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Aktueller Online-Flyer vom 28. August 2016  

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Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ in Köln
Kampf der Opfer gegen die Tätersicht
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Es gibt Täter, und es gibt Opfer – in verschiedenen historischen Zusammenhängen. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist für uns alle eine selbstverständliche Notwendigkeit. Auch beispielsweise das Gedenken an die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 ist fast zur Normalität geworden. Ganz anders ist das bei den Opfern der Nakba, des Verbrechens, das 1948/49 an der palästinensischen Bevölkerung begangen wurde. Jedes Mal, wenn das Aufklärungsprojekt über die Nakba in einer Stadt gezeigt werden soll, gibt es Versuche, dies zu behindern oder gar zu verhindern, so auch in Köln, wo die Ausstellung am 11. Juni eröffnet wurde und noch bis zum 24. Juni zu sehen ist.

 
Titel-Exponat der Nakba-Ausstellung


Ausstellungseröffnung – im Saal des Kölner Allerwelthauses
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com


Schirmherr Christian Sterzing


Ingrid Rumpf, Initiatorin des Nakba-Projekts, bei ihrer Eröffnungsrede


Schirmherr Christian Sterzing bei seiner Eröffnungsrede


Zeitzeuge Dr. Aref Hajjaj


Ausstellungseröffnung


Ingrid Rumpf, Initiatorin des Nakba-Projekts


Ausstellungseröffnung


Ausstellungseröffnung


Ausstellungseröffnung


Unterstützer Pfarrer Hans Mörtter


Moderatorin Ulrike Vestring (FrauenWegeNahost)


Nakba - Schlüssel zum Verständnis der Geschichte Palästinas


„Die Ausstellung thematisiert Ereignisse und Entwicklungen im Nahen Osten, die bis heute nachwirken. Sie führten zur Gründung des Staates Israel. Es gibt aber auch eine andere, vor allem in Deutschland weniger bekannte Seite. Die Palästinenser nennen sie Nakba, das heißt Katastrophe. Sie wurden zu Hunderttausenden vertrieben oder zur Flucht gezwungen. Die meisten verloren dabei Haus, Land und oft auch Angehörige. Ihre Dörfer wurden zerstört, ihr Besitz beschlagnahmt. Ihre Nachkommen leben bis heute in Flüchtlingslagern ohne Recht auf Rückkehr oder Entschädigung. Aufgabe der Ausstellung ist es, diese Katastrophe und das daraus entstandene Trauma der Palästinenser zur Sprache zu bringen. Sie fußt im Wesentlichen auf den Recherchen 'neuer Historiker' (wie sie in Israel genannt werden), die sich seit Öffnung der Militärarchive Israels kritisch mit den Gründungsmythen ihres Staates auseinandersetzen.“ So heißt es im Ankündigungstext zur Ausstellung, die von der Friedensinitiative FrauenWegeNahost nach Köln geholt worden ist.

Nakba – der Mehrheit unbekannt

Christian Sterzing, Schirmherr der Ausstellung, ergänzt in seiner Einführungsrede: „Studien haben gezeigt, dass die Mehrzahl der Konsumenten von Fernsehnachrichten zwei der Schlüsselereignisse des Nahost-Konfliktes kaum kennt. Unbekannt ist einer Mehrheit der deutschen Fernsehzuschauer, dass die israelische Staatsgründung 1948 zu Flucht und Vertreibung von hunderttausenden von Palästinensern aus ihrer Heimat geführt hat. Und es ist auch einer Mehrheit unbekannt, dass seit 1967 Millionen von Palästinensern in einem Teil ihrer Heimat unter der völkerrechtswidrigen militärischen Kontrolle Israels leben.“

Von einem der 'neuen Historiker' Israels, von Ilan Pappe, stammt das Motto der Ausstellung “Eine derart schmerzhafte Reise in die Vergangenheit ist der einzige Weg nach vorn, wenn wir eine bessere Zukunft für uns alle, Israelis wie Palästinenser, schaffen wollen.“ In der Tat ist es eine ganz wesentliche Voraussetzung für ein friedliches Miteinander, dass diejenigen, die ein Verbrechen begangen haben, dieses nicht verschweigen oder leugnen, sondern sich dafür bei den Opfern entschuldigen. Ein Nakba-Gedenktag wäre ein Anzeichen dafür, dass die Täter bereuen und bereit sind, in Frieden mit den Nachkommen ihrer Opfer zusammen zu leben. Aber das scheint in weiter Ferne zu liegen. Eher hat es den Anschein, als wenn Israel ein imperialistisches Projekt ist, das wie viele andere kaltblütig über Leichen geht, wenn es den Interessen entspricht.

