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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2019  

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Kultur und Wissen
"CECOSESOLA hat unseren Begriff vom Machbaren verändert"
Kooperativistas aus Venezuela in Köln
Von Alix Arnold

Am Montag, 23. April, können interessierte KölnerInnen um 19:30 Uhr im Naturfreundehaus Köln-Kalk, Kapellenstraße 9a, drei Kooperativistas aus der Bewegung  Cecosesola aus Barquisimeto in Venezuela kennen lernen. Sie sind zu einer zwei Monate langen Lesereise nach Deutschland gekommen, nachdem sie hier 2006 beim Kongress "Solidarische Ökonomie" in Berlin großes Interesse an ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit Selbstverwaltung und Basisdemokratie wahr genommen hatten und deshalb beschlossen, dazu ein Buch herauszugeben. Das werden sie nun in einem Dutzend Städten vorstellen. – Die Redaktion
 
Cecosesola feiert 2012 sein 45-jähriges Bestehen. Ein stolzes Alter, in dem die meisten Bewegungen längst zerschlagen, vereinnahmt oder in bürokratischen Mechanismen erstarrt sind. Was wir während unserer verschiedenen Besuche bei diesem Kooperativen-verbund mitbekommen haben, macht jedoch einen völlig anderen, höchst lebendigen Eindruck. Ständig wird diskutiert, ohne festgelegte Tages-ordnung, ohne Moderation oder Rednerliste, aber fast immer in kon- struktiver respektvoller Atmosphäre.
 
Erst nach und nach erschließt sich dem Besucher von außen dieses feine Geflecht von großen und kleinen, langen und kurzen Versammlungen, von Aussprachen und Schulungen, Austausch- und Lernprozessen. Mit dieser intensiven Gesprächskultur gelingt es den Kooperativistas von Cecosesola, Selbstverwaltung ohne Chefs in einer Größenordnung zu betreiben, die nach hiesigen Erfahrungen schwer vorstellbar ist (siehe unten: Cecosesola in Zahlen).
 
Es war ein langer Weg von den ersten Versuchen, die Vorstandsposten abzuschaffen, bis zur heutigen horizontalen Struktur, in der nicht mehr abgestimmt, sondern im Konsens entschieden wird. Das Projekt durchlebte heftige Krisen und stand ökonomisch mehrfach am Rande des Ruins. Immer wieder mussten für große und kleine Probleme Lösungen ge- und erfunden werden. Die Erfahrung, dies auch in scheinbar aussichtslosen Situationen kollektiv schaffen zu können, ist ein großer Reichtum – nicht nur für die Beteiligten.
 
Die Kooperativistas sagen von sich: "Wir sind organisierter als eine Bewegung und bewegter als eine Organisation." Und tatsächlich vermittelt der Alltag in den Kooperativen den Eindruck, dass alles im Fluss ist. Dieselbe Person, die du gestern als Therapeut im Gesundheitszentrum getroffen hast, steht vielleicht morgen auf dem Gemüsemarkt als Verkäufer hinter dem Stand oder nach dem gemeinsamen Mittagessen an der Spüle. Rotation ist Prinzip: Niemand soll sich auf bestimmten Posten einbunkern oder es sich auf Kosten anderer bequem machen. Die Aufgaben in der Verwaltung werden immer wieder von neuen Kooperativistas übernommen, damit möglichst viele auch diese Bereiche kennen lernen und sich die entsprechenden Kompetenzen aneignen können.
 
Wenn du bei Cecosesola nach einem Zustand fragst, wird meist ein Prozess geschildert: Entwicklungen, Gefahren, Möglichkeiten, Rückschläge, Aussichten. So ist Cecosesola nach fast einem halben Jahrhundert immer noch "auf dem Weg". Der Versuch, die kapitalistisch-patriarchale Kultur zu überwinden und stattdessen zu einem solidarischen Miteinander zu kommen, wird mit Versammlungen und Diskussionen ständig weiter vorangetrieben.
 
