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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Sport
Deutsches Sturmduo Mittag & Da Mbabi bezwingt Schweiz klar mit 6:0
Célia im Schweizer Torhimmel
Von Bernd J.R. Henke

Das Schweizer Frauen-Nationalteam startete verheißungsvoll. Nominiert als exzellenter Angerer-Ersatz und nunmehr Deutschlands Torfrau Nummer 1 musste Almuth Schult schon sehr früh (3.) mit katzenhafter Sprungkraft einen fast unhaltbaren Torschuss der Schweizerin Sandy Maendly abwehren. Die in der italienischen Liga spielende Maendly (Torres Calcio) tauchte allein vor dem deutschen Tor auf, nach Hereingabe von Ramona Bachmann und trickreichem Zuspiel von Lara Dickenmann, und zog Volley aus der 10 Meter-Distanz ab.


Sturmerprobt und erfolgreich: Anja Mittag und Célia Okoyino da Mbabi
Foto: GCZ
 
Ein Aufschrei ging durch das Publikum. Die deutsche Torhüterin konnte den Ball noch knapp über die Latte lenken. Ein Paukenschlag besonderer Art, die Möglichkeit eines Punktgewinns zur EM-Qualifikation der Schweiz schien zum Greifen nah. Das Publikum im Stadion Brügglifeld in Aarau klatschte begeistert – immerhin waren die Hoffnungen auf einen wichtigen Punktgewinn nicht ganz unberechtigt. Die Schweiz versteckte sich nicht. Die Offensivabteilung der Schweizerinnen mit der Fußball-Legionärin Ramona Bachmann (LdB Malmö), der Champions League Gewinnern Lara Dickenmann (FC Olympique Lyonnais), der Torknipserin Ana Maria Crnogorcevic (1.FFC Frankfurt) und Vanessa Bürki (FC Bayern München) war keine Truppe der Namenlosen, sondern eine Formation europäischer Spitzenklasse.
 
Dass jenes Traumquartett an diesem Tag kaum zur Entfaltung kam, wenn man einmal von den gefährlichen Hebern von Vanessa Bürki (61.) und Ramona Bachmann (76.) sowie dem Lattenknaller von Isabelle Meyer (SC Freiburg) nach maßgenauem Freistoß von Lara Dickenmann einmal absieht, lag an der besseren Athletik der Schwarz/Rot/Goldenen sowie der größeren Schnelligkeit. Das Annehmen zweiter Bälle im Zusammenspiel der Eidgenossinnen fand kaum statt. Zu stark dominierten die Deutschen das Mittelfeld mit Viola Odebrecht und Lena Gößling. Das Annehmen zweiter Bälle im Zuspiel der Eidgenossinnen fand nicht statt, zu stark dominierten die Deutschen das Aufbauspiel. Das verabredete Pressing gelang nicht. Das taktische Konzept von Trainerin Voss-Tecklenburg, die Deutschen bei der Ballannahme zu stören, scheiterte. Die technische Überlegenheit der Deutschen ließ es nicht zu.


Gelbe Karte für Anja Mittag (LdB Malmö) durch Schiedsrichterin Tanja Schett, re. Martina Moser (VfL Wolfsburg)
Foto: GCZ
 
Hauptursache für die numerisch hohe Niederlage der Eidgenossinnen war eine schwache, wenig kompakt stehende Abwehr, die mit dem superstarken deutschen "Traumduo“ Anja Mittag und Célia Okoyino da Mbabi, welches fast blindlings das Schweizer Bollwerk ausspielen konnte, in ganzer Linie überfordert war. Da die deutsche Chancenfülle an diesem leicht unterkühlten Gründonnerstag-Vorabend vor 3600 Zuschauern im Stadion Brügglifeld in Aarau äußerst glückhaft verlief und nicht alle Chancen verwertet werden brauchten, waren die hochmotivierten Schweizerinnen mit ihren wenigen Torchancen zu keinem Zeitpunkt, außer in den ersten 20 Minuten, in der Lage das Spiel für sich zu gestalten.

Torschützin Célia Okoyino da Mbabi, daneben li. die enttäuschte Torhüterin Jennifer Oehrli (FC Basel)
Foto: GCZ
 
Quoten
 
Trotzdem war das Spiel in jeder Hinsicht auch ein Erfolg für die Organisatoren des Schweizerischen Fußballverbandes, die zu einem neuen Stadion-Zuschauerrekord für die eidgenössische Frauennationalmannschaft führte. Dank einer glücklichen Terminierung mit der ZDF-Liveübertragung erreichte man allein 2,71 Millionen Fernsehzuschauer in Deutschland. Laut media control entsprach die Zuschauerquote nicht nur einem Marktanteil von 13,0 Prozent, sondern auch dem höchsten Wert für ein Länderspiel der DFB-Frauen seit dem Ende der Frauen-WM 2011.
 