Einseitige Schuldzuweisungen?

Gegen die plausible Intention der Nakba-Aufarbeitung stehen fundamentale Gegenstimmen, z.B.: „Die Ausstellung bietet zwar eine Fülle wichtiger Informationen, die jedoch... leicht als einseitige Schuldzuweisungen an Israel und den Zionismus verstanden werden können.“ So heißt es in einer Erklärung von Mitgliedern des „kürzlich gegründeten“ Kölner Arbeitskreises Israel-Palästina mit Oberbürgermeister Jürgen Roters an der Spitze, als ob es nicht klar wäre, wer wen vertrieben und damit für die palästinensische „Katastrophe“ verantwortlich ist. Niemals käme jemand auf die Idee, einen ähnlichen Satz in Sachen Holocaust zu formulieren und von einseitigen Schuldzuweisungen an Hitler und den Nationalsozialismus zu sprechen.

Auch Schirmherr Christian Sterzing (bis 2002 Bundestagsabgeordneter der GRÜNEN, 2004 bis 2009 Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah) thematisiert im Rahmen seiner Eröffnungsrede den Holocaust, ohne ihn mit der Nakba gleichsetzen zu wollen: „Es käme niemand bei uns auf die Idee, israelische Geschichte und Geschichtsinterpretation ohne Hinweise auf die Shoa, auf den Holocaust und deren Identität stiftende Bedeutung für Israels Politik auch heute noch darzustellen. Gleiches gilt aber auch für die Nakba – unabhängig von der historischen Unvergleichbarkeit.“

Vertreibung Ergebnis von Kriegswirren?

Die Initiatorin des Projekts, Ingrid Rumpf, machte im Rahmen der Eröffnung deutlich, dass die Vertreibung der Palästinenser zu einem wesentlichen Teil bereits vor dem Beginn dessen stattgefunden hat, was als Krieg der Araber gegen Israel bezeichnet wird: „Ich finde es sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass die Zeit zwischen der Verabschiedung der UN-Teilungsresolution und den Waffenstillständen 1949 in zwei Teile zu unterteilen ist - und zwar die Zeit bis zur Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 und dann die Zeit des israelisch-arabischen Krieges im Anschluss. In der ersten Zeitspanne, in der noch kein einziger arabischer Soldat seinen Fuß auf palästinensischen Boden gesetzt hatte, ist schon viel passiert. Es wurden 200 Ortschaften entvölkert, die Menschen daraus vertrieben, zum Teil auch schon zerstört. Alle größeren Städte, die auf dem für den jüdischen Teil vorgesehenen Territorium lagen, wie z.B. Haifa oder Jaffa, waren praktisch von ihren palästinensischen Einwohnern entvölkert. Es war auch schon Territorium erobert worden, das eigentlich für den arabischen Staat vorgesehen war... Und es waren schon über 300.000 Flüchtlinge, etwa die Hälfte der insgesamt Vertriebenen, in dieser ersten Zeitspanne vertrieben worden. Man kann also nicht sagen, dass die Vertreibung in den Kriegswirren des israelischen-arabischen Krieges erfolgt ist.“

In seinem Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ gibt der israelische Historiker Ilan Pappe einen Hinweis darauf, dass es sich bei den bewaffneten Operationen noch nicht einmal um einen echten Krieg gehandelt hat:

