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Aktueller Online-Flyer vom 31. Mai 2016  

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Medien
Jonathan Steele über das angebliche Zitat des iranischen Präsidenten 
'Wipe off the Map' als Fälschung bestätigt 
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Wir haben uns mehrfach mit den verfälschenden Übersetzungen in Zusammenhang mit Äußerungen des iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad befaßt und gezeigt, daß es dabei um psychologische Kriegsführung und das zu schaffende Feindbild Iran geht. Nun hat die Debatte über die Fälschungen auch die englischsprachigen Mainstream-Medien erfaßt.
Jonathan Steele schreibt am 2.6.2006 in 'The Guardian':

>>Es ist 50 Jahre her seit dem berühmten falschen Zitat des Kalten Krieges. Bei einem Empfang des Kreml für westliche Botschafter im Jahre 1956 kündigte der Sowjetische Führer Nikita Chruschtschow an: "Wir werden Euch begraben." (We will bury you) Diese vier Wörter wurden von den amerikanischen Falken als Beweis für die aggressiven sowjetischen Absichten aufgefaßt... Chruschtschow sagte tatsächlich: "Ob Sie es mögen oder nicht, die Geschichte ist auf unserer Seite. Wir werden Euch begraben." Es war eine harmlose Prahlerei über den eventuellen Sieg des Sozialismus im ideologischen Wettbewerb mit dem Kapitalismus. Er hat nicht über Krieg gesprochen...

Nun haben wir eine ähnlich propagandistische Entstellung einer Äußerung vom Präsidenten des Iran. Fragen Sie irgendwelche Leute in Washington, London oder Tel Aviv, ob sie einen von Mahmud Ahmadinedschad geäußerten Satz zitieren können. Die Chancen stehen gut, daß sie sagen, er wolle Israel dem Erdboden gleichmachen ('wipe off the map' - wörtlich übersetzt: 'von der Landkarte tilgen').

Wieder sind es vier kurze Wörter... Doch die Formulierung ist falsch, ganz einfach und simpel. Ahmadinedschad hat sie nicht ausgesprochen. Farsi Sprechende haben dargelegt, daß er falsch übersetzt worden ist. Der iranische Präsident hat eine frühere Äußerung des ersten islamischen Führers, des späteren Ayatollah Khomeini, zitiert, daß "das Besatzungsregime von Jerusalem von den Seiten der Geschichte verschwinden müsse" (this regime occupying Jerusalem must vanish from the page of time), so wie das Schah-Regime im Iran verschwinden mußte.

Er hat keine militärische Drohung ausgesprochen. Er hat dazu aufgerufen, die Besatzung von Jerusalem zu einem Zeitpunkt in der Zukunft zu beenden... Aber der propagandistische Schaden war entstanden, und die westlichen Falken brachten den iranischen Präsidenten in Beziehung zu Hitler, als ob er die Juden ausrotten wolle. Bei der jüngsten jährlichen Zusammenkunft des 'American Israel Public Affairs Committee', einer machtvollen Lobby-Gruppe, schalteten riesige Bildschirme zwischen zwei Bildern hin und her - Ahmadinedschad mit dem falschen Zitat 'wiping off the map' und ein sich ereifernden Hitler.<<

Am 14.6.2006 vertieft Jonathan Steele mit seinem Artikel 'Lost in translation' seine Betrachtung. Er schreibt u.a.:

>>Mein jüngster Kommentar, der erklärte, wir Irans Präsident in gravierende Weise falsch zitiert worden ist, als er angeblich dazu aufrief, Israel müsse dem Erdboden gleichgemacht werden ('wiped off the map'), hat einen kleinen Sturm verursacht...<<

Etwas nicht zu sagen, bedeutet es zu sagen?

