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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Sport
Vorentscheidung um die deutsche Meisterschaft schon gefallen?
Coup von HSV-Trainer Achim Feifel
Von Bernd J.R. Henke

Die femininen Torfabriken der 1. Frauenbundesliga Potsdam, Frankfurt und Wolfsburg hatten Ladehemmung. Nichts desto trotz knisterte es vor den Toren. Getroffenes Lattengebälk, Torlinienrettungen und phantastische Paraden couragierter Torfrauen waren angesagt. Der 15. Spieltag offenbarte, dass auch durchschnittliche Kollektive gewinnen können, sobald vielbewunderte Stars im Torabschluss versagen. Auffällig war, dass in 4 von 6 Begegnungen die Gewinnermannschaft nur ein einziges Tor benötigte, ohne ein Gegentor. Da war schon eine Portion Lotterie dabei. Kein leichter Job für Trainer an diesem leicht verregneten Frühlingssonntag.

Mannschaft der Stunde Hamburger SV
Foto Jan Kuppert, Potsdam (Archiv)
 
 
Risiken
 
Tabellenführer Turbine Potsdam rettete ein frühes Tor (10.) von Defensivspielerin Stefanie Draws, denn Wolfsburgs torgefährlicher Sturm mit Pohlers und Co. brachte keinen Gegentreffer in Babelsberg zustande. Den deutschen Pokalmeister FFC Frankfurt erwischte es ziemlich heftig kurz nach der Pause, als das Hamburger Mittelfeld-Ass Aferdita Kameraj eine Flanke (51.) von Aylin Yaren mit dem linken Innenriss ins Frankfurter Netz zauberte. Frankfurt verlor trotz hinlänglicher Torchancen und Lattenschüsse desaströs mit 0:1, der deutsche Meister Potsdam und Trainerfuchs Bernd Schröder mit viel Glück. Das bedeutet für Frankfurt keine Chance mehr für die Meisterschaft. Ungeahnte Risiken regneten hinein ins Mekka des deutschen Frauenfußballs.

Aferdita Kameraj - HSV
Foto Jan Kuppert, Potsdam (Archiv) 
 
 
Wunder
 
Abstiegskandidat FF USV Jena überraschte dagegen auf ganzer Linie. Zu Beginn zählte im Bad Neuenahrer Apollinaire Stadion einzig und allein die Tatsache, dass Torfrau Almuth Schult nach zuvor sechs Spielen ohne Gegentreffer ihre Serie ausbaut. Nur die Jenaer Stammspielerin Carolin Schiewe erlöste die Zuschauer mit einem späten und einzigen Tor (74.) von ihrem Kinderglauben, das alles immer so bleibt wie es ist. Mehr Realitätsbewältigung und Lektionen für das Leben als im Volkssport Fußball wie im richtigen Leben kann es nicht geben. Dieser famose Auswärtssieg gegen SC 07 Bad Neuenahr brachte dem FF USV Jena endlich das nötige Oberwasser und die Befreiung vom Tabellenkeller. Dort ganz unten kämpften zwei Verliererteams um Anschluss. Lok Leipzig kam zu Hause mit 1:4 unter die Räder gegen Schlusslicht Bayer 04 Leverkusen. Beide Vereine rettet nur noch ein Wunder oder einfach mehr Tore ins Netz der Gegner zu schiessen, ganz gleich ob auf Augenhöhe oder unter Augenhöhe.
 

Stefanie Draws - Turbine Potsdam
Foto Jan Kuppert, Potsdam (Archiv)
 
 
David gegen Goliath
 
Frauenfußball ist und bleibt bei aller Einschätzung in Spitzenteams und Durchschnittsteams ein Kampfspiel und Mannschaftsport zugleich, wo der kleinere David mit der richtigen Einstellung auch alle Goliaths immer noch besiegen kann. So lange das noch passieren kann, wird auch die Fußballwelt bei den Frauen in Ordnung bleiben. Der Aufsteiger Lok Leipzig sollte sich die grandiosen Coups des HSV und Jenas als Vorbild nehmen. Interne Scharmützel wie zuletzt die Suspendierung von Abwehrass Anne van Bonn, der quirligen Jobina Lahr und der treuen, torgefährlichen Safi Nyembo gehören in die Mottenkiste männlicher Traditionsvereine mit einer Frauenabteilung. Rehabilitierung sowie Mediation aller Beteiligten ist angesagt. "Lasst eher den Ball laufen, denn er wird nicht müde."

