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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Sport
1.FFC Frankfurt unterliegt Lyon im Champions League Finale mit 2:0
Leadership fortan olympi(sch) frankophon
Von Bernd J.R. Henke

Camille Abily und Eugénie Le Sommer, die Torjägerinnen des europäischen Titelverteidigers Olympique Lyonnais, erzielten beim 2:0 Finalsieg gegen den 1. FFC Frankfurt beide ihr neuntes Saisontor und wurden damit gemeinsam Torschützenköniginnen der Champions League Serie 2011/2012. Schon vor dem Endspiel im Münchner Olympiastadion lagen die frankophonen Lyonerinnen mit acht Toren in Front. Gegen Herausforderer 1.FFC Frankfurt gelang die Steigerung. Während Frankfurt mit den Toren haderte, schossen Lyons Frauen Tore. Olympique Lyonnais (OL) gelang als erster Mannschaft Europas die Titelverteidigung im neu kreierten Wettbewerb UEFA Women´s Champion League (UWCL).

Melanie Behringer (FFC) machte die Bemühungen des FFC Frankfurt zunichte, als sie nach eigenem Ballverlust im Strafraum Shirley Cruz Trana (OL) per Grätsche niederstreckte. Elfmeter in der 15. Minute, im Bildhintergrund v. li.: Schiedsrichterin Jenny Palmquist (SWE), Dzsenifer Maroszán (FFC) , Camille Abily (OL),
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, Neu-Isenburg
 
Mehr Ehrlichkeit
 
Seit dem überraschendem Rücktritt von Weltfußballerin Birgit Prinz und dem etwas unverständlichen Weggang einer scheinbar ausgemusterten Torjägerin Conny Pohlers sucht der deutsche Rekordmeister bisweilen seine spielerische Klasse und eine Vollstreckerin der Torchancen – vor allem im Bereich des Sechzehners. Der Generationswechsel in Frankfurt hat zwar erfreulicherweise begonnen, doch zeigen sich jetzt Mängel in der Zusammensetzung des Kaders. Das Frankfurter Team in dieser WM-Nachsaison wird in Zukunft so nicht mehr zusammenspielen - es reichte zwar zum Weiterkommen in das Finale, aber um ganz vorne mit zu spielen, bedarf es der Ehrlichkeit und der menschlichen Souveränität, den Verlauf Krise und die Art der Fehler zu benennen, um zukünftig noch mithalten zu können.

Éugenie Le Sommer (OL) legt sich den Ball zurecht zum Elfmeterschuss, es folgt die wichtige 1:0 Führung, im Hintergrund v. li.: Saki Kumagai (FFC), Sarah Thunebro (FFC), Sandra Smisek (FFC), Svenja Huth (FFC), Gina Lewandowski (FFC), Corine Franco (OL)
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, Neu-Isenburg
 
Mehr Typen
 
Es fehlte beim FFC Frankfurt eine torhungrige Sturmspitze sowie ein eingespieltes System des Kollektivs. Potsdam beherrscht und demonstriert es jedes Jahr von Neuem.Trifft nicht Mittag oder Lira, dann trifft Nagasato das Tor, trifft nicht Yuki ins Schwarze , dann trifft Patricia Hanebeck, trifft sie nicht, dann schiesst Genoveva Anonma das Tor. Für Trainer Sven Kahlert und sein fachlich gutes Team bedeuten die nächsten beiden Jahre harte Arbeit und eine konsequentere Gangart, um aus den hervorragenden Frankfurter Einzelspielerinnen eine homogene Einheit zu formen. Olympique Lyon benötigte dazu mehr als ein halbes Jahrzehnt. Ob die personelle, bisweilen hektische Einkaufspolitik des Managers und Investors Siegfried Dietrich noch zeitgemäß ist, bleibt abzuwarten. Jedenfalls verfügt das Potsdamer sportlich verfeinerte System - nennen wir es „Schröder“ - über Kräfte und Fähigkeiten, die es möglich machen, trotz personellem Aderlass sprichwörtlich am Ball zu bleiben. Olympique Lyonnais zeigte mit dem überragenden Sieg, dass es nunmehr mit Recht als die Nummer 1 im europäischen Vereinsfußball angesehen werden kann. 

Olympique Lyonnais führt 2:0 durch die beste Spielerin des Spiels,Camille Abily (OL), im Hintergrund die Toranzeige zum 2:0, die OL-Spielerinnen v.li.: Corine Franco, Louisa Necib, Shirley Cruz Trana, Camille Abily, Éugenie Le Sommer, Lotta Schelin, Sonia Bompastor, davor alleine stehend: Meike Weber (FFC)
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, Neu-Isenburg

Kopfball durch Lotta Schelin (OL) bedrängt von Kerstin Garefrekes (FFC), davor lauernd Saki Kumagai (FFC), Saskia Bartusiak (FFC), Camille Abily (FFC), vor dem Tor stehend: Meike Weber (FFC) und Torfrau Desirée Schumann (FFC)
Foto: Dietmar Tietzmann, Frankfurt
 
Maß aller Dinge
 
Der bajuwarische Fußballexperte Joe Blaha tief beeindruckt kurz nach Spielende: „Lyon ist jetzt das Maß aller Dinge. Der Anspruch der gegnerischen Mannschaft ebenso zu sein, gilt mehr als übertrieben. Das Siegerteam von Lyon besitzt mehr Typen mit starkem effizientem Drang zum Tor des Gegners.“ Professionalismus hat etwas mit realer Wahrnehmung und Beobachtung der Gegner zu tun, das zeigte das kämpferische Spiel im Olympiastadion vor über 50.000 Zuschauer und dem ungenutzten Heimvorteil der Deutschen. Die französischen Torschützenköniginnen schienen unbelasteter mit dem Großevent umzugehen als die Nationalspielerinnen im FFC-Trikot.

