein riesiges Bandera-Denkmal; es würden zudem Poster und T-Shirts mit Bandera-Porträt verkauft, populäre Biographien stapelten sich in den Buchhandlungen.[1] Kritik an Stepan Bandera sei "unerwünscht", hieß es bereits damals. An den Bandera-Kult knüpfen insbesondere Neonazis an, die von der großen Beliebtheit des ehemaligen NS-Kollaborateurs profitieren. Die Szene sei stark, heißt es in aktuellen Berichten; extrem rechte Fußballfans duldeten keine Roma oder Menschen aus dem Kaukasus auf ihren Tribünen, die Stadt sei von Hakenkreuz-Graffitis und von antisemitischen Losungen übersät.[2] Die extrem rechte Partei Swoboda kam bei den Regionalwahlen in Lwiw auf 26 Prozent und stellt damit nun mehr als ein Drittel der Abgeordneten.
 
Frische Blumen
 
Viele der ehemaligen NS-Kollaborateure, die wie Bandera heute in der Westukraine wieder Verehrung genießen, flohen am Ende des Krieges mit den abziehenden deutschen Truppen Richtung Westen und blieben in der Bundesrepublik im Exil. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die sich 1939 am deutschen Überfall auf Polen und 1941 am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt hatten (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Einer von ihnen war OUN-Anführer Stepan Bandera. Dieser nahm seinen Wohnsitz in München, das sich in der Nachkriegszeit zum Zentrum ehemaliger ukrainischer Kollaborateure entwickelte. Dort wurde er am 15. Oktober 1959 umgebracht. Sein Grab befindet sich auf dem Münchener Waldfriedhof; es wird Berichten zufolge von Besuchern regelmäßig mit frischen Blumen geschmückt.[4]
 
Untergrundkrieg
 
Einige OUN-Kollaborateure verließen Deutschland Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre Richtung USA. Einer von ihnen war Mykola Lebed, der ehedem in den von der OUN kontrollierten Gebieten für "Säuberungen" zuständig war. Lebed wurde von der CIA in die Vereinigten Staaten geschleust und arbeitete dort für den US-Geheimdienst, als dieser mit Hilfe diverser ehemaliger NS-Kollaborateure ab 1949 direkt in der Sowjetunion intervenierte. Dies war möglich, weil die von der OUN kontrollierte Ukrajinska Powstanska Armija (Ukrainische Aufstandsarmee, UPA) in mehreren Gebieten der Westukraine den Kampf gegen die Sowjetunion noch nach dem 8. Mai 1945 fortsetzte. Spätestens ab 1949 wurden die Kämpfer von der CIA unterstützt - logistisch, mit der Lieferung von Sprengstoff und Waffen sowie mit der Einschleusung einstiger NS-Kollaborateure als Unterstützung im Untergrundkrieg gegen Moskau. Die CIA-Operationen in der Ukraine seien zum "Prototyp für Hunderte von CIA-Operationen weltweit" hinter feindlichen Linien geworden, heißt es in einer Untersuchung über die Nutzung von NS-Kollaborateuren durch den US-Geheimdienst; dabei gehe es etwa um Interventionen in Vietnam, Laos und Nicaragua.[5]
 
Staatszentrum im Exil
 
In der Bundesrepublik fanden sich einstige Kollaborateure vor allem in der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft wieder, die ihren Sitz in München hatte. Zudem fassten dort Einrichtungen wie etwa die Ukrainische Technische Hochschule Fuß, die 1922 in der Tschechoslowakei gegründet worden war. Die Hochschule wurde von staatlichen deutschen Stellen unterstützt. Gelegentlich tagte auch der Ukrainische Nationalrat in München, der sich 1948 gebildet hatte und sich als "Staatszentrum im Exil" verstand. Während die CIA die Untergrundkämpfe der Rest-UPA in der Ukraine operativ unterstützte, verkündete der Ukrainische Nationalrat in München, "die ukrainische Politik" werde "in dem gigantischen Ringen, das sich gegenwärtig zwischen den beiden Machtkomplexen", dem Realsozialismus und der westlichen Welt, abspiele, "auf Seiten der westlichen freien Welt stehen".[6] Im Bündnis mit den NATO-Mächten verfolge man weiterhin die Wiedergründung der Ukraine in der Tradition des 1918 unter deutschem Protektorat errichteten Staates.[7] Der Nationalrat war eine von zahlreichen Zusammenschlüssen aus der Sowjetunion stammender Ex-Kollaborateure, die sich in der Bundesrepublik und den USA gegründet hatten und von beiden westlichen Mächten im Systemkampf genutzt wurden; weitere Beispiele boten Organisationen zentralasiatischer Muslime (german-foreign-policy.com berichtete [8]).
 
