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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Lokales
Wie man sich in einer gemeinnützigen Einrichtung selbst bedienen kann
Neues aus der MüTZe
Von Walter Herrmann

Walter Herrmann, Initiator der Kölner Klagemauer und Träger des Aachener Friedenspreises, schildert im folgenden Artikel die Entwicklung im Köln-Mülheimer Bürgerzentrum MüTZe nach der Mitgliederversammlungen vom 20. November und 14. Dezember 2011, über die wir in der NRhZ Nr. 329 vom 23.11.2011 berichtet haben. Das Bürgerzentrum MüTZe steuert - auch nach Einschätzung von Mitarbeitern - auf eine Kommerzialisierung und Privatisierung zu. Soziale Stadtteilarbeit findet nur noch sehr eingeschränkt statt. – Die Redaktion
 

Protest gegen die Family
NRhZ-Archiv
Obwohl es sich bei Mülheim -Nord um einen sozialen Brennpunkt handelt, mit einer Jugendarbeits-losigkeit von 25%, gibt es in der MüTZe seit längerem keine reguläre Personalstelle für Sozialbe-ratung mehr. Als großes Problem der MüTZe erscheint die Dominanz einer einzelnen Family, deren Interessen sich auf das Café und das Möbel- lager des Zentrums konzen- trieren.
 
Auf Privatisierungskurs
 
Zum Stand der Dinge nach den Mitgliederversammlungen vom 20. November und 14. Dez. 2011: Alle Anträge von kritischen Vereinsmitgliedern, darunter ein Antrag zu den Umständen der Kündigung des langjährigen Mitarbeiters Feri Vakof, wurden mit Zustimmung eines größeren Blocks sonst eher passiver Mitglieder von der Tagesordnung abgesetzt. Am 14. Dezember wurde ein neuer Vorstand gewählt, dessen Sprecher ist jetzt Jens Erbe, der Ehemann von Veronika Franzen. Der neue Vorstand entließ den derzeitigen Leiter des MüTZe-Cafés und setzte Veronika Franzen ab sofort als kommissarische Leiterin des Cafés ein. So konnte die Franzen-Familiy ihre Machtstellung im Zentrum ausbauen. Nach dem Möbellager ist jetzt auch das Café in die Hand der Family gefallen. Möbellager und Café sind die Bereiche der MüTZe, in denen Überschüsse erzielt und private Interessen bedient werden können.
 
Goldgrube Möbellager
 
Das MüTZe- Möbellager in der Regie von Christoph Franzen, dem Bruder von Veronika Franzen, steht schon seit längerem in der Kritik. Seine Gemeinnützigkeit wird angezweifelt. Das Finanzamt hat sich das Möbellager inzwischen auch schon vorgenommen. Auf der letzten Mitgliederversammlung lag ein Antrag von drei Vereinsmitgliedern vor, in dem die Ablösung von Christoph Franzen als Leiter des Möbellagers gefordert und konkret begründet wurde. Jens Erbe, der die Mitgliederversammlung leitete, sorgte dafür, dass dieser Antrag nicht auf die Tagesordnung kam, sondern an den Vorstand überwiesen wurde.
 
Kritikpunkte einiger Mitglieder sind: Die Buchführung im Möbellager ist unprofessionell und lückenhaft; die geschäftlichen Abwicklungen sind nicht hinreichend transparent. Die von der ARGE zugewiesenen und finanzierten Mitarbeiter werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt; von beruflicher Förderung kann keine Rede sein. Möbelteile und Gebrauchsgegenstände von besonderem Wert werden für Mitglieder der Family reserviert und zu einem minimalen Preis an sie abgegeben. Für sich und seinen Geschäftspartner im Möbellager hat Christoph Franzen im letzten Frühjahr neue Arbeitsverträge durchgesetzt: Reduktion der Arbeitszeit von 32 auf 20 Stunden pro Woche; Erhöhung des Stundenlohns von 15,70 € auf 23,70 €. Erwirtschaftete Überschüsse werden nicht ans Bürgerhaus weitergegeben, etwa zur Finanzierung einer dringend benötigten Personalstelle für Sozialberatung. Obwohl in den letzten Jahren stets ein beachtlicher Überschuss erzielt wurde, wurden bei der Stadt regelmäßig Bilanzen eingereicht, die ein Defizit auswiesen. Dies, um den mit der Stadt vereinbarten „Defizitausgleich“ in Anspruch zu nehmen.
 
