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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Lokales
Mülheim an der Ruhr ehrt noch immer den Hitler-Finanzier Fritz Thyssen
Wird "seine Straße" endlich umbenannt?
Von Günter Ackermann

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) hat in Mülheim an der Ruhr eine Fritz-Thyssen-Straße gefunden. Der Bezirksvertreter der Partei Die Linke, Andreas Marquardt, hat sich der Sache angenommen und fordert mit der VVN gemeinsam, die Straße nach einer im Revier bekannten Antifaschistin zu benennen. Der Kreisvorstand seiner Partei unterstützt seinen Antrag auf Umbenennung.
 

Adolf Hitler und sein Finanzier seit den
20er Jahren - Fritz Thyssen
Es ist keine Seltenheit, dass ehemalige Nazi-Wirtschaftsführer geehrt werden, indem man noch heute nach ihnen Straßen benennt. Ich selbst hatte mal als Kommunalpolitiker ein ähnliches Problem. Der ehemalige Chef des DEMAG-Konzerns ist Namens- geber des Platzes, auf dem sich damals das Hauptgebäude der DEMAG befand. Auch der war ein Förderer der Nazis und Reichs-wirtschaftsführer.
 
Allerdings war in diesem Konzern als Direktor auch der Vater des Widerstandskämpfers Harro Schulze-Boysen tätig, und der war ein Nazi. Ich beantragte daher, der Platz in Harro-Schulze-Boysen-Platz umzubenennen. Natürlich ohne Erfolg. Die Grünen begründeten ihre Ablehnung gar mit dem Argument, man wisse nicht, wer das sei.
 

Auf Befehl Hitlers am 22. Dezember
1942 in Berlin-Plötzensee erhängt
- Harro-Schulze-Boysen
Auch gibt es in Essen Dutzende Straßen und Plätze, die nach einem Mitglied der Krupp-Dynastie benennt ist. Gustav Krupp selbst, also der Vater des "letzten“ Krupp, war zwar nie Mitglied der Nazipartei, bekam aber trotzdem vom Hitler das goldene Parteiabzeichen und gehörte auch zu den Förderern der Hitlerpartei.
 
All diese zweifelhaften Gestalten in der Chefetage der Ruhrgebietskonzerne zeichnet aus, dass sie – wenn überhupt – erst spät zu Mitgliedern der NSDAP wurden. Ihnen waren die Nazis zu primitiv, zu laut und zu unkontrollierbar. Aber Geld gaben sie der NSDAP reichlich, denn sie wollten den Krieg und sie wollten sich der Arbeiterbewegung entledigen. Das gilt auch für den großen Sohn von Mülheim. Der war schon zu Beginn der 20er Jahre Anhänger und Finanzier der NSDAP. Sein Name: Fritz Thyssen.
 
Thyssen war der Strippenzieher der Finanzierung der Nazipartei durch die Kohle- und Stahlbarone des Ruhrgebiets, Am 26. Januar 1932 traf sich Hitler im Düsseldorfer Industrieclub mit den Herren von Kohle und Stahl und sie wurden sich einig. Fortan schwamm die Nazipartei im Geld. Hitler wurde, gut ein Jahr später, Reichskanzler.
 
Thyssens angebliche Gegnerschaft zu Hitler
 
Thyssen war ein gebildeter Mann der Hochfinanz. Sein Konzern aber war, bedingt durch die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags, an der Expansion des Profits gehindert. Das riesige Potential, dass die Hochrüstung des deutschen Reiches bot, war den deutschen Rüstungskonzernen verwehrt. Und es gab in Deutschland eine starke Arbeiterbewegung. Diese beiden Faktoren machten, aus Sicht der Konzernherren, eine radikale Umwälzung nötig. Und die boten die Nazis an.
 
Fritz Thyssen war außerdem Mitglied des Reichstages, ein Scheinparlament der Nazis zwar, aber Hitler nutzte es als Tribüne, um seine Parolen zu verbreiten. So auch im Spätsommer 1939. Am 31. August 1939 wollte Hitler vor diesem Forum den Beginn des Krieges verkünden. Natürlich wusste Thyssen das, und hier gab es die erste wirkliche Meinungsverschiedenheit mit Hitler. Thyssen hatte nichts gegen den Krieg, sein Konzern und die gesamte deutsche Großindustrie konnten davon nur gewinnen. Aber der Krieg richtete sich, nach Ansicht Thyssens, in die falsche Richtung. Thyssen wollte, dass die Sowjetunion mit Krieg überzogen werde und nicht England und Frankreich. Die UdSSR war für ihn der wirkliche Feind. Dort herrschten die Kommunisten, die es zu bekämpfen galt und dort gab es die Rohstoffe, die er billig haben wollte. So kam es zum Bruch.
 