Er kommt zunächst auf die 'New York Times' zu sprechen, die am 11.6.2006 einen Artikel von Ethan Bronner and Nazila Fathi veröffentlicht hat, mit dem sie versucht, sich aus der Zwickmühle retten, in die Jonathan Steele sie gebracht hat. Resümierend behauptet die 'New York Times', die selbst die falsche Übersetzung mit in Umlauf gebracht hatte, am 11.6.2006: "Hat also Irans Präsident dazu aufgerufen, Israel dem Erdboden gleichzumachen? Gewiß, es scheint so." (So did Iran's president call for Israel to be wiped off the map? It certainly seems so.) Das behauptet die 'New York Times' am Ende ihres Artikels dreist, obwohl ihre eigene Ausführungen das Gegenteil belegen. Dazu weiter Jonathan Steele:
>>...die 'New York Times', die eine der ersten Zeitungen war, die Mahmud Ahmadinedschad falsch zitierten, [hat] am Samstag einen Verteidigungsartikel veröffentlicht, um damit den Versuch zu unternehmen, die ursprüngliche wipe-off-the-map-Übersetzung zu rechtfertigen. Ethan Bronner and Nazila Fathi, Mitglied des Teheraner Büros der 'New York Times' befragte verschiedene Stellen in Teheran. "Sohrab Mahdavi, einer der prominentesten Übersetzer im Iran, und Siamak Namazi, ein zweisprachiger, führender Direktor einer Teheraner Beratungsfirma, sagen beide, daß 'wipe off' oder 'wipe away' treffender ist als 'vanish' (verschwinden), da das persische Verb aktiv und transitiv ist", schreibt Bronner.<<

Die Überlegung, ob es sich um ein transitives oder intransitives Verb handelt, wird am 15.6.2006 von Juan Cole, Spezialist für den Mittleren Osten an der Universität von Michigan (USA), aufgegriffen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Behauptung der 'New York Times' falsch ist. Tatsächlich sei das von Ahmadinedschad verwendete 'mahv shodan' keine transitive, sondern eine intransitive Kontruktion. Juan Cole: "Deshalb sei es besser 'mahv shodan' mit 'vanish' (verschwinden) zu übersetzen, ebenfalls ein intransitives Verb. Die transitive Konstruktuion wäre 'mahv kardan' - 'wipe out' (ausrotten) oder 'eliminate' (ausmerzen, beseitigen, eliminieren)."

Weiter Jonathan Steele:

>>Die 'New York Times' fährt fort: "Der zweite Gegenstand der Übersetzung betrifft das Wort 'map' (Landkarte). Khomeinis Worte waren abstrakt: 'Sahneh roozgar.' Sahneh bedeutet Szene oder Bühne, und roozgar bedeutet Zeit. Die Formulierung war weithin mit 'map' (Landkarte) übersetzt worden. Und niemand erhob Einspruch. Im Oktober, als Ahmadinedschad ihn tatsächlich falsch zitierte, indem er nicht 'Sahneh roozgar' sondern 'Safheh roozgar' sagte, was 'Seiten der Zeit' oder 'Seiten der Geschichte' bedeutet. Niemand bemerkte die Veränderung. Und Nachrichtenagenturen verwendeten wieder das Wort 'map' (Landkarte)." Dies ist in meinen Augen der entscheidende Punkt. Und ich bin erfreut, daß die 'New York Times' zugesteht, daß das Wort 'map' von Ahmadinedschad nicht verwendet worden ist...

Wenn der iranische Präsident einen Fehler gemacht hat und 'safheh' statt 'sahneh' verwendet hat, dann ist das von geringer Bedeutung. Ein englischer Muttersprachler könnte ebenso 'stage of history' (Bühne der Geschichte) mit 'page of history' (Seiten der Geschichte) verwechseln. Der maßgebliche Sachverhalt ist, daß beide Formulierungen einen zeitlichen und keinen räumlichen Charakter haben. Und ich schrieb in meiner ursprünglichen Veröffentlichung, der iranische Präsident habe einen vagen Wunsch für die Zukunft zum Ausdruck gebracht. Er drohte nicht mit einem vom Iran ausgelösten Krieg mit dem Ziel, die Kontrolle Israels über Jerusalem zu beseitigen.<<

Soweit Jonathan Steele zum Versuch der 'New York Times', sich rein zu waschen. Er kommt dann auf die MEMRI-Übersetzung zu sprechen, die seine Sichtweise bestätigt:

>>Zwei andere bekannte Übersetzungsquellen bestätigen, daß Ahmadinedschad sich auf Zeit und nicht auf Raum bezogen hat. Die auf dem Farsi-Text basierende, von der offiziellen Nachrichtenagentur ISNA veröffentlichte und vom 'Middle East Media Research Institute' herausgegebenen Version der Rede vom 26. Oktober 2005 lautet: "This regime that is occupying Qods [Jerusalem] must be eliminated from the pages of history." (Dieses Regime, das Jerusalem besetzt hält, muß von den Seiten der Geschichte entfernt werden.) MEMRI, an dessen Spitze ein ehemaliger Offizier des israelischen Militär-Geheimdienstes steht, ist einige Male wegen angeblicher Entstellung persischer oder arabischer Zitate zugunsten der Außenpolitik Israels angegriffen worden. In diesem Fall aber stützt MEMRI die gemäßigte Sicht dessen, was Ahmadinedschad gesagt hat.<<

Wann verjährt eine BBC-Fälschung?

Eine wichtige Erkenntnis liefert BBC, die auch an der Verbreitung des falschen Zitats beteiligt sind. Jonathan Steele dazu:

>>Schließlich kommen wir zum BBC-Informationsdienst (BBC monitoring service), der täglich hunderte höchst anerkannter englischer Übersetzungen von Sendungen rund um den Globus an seine Abonnenten - hauptsächlich Regierungen, Geheimdienste, Thinktanks und andere Spezialisten - herausgibt. Ich trat vergangene Woche bezüglich der Kontroverse an den BBC-Informationsdienst heran. Und ein Sprecher der Vertriebsabteilung, der nicht genannt werden möchte, sagte mir, daß die ursprüngliche Version des Zitats von Ahmadinedschad "eliminated from the map of the world" (von der Weltkarte beseitigt) gewesen sei.

Infolge meiner Anfrage und der ausgelösten Kontroverse sind sie auf den Farsi-Muttersprachler zugegangen, der die Rede ausgehend von einer am 29. Oktober 2005 vom iranischen Fernsehen zur Verfügung gestellten Tonaufzeichnung übersetzt hatte. Nachfolgend das, was der Sprecher mir bezüglich der off-the-map-Passage sagte: "Der Informationsdienst hat nochmals geprüft. Es ist ein schwer zu übersetzender Ausdruck. Sie waren in Zeitdruck, als sie schnell eine Übersetzung herstellen sollten. Und sie suchten nach einer richtigen Formulierung. Mit mehr Zeit zum Überlegen würden sie sagen, daß die Übersetzung lauten sollte: "eliminated from the page of history" (beseitigen von den Seiten der Geschichte).
Ich fragte, ob BBC angesichts des Umstandes, daß das Thema zu einer derartigen Kontroverse geführt hat, eine Korrektur herausgeben werde. Die Antwort: "Es wäre eine lange Zeit seit der ursprünglichen Version vergangen." Ich interpretiere das als 'wahrscheinlich nicht'. Aber warten wir's ab.<<

Vernichtung des Iran gefordert?

Wichtig sind diese Ausführungen insbesondere auch deshalb, weil aus ihnen hervorgeht, daß die Analyse des Original-Tons zum gleichen Ergebnis führt wie die Übersetzung des von ISNA veröffentlichten schriftlichen Textes. Damit ist belegt, daß der iranische Präsident - zumindest an der entscheidenden Stelle - in seiner Rede tatsächlich so formuliert hat wie nachträglich schriftlich dokumentiert. Weiter Jonathan Steele:

>>Schließlich trat ich an Iradj Bagherzade heran, den im Iran geborenen Gründer und Leiter des renommierten Verlagshauses IB Tauris. Er dachte intensiv über das Wort 'roozgar' nach. Geschichte sei nicht das richtige Wort, sagte er. Aber er konnte sich nicht entscheiden zwischen verschiedenen besseren Alternativen: 'this day and age', 'these times', 'our times', 'time'.

Damit sind wir am Ziel... Konsens ist: Ahamadinedschad hat nicht über irgendwelche Landkarten gesprochen. Er hat, wie ich in meinem ursprünglichen Artikel behauptete, einen vagen Wunsch für die Zukunft zum Ausdruck gebracht.