Carolin Schiewe - FF USV Jena
Foto Jan Kuppert, Potsdam (Archiv) 
 
Amazonen
 
Im Abstiegskampf kann und muss jeder jeden schlagen, wenn er nur will und der Trainer sein taktisches Konzept ohne Einrede des Hauptsponsors oder Vorstands umsetzen kann. Dies übrigens gilt auch für den 1. FFC Frankfurt, zwar auf wesentlich höherer Anspruchsebene in etwas anderer Konstellation. Das Wochenende hat gezeigt, dass auch im Frauenfußball die Regeln unserer männlichen fußballerischen Urgroßväter wie Sepp Herberger und Fritz Walter noch gelten: 1954 gewann eine schwach eingeschätzte deutsche Mannschaft gegenüber den gut aufgestellten haushoch favorisierten Staatsprofis aus Ungarn die WM-Krone. Ein kleiner neuzeitlicher Link war sicherlich auch die WM-Niederlage der adidas-Frauen-Nationalmannschaft gegen die nicht gesetzten Japanerinnen und ganz aktuell der Coup und Sieg von HSV-Trainer Achim Feifel mit seinen "HSV-Amazonen" im Frankfurter Brentanobad.


HSV-Trainer Achim Feifel
A2 Bildagentur Hartenfelser (Archiv)
 
Plattdeutsch
 
Das vierte entscheidende einzige Tor in der Tordürre des 15. Spieltages schaffte die schweizerische FC Bayern München-Stürmerin Vanessa Bürki. Ihr gelang kurz vor Halbzeit (42.) das magische Tor zum Sieg gegen die spielerisch besseren Ruhrpott-Ladies aus Essen. Alle Bajuwaren und Südlichter bis zum mainischen Weißwurstäquator mögen es mir verzeihen. Auf plattdeutsch bedeutete das alles: "Wat den een sien Uhl, is den annern sien Nachtigal." Ganze vier Tore reichten aus, um eine grandiose, nicht zu erwartende Richtungsänderung im Kampf um Meisterschaft und Abstieg einzuleiten. Leicht genervt musste der Frankfurter Pressesprecher, Promoter und Manager Siegfried Dietrich mit ansehen, wie ein Mannschaftskollektiv des bis dato extrem abstiegsgefährdeten Hamburger SV seinen mit hervorragenden Einzelkönnerinnen aufgestellten Mannschaftskader ins Debakel trieb. Der junge Trainer Sven Kahlert stand zu seiner Mannschaft, auch nach dem Spiel. Er haderte ausschließlich mit der mangelnden Chancenverwertung. Ein undankbarer Tag für den Trainer einer ambitionierten Spitzenmannschaft, die mehr Torchancen hatte, aber nicht das Quentchen Glück, sie in Tore zu verwandeln.

Sven Kahlert unter Druck
A2 Bildagentur Hartenfekser (Archiv)
 
 
Bewältigung
 
Das Frauenfußball-Portal framba.de beobachtete sehr eindrucksvoll den Tenor und den Ablauf der Pressekonferenz: "FFC-Manager Siegfried Dietrich sah das hingegen etwas anders, was er zum Missfallen seines Trainers auf der Pressekonferenz auch kundtat. Dietrich sprach offen von fehlender Aggressivität und mangelndem Siegeswillen. Und während Kahlert daraufhin ein wenig schmollte, versuchte Dietrich zu beschwichtigen: „In zwei bis drei Stunden sehen wir die Dinge schon wieder anders.“ Die Zuhörer konnten dabei erahnen, wie sehr den FFC-Verantwortlichen die Niederlage wurmte. Immerhin bedeutet sie nicht bloß einen Rückschritt im Kampf um die Meisterschaft, sondern auch im Kampf um einen der beiden Champions-League-Plätze. Realitätsbewältigung in einer kollossalen Welt des Anspruchsdenken tut weh.

Aylin Yaren - HSV - die Ballzauberin
Foto Jan Kuppert, Potsdam (Archiv)
 
Erbsenzähler
 
HSV-Trainer Achim Feifel, geduldiger Frauen-Coach in einem frauenfeindlichen Männerverein HSV, dort wo nach dem Weggang von Managerin Katja Kraus nur noch männliche Erbsenzähler über den Wert und Unwert einer Frauenabteilung nach Statistiken und Gehaltslisten zu befinden haben, befand in fast philosophischer Manier, als der Presserummel vorbei war am Mannschaftsbus auf Anfrage des Autors, was denn Kernmessage des bravrösen Sieges wäre: „Glück muss man sich verdienen, es kommt nicht von alleine." Tatsache ist, dass seine HSV-Spielerinnen an diesem Tag alles richtig machten. Sie waren seine wahre Musterschülerinnen in Sachen Kampf, Taktik und Selbstvertrauen. Auf den Stehrängen und der VIP-Tribüne zugleich galt der Spruch: "Wenn wir in die letzte halbe stunde gehen, dann geht den Hamburgerinnen die Luft aus. Frankfurt ist konditionell und spielerisch stärker." Nur dem war so nicht. die Hamburgerinnen fanden immer mehr zum Spiel und fighteten bis zum Schluss. Sie waren somit erfolgreicher als der Gegner.