„Am 30. April hatte die arabische Welt dem Mann, von dem die meisten ihrer Führer wussten, dass er ein Geheimabkommen mit den Juden getroffen hatte, den Oberbefehl über die Militäroperationen in Palästina übertragen. Kein Wunder, dass Ägypten, der größte arabische Staat, erst das Scheitern der letzten amerikanischen Initiative abwartete, bevor es beschloss, sich an dem Militäreinsatz zu beteiligen, der in einem Fiasko enden würde, wie seine Führer wohl wussten. Die Entscheidung, die am 12. Mai im ägyptischen Senat fiel, ließ der ägyptischen Armee kaum drei Tage Zeit, sich auf die 'Invasion ' vorzubereiten, und von dieser unglaublich kurzen Vorbereitung zeugte denn auch ihre Leistung auf dem Schlachtfeld. Den anderen Armeen erging es nicht besser.... Als letzte Hoffnung blieben in diesen Tagen im April und Mai 1948 die Briten, aber sie verhielten sich so perfide wie sonst nirgendwo in ihrem gesamten Imperium. Wussten die Briten von Plan Dalet [vom israelischen Plan zur Vertreibung der Palästinenser]? Man nimmt an, dass sie davon wussten, aber es lässt sich nicht leicht beweisen. Höchst auffallend ist, dass die Briten, nachdem Plan Dalet beschlossen war, verkündeten, sie seien nicht länger für Recht und Ordnung in den Gebieten zuständig, in denen ihre Truppen noch immer stationiert waren, und dass sie sich darauf beschränkten, diese Truppen zu schützen. Damit waren Haifa, Jaffa und die gesamte Küstenregion zwischen diesen beiden Städten Freiräume, in denen die zionistische Führung Plan Dalet umsetzen konnte, ohne fürchten zu müssen, dass die britische Armee sie daran hindern oder ihnen auch nur entgegentreten würde.“

Dürfen Täter als Täter bezeichnet werden?

Es stellt sich die Frage, warum es Vielen so schwer fällt, die Täter eines Verbrechens als solche zu bezeichnen. Warum darf die Frage, wer die Palästinenser 1948/49 vertrieben hat und diese Vertreibung bis heute systematisch fortführt, nicht entsprechend der Realität beantwortet werden? Welche Befindlichkeiten und einseitigen Interessen stehen dahinter?

Da ist der bekannt-berüchtigte zionistische Propagandist Henryk M. Broder schon ehrlicher, wenn er in der Jüdischen Allgemeinen vom 17.3.2005 Israels verbrecherische Politik mit den Worten deckt, es sei „gut und richtig“, wenn ein Staat „mehr Täter als Opfer“ ist. Schließlich mache es „mehr Spaß, Täter statt Opfer zu sein“. Mit diesen Gedanken gesteht er immerhin die Täterrolle Israels ohne Umschweife ein, auch wenn sie wegen der Verbrechensrechtfertigung letztlich – es kann fast nicht anders bezeichnet werden – faschistoiden Charakter haben.

Dass es bei der Auseinandersetzung um die Nakba-Ausstellung selten mit rechten Dingen zugeht, zeigt ein Detail. Auf der website www.ottooetz.de ist eine Stellungnahme wiedergegeben, die überwiegend von zwei Personen stammt, in der es u.a. heißt: „Wir appellieren an InitiatorInnen, VeranstalterInnen und UnterstützerInnen, ihr Vorhaben zu überdenken und auf die Ausstellung zu verzichten.“ Am Fuß des Textes sind Namen aufgeführt, die den Anschein erwecken, es handele sich um die Unterzeichner dieses Aufrufs. Doch im Gegenteil sind es – zumindest zum Teil – Unterstützer, die bei der Ausstellungseröffnung zugegen waren – so z.B. Pfarrer Hans Mörtter.

Schlüssel zum Verständnis der Geschichte Palästinas

All das macht deutlich, dass es beim Thema Nakba um einen Schlüssel zum Verständnis der Geschichte Palästinas geht, den gewisse Kreise unter Verschluss halten wollen. Deshalb ist der Kampf der Opfer gegen die Tätersicht, wie er sich in der Auseinandersetzung um die Nakba-Ausstellung zeigt, so wichtig. Und ihr ist zu wünschen, dass sie viele Menschen erreicht und zu einem Umdenken beiträgt: Menschenrechte sind unteilbar. Sie dürfen nicht weiter imperialistischen Interessen geopfert werden. Es geht um eine Lösung mit gleichen (Menschen-)Rechten und Chancen für alle auf palästinensischem Gebiet Lebenden – seien sie Israelis oder Palästinenser.