Ein allerletzter Punkt. Die Tatsache, daß er die gewünschte Option - die Beseitigung des Regimes, das Jerusalem besetzt hält - mit dem Sturz des Schah-Regimes im Iran vergleicht, macht glasklar deutlich, daß er über einen Regime-Wechsel und nicht über das Ende Israels spricht. Als er in den 1970ern als Schuljunge gegen den Schah opponierte, ist er sicherlich nicht dafür eingetreten, den Iran von den Seiten der Geschichte zu entfernen. Er wollte lediglich, daß der Schah verschwindet.

Das Gleiche gilt für Israel. Der iranische Präsident ist zweifelsohne ein Gegner des Zionismus oder - wenn Sie die Formulierung bevorzugen - des zionistischen Regimes. Das trifft aber auch auf eine erhebliche Zahl israelischer Bürger, Juden wie Araber, zu... Allein deswegen dürfen wir Ahamadinedschad nicht dämonisieren.<<

Es sei hier noch angemerkt, daß die Versuche, den iranischen Präsidenten durch falsche Übersetzung zu diskreditieren, sich in der Folge mehrfach wiederholt haben. Ein vergleichbares Beispiel. Mahmud Ahmadinedschad spricht gemäß einer Meldung der iranischen Nachrichtenagentur IRNA vom 14.4.2006 vom zionistischen Regime als einem Regime, das dabei sei zu zerfallen. Es sei ein zugrunde gehender Baum, der beim nächsten Sturm in sich zusammen fallen werde. ("The Zionist regime is falling apart... The Zionist regime is a decaying and crumbling tree that will fall with a storm.") Daraus macht AFP in einer Meldung vom gleichen Tag: "Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat dem Staat Israel mit der Vernichtung gedroht. Der jüdische Staat sei 'auf dem Weg zur Vernichtung'..." Das ist das gleiche Prinzip verfälschender Übersetzung wie im Falle der wipe-off-the-map-Formulierung.
Obwohl spätestens mit den Ausführungen von Jonathan Steele klar sein sollte, wie die Sachlage ist, geht die Propaganda weiter. Am 17.6.2006 hören wir in Frankfurt bei einer Kundgebung von 'Honestly Concerned' den Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger mit der Behauptung, der iranische Staatschef wolle 'als zweiter Hitler in die Geschichte eingehen' und Israel in einen 'atomaren Holocaust' stürzen. (hr-online) Und Micha Brumlik (ehem. Direktor des Fritz-Bauer-Instituts) meint in den Äußerungen des iranischen Präsidenten eine Aufstachelung zum Angriffskrieg sehen zu müssen. (hr-online) Und Sacha Stawski von 'Honestly Concerned' geht noch weiter, wenn er sagt: "Es geht hier nicht nur um Israel. Der Iran stellt mit seinen Atomwaffen eine Gefahr für die gesamte westliche Welt dar." (ZDF)
Sie setzen damit das fort, was vorher wieder und wieder verbreitet wurde, als es beispielsweise wider besseres Wissen hieß: "Ahmadinedschad spricht heute so wie Hitler vor der Machtergreifung. Er spricht von der völligen Zerstörung und Vernichtung des jüdischen Volkes... Wir haben es mit einem Psychopathen der übelsten Sorte zu tun! Mit einem Antisemiten, einem brandgefährlichen Staatschef. Gott verhüte, daß dieser Mann jemals Atomwaffen in die Hände bekommt, um seine Drohungen wahr zu machen." (Israels Ministerpräsident Ehud Olmert am 29.4.2006 in einem Interview mit der Bild-Zeitung) Oder als es hieß: "Seit Hitler ist er (Ahmadinedschad) der erste, der sich hinstellt und sagt, das jüdische Volk müsse vernichtet werden [...] Hitler hat Vernichtungslager eingerichtet, er will die Bombe..." (Schimon Peres, früherer Ministerpräsident Israels, gemäß AFP-Meldung vom 25.4.2006)


Online-Flyer Nr. 52  vom 12.07.2006

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