Die Kooperativistas haben ihre Erfahrungen in Texten und Videos dokumentiert. BesucherInnen sind willkommen – auch bei all den Treffen und Versammlungen – und es findet sich immer jemand bereit, die Geschichte von Cecosesola zu erzählen oder auch eine Führung durch die verschiedenen Arbeitsbereiche zu machen. Dabei ist der Stolz auf das kollektive Werk spürbar. Aber die AktivistInnen wollen ihr Projekt keinesfalls als Modell verstanden wissen. Sie betonen, dass solche Prozesse von unten entstehen und die Beteiligten je nach ihrer Ausgangssituation ihren eigenen Weg finden müssen. Aber die von Cecosesola festgehaltenen Erfahrungen können für diese eigenen Wege bereichernd sein, und in einer Hinsicht sind sie doch ein Modell: Für den Mut, Dinge anzupacken und Ziele anzustreben, die in dieser Gesellschaft nicht vorgesehen und eigentlich nicht machbar sind.
 
Cecosesola in Zahlen
 
Cecosesola ist die Abkürzung von "Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara" (Zentrale Kooperative für Soziale Dienstleistungen im Staat Lara). Der Dachverband der Kooperativen für soziale Dienstleistungen im Bundesland Lara wurde Ende 1967 gegründet. Lara liegt im Westen Venezuelas. Hauptstadt ist Barquisimeto mit einer Million EinwohnerInnen. Hier betreibt Cecosesola drei Wochenmärkte, auf denen sich jede Woche 55 000 Familien – etwa ein Viertel der Stadtbevölkerung – mit Obst, Gemüse und Lebensmitteln versorgen. 450 Tonnen Obst und Gemüse werden wöchentlich verkauft. Die Preise liegen durchschnittlich 30 Prozent unter denen von privatwirtschaftlich betriebenen Märkten. Daneben gibt es einen Laden für Haushaltsgeräte und Möbel, in dem Mitglieder die Produkte mit Ratenzahlungen ohne die üblichen hohen Zinsen kaufen können.
 
In den sechs Projekten der Gesundheitsversorgung werden pro Jahr 190.000 Behandlungen durchgeführt. 2009 wurde das neu erbaute Gesundheitszentrum cics eingeweiht. Hier werden alternative Behandlungsmethoden wie Akupunktur und Massagen angeboten, aber auch chirurgische Eingriffe sowie Labor- und Röntgenuntersuchungen. Die Preise liegen 60 Prozent unter denen privater Kliniken. Für Mitglieder der Kooperativen sind bestimmte Behandlungen kostenlos.
 
Das erste Projekt von Cecosesola war ein Beerdigungsinstitut. Es ist heute das größte in der Region; 20 000 Familien zahlen hier monatlich kleine Beiträge ein. Das Institut betreibt eine eigene Sargproduktion. Zum Verbund gehören weiterhin Landwirtschaftsbetriebe: Zwölf Organisationen in den Bundesländern Lara und Trujillo mit mehr als 200 landwirtschaftlichen Kleinbetrieben (2-3 Hektar) beliefern die Märkte. In einigen Betrieben wird versucht, Agrochemie durch biologische Methoden zu ersetzen. Kleine Produktionsgenossenschaften stellen Lebensmittel her, die auf den Märkten verkauft werden: Brot, Vollkornnudeln, Getreideflocken, Tomatensauce, Kräuter, Gewürze, Honig, Fruchtmark usw. Außerdem gibt es Transportbetriebe, eine Sparkasse und andere Finanzierungs- und Solidaritätsfonds. 2010 betrug der Umsatz all dieser Unternehmen 430 Millionen Bolívares – 100 Millionen US-Dollar nach dem offiziellen Kurs.
 
Über fünfzig Basisorganisationen mit insgesamt 20 000 Mitgliedern (Beschäftigte und NutzerInnen) sind dem Verbund angeschlossen. 1200 Kooperativistas arbeiten als "Hauptamtliche" (trabajadores asociados) bei Cecosesola. Sie bekommen ihren Unterhalt direkt vom Gesamtverbund. In Abgrenzung von der Lohnarbeit wird diese wöchentliche Auszahlung "Vorschuss" (anticipo) genannt. Die Höhe entspricht etwa dem Doppelten des Mindestlohns. (Der monatliche Mindestlohn wurde im Oktober 2011 auf 1552 Bolívares angehoben – 361 US-Dollar nach offiziellem Kurs. Da der Tausch reglementiert ist, existiert ein Schwarzmarkt, auf dem der US-Dollar etwa das Doppelte des offiziellen Kurses von 4,30 Bolívares kostet. Der Vorschuss ist nicht für alle gleich, sondern richtet sich nach dem Bedarf: Wer z.B. Kinder hat, bekommt mehr. Die Hauptamtlichen arbeiten rotierend in den Kernbereichen des Verbundes.
 