Sarah Thunebro (FFC) nach Spielende, stille einsame
Trauer und Erschöpfung der schwedischen
Nationalspielerin, Trost: sie startet bei Olympia 2012
in London für die Nationalmannschaft des WM-Dritten
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, Neu-Isenburg
Novum
 
Obwohl Le Sommer nach ihrem platziert geschossenen Elfmeter in der ersten Spielhälfte mit neun Toren in der Torjägerliste kurz vorne lag, zog Camille Abily mit einem Volley aus knapp dreißig Metern kurz danach nach. Dass zwei wasch- echte Freundinnen einer UWCL-Sieger-mannschaft gemein- sam Torschützen-königinnen wurden, ist ein absolutes Novum im europäischen Wettbewerb der Champions League. Allein dieses Phänomen symbolisiert sowie signalisiert eine Wachablösung im europäischen Frauenfußball. Lange Jahre galten die deutschen Vereinsmannschaften wie 1. FFC Turbine Potsdam, 1. FFC Frankfurt und auch FCR 01 Duisburg als die führenden Teams.

Nachdenklich nach der Siegerehrung: Fatmire Bajramaj und Kim Kulig - die Kreativ Abteilung des deutschen Frauenfußballs, beide waren leider verletzt, ihre Verunsicherung war spürbar, sie hätten alles dafür gegeben, um mitzuspielen, ohne sie war Frankfurt nur die Hälfte wert,
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, Neu-Isenburg
 
Lernen bildet
 
Nach dreimaliger Final-Teilnahme und zweimaliger Überreichung der Krone in der König(innen)sklasse durch UEFA Präsident Michel Platini steht Olympique Lyonnais nunmehr ganz alleine auf dem Gipfel. Lyon ist das Maß aller Dinge. Die deutsche Vorherrschaft wurde aufgebrochen, wurde überholt und wurde zum Lernen eingeladen. Erfolge sind strukturell planbar und entwickelbar. Die deutsche Version des Frauenfußballs spielt nicht mehr olympisch, die Farben Europas vertreten im olympischen Jahr 2012 Schweden und Frankreich. Analyse und Lernen ist angesagt, Vertuschen gilt nicht. Lernen fordert und bildet.

Nicht immer im Bilde - die FFC Abwehr war nicht immer sattelfest - v. li.: Saskia Bartusiak, Kerstin Garefrekes, Gina Lewandrowski,
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, Neu-Isenburg
 
Hype
 
Das Geschwätz von der besten Frauenfußball Liga schmeichelt immer wieder, aber vermittelt und spiegelt auch ein Stück der deutschen Überheblichkeit. Das organisatorische deutsche Meisterstück der Frauen WM 2011 und der sensationelle Hype verhinderte vielleicht in der Gegenwart und Zukunft eine gemächliche Weiterentwicklung der eigenen Bundesliga. Themen wie Aufstockung der 1. Frauenbundesliga auf vierzehn Vereine oder eine höhere paritätisch verbandsinterne Beteiligung bei der Ausschüttung für die Frauen an den erwirtschafteten DFB TV Geldern öffentlich-rechtlicher und privater TV Sender. Die Frauen steigern die Mitgliederzahlen der Vereine und somit auch den Gesamteinfluss des DFB als Organisation in der Gesellschaft.

Olympiapark München - hier liegt das Olympia Stadion. Es gilt als die deutsche Sportstätte, in der die meisten internationalen Sportturniere im Männer-Profi-Fußball ausgetragen wurden. Hier fanden die Endspiele der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 und der Fußball-Europameisterschaft 1988 statt, zudem wurden hier drei Endspiele im Europapokal der Landesmeister bzw. der UEFA Champions League ausgetragen. 1979 gewann Nottingham Forest gegen Malmö FF, 1993 Olympique Marseille gegen den AC Mailand und 1997 Borussia Dortmund gegen Juventus Turin
Foto: Dietmar Tietzmann, Frankfurt
 
Go west
 
Auch eine Vereinbarung der Vereine mit der DFB Frauenfußball Direktion, dass in Zukunft allzu üppige WM Vorbereitungszeiten durch die Bundestrainerin und ihr Team nicht mehr möglich sein werden, gehört auf die Agenda. „DFB-Kuscheln“ warum? Andere Nationen wie Japan, USA, Frankreich und Schweden pflegten kürzere Vorbereitungszeiten vor der WM anzuberaumen. Und waren erfolgreicher. Marketing und Geld schießen keine Tore. Go west, schaut nach Frankreich.

Jubel der Lyonerinnen nach der Siegerehrung, im Blickfeld des Fotografen: Glamour Girl Louisa Necib - genannt auch Zidanette, sie spielte eine Halbzeit und wurde geschont für die französische Meisterschaft
Foto: Dietmar Tietzmann, Frankfurt

Die WM-Dritte Lotta Schelin zeigt stolz die schwedische Nationalflagge im Kreise der Lyoner Siegermannschaft. Schelin wird bei Olympia 2012 in London dabei sein so wie fast alle Spielerinnen von Olympique Lyon, die in der französischen Nationalelf spielen, in Deutschland schweigt man und schaut zu, die Welthauptstadt des Frauenfußballs heißt im Sommer nicht Berlin, nicht Köln, nicht Los Angeles oder Tokio, sondern London
Foto: Dietmar Tietzmann
(PK)


Online-Flyer Nr. 355  vom 23.05.2012

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