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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Lokales
Die Kölner DuMont-Presse und die angeblich zu milde Kölner Justiz
„Im Namen des Volkes“
Von Klaus Jünschke

Vor einer Woche wurde in der Wochenendbeilage des Kölner Stadt-Anzeiger über die Tatort-Krimis diskutiert, die sonntagabends an die zehn Millionen Menschen vor ihre Bildschirme bringen. Die Story war mit „Morde für die Massen“ überschrieben, aber es ging dann leider nur um die Frage, wer die beliebtesten Ermittlerinnen und Ermittler sind. Das ist schade, denn immerhin liegen aus den USA seit Jahren erstaunliche Daten dazu vor. So ergab eine Studie des amerikanischen Medizinerverbandes American Medical Association, dass ein Kind bis zum Abschluss der Grundschule bereits mehr als 8.000 Morde und mehr als 100.000 Gewalttaten im Fernsehen gesehen hat. Jugendliche, die in Haushalten mit Kabelanschluss und Videorekorder aufwachsen, haben bis zu ihrem 18. Lebensjahr 32.000 Morde und 40.000 versuchte Morde gesehen. Die Tötungshandlungen in „gewalthaltigen Computerspielen“ sind da nicht mitgerechnet.
 

„'Koma-Schläger' kommt mit Auflagen davon“
– KStA-Schlagzeile zu diesem Foto von Bause
NRhZ-Archiv
Der Kabarettist Richard Rogler hat sich in einer Sendung zum Jahres-beginn darüber gewundert, dass auch die Krimis in Buchform immer mehr werden und sogar in den ländlichen Gebieten neue Serien auftauchen: Eifel-Krimis, sogar Sauerland-Krimis. Für diese regio- nalen Krimis gibt es ein eigenes Portal: www.mord-vor-ort.de. Dass sich Richard Rogler im Fernsehen auf witzige Weise mit der Frage auseinandersetzt, was eigentlich los ist in einem Land, in dem die Zahl der polizeilich registrierten Morde und Totschläge seit Jahren rückläufig ist, aber davon losgelöst ein Ansteigen der Kriminalliteratur und der Krimis in Film und Fernsehen zu verzeichnen ist, ist sehr erfreulich.

Anmerkung zum Thema vom Kölner Kabarettisten Richard Rogler
Foto: Klaus Jünschke
 
Verblüffend ist vor allem das Missverhältnis zwischen diesen gigantischen Mengen an vor der Glotze oder am Computer konsumierten Gewalthandlungen und dem realen Wissen über die Entstehung der verschiedenen Formen von Gewalt.
 
Im Sommer 2008 hatte das Kölner Boulevard-Blatt Express den Jugendrichter Hans Werner Riehe an den Pranger gestellt: „Koma-Schläger straffrei. Milder Richter ließ ihn laufen“. BILD war natürlich auch dabei und wünscht sich offensichtlich Richter, die „hart wie Kruppstahl“ sind, denn das Blatt hatte Hans Werner Riehe als „Richter butterweich“ charakterisiert. Der Strafrechtsausschuss des Kölner Anwaltvereins hat in einer öffentlichen Erklärung der Presse „Kampagnenjournalismus“ vorgeworfen. Jugendrichter Riehe sah seine Familie zunehmend gefährdet und hat sich im Herbst 2008 von dem Prozess entbinden lassen.
 

In der "Schlichtzelle“ kann nichts bewegt
werden, weder der Stuhl noch das Bett
noch der Tisch.
Archiv-Foto aus der Ausstellung
"Menschen statt Mauern"
Der Kölner Stadt-Anzeiger hatte damals zu einer Podiumsdis-kussion ins Studio DuMont geladen: „Verständnis für die jungen Schläger? Zur Debatte um das Jugendstrafrecht“. Da weder die Kölner Jugendrichter „Verständnis für junge Schläger“ haben, noch das Jugendstrafrecht eine Art Verständnisrecht ist, vermittelte schon das Thema der Podiumsveranstaltung, dass es von Seiten der Kölner Medien keine Bereitschaft zur Selbstkritik gab. Der Moderator Joachim Frank fragte, ob denn das Jugendgerichtsgesetz ein Werk der 68er gewesen sei. Prof. Michael Walter, damals noch Direktor des Kriminologischen Instituts an der Uni Köln antwortete unter allgemeinem Gelächter, dass es im Jahr 1923 beschlossen wurde.
 
