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Aktueller Online-Flyer vom 29. März 2020  

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Globales
"Nationale Loyalität" - aber gegen jede Leugnung des Holocaust.
Iranische Juden beziehen Position
Von Ali Safaei-Rad

Unser Autor hat kürzlich aus aktuellem Anlaß die jüdische Gemeinde in Teheran besucht und dort mit deren Vorsitzenden ein Gespräch über die Situation der Juden im Iran und ihre Haltung zu aktuell umstrittenen Äußerungen von Staatspräsident Ahmadinedschad geführt. Die Redaktion.
"Wenn in diesen Tagen behauptet wird, der Holocaust ist eine Legende, so habe ich überhaupt keine Zweifel an der Realität des Holocaust. Er ist eine historische Wahrheit, ein Verbrechen, das das Gesicht der Menschheit gezeichnet hat."

Was Harun Yasharaie, der Vorsitzende des Teheran Jewish Committee, hier feststellt, mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Doch der Präsident der jüdischen Gemeinden im Iran muß mit solch grundsätzlichen Klarstellungen öffentlich gegen Relativierungen des Holocaust ankämpfen, die nicht irgendein Demagoge, sondern sein Staatspräsident Ahmadinedschad als Mittel populistischer Stimmungsmache im Atomstreit mit dem Westen einsetzt, aber auch als Ablenkung von innenpolitischen Problemen - der schwierigen Wirtschaftslage etwa und der Mißachtung von Menschenrechten.

Populistischer Appell an antijüdische Affekte

Die einschlägigen Reden Ahmadinedschads haben auch in Deutschland für besondere Aufregung gesorgt. So drohte die neu gewählte Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, dem iranischen Staatschef mit Strafanzeige wegen Volksverhetzung, wenn er zur WM nach Deutschland kommen sollte. Die Juden im Iran selber haben Ahmadinedschads Äußerungen zum Holocaust und zur Existenz Israels etwas gelassener, aber auch sehr kritisch aufgenommen.

Denn die mindestens latente Anreizung antijüdischer Affekte von seiten des Staatsoberhauptes könnte die knapp 30 Jahre nach der islamischen Revolution wieder normalisierte Lage der Juden im Iran durchaus erneut gefährden.

Jüdische Heimat Iran

Dabei gibt es in kaum einem anderen Land der Erde eine längere jüdische Tradition als im Iran, wie Harun Yasharaie zu berichten weiß. Der engagierte jüdische Gemeindepräsident, ein über den Iran hinaus bekannter Filmemacher und Literaturwissenschaftler, ist ein exzellenter Kenner nicht nur der persischen Dichtung, sondern der jüdischen Geschichte und Gegenwart im Iran.

"Die jüdische Gemeinde Irans ist eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt. Seit dem Niedergang des zweiten jüdischen Tempels vor mehr als 2700 Jahren leben Juden im Iran. In der Existenz der Juden hier gab es immer ein Auf und Ab. Aber die jüdische Gemeinde gehörte stets zur iranischen Kultur und Gesellschaft. Die jüdische Religion ist hier eine einheimische Religion geworden. Die Sprache der iranischen Juden war immer Persisch. Im Ganzen sind die iranischen Juden ein unzertrennlicher Bestandteil der iranischen Bevölkerung. Natürlich kann man zahlenmäßig von einer Minderheit sprechen. Aber in Bezug auf die gesellschaftlichen und kulturellen Aspekte gehören auch alle anderen religiösen Minderheiten zur iranischen Kultur, Geschichte und Bevölkerung."

Der Iran beherbergt die größte jüdische Gemeinde innerhalb der islamischen Welt. Hier fühlt sich, wie ihr Präsident betont, die Mehrheit der Juden erstaunlicherweise nicht in der Diaspora. Sie verstehen sich vielmehr als fester Bestandteil der iranischen Gesellschaft.

Zwischen Gefährdung und Normalisierung

Zur Zeit leben ca. dreißigtausend Juden im Iran. Mit etwa fünfzehntausend Mitgliedern hat Teheran die größte jüdische Gemeinde des Landes. Der Rest der jüdischen Minderheit verteilt sich über andere städtische Zentren wie Isfahan, Shiraz und Hamedan.

Die iranischen Juden gehören in der Regel zu den wohlhabenden und gebildeten Schichten. Vor der Revolution 1979 waren es allerdings noch fast einhunderttausend. Der vom Westen gestützte Schah Reza Pahlewi pflegte sehr gute diplomatische, wirtschaftliche und militärische Beziehungen zu den USA - aber eben auch zu Israel. So unterstützte neben der CIA auch der israelische Mossad den Schah beim Aufbau seines für die brutale Verfolgung von Oppositionellen berüchtigten Geheimdienstes SAVAK.