Zentrifugale Kräfte
 
Paradigmatisch formuliert hat die Strategie, die ukrainischen Exilorganisationen im Systemkampf zu nutzen, der Pionier der deutschen Ukraine-Politik, Paul Rohrbach. Rohrbach, der schon während des Ersten Weltkriegs im Auftrag des Auswärtigen Amts daran arbeitete, die Ukraine aus dem Zarenreich herauszubrechen, und der seine Aktivitäten auch nach dem Ersten Weltkrieg, wenn auch unter veränderten Bedingungen, fortführte, wurde 1952 zum Ehrenpräsidenten der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft ernannt. In deren Zeitschrift formulierte er die damals aktuelle Strategie. Um "dem 'Kalten Krieg' zu begegnen", müsse man die "Entbindung der zentrifugalen Kräfte innerhalb der Sowjetunion" betreiben. "Die stärkste dieser zentrifugalen Kräfte" sei "das nationale Selbstbewusstsein des ukrainischen Volkes mit seinem Willen zu eigener Staatlichkeit". Unterstütze man die "zentrifugalen Kräfte", könne dies perspektivisch "zu einer fortschreitenden inneren Erschütterung der Sowjetmacht führen und vielleicht eines Tages, wenn andere günstige Umstände hinzutreten, zu ihrem Zusammenbruch". Rohrbach schloss: "Die Führung dabei würde dem ukrainischen Volke gebühren."[9]
 
Die Tradition der Kollaborateure
 
Die schließlich erfolgreich vollzogene Abspaltung der Ukraine aus der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde von der Bundesrepublik tatkräftig unterstützt; unter anderem gehörte die deutsche Regierung zu den ersten, die den neuen Staat Anfang 1992 anerkannten. Seitdem zeigt sich immer wieder, dass die Unterstützung für die Anbindung der Ukraine an den Westen in der Westukraine am stärksten ist - also dort, wo die ehemaligen Kollaborateure heute große Verehrung genießen und Organisationen wie die Parteien der einstigen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko oder des Ex-Staatspräsidenten Wiktor Juschtschenko hohe Wahlergebnisse erzielen. Juschtschenko ernannte noch im Januar 2010, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, Stepan Bandera zum "Helden der Ukraine" - ein Beschluss, den Wiktor Janukowitsch, der aktuelle Staatspräsident, der wegen seines rigiden Vorgehens gegen Julia Timoschenko im Westen angeprangert wird, nach seinem Amtsantritt schon bald wieder rückgängig machte.
 
Zu Juschtschenkos Wahlbündnis Blok Nascha Ukraina gehörte unter anderem der Kongress Ukrainischer Nationalisten, der in direkter Nachfolge zur OUN steht; gegründet wurde er 1992 von aus dem bundesdeutschen Exil zurückgekehrten Emigranten. Die Tradition der Kollaborateure besteht nicht nur im Bandera-Kult in der Westukraine fort; sie stützt auch die Kräfte, mit denen Berlin in der heutigen Ukraine kooperiert. (PK)
 
[1] Björn Jungius: Held des Westens - Feindbild des Ostens; www.n-ost.de 04.08.2009
[2] Rassismus, Judenhass und Gewalt; www.faz.net 08.06.2012
[3] s. dazu Zwischen Moskau und Berlin (IV)
[4] Bandera - Held oder Henker; www.sueddeutsche.de
[5] Christopher Simpson: Blowback. America's Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War, New York 1988
[6] Die dritte Tagung des Ukrainischen Nationalrates; Ukraine in Vergangenheit und Gegenwart 3/1954
[7] s. dazu Zwischen Moskau und Berlin (II)
[8] s. dazu Doppelrezension: Der politische Islam im Westen
[9] Paul Rohrbach: Die ukrainische Frage; Ukraine in Vergangenheit und Gegenwart 3/1952
 
 
Diesen Artikel haben wir von http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58350 entnommen. Weitere Informationen zur deutschen Ukraine-Politik und ihrer Geschichte finden Sie unter dieser Adresse hier: Zwischen Moskau und Berlin, Fußball als Mobilisierungsmittel, Der Schlag des Boxers, Zwischen Moskau und Berlin (II), Zwischen Moskau und Berlin (III), Zwischen Moskau und Berlin (IV) und Eine signifikante Herausforderung.


Online-Flyer Nr. 359  vom 20.06.2012

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