Goldgrube Café
 
Seit das Café jetzt auch in den Händen der Family ist, werden die Weichen für die Kommerzialisierung des Cafés gestellt. Das MüTZe-Café ist derzeit noch ein Vereinscafé. Es sollte wie früher Behinderten, Arbeitslosen und anderen gesellschaftlich Benachteiligten aus dem Stadtteil als Treffpunkt dienen, um sich dort auszutauschen und gemeinsame Aktionen zur Verbesserung ihrer Lebensumstände zu überlegen. Nach dem alten Motto der Stadtteilinitiative Mülheimer Selbsthilfe, Teestube e.V., der Vorläuferin der MüTZe: „Nicht einsam, sondern gemeinsam!“. Das ist jetzt offenbar passé: mit Habenichtsen lässt sich nicht gut Kohle machen. Also hat man sie schon aus dem Café verdrängt.
 
Viel Geld für das Café
 
Im letzten Jahr wurde auf Kosten des Bereichs Soziales kräftig ins Café investiert: 21.000 € in zwei neue Kühlhäuser. Das Personal wurde auf sieben Personen erweitert; das kostet im Jahr 78.100 €. Hingegen musste sich der Bereich Soziales mit 9.300 € fürs ganze Jahr zufrieden geben. Der Betriebskostenzuschuss der Stadt für das Bürgerzentrum belief sich im Jahr 2011 auf 127.000 €.
 
Die Idee war und ist, zusätzlich zum Cafébetrieb noch ein Catering-Unternehmen zu starten, also Bezugsstellen im Stadtteil mit warmem Essen zu versorgen, um darüber weitere Gewinne einzufahren. Kommerz auf der ganzen Linie- mit großzügiger städtischer Subventionierung.
 
Direkter Zugriff auf weitere Räume im Bürgerhaus
 
Bis zum Rausschmiss von Feri Vakof Anfang Mai letzten Jahres gab es im Bürgerhaus eine zentrale Raumvermietung, über die Geld für den Betrieb des Zentrums rein kam. Feri hatte zusätzlich zu seinen Aufgaben als Leiter des Bereichs Verwaltung die Raumvermietung und Veranstaltungsbetreuung übernommen. Nach seinem Rausschmiss wurde die zentrale Raumvermietung gekippt. Laut Christoph Franzen, dem selbstherrlichen Geschäftsführer des Gesamtzentrums, kann nun jeder Bereich im Bürgerhaus – Café, Kultur, Soziales – sich unmittelbar freistehender Räume bedienen, je nach Bedarf. Es ist natürlich klar, dass von dieser Regelung in erster Linie das Café profitiert.
 
Kurzer Rückblick:
 
Die Praxis des freien Zugriffs auf die Räume des Bürgerhauses gab es schon einmal, und zwar in der Zeit, als dort ein Jo Pellenz Bereichsleiter für Kultur und Café war. Damals wurden über das Café laufend nächtliche Partys durchgezogen, die sich auch auf andere Räumlichkeiten des Bürgerhauses, insbesondere das Forum, erstreckten. Dabei wurde viel private Kohle gemacht - auf Kosten der Nachtruhe der Anwohner!
 
Kurzfristige Entmietungen:
 
Um die Räume des Bürgerhauses schnell freizubekommen, wurden die Dauervermietungen kurzfristig gekündigt. Davon besonders betroffen war eine Roma-Gemeinde, die regelmäßig Sonntagnachmittags in der MüTZe ihren Gottesdienst feierte. Sie wurde von einem Sonntag auf den anderen vor die Tür gesetzt. Längst ist klar, für wen das Café gedacht war: für die Family!
 
