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Aktueller Online-Flyer vom 07. Juni 2020  

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Inland
Erfolgreiche Internetkampagne zum G8-Gipfel in Rußland
Bielefelder Studenten vorzeitig frei
Von Peter Kleinert

Erst wurden zwei Bielefelder Studenten am 11.Juli im russischen St. Petersburg zu zehn Tagen Haft verurteilt, weil einer von ihnen angeblich gegen ein parkendes Auto gepinkelt hatte. Dann wurden sie in der Nacht zum 16. Juli eilends wieder frei gelassen und nach Estland abgeschoben. Eine Unterschriften-Aktion des Bielefelder Studierendenparlaments im Internet und die Medienarbeit des Campus-Radios www.radiohertz.de hatte bei der russischen Regierung zum G8-Gipfel offenbar Wirkung gezeigt.

Die beiden Bielefelder Fotographiestudenten Eike Korfhage und Henning Wallerius hatten, wie die NRhZ in aktuellen Meldungen berichtete, seit Anfang Juni eine Fahrradkarawane von G8-Kritikern auf dem Weg zum Gipfel nach Russland begleitet. Über die Reise hatten sie als Korrespondenten des Bielefelder Campus-Radios "Hertz 87.9" regelmäßig berichtet. Sie wollten auch über die Gegendemonstrationen zum G8-Gipfel Bericht erstatten. Außerdem, so ihr Studiendekan im Fachbereich Gestaltung, Moritz Götte, sollte die Reise der beiden nach Peterburg Material für eine Fotoreportage im Rahmen einer Seminararbeit an der Fachhochschule liefern.

Am Freitag, 7. Juli, waren die Studenten in Petersburg angekommen. Am Montagmorgen  wurden sie von der russischen Miliz vor ihrer Unterkunft kontrolliert und verhaftet. Nach zwölf Stunden wurden sie einer Haftrichterin vorgeführt, die die Entscheidung aber zunächst aufschob. Am Dienstag, 11.Juli, wurde ihnen dann in einer Gerichtsverhandlung "Urinieren in der Öffentlichkeit" vorgeworfen - ein Bagatelldelikt, das eigentlich auch mit einer Geldstrafe von 500 Rubel (ca. 15 EUR) hätte belegt werden können. Beide bestritten in einem auf MP3 aufgezeichneten und gesendeten Interview mit "Hertz 87.9", dass die Anklage der Wahrheit entspreche. Sie seien der Meinung, dass eventuelle G8-Kritiker zum Wochenende 15. bis 17. Juli ruhig gestellt werden sollten, und dass die Miliz sie mit diesen in einen Topf geworfen habe. Nur so könnten sie sich die merkwürdige Anklage und das Urteil erklären.

Henning Wallerius und Eike Korfhage wieder frei
Henning Wallerius und Eike Korfhage wieder frei
Foto: radiohertz.de


Zwei Tage nach dem Urteil brachte die Vorsitzende des Studierendenparlaments der Fachhochschule und Mitglied des Campus-Radio-Teams, Linda Mieleck, eine Online-Petition auf dem virtuellen Campus der FH in die Öffentlichkeit. Die Petition, in der unter anderem die sofortige Entlassung von Henning Wallerius und Eike Korfhage gefordert wurde, unterschrieben in drei Tagen fast 1.300 Studierende - sogar von Hochschulen in Warschau und Sidney. Am 12. Juli besuchte eine Vertreterin des deutschen Generalkonsulats die beiden Häftlinge, am 14. Juli versprach Außenminister Steinmeyer im WDR, sich um den Fall zu kümmern. In der Nacht zum 16. Juli waren die beiden Verurteilten wieder frei und konnten ihren KollegInnen vom Campus-Radio ein erstes Interview aus einer Schule im estländischen Narva geben. Henning Wallerius gegenüber "Hertz 87,9" auf die Frage, warum sie so plötzlich entlassen worden seien: "Da haben wir überhaupt keine Ahnung. Wir wissen es einfach nicht." Eigentlich hätten sie noch bis zum 20.Juli "einsitzen" müssen.

Kommentar von Kathrin Sielker, Chefredakteurin des Campus-Radios für Bielefeld: "Die gesamte Redaktion ist überaus erleichtert, dass Henning und Eike den Gefängnisaufenthalt gesund überstanden haben. Die vorzeitige Entlassung kam auch für uns völlig überraschend. Vielleicht hat ja der öffentliche Druck auf die russischen Behörden durch Medien und Politik etwas bewirkt." Und Linda Mieleck zur NRhZ: "Den beiden geht es soweit sehr gut, und sie werden voraussichtlich in wenigen Tagen wieder in Deutschland sein! Wir freuen uns!"

Am Montag gaben die beiden Studenten Campus-Radio noch ein Interview aus dem estischnen Tallin. Sie bedanken sich für den Druck auf den russischen Staat, ohne den sie, so Henning, wahrscheinlich nicht vorzeitig entlassen worden wären. In St. Petersburg seien aber noch über 200 russische G8-Aktivisten gefangen, unter ihnen auch ein Freund aus der Schweiz! Die Unterschriftenaktion auf dem virtuellen Campus der Fachhochschule Bielefeld solle deshalb auf jeden Fall weiter laufen und für die restlichen Inhaftierten genutzt werden.


Online-Flyer Nr. 53  vom 18.07.2006

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