Das Frauenfußball Portal framba.de ergänzte: „In der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen konnte der 6:0-Erfolg der DFB-Frauen, bei dem Célia Okoyino da Mbabi erneut viermal traf, derweil (nur) 370.000 TV-Zuschauer erreichen. Das entspricht einem Marktanteil von (nur) 5,5 Prozent. Das Interesse der jungen Zuschauer am Frauenfußball bleibt somit weiterhin gering.“


Lara Dickenmann (FC Olympique Lyonnais), re. Melanie Behringer (1.FFC Frankfurt)
Foto: GCZ
 
In der 16. Minute tankte sich die blitzschnelle Anja Mittag auf Rechts bis an die Grundlinie durch. Ihren Querpass vollendete die mitgelaufene Célia Okoyino da Mbabi zur 1:0 Führung. Die nervösen Schweizerinnen vergaßen nun zusehends ihr anfängliches Selbstvertrauen. Zudem zog die DFB-Auswahl nun eine härtere Gangart auf, was zu einer gelben Karte für Anja Mittag führte, die mit einem Foul ihrer direkten Bewacherin Caroline Abbé (SC Freiburg) der Schweizer Abwehr den letzten Schneid wegnahm, ein zu hartes Pressing zu wagen. Die wachsende physische Dominanz der Deutschen stoppte jeden Angriff, sodass die offensiven Schweizer Leistungsträgerinnen keinen vernünftigen Ball vor die Füße bekamen.
 
In der 24. Minute fiel dann auch ohne nennenswerte Gegenwehr das 2:0 durch Anja Mittag, als sich zuvor über die linke Seite Melanie Behringer und Célia Okoyino da Mbabi durch die hinterste Reihe der Gegnerinnen durch kombiniert hatten. Nach einem Freistoß Behringers (30.) schien Torfrau Jennifer Oehrli den Ball sicher zu halten. Der rutschte ihr aber im letzten Moment durch die Handschuhe. Okoyino Da Mbabi lupfte den Ball sofort über die Schweizer Keeperin, doch kann Oehrli das runde Leder im letzten Moment noch von der Linie retten. Ein sehr lautes Raunen ging durch das Publikum...das Glückspotenzial der ersten Halbzeit war definitiv ausgeschöpft..!
 
In der 38. Minute flankte Anja Mittag herrlich von rechts in den Strafraum. Okoyino Da Mbabi - welche ohne Gegenspielerin neben sich auf die Hereingabe warten konnte - köpfte zum 3:0 in die untere rechte Torecke ein. Wiederum war Oehrli geschlagen. Das Bild der Trainerinnen zeigte den Unterschied von Zufriedenheit und Frustration. Bundestrainerin Silvia Neid sah sich die Partie dick eingepackt von der Coaching-Zone aus an. Ihre Hände versteckte sie in ihrem Mantel, viel zu dirigieren brauchte sie nicht. Ein anderes Bild auf der Gegenseite: Martina Voss-Tecklenburg in ihrem schwarzen Hosenanzug sprang von der Bank auf, gestikulierte und korrigierte.

Auflaufen der Mannschaften
Foto: Michael Gundlach, CH-Lostorf
 
Auffallend war das gute Zusammenspiel von Anja Mittag und Célia Okoyino da Mbabi. Auf die Frage von Annette Seitz in DFB-online: „Warum funktioniert das so gut?" antwortete Mittag: „Da gibt es eigentlich keinen speziellen Grund. Célia kann man im Moment eigentlich anspielen wie man will, die macht jedes Ding rein. Der Rest ergibt sich dann eben. Das ist ein Geben und Nehmen auf dem Feld. Es ist ja eigentlich egal, wer die Tore macht.“ Eine selbstbewusste Anja Mittag zeigte an diesem Tag eine Präsenz auf dem Platz wie lange nicht mehr. Darauf angesprochen meinte sie: „Der Wechsel nach Schweden, die Veränderung hat mir gut getan.“ Die 26-Jährige, die in der Winterpause vom 1. FFC Turbine Potsdam zum schwedischen Meister Malmö wechselte, präsentierte sich gereift, spielfreudig und selbstbewusst.
 
Eigentor
 
Für Schweizer Torgefahr sorgte weiterhin nur Maendly, deren Kopfball in der 40. Minute nur knapp am Tor vorbei flog. Nach der Pause hielt die Elf von Martina Voss-Tecklenburg etwas besser dagegen, torgefährlicher blieben aber weiterhin die Deutschen. In der 64. Minute fälschte die Abwehrspielerin Marie-Andrea Egli eine Hereingabe von da Mbabi ins eigene Netz ab. Das Eigentor wird aber in den Statistiken nicht erscheinen, das Tor wurde Anja Mittag gutgeschrieben.
 
In der 70. Minute erzielte Okoyino da Mbabi ihr drittes persönliches Tor. Sie traf per Kopf auf Flanke Bajramaj zum 4:0. In der 85. Minute köpfte sie nach einem Eckball ebenso wieder sensationell zum 6:0 ein. Ihr vierter persönlicher Treffer an diesem Abend. Okoyino da Mbabi machte in Aarau da weiter, wo sie gegen Spanien aufgehört hatte. Nach ihren vier Toren gegen die Spanierinnen gelang der 23-Jährigen auch in der Begegnung in der Schweiz ein Vier-Tore-Coup. „Es macht derzeit Riesenspaß. Aber es war noch mehr drin, wir haben noch Chancen liegen lassen", sagte die vierfache Torschützin nach der Partie. 15 Treffer in sieben Spielen, alle 35 Minuten ein Tor - Celia Okoyino da Mbabi ist 2012 nicht zu stoppen.
 