Nach einem neuen Gesetz von 2001 müssen Kooperativen nicht mehr zwingend einen Vorstand haben. Hierarchische Posten sind seitdem bei Cecosesola abgeschafft. Sämtliche Mitglieder können sich jederzeit auf allen Ebenen mit den gleichen Rechten einmischen. Entscheidungen werden im Konsens getroffen und erneut zur Diskussion gestellt, falls jemand im Nachhinein sein Nicht-Einverständnis erklärt, unabhängig davon, ob die Person an der Entscheidung beteiligt oder abwesend war. 2011 fanden etwa 3000 der wöchentlichen Treffen in einzelnen Kooperativen und Projekten statt, sowie 300 übergreifende Versammlungen. (PK)
 
Alle Termine der Lesereise
 
Köln Mo 23.4.
19:30 Naturfreundehaus Köln-Kalk • Kapellenstraße 9a • 51103 Köln-Kalk
 
Leverkusen Mi 25.4.
19:30 Wechselwirkung • Schulstrasse 5 • 51373 Leverkusen •••
 
Dortmund Do 26.4.
19:30 Taranta Babu • Humboldtstr. 44, 44137 Dortmund
 
Lemgow/Wendland Fr 27.4.
19:30 AufBruchLandung, Volzendorf 13, 29485 Lemgow/Wendland (im
Hinterhof)
 
Berlin Mi 2.5.
19:00 Familiengarten • Oranienstr. 34 • 10999 Berlin (U-Bahn-
hof Kottbusser Tor)
 
Berlin Do 3.5. 11:00 bis 17:00 (Tagesseminar) • Kulturkantine Ge-
werbehof Saarbrücker Str. 24 (Haus C, 4. Obergeschoss) • 10405 Berlin (U-Bahnstation Sennefelder Platz)
 
Berlin Do 3.5. 20:00 (Filmabend) • Regenbogenfabrik • Lausitzer Str.
22a • 10999 Berlin (U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof)
 
Niederkaufungen Fr 4.5. 19:30
Kommune Niederkaufungen • Kirchweg 1 • 34260 Kaufungen
 
Kassel Sa 5.5. 19:00
Kulturzentrum Schlachthof • Kemal-Altun-Platz • Mombachstraße 10-12 • 34127 Kassel
 
Mönchengladbach Mo 7.5
19.30 Buchhandlung Prolibri • Schillerstr. 22-24 • 41061 Mönchen-
gladbach
 
Frankfurt Mi 9.5. 19:00 Saalbau Gallus Raum 3 • Frankenallee 111 • 60326
Frankfurt
 
Wiesbaden Do 10.5 19.00 Infoladen linker Projekte • Werderstrasse 8 • 65195 Wiesbaden
 
Mannheim Mo 14. Mai 19:00 Ökumenisches Bildungszentrum Sanctclara •
Mannheim • B 5/19
 
Mannheim Fr 18. Mai 16:00 Zentrum Globale Verantwortung •Friedrich-List-Schule • C6/1 • Mannheim
 
Hamburg Mi 6. Juni 20:00 Gängeviertel e.V. •
Valentinskamp 39 • 20355 Hamburg
 
Das Buch,
 
das zur Grundlage dieser Lesereise wurde, heißt
"Cecosesola, Auf dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela",
Es erschien in Berlin im Februar 2012, hat 168 Seiten, kostet 9 Euro.
Bestellungen an: www.DieBuchmacherei.de
 
Webseite von cecosesola http://cecosesola.blogspot.com
 
Alix Arnold hat diesen Beitrag für CONTRASTE - Zeitung für Selbstorganisation, Nr. 330 geschrieben, aus der wir ihn mit Dank übernommen haben.


Online-Flyer Nr. 350  vom 18.04.2012

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