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Aktueller Online-Flyer vom 23. März 2017  

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Inland
Gedenkrituale beim LVR in Köln und ein dazu passendes neues Buch:
"A small town near Auschwitz"
Von Lothar Gothe

Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz durch sowjetische Truppen, fand auch beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) eine Gedenkveranstaltung statt. Die Landesdirektorin, Frau Lubek, und der Vorsitzende der Landschaftsversammlung, Herr Wilhelm, hatten zu einem Vortrag der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz eingeladen, welche die beim LVR gastierende Euthanasieausstellung "Graue Busse“ geschaffen haben.
 
Es ist natürlich zu begrüßen, daß der LVR die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen wach halten und die geistigen Wurzeln des mörderischen Rassismus aufdecken will. Zumal wir ja gerade mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen mussten, daß der Rechtsradikalismus nicht nur wächst, sondern dass eine braune Mörderbande lange Jahre unbehelligt von staatlichen "Sicherheits behörden" wie dem "Verfassungsschutz" durchs Land ziehen konnte.
 
In krassem Gegensatz zu diesem Gedenken fand aber noch vor einem Jahr eine Ausstellung im Landeshaus zu Ehren des ersten LVR-Direktors Udo Klausa (1) anläßlich seines 100. Geburtstags statt: "Der Dirigent eines großen Orchesters“. Es wurden dessen "große Verdienste" um den Aufbau einer effizienten Verwaltung gewürdigt. Auch zu seinem Ausscheiden aus dem Amt 1975, zu seinem 50jährigen Amtsjubiläum und anlässlich seines Todes 1998 wurde er mit Lobeshymnen und Ehrungen geradezu überhäuft. Auch der heutige Vorsitzende der Landschaftsversammlung und Vorstand der christlich jüdischen Gesellschaft, Jürgen Wilhelm, beteiligte sich daran.
 
Alle wußten aber, daß Klausa ein Nazi und ein rassistischer Schreibtischtäter war, der 1936 in seiner Hetzschrift "Rasse und Wehrrecht“ z. B. die „Aussonderung der Entarteten“ gefordert hatte, die ja Jahre später unter dem Namen Euthanasie auch in den Anstalten des LVR und dann in Auschwitz und den anderen Tötungs“fabriken“ durch Massenmord verwirklicht wurde. Keinen hat diese Klausa-Vergangenheit gestört, keiner außer "Randgruppen“ wie der SSK hat sie angeprangert.
 
Der braune Charme der Bourgeosie
 
Die englische Historikerin mit deutschen Wurzeln, Mary Fulbrook, hat ihrem neuen Buch den Titel "A small town near Auschwitz“ gegeben. Es erscheint im September bei Oxford University Press und es befaßt sich mit einem „in many way typical Nazi funktionary“. Die kleine Stadt liegt in Polen und heißt Bedzin und deren Verwaltungschef unter der deutschen Besatzung war der Landrat und "typische Nazifunktionär“ Udo Klausa.
 
Schon damals erwies er sich als exzellenter Verwaltungsfachmann, der die logistischen Herausforderungen meisterte, die mit dem Abtransport der Juden zur Sklavenarbeit oder in die Gaskammern verbunden waren. Oder mit der "ethnischen Säuberung“, dem brutalen Vertreiben der polnischen Bevölkerung, um Platz für deutsche Herrenmenschen zu schaffen. Er war Mitglied der NSDAP und der SA, aber keineswegs ein primitiver SA-"Radaubruder“. Nein, Klausa gehörte zum deutschen Bildungsbürgertum, ausgestattet mit besten Manieren, akademisch gebildet, auf hohem kulturellen Niveau, angetan vom Großbürgertum und dem Adel seiner Ehefrau, „in seinem ganzen Zuschnitt ein Herr“ „formvollendet“, so eine LVR-Eloge.
 
In seinen Memoiren berichtet er von lauter „anständigen“ oder gar „hochanständigen“ NSDAP-, Wehrmachts-, Kirchen- oder Verwaltungsleuten in seinem Umfeld. Aber gerade diese zahllosen Funktionsträger - wie Klausa Juristen, Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte - machten den Holocaust erst möglich, so Fulbrook. Sie verwalteten den rassistischen Naziterror genauso pflichtbewußt und "gewissen“haft, wie zuvor die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik und danach die der Bundesrepublik oder der DDR.
 
Als Bildungsbürgerklasse hielten und halten sie zusammen: Auch all die fachlich kompetenten Nazitäter und Nazihelfer in den Einrichtungen des LVR blieben in der Regel ungeschoren und konnten ihre Karrieren fortsetzen. Klausa wurde Boß des LVR, der Euthanasieschreibtischmörder Panse, Chefarzt der psychiatrischen LVR-Klinik Grafenberg und Lehrstuhlinhaber an der Uni Düsseldorf. Klausa erhielt 1964 die Ehrendoktorwürde von eben der Düsseldorfer medizinischen Akademie, ausgerechnet für seine „Verdienste um die Psychiatrie“ und er wurde Ehrenbürger der Universität Bonn, an der ein anderer Euthanasiemörder lehrte. Aber ausgerechnet die medizinische Akademie der Uni Düsseldorf soll jetzt die Nachkriegsgeschichte der LVR- Psychiatrie und die Nazikontinuität aufarbeiten.
 
Im Dezember 2011 wurden bei Klausas Wikipedia-Einträgen zwei Links gelöscht: Der zur Ausstellung „Der Dirigent eines großen Orchesters“ und der zum Vortrag von Wolfgang Franz Werner, dem früheren Chef des LVR-Archivs: “Udo Klausa 1910 – 1998 Direktor des Landschaftsverbands Rheinland“ vom 17.1.2011, eine unerträglich beschönigende Klausa-Biografie. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Aufarbeitung mit dem Verheimlichen oder gar Vertuschen solcher heute peinlichen LVR-Darstellungen beginnt. Was auch immer über Klausas braune Vergangenheit oder die der anderen Nazis in den LVR-Reihen noch ans Tageslicht kommt: deren „unbestreitbare Verdienste“ um die Effizienz und Professionalität ihrer Verwaltungen werden weiterhin in hohem Ansehen bleiben.
 
Wie die Vergangenheit lehrt, kann aber gerade diese hoch gelobte Effizienz deutscher Verwalter auch dazu geeignet sein, Angst und Schrecken bei den Verwalteten zu verbreiten. Klausa übergab nach 21 Jahren autokratischer Herrschaft die Heime und Psychiatrien des LVR in beschämendem, menschenrechtswidrigem Zustand. Der durch den SSK (2) aufgedeckte Brauweiler-Skandal löste 1978 ein öffentliches Entsetzen aus. Damals schrieb eine Zeitung über die Zentralverwaltung des LVR: „Hier werden Skandale vorzüglich verwaltet“.
 
Ob die Restbestände an Scham beim LVR , der Uni Düsseldorf und ihrem neuerlichen Professor Jürgen Wilhelm wohl ausreichen, zumindest Klausas skandalösen Doktortitel klammheimlich wieder einzukassieren, angesichts seines Wirkens in der kleinen Stadt in der Nähe von Auschwitz? (PK)
 
(1) Zu Klausas Vergangenheit und seinen Ehrungen finden Sie auch Hinweise in einer vom DGB, VS und der NRhZ initiierten Veranstaltung vom Mai 2008 im DGB-Haus unter
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12434
und unter
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16848
 
(2) SSK = Sozialistische Selbsthilfe Köln

Lothar Gothe war einer der Mitgründer des SSK und wurde später Öko-Landwirt.


Online-Flyer Nr. 339  vom 01.02.2012

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