Nun könnte ein Rekord von Birgit Prinz fallen. „Sie hat einen Lauf", schwärmte selbst die Schweizer Trainerin und frühere deutsche Nationalspielerin Martina Voss-Tecklenburg, „sie könnte im Moment von der Mittellinie schießen, dann würde der Ball auch reingehen.“ Zum Spiel ihrer Mannschaft sagte Martina Voss-Tecklenburg in der Pressekonferenz; „Wir hatten uns viel vorgenommen, aber das umzusetzen, ist gegen so eine Klassemannschaft nicht einfach. Deutschland war sehr präsent und hat die Räume ausgenutzt. Wir können aus solchen Spielen viel lernen und das werden wir tun."
 
Schweizer Chancen gesunken
 
Für die Schweiz rückt nach der Heimniederlage die EM-Qualifikation in weite Ferne. Mitkonkurrent Spanien gewann gegen Kasachstan 13:0 gewann. Die letzten Chancen der Schweizerinnen auf den 2. Platz hinter Deutschland sind weiter gesunken. Der Rückstand auf die Spanierinnen beträgt weiterhin vier Verlustpunkte. Selbst wenn die Schweiz Spanien im Duell Mitte Juni schlagen sollte, ist sie auf weitere Fehltritte Spaniens angewiesen, die in den Heimspielen Spaniens gegen Rumänien und die Türkei unwahrscheinlich sind.

Abschied und Ehrung von Marisa Brunner
Foto: Julia Neuber-Albert, Frankfurt
 
Ein wichtiger offizieller Anlass war kurz vor dem Spiel die Verabschiedung der 78-fachen Nationaltorfrau der Schweiz Marisa Brunner. Mitte März war sie von der Fußball-Bühne abgetreten. Marisa Brunner selbst hatte ihre Leidenschaft zum runden Leder schon sehr früh entdeckt, kickte gemeinsam mit den Jungs in den Schulpausen und holte sich dabei so manchen blutigen Zeh. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie gemeinsam mit den Jungs am Training des FC Aarau teilnahm.
 
Gegenüber der Fifa.com betonte Marisa Brunner: „Ich sage immer: Die Qualität des Frauenfußballs ist entscheidend. Wenn man bereits bei den ganz kleinen Mädchen den Hebel ansetzt, dann wird die Qualität kontinuierlich steigen. Es ist wichtig, die Qualität früh zu fördern. Das Ganze wird seinen eigenen Lauf nehmen und seine eigene Dynamik entwickeln. Davon bin ich überzeugt. Für mich ist es wichtig, dass der Frauenfußball für sich selbst spricht und die Menschen auf ihn aufmerksam werden, weil er einfach nur klasse ist und es Spaß macht zuzugucken!" Die Leserinnen und Leser der NRhZ Frauenfußball-Berichterstattung sowie unsere Foto-Partner, Sportredakteure und die NRhZ-Redaktion wünschen der sympathischen Schweizerin alles Gute für ihr persönliches Weiterkommen. (PK)
 
 
Schweiz:
Oehrli (Basel); L. Keller (Kriens), Egli (Kriens), Abbé (Freiburg), Kuster (GC); Bürki (Bayern München), Maendly (Torres Calcio), Moser (Wolfsburg), Dickenmann (Lyon); Bachmann (Malmö), Crnogorcevic (Frankfurt). Reservebank: Küffer (Schlieren), Betschart (Yverdon), M. Keller (Sant Gabriel), J. Mehmeti (Yverdon). Tribüne: Graf und Schwarz.
 
Einwechslungen:
70. Zumbühl (FC Zürich) für Moser, 74. Meyer (Freiburg) für Bürki, 84. Wälti (BSC Young Boys Bern) für Maendly.
 
Deutschland:
Schult (SC Bad Neuenahr); Bresonik (FCR Duisburg), Krahn (FCR Duisburg), Bartusiak (1. FFC Frankfurt), Peter (Turbine Potsdam); Odebrecht (Turbine Potsdam), Goeßling (VfL Wolfsburg) (85. Henning (VfL Wolfsburg)); Bajramaj (1. FFC Frankfurt), Okoyino da Mbabi (SC Bad Neuenahr), Behringer (1. FFC Frankfurt); Mittag (LdB FC Malmö) (70. Popp (FCR Duisburg). Reservebank: Längert (Bayern München), Marozsan (1. FFC Frankfurt), Faisst (VfL Wolfsburg), Müller (VfL Wolfsburg), Huth (1. FFC Frankfurt).
 
Bemerkungen: 30. Pfostenschuss Da Mbabi, 92. Lattenschuss Meyer, Verwarnung: 11. Mittag (Foul).


Online-Flyer Nr. 349  vom 11.04.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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