Nach Chomeinis islamischer Revolution wurde die Zusammenarbeit des Shah-Regimes mit Israel den iranischen Juden ebenso pauschal vorgeworfen wie die guten Geschäfte, die einige von ihnen in der Ära des Schahs gemacht hätten. Fabriken, Immobilien und Kapitalanlagen wurden beschlagnahmt. Zehntausende iranische Juden verließen damals das Land aus Angst. Inzwischen hat sich aber das Leben der Juden im Iran den Zuständen entsprechend normalisiert. Sie wollen vor allem eines sein: Iraner.

"Nationale Loyalität" - aber ...

So verwundert es nicht, daß Yasharaie, wie übrigens auch die Mehrheit der kritischen Intellektuellen und der Opposition im Lande, in bestimmten zentralen Punkten des "nationalen Interesses" durchaus die Position der Regierung unterstützt, wenn auch jenseits der demagogischen Rhetorik Ahmadinedschads. Das gilt zum Beispiel für den Atomstreit mit den USA, der weit über die Anhängerschaft des Staatspräsidenten hinaus Stolz und Empfindlichkeiten vieler Iraner berührt. Daran lässt auch Harun Yasharaie keinerlei Zweifel. Und zugleich zeigt seine Aussage, dass es im Iran quer durch die politischen Milieus noch keinerlei "kritisches Bewusstsein" im Hinblick auf die Nutzung der Kernenergie gibt:

"Ich denke als iranischer Staatsbürger, kein Mensch darf heute sagen, dass der Iran auf die zivile Nutzung der Atomenergie verzichten muss. Der Iran muss die Kerntechnologie kennen lernen. Die iranische Bevölkerung hat das Recht, die Kernenergie zu nutzen. Das Misstrauen, das der Westen gegen uns hat, ist grundlos. Das Recht des Iran auf Nutzung der Kernenergie ist unabdingbar."

Der Anspruch, Modernisierungsprozesse aus eigener Kraft zu bewältigen, verbindet sich hier mit der Zurückweisung kolonialistisch empfundener westlicher Arroganz. Somit behindert gerade die von den Iranern als atomare Monopolanmaßung wahrgenommene Haltung der USA und der Internationalen Atomenergiebehörde die Entwicklung einer kritischen Reflexion über Verantwortbarkeit und Gefahren der Atomkraft.

"Wir lassen uns nicht instrumentalisieren"

Diese nicht erzwungene, sondern empfundene "nationale Loyalität" aber hindert den jüdischen Gemeindevorsteher nicht an der klaren Stellungnahme gegen jede Infragestellung des Holocaust, wie Präsident Ahmadinedschad sie in populistisch gezielten Äußerungen durchklingen lässt. Ihr tritt Harun Yasharaie in allen denkbaren Varianten entgegen:

"Die Realität des Holocaust zu bestreiten, das bedeutet die Negation aller historisch belegten Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Dessen was vor unseren Augen auf dem Balkan geschehen ist, was im Kosovo passiert ist, und was heute in Dharfur passiert. Das sind organisierte Völkermorde. Auch das was im Irak passiert ist: Wenn wir den Holocaust verneinen, dann können wir das Verbrechen Saddams an den Kurden in Halabdscha vergessen. Wenn wir den Holocaust vergessen wollen, dann wollen wir auch das Verbrechen Scharons in Sabra und Schatila vergessen. - Ich denke, der Holocaust ist ein schwarzes Kapitel in der Geschichte der Menscheit."
Ein jüdisches Gemeindemitglied, das nicht genannt werden wollte, brachte die Befindlichkeit der iranischen Juden noch deutlicher auf den Punkt:
"Wir lassen uns weder von den Zionisten instrumentalisieren, noch sind wir bereit, uns als Dekorationsstück benutzen zu lassen, mit dem die Islamische Republik Iran in Fragen der Menschenrechte für sich Werbung macht."

Ali Safaei-Rad ist gebürtiger Iraner und lebt seit über 30 Jahren in Köln. Als Journalist hat er sich insbesondere durch Fernsehbeiträge über iranische und afghanische Themen, unter anderem für "Monitor", "Cosmo-TV", ARD-Morgenmagazin und "Weltspiegel" weithin einen Namen als sachkundiger und differenziert kritischer Analytiker der regionalen Entwicklungen, ihrer kulturellen und sozialen Hintergründe und ihrer weltweiten Auswirkungen gemacht.


Online-Flyer Nr. 52  vom 12.07.2006

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