Am 30. Mai 2008 hatte Frank geschrieben: „Zweifellos gibt es eine wachsende Neigung, Gewalt als geeignetes Mittel persönlicher Konfliktbewältigung zu begreifen, laut Kriminalstatistik vor allem unter jungen Männern ausländischer Herkunft. Doch statt diese partielle Außerkraftsetzung des Gewaltmonopols strikt zu bekämpfen, erweckt die für ihre Liberalität bekannte Kölner Justiz den Eindruck, der Staat arrangiere sich damit.“

Für die Jugendlichen in den JVAs Ossendorf und Siegburg sammelte der "Kölner Appell" über hundert kleine und große Fernseher
Foto: Klaus Jünschke
 
Joachim Frank wurde zwischenzeitlich Chefkorrespondent der Berliner Zeitung, der Frankfurter Rundschau und des Kölner Stadt-Anzeigers. Im Kölner Stadt-Anzeiger war am 19.1.2012 wieder einmal die angeblich zu milde Kölner Justiz Tagesthema: „Entrüstung über Richterspruch“. Es ging um den Überfall im Januar 2010 von drei zur Tatzeit 20jährigen Heranwachsenden auf einen ihnen völlig unbekannten Mann, den sie mit einer abgebrochenen Bierflasche so zurichteten, dass es fast schon ein Zufall war, dass er diese Attacke überlebt hat. Da die Täter nicht vorbestraft waren und in den zwei Jahren zwischen Tat und Verhandlung nicht weiter aufgefallen sind, hat das zuständige Jugendgericht mit Bewährungsstrafen reagiert.
 
Es ist ein Urteil, das nicht nur dem Erziehungsauftrag des Jugendgerichts-gesetzes folgt, sondern auch auf der Höhe der Ergebnisse der Sanktionsfor-schung ist. Auf seiner Homepage http://www.ki.uni-konstanz.de/kis/ hat der Kriminologe Wolfgang Heinz die Ergebnisse seiner Forschungen eindrücklich dokumentiert: „Aufgrund dieser Ergebnisse der nationalen wie internationalen Sanktionsforschung wird deshalb schon seit längerem in der deutsch-sprachigen Kriminologie vertreten: Dem Glauben an die instrumentelle Nützlichkeit eines 'harten' Strafrechts fehlt heute mehr denn je die erfahrungswissenschaftliche Basis. Der Forschungsstand spricht dafür, im Zweifel weniger, nicht mehr zu tun. Sanktionsschärfungen fügen demnach unnötiges Leid zu; unnötig, weil sie, gemessen am Ziel der Rückfallverhütung, den eingriffsschwächeren Sanktionen nicht überlegen sind.“
 
Wie es zu dieser brutalen Tat kam, wird nicht erklärt. Die Täter kommen nicht zu Wort und man erfährt nicht, wie sich die Jugendgerichtshelferin das Zustandekommen der Tat erklärt. Der Jugendrichter wird mit der „Sinn- und Grundlosigkeit“ der Tat zitiert. Aus heiterem Himmel sei es zu dem Angriff gekommen, war im Stadt-Anzeiger zu lesen: „Was guckst Du, Hurensohn?“ haben die drei gerufen und ihn dann gleich angegriffen.
 
 „Eine solche Tat macht wütend und fassungslos“ kommentierte Joachim Frank in seinem Leitartikel, um dann loszulegen: „In das Mitgefühl für das Opfer mischt sich auch ein Moment kollektiver Angst und Ohmacht. Die Bürger dürfen von Polizei und Justiz ein Gegengewicht zur scheinbaren Übermacht der Täter erwarten.“
 
All diese jungen Männern von denen hier berichtet wird, haben demnach nicht gelernt, sich selbst zu beherrschen und sie rasten sogar vor laufender Kamera im öffentlichen Nahverkehr aus, und so landen sie ziemlich häufig und ziemlich schnell im Gefängnis. Wer seinen Lesern den Bären aufbindet, diese Verlierer seien eine Art feindliche Übermacht, ist gefährlicher für das Zusammenleben, als diese Jugendlichen selbst. Aber wie die Leserbriefseiten in den darauf folgenden Tagen vermittelt haben, hat Joachim Frank einem Teil seiner Leser aus dem Herzen gesprochen. Und wem ganz besonders, kann feststellen, wer „Was guckst Du, Hurensohn?“ in google eingibt. Jede Menge Betreiber rechtsextremer Portale haben diesen Bericht aus dem Stadt-Anzeiger goutiert.
 