Bianca Weech (HSV) - sie hielt alles und reduzierte Frankfurts Chancen
Foto: A2 Bildagentur Hartenfelser, (Archiv)

„Um gegen große Mannschaften zu punkten, müssen unsere Spielerinnen eine geschlossene, hundertprozentige Leistung bringen, so wie uns das gegen Turbine Potsdam gelungen ist. Aber das allein wird noch nicht reichen. Wir müssen den Gegner auch dazu bringen, dass er nicht seine volle Qualität entfalten kann. Wenn wir uns nur auf die Defensive verlassen, können wir einen so starken Gegner nicht gefährden. Wir müssen bei Ballgewinn vielmehr sofort Stiche setzen, das Spiel von unserem Tor weg verlagern und dabei selbstbewusst sowie aggressiv agieren. Wenn wir möglichst eigene Fehler vermeiden und das Spiel möglichst lange offen halten, können wir Frankfurt unter Druck setzen, damit die FFC-Spielerinnen nicht zur Hochform finden.
 
Wichtig ist zudem, dass wir dem FFC keine Freiräume lassen. Für uns ist es letztlich egal, wer beim FFC aufläuft“, dozierte vor dem Spiel der Erfolgstrainer der Stunde, Diplom-Sportlehrer Achim Feifel, der schon seit 2005 kontinuierlich die Frauenmannschaft des Hamburger SV trainiert. Er wurde unter der Ägide der Vorstandsschaft der ehemaligen Nationaltorhüterin Katja Kraus eingestellt, die schon im März 2003 als erste Frau eine Vorstandsposition bei einem deutschen Fußball-Bundesligisten besetzte.
 
Katja Kraus war zuerst beim Hamburger SV für die Bereiche Kommunikation und Marketing verantwortlich. Ab Anfang 2010 bekleidete sie die Position der 2. Vorsitzenden. Am 7. März 2011 beschloss der neue HSV-Aufsichtsrat, ihren Vertrag nicht zu verlängern. Am 16. März 2011 wurde Arbeitsvertrag von Katja Kraus dann im beidseitigen Einvernehmen aufgelöst. Für die skandalöse Abmeldung der starken 2. Frauenmannschaft des Hamburger SV (Ende der siegreichen Saison 2010/2011) im Mai 2011 für den Spielbetrieb in der 2. Frauen-Bundesliga 2011/2012 gemäß Paragraph 48 der DFB-Spielordnung zeichnete die Managerin Katja Kraus nicht mehr verantwortlich. Wir berichteten darüber ausführlich.
 
Auf die Frage der NRhZ über den gesamten Zustand der HSV-Frauenabteilung angesprochen, äußerte der bescheiden auftretende Erfolgstrainer mit leicht ironischem Unterton und leicht schwäbischen Kammerton (Anmerkung: Ur-Schwabe Feifel stammt aus Schwäbisch-Gemünd): „Unsere zweite Mannschaft (HSV II) spielt mittlerweile so gut in der Regionalliga, dass zu befürchten ist, dass sie wieder in die 2. Bundesliga aufsteigen wird. Und das bei einem so relativ niedrigen Etat der Gesamtabteilung der HSV-Frauen.“ Herr Feifel, die NRhZ-Redaktion wünscht ihnen viel Glück für das wichtige Halbfinal-Spiel der Hanseatinnen aus dem hohen Norden gegen den FC Bayern München aus dem tiefen Süden.  
 
Der 15. Spieltag im Überblick:
 
1.FC Lok Leipzig – Bayer 04 Leverkusen       1:4 (1:2)
1.FFC Frankfurt – Hamburger SV                   0:1 (0:0)
FCR 2001 Duisburg – SC Freiburg                2:2 (1:1)
1.FFC Turbine Potsdam – VfL Wolfsburg      1:0 (1:0)
FC Bayern München – SG Essen- Schöneb. 1:0 (1:0)
SC Bad Neuenahr – FF USV Jena                 0:1 (0:0)
 
Wichtige Termine im DFB-Pokal der Frauen Halbfinale
 
Titelverteidiger 1. FFC Frankfurt trifft im Halbfinale des DFB-Pokals der Frauen auf den FCR Duisburg. (Ostersonntag im Stadion am Brentanobad, Frankfurt) Der zweite Finalteilnehmer wird zwischen Bayern München und dem Hamburger SV (Ostermontag im Sportpark Aschheim bei München) ermittelt. Das ergab die Auslosung, bei der DFB-Manager Oliver Bierhoff die Lose zog. Bierhoff wurde unterstützt von Nationalspielerin Melanie Behringer, die die Ziehung leitete. Die Frauenfußballgemeinde erwartet ein wirklich spannendes Ostern.
 
Joe Blaha´s Chauvi-Spruch der Woche:
„Mädels, lasst eher den Ball laufen, er wird nicht müde."
 
 


Online-Flyer Nr. 346  vom 21.03.2012

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