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Aktueller Online-Flyer vom 21. April 2021  

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Inland
Ostermarschrede eines Rentners zur Abschlusskundgebung in Potsdam
„Freiheit statt Kapitalismus!"
Von Rainer Thiel

Auf der Abschlusskundgebung des Ostermarschs in Potsdam am 31. März hat der Rentner Rainer Thiel eine Rede gehalten, die jetzt in der seit 16 Jahren erscheinenden "Leserzeitung Barnimer Bürgerpost“ in Eberswalde am Kiosk erscheinen soll, ebenso in der April-Ausgabe der unabhängigen "Kleinzeitung Artikel Eins". Weil auch wir diese Rentner-Rede für lesenswert halten, haben wir sie in die NRhZ gestellt. – Die Redaktion
 
Liebe Freunde,
seid gegrüßt aus Storkow und Berlin, von einem Rentner, der aktiv ist in "Soziale Bewegung Land Brandenburg", bei ATTAC bundesweit und bei UMOD - der Unabhängigen Montags-Demo in Berlin am Fernsehturm. Zugleich auch Freund der Freidenker. Und Friedensfreund bin ich sowieso. Ich habe als Vierzehnjähriger im Bombenhagel gestanden, ich habe Feuer zu löschen versucht, bis die Wassereimer leer gewesen sind. Aus dem brennenden Haus habe ich eine alte, demenz-kranke Frau mit meinem Vater die Treppen hinab getragen, der Feuersturm blies ihr das Nachthemd vom Leibe, und ich sah, was sich darunter verbarg. Ein paar Straßen weiter ist meine Oma bei lebendigem Leibe verbrannt. Zehn Zentimeter Neuschnee, kurz vor den Bomben herabgefallen, waren in einer Nacht hinweg geschmolzen, und meine Augen waren voller Ruß vom Feuer. Die ganze Innenstadt von Chemnitz zerbarst, noch wochenlang stank es nach Asche und verbranntem Holz.
 
Doch ich begann zu lernen. Und zu singen: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt...“ So begann die Hymne einer jungen Republik. Das gefiel mir besser als „Deutschland Deutschland über alles, über alles in der Welt...“ Und so bin ich Kommunist geworden. Das Höchste schien mir, dass die arbeitenden Menschen einig sind und die Wirtschaft in ihre Hand nehmen. Wir sprachen von "VEB" und von "Einheit der Arbeiterklasse". Und jeder hatte einen sicheren Arbeitsplatz. Die Frauen wurden berufstätig, die Kinder waren glücklich in der Kita, die Frauen hörten auf, den Männern untertan zu sein. Das war richtig, das war Freiheit. Doch wir Initiatoren waren oft zu arrogant. Und so kam es, dass unsre Mitbürger uns nicht mehr haben wollten, obwohl wir recht gehabt hatten. Und als unsre Mitbürger endlich auf die Straße gingen und riefen, „Wir sind das Volk“, da war es schon zu spät. Millionen verloren ihren Arbeitsplatz.
 
Heute ist die Gesamtheit der Erwerbsfähigen tief gespalten: Es gibt Jobbende, und es gibt Erwerbslose. Es gibt Tarif-Löhner, und es gibt Leiharbeiter. Wenn Frauen ihren Leib verleihen, gilt das als Hurerei. Doch heute gibt es Menschen beiderlei Geschlechts, die verleihen ihren Leib durch Leiharbeit. Und es gibt Hartz-IV-Betroffene, die so arm sind und so schikaniert werden, dass sie psychisch tot am Boden liegen. Einige von ihnen verleihen ebenfalls ihren Leib im Ein-Euro-Job.
 
Dabei haben wir ein Grundgesetz, das mit den Worten beginnt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Doch die staatliche Gewalt hat vor der Wirtschaft kapituliert. Die Parteien im Bundestag haben das Grundgesetz unterlaufen. Daran sind wir selber schuld, denn in unsrem Grundgesetz steht auch: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Doch die Staatsgewalt haben wir noch nie in die Hand genommen.
 
Also muss unsren Mitbürgern Mut gemacht werden, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt in die eignen Hände zu nehmen. Von Attac und Occupy gehen Impulse aus. Doch warum ist ihr Werk so schwierig? Die Jobbenden sind nach ihrer 40-Stunden-Arbeitswoche k.o. und versinken abends vorm Televisor. Keine Kraft, um auf die Straße zu gehen. Und die Langzeitarbeitslosen sind super-arm und psychisch kaputt.
 
Aus Angst vor Erwerbslosigkeit leisten die Jobbenden Überstunden und lassen sich antreiben. Der DGB publizierte in diesen Tagen Statistiken und verkündete im Internet: „Bundesweit jeder zweite Beschäftigte fühlt sich bei der Arbeit sehr häufig oder oft gehetzt – die Frauen sind besonders betroffen. 63 Prozent der Jobbenden bemerken, dass sie immer mehr leisten müssen. 20 Prozent leisten 10 und mehr Überstunden.“ Das sind die Fakten, ich habe nur das Bürokratendeutsch gemildert.
 
Also Arbeitshetze, Überstunden, Stillehalten. Warum, zum Teufel, lassen sich das die Jobbenden gefallen? Sie glauben, jeder müsse als Einzelner seinen Arbeitsplatz verteidigen. Als Einzelner. Als Einzelner. Der Mensch als Einzelner! Alles andere wäre kollektiv und kommunistisch. So tönt es in den Medien. Warum aber, zum Teufel, greift die Gewerkschaft nicht ihre stolzen Traditionen auf und fordert Arbeitszeitverkürzung, 30-Stundenwoche, mit vollem Lohnausgleich?
 