Öffnungszeiten:

Di 12., Mi 13., Mo 18., Di 9., Mi 20., Fr 22.Juni jeweils 11:00 bis 17:00 Uhr
Do 14., Fr 15., Do 21. Juni jeweils 11:00 bis 18:00 Uhr
Sa 16. und Sa 23. Juni jeweils 10:00 bis 13:00 Uhr
So 17. und So 24. Juni jeweils 11:00 bis 15:00 Uhr

Während der Öffnungszeiten stehen mit den geschichtlichen Vorgängen Vertraute für Fragen und Gespräche zur Verfügung. Das Allerweltshaus in Köln-Ehrenfeld, Körnerstraße 77, ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen (U-Bahn Haltestelle Körnerstraße). Parkmöglichkeiten sind begrenzt. Der Eintritt zur Ausstellung und die Teilnahme an Begleitprogrammen sind kostenlos. Um Spenden zur Deckung der Unkosten wird herzlich gebeten.

Begleitprogramm:

Gottesdienst
Sonntag 17. Juni 2012 um 11:30 Uhr, Lutherkirche Köln-Süd, Martin Luther-Platz 4
Pfarrer Hans Mörter, Mitwirkung Rupert Neudeck

Lesung
Sonntag, 17. Juni 2012, 13:00 Uhr, Allerweltshaus
In Palästina verlor ein Volk sein Land – was geht uns das an?

Buchvorstellung „Nakba – die offene Wunde“
Gespräch mit der Autorin Marlène Schnieper (gemeinsam mit Café Palestine Colonia)

Vortrag und Freitag, 22. Juni, 18:30 Uhr, Kartäuserkirche Köln-Süd, Kartäusergasse
Gespräch Ohne Erinnern keine Zukunft
Die israelische Initiative Zochrot (Erinnern) stellt sich vor.
Im Rahmen der vom Friedensforum unterstützten Ausstellung "Die Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948" (Allerweltshaus, Körnerstr.77, tagl. 11-19 Uhr, bis 25.6.) finden folgende Veranstaltungen statt:
 

24.Juni, 12 Uhr, Allerweltshaus: Finissage, Streitgespräch zur Ausstellung zwischen Peter Liebermann, Vorsitzender des Vereins ELDE-Haus, und Dr. Fritz Bilz, Historiker.
 
26.Juni, 18 Uhr, Humanwissenschaftliche Fakultät der Ubi, Gronewoldstr., Heilpädagogik, Hötsaal 2: "Erziehung für den Krieg - Erziehung zur Entmenschlichung" mit Benjamin Ortmann und Felix v.Hatzfeld (es geht um NS-Pädagogik und das Treiben der Bundeswehr an Schulen heute.)
 
Die Veranstaltung findet im Rahmen der sehr sehenswerten Ausstellung zur Geschichte der IG Farben statt, die an wechselnden Orten der Uni zu sehen ist:
bis 23.6. im Mathematischen Institut (Weyertal 86-90)
25.6. bis 30.6. im Foyer des Hauptgebäudes der Humanwiss. Fakultät
2.7. bis 5.7. im Hauptgebäude der Uni, hinter der Aula

Finissage
Sonntag 24. Juni 2012, um 12:00 Uhr im Allerweltshaus
mit Dr. Fritz Bilz, Historiker, und Dr. Peter Liebermann, Psychiater u. Psychotherapeut
Bilanz und Ausblick: Suraya Hoffmann, FrauenWegeNahost


Hinweise:

Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“
http://www.lib-hilfe.de/fakten_ausstellung.html

Ausstellungstafeln
http://www.lib-hilfe.de/mat/ausstellung/Ausstellung_Nakba.pdf

Ausstellungskatalog
http://www.lib-hilfe.de/mat/ausstellung/Broschuere_Nakba.pdf

Online-Flyer Nr. 358  vom 15.06.2012

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