Fritz Thyssen ging nach Frankreich und wollte von dort weiter nach Südamerika. Aber dazu kam es nicht mehr. Deutsche Truppen überrannten Frankreich und Thyssen fiel der Gestapo in die Hände. In den folgenden Jahren war Thyssen an verschiedenen Stellen inhaftiert, auch in Konzentrationslagern. Aber Thyssen war von Hitler selbst zu dessen persönlichem Gefangenen erklärt worden und genoss Vorzugsbehandlung. Niemand durfte ihm ein Haar krümmen, er wurde nicht gefoltert und musste weder Zwangsarbeit leisten noch hungern. Er überlebte den Krieg ohne eine Schramme, bekam nach dem Krieg sein Eigentum zurück und starb als reicher Mann bei seiner Tochter in Argentinien.
 
Diesem Thyssen wollen nun in Mülheim an der Ruhr die VVN und der Bezirksvertreter Andreas Marquardt nun seine Straße nehmen, Sie finden, dass es ein Skandal sei, wenn er noch heute als Namengeber einer Straße geehrt wird. Stattdessen soll die Straße nach einer Widerstandskämpferin, Tochter eines Bergarbeiters und Kommunistin benannt werden. Ihr Name: Martha Hadinsky (1).
 

Widerstandskämpferin Martha Hadinsky
Martha Hadinsky wurde 1911 geboren, war Mitglied des kommunistischen Jugendverban- des. Auch nachdem die Nazis an der Macht waren, setzte sie ihre kommunistische Arbeit fort, nun eben illegal. 1935 flog die Widerstandsgruppe, in der sie arbeitete, auf. Martha Hadinsky wurde verhaftet und zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Haft erkrankte sie lebensbedrohlich an Tuberkulose.
 
Auch nach Verbüßung der Haft blieb sie ihrer Überzeugung treu und betreute noch während des Krieges politische Gefangene. Nach dem Krieg wurde sie Mitglied der KPD. Damals ging es, nach Gründung der BRD, gegen die Wiederbewaffnung, die Bombardierung der Insel Helgoland und des Großen Knechtsandes in der Elbmündung und um die friedliche Wiedervereinigung in einem neutralen Deutschland ohne Waffen.
 
1956 ließ die Regierung Adenauer die KPD verbieten und in die Illegalität drängen. Martha Hadinsky blieb ihrer Partei treu und arbeitet wieder illegal. 1961 wurde sie erneut – diesmal im Nachkriegsdeutschland – verhaftet. Ein Gericht lud sie nach ihrer Verurteilung als Zeugin bei einem Prozess gegen Kommunisten vor. Martha Hadinsky sollte Genossen verraten. Sie weigerte sich und bekam weitere sechs Monate als Beugehaft. Obwohl todkrank wurde sie nicht zur Verräterin.
 
Nun wurde die Rentenbehörde aktiv. Ihr war wegen der in der Nazizeit erlittenen Verfolgungen eine kleine Rente von DM 93,00 bewilligt worden. Die wurde ihr nun gestrichen. Mehr noch: Man verlangte, die bereits gezahlte Summe von 3265,50 DM zurück. Diese Praxis war damals üblich. KommunistInnen, die unter den Nazis verfolgt worden waren, hatten ihre Opferrente verwirkt, wenn sie auch weiterhin für ihre Partei tätig waren. In der selben Zeit, als ein alter Nazi engster Mitarbeiter des Bundeskanzlers war und Justiz und politische Polizei von Nazis durchsetzt waren, Naziverbrecher es in hohe und höchste Staatsämter schafften oder hohe Pensionen kassierten, strich man einer Arbeiterfrau, die gegen Krieg und Faschismus gekämpft hatte, die 93 DM Entschädigungsrente – weil sie Kommunistin geblieben war. Martha Hadinsky starb im April 1963.
 
Und nun wollen die VVN und die Bezirksvertreter der Linkspartei in Mülheim den Namen Fritz Thyssens als Namensgeber einer Straße zugunsten von Martha Hadinsky streichen lassen. Ich bin sehr dafür, fürchte aber, sie werden ebenso scheitern wie ich vor Jahren in der Bezirksvertretung Duisburg-Mitte. Hierzulande ist es in der politischen Klasse immer noch ehrenhafter ein Nazi gewesen zu sein, die Hände triefend von Blut, als ein Widerstandskämpfer und Kommunist. Ich wünsche den Genossen in Mülheim trotzdem viel Erfolg. (PK)
 
(1) http://www.kommunisten-online.de/historie/marthahadinsky.htm
 
Diesen Beitrag von Günter Ackermann haben wir mit Dank und etwas korrigiert und ergänzt von der Webseite http://www.kommunisten-online.de übernommen.


Online-Flyer Nr. 345  vom 14.03.2012

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