Es ist schon besonders perfide, wenn sich Joachim Frank in seinem Kommentar so äußert: „Überhaupt hängt dem Kölner Jugendgericht aus der Vergangenheit immer noch ein zweifelhafter Ruf an. Dort sei aus anderem Zeitgeist heraus häufig milder geurteilt geworden als in der Umgebung.“ Und das nachdem er schon vor Jahren selbst dafür gesorgt hat, dass das Kölner Jugendgericht einen zweifelhaften Ruf von angeblich zu großer Milde bekam. 
 
Aber dass Law-and-Order in der Ideologie der Neonazis und anderer Rechtspopulisten einen so hohen Stellenwert einnimmt, haben nicht nur einzelne Journalisten zu verantworten. Die Kriminalisierung des Elends und der Armen als Gegenstück zur allgemeinen sozialen Unsicherheit ist auch eine Folge der Niederlage der Linken. Loic Wacquant hat diese Entwicklung seit den 60er Jahren, wo es noch um die Bekämpfung der Armut ging, bis zum Kampf gegen die Armen heute nachgezeichnet. 
 
Studien über Amokläufer sind inzwischen zahlreicher als diese selbst. Die Forschungen über inhaftierte Gewalttäter haben ergeben, dass sie zu 100% in ihrer Jugend selbst Opfer von Gewalt gewesen sind. Andreas Altmann fand in seinem letzten Buch mit dem schönen Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ dafür eindrückliche Worte: „Dass erst im Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch (Paragraf 1631) festgeschrieben wurde, dass die Kinder ein Recht ‚auf eine gewaltfreie Erziehung’ haben und dass ‚körperliche Bestrafung, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig sind’, das allerdings ist ein Skandal ohne Namen. Für diese himmelschreiende Gleichgültigkeit gegenüber Wehrlosen sollte man ein Jahr lang die Prügelstrafe für Politiker einführen.“
 
Wenn man gelesen hat, wie Andreas Altmann von seinem bösartigen Vater geprügelt wurde, kann man nachvollziehen, dass er von einer Prügelstrafe für Politiker träumt. Das ist zwar genauso wenig hilfreich wie die Rachegelüste, die einem auf den Leserbriefseiten des Kölner Stadt-Anzeiger auf eine Weise entgegenquellen, dass man meint, man sei auf einer Kommentarseite von political incorrect. Was aber Andreas Altmann wohltuend von den Leserbriefen unterscheidet ist, dass er die Verantwortung von Erwachsenen thematisiert.
 
Das größte Gewaltproblem in unserer Gesellschaft ist bei den Erwachsenen verortet und richtet sich gegen Frauen, Jugendliche und Kinder. Das Kölner Jugendamt hat dazu erschütternde Zahlen vorgelegt: Im vergangenen Jahr wurden in Köln 1098 Kinder und Jugendliche aus ihren Familien genommen, um sie vor Gewalt und Missbrauch zu schützen. Von ihnen konnten 736 Kinder und Jugendliche nicht in ihre Familien zurück und mussten in Pflegefamilien, Kinderheimen oder bei Verwandten untergebracht werden.
 
Nur wenn auch die erwachsenen Kölner bereit sind, die Verantwortung für das, was Kinder und Jugendliche anrichten, zu übernehmen, kann auch zusammen mit diesen wenigen gewalttätigen Jugendlichen überlegt werden, welche Wege es für sie aus der Gewaltspirale gibt. (PK)
 
 
Klaus Jünschke, Mitgründer des "Kölner Appell", hat zusammen mit Christiane Ensslin und Jörg Hauenstein das Buch „Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ herausgegeben, das im konkret-Verlag erschien: 240 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 16 Euro, 28 SFr., ISBN 978-3-89458-254-8
Das Buch wurde zur Grundlage für eine Aufführung am Staatstheater Dresden und für den Spielfilm PICCO. (www.picco-film.de/)
Vor zwei Jahren war ihre Ausstellung „Menschen statt Mauern – für ein Europa ohne Jugendgefängnisse“monatelang im Hörsaalgebäude der Universität zu Köln und an anderen Orten zu sehen. Siehe www.jugendliche-in-haft.de/


Online-Flyer Nr. 339  vom 01.02.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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