Arbeitfairteilen. Vollzeitarbeit neuen Stils. Mit diesem Kompass hat es ja schon mal 150 Jahre lang funktioniert. Die Arbeitszeit wurde von 80-Wochenstunden im 19. Jahrhundert bis auf 35 Wochenstunden am Ende des 20. Jahrhunderts reduziert. Das hat Kampf gekostet, doch es ging. Warum wird das nicht wieder aufgegriffen? Warum wird dieser Kompass nicht wieder zur Hand genommen? Dann würden Arbeitsplätze frei werden für die Hartz-IV-Geschundenen, und die bisher 40-Wochenstunden-Löhner hätten Zeit für ihre Familien, für ihre Kinder, für Hobby, Sport und Politik! Das müsste der Kompass sein.
 
Und für den Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung gibt es jede Menge Geld. Ich habe mal geschätzt: 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr. Dann könnte auch ein Niedriglöhner bei 30 Stundenwoche mehr Geld in die Tasche kriegen als bei 40-Stundenwoche. Und das Problem des Mindest-Lohnes wäre gleich mit gelöst. Stattdessen bröseln Politiker, ob 8,50 oder 10 Euro Mindestlohn möglich seien. Aber wir brauchen nur mal zu fragen, wo die 200 oder 300 Milliarden Euro bleiben, die der Staat den Banken und den Konzernen zukommen lässt. Wir sollten auch mal beginnen, in Kategorien des Strafgesetz-Buches zu denken. Was die Regierung macht, ist, Gelder zu veruntreuen, die vom Volk erarbeitet worden sind.
 
Den Hut aber ziehe ich vor den Mitbürgern, die in unsrer Region zu Tausenden gegen den Flug-Lärm auf die Straße gehen. Ich ziehe den Hut vor den Mitbürgern, die zwischen Oder und Spree den Energie-Riesen Vattenfall in die Schranken gewiesen haben, und ich ziehe den Hut vor unsren Freunden von Attac und Occupy, die mit dem Ruf auf die Straße gehen: „Banken in die Schranken, Banken entmachten“.
 
Da ist es nicht mehr weit bis zu dem Ruf: „Die Großbanken in Volkes Hand, das Volk sind wir!“ Was heißt denn überhaupt Eigentum? Vom Grundgesetz geschützt ist das kleine Eigentum, vom Häuslebauer bis zum Mittelständler. Das ist geschützt durch das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). Doch die Bäume dürfen nicht in den Himmel wachsen. Als die Saurier zu groß wurden, starben sie aus. Das hat die Natur zuwege gebracht. Und Super-Saurier hat die Natur gar nicht erst entstehen lassen.
 
Wir brauchen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, aber wir brauchen keine Großbanken. Sie sind ein Teufelszeug, ein Teufelsgezücht. Wem das Wort nicht gefällt, dem sage ich: Nicht ich bin es, der teufelt, nein, das haben die Regierenden mit ihrer Wirtschafts-Politik getan. Der kreative, solide Mittelstand ist gedopt worden, gedopt, sodass mit Doping-Mitteln Super-Saurier entstanden. Wenn das sogenannte Eigentum so groß wird, dann hört es auf, Eigentum im Sinne der Gesetze zu sein. Dann muss es in die Hand des Volkes. Schon vor dreißig Jahren hat ein Jura-Professor in Hamburg gesagt: Eigentlich brauchen wir nicht mal von „Enteignen“ zu sprechen. Was super-groß ist, „muss außer Eigentum gestellt werden“. Auf die Größe kommt es an! Also bitte: Was zu groß ist, „Außer Eigentum stellen!“ Und wenn es technologisch sinnvoll ist: dann muss es in des Volkes Hand. Ich fühle mich bestärkt durch Sahra Wagenknecht. Ihr jüngstes Buch heißt „Freiheit statt Kapitalismus!“. Das hat mir geholfen, mich zu steigern: Anfangs war unser Ruf „Wir sind das Volk“. Ich füge hinzu: „Das Volk ist die Natur“. Und nun folgt für mich der dritte gute Spruch: „Freiheit statt Kapitalismus!“
 
Aber die bescheidenen Lohnarbeiter, die gewöhnt sind an vorgegebenen Arbeitsrhythmus, an den Takt der Maschinen, der Fahrpläne und der Kundenbetreuung, also die Rhythmus-Gewohnten, sie brauchen Ermutigung durch die Gewerkschaft, durch linke Parteien. Die Rhythmus-Gewohnten waren schon mal anfällig geworden für Reden großer Redner. Da gewannen sie sogar den Mut, in große Kriege zu ziehen. Das haben sie bis heute nicht verkraftet. Sie sind in Not und brauchen Hilfe.
 
Doch wo bleibt die Hilfeleistung? In Klammern füge ich hinzu: Bei unterlassener Hilfeleistung wird vom Strafgesetzbuch Freiheitsstrafe oder Geldstrafe angedroht. Siehe § 323c. Daran möchte ich alle erinnern, die mit Politik ihr Geld verdienen. Ich bestrafe alle Parteien damit, dass ich seit 20 Jahren parteilos bin.
 
Doch wir müssen uns vor allem selber helfen. Wir brauchen nicht nur Klage über Hartz IV, wir brauchen Alternativen: Arbeit für alle, 30-Stunden-Woche für alle und mit Entgeltausgleich, damit die Spaltung überwunden wird. Dann sind wir stark. Das schreiben wir auch allen Parteien ins Stammbuch. So kommen wir dem Ziele näher: "Freiheit statt Kapitalismus!" (PK)


Online-Flyer Nr. 349  vom 12.04.2012

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