Nach diesen Präludien – hohe Investitionen ins Café und unmittelbarer Zugriff des Cafés auf das Forum und andere Räumlichkeiten des Bürgerhauses – war noch offen, wer längerfristig die Leitung des Cafés übernehmen sollte. Zur Mitgliederversammlung am 14. Dezember lag ein Antrag von Vereinsmitgliedern vor, in dem eine öffentliche Ausschreibung der Stelle gefordert wurde. Mit Rücksicht darauf, dass in Mülheim-Nord mehrheitlich Menschen türkischer Herkunft wohnen und es bislang nicht gelungen sei, diese Bevölkerungsgruppe zu erreichen, solle die Ausschreibung den Hinweis erhalten „türkische Sprachkenntnisse erwünscht.“
 
Die Machtstellung der Family
 
Die MV wurde von Jens Erbe geleitet. Er setzte diesen Antrag von der Tagesordnung ab und setzte durch, dass sich der neue Vorstand mit dem Antrag befassen solle. Jens Erbe ließ sich in den neuen Vorstand wählen, ist jetzt dessen Sprecher. Die erste Maßnahme des neuen Vorstands war die Entlassung des bisherigen Café-Leiters und die Benennung von Jens Erbes Frau, Veronika Franzen, als kommissarische Café-Leiterin. Das Grundproblem der MüTZe: ist also die Machtstellung der Family.
 
Die Hauptpersonen in der MüTZe sind Christoph Franzen und seine Schwester Veronika Franzen; im Mitarbeiterkreis werden sie als „Marionettenspieler“ wahrgenommen und auch als solche bezeichnet. Christoph Franzen, von Beruf Tischler, gibt vor, wie die verfügbaren Gelder eingesetzt werden, wer neu eingestellt wird und wer seinen Job verliert. Er ist nicht nur Leiter des Möbellagers – mit 19 Beschäftigten schon ein Großbetrieb! –, sondern auch de facto Geschäftsführer des Bürgerzentrums. Eigentlich ist Christoph Franzen nur Sprecher des „geschäftsführenden Teams“, dem auch die anderen Bereichsleiter angehören, in der Praxis ist er aber derjenige, der alle Entscheidungen trifft.
 
Dem Möbellager kam der Umstand zugute, dass die Firma IKEA über drei Jahre bis Ende 2002 laufend Möbel mit leicht zu behebenden Macken gratis lieferte. Als in der zweiten Jahreshälfte 2002 die Mülheimer Selbsthilfe nach einer Serie von Einbrüchen und Sabotageakten im Bürgerhaus und dem Chaos, das sich daraus ergab, kurz vor der Insolvenz stand, gründete Christoph Franzen zusammen mit seiner Schwester Veronika in Konkurrenz zur Mülheimer Selbsthilfe den Verein „MüTZe-Sozial-Gewerbliches-Zentrum“. Der Verein wurde im Dezember 2002 ins Vereinsregister des Amtsgerichts Köln eingetragen unter der Nummer VR 14176. Offensichtlich ging es dabei darum, das Möbellager, in dem damals noch dank IKEA Goldgräberstimmung herrschte, zu übernehmen.
 
Nachdem es der Mülheimer Selbsthilfe dank Feri Vakof, der in mühseliger Arbeit die Finanzen ordnete, gelungen war, wieder auf die Füße zu kommen, meldeten sich Christoph und Veronika Franzen wieder zurück. Gleichzeitig sorgten sie dafür, dass viele aus ihrem Umkreis die Mitgliedschaft in der Mülheimer Selbsthilfe beantragten. So konnten sie auf der Jahreshauptversammlung 2004 den bisherigen Vorstand kippen und einen Vorstand komplett mit eigenen Leuten durchsetzen.
 
Machtsicherung durch Präsenz in allen wichtigen Gremien
 
Seit längerem schon sind Mitglieder der Family in allen relevanten Gremien des Bürgerzentrums präsent und dort auch die Wortführer. Hier der aktuelle Stand:
Im Vorstand: Jens Erbe, Ehemann von Veronika Franzen;
Im Beirat:       Veronika Franzen und Jens Erbe
In den fest installierten Arbeitsgruppen:
AG Café:                                                       Veronika Franzen;
AG Möbellager:                                             Jens Erbe;
AG Organisation, Struktur,
      Verantwortungen, Finanzen:                   Jens Erbe, Veronika Franzen
AG Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerke:             Veronika Franzen
 
Kurz gesagt: Im Bürgerzentrum MüTZe hat die Familie Franzen das Sagen. Ihr besonderes Interesse richtet sich auf die Wirtschaftsbetriebe, das Möbellager und das Café. Die Family betrachtet das Zentrum fast schon als ihren Privatbesitz. Mitarbeiter, auch langjährige und sehr verdiente, fliegen raus, wenn sie den Vorhaben der Family im Weg stehen, was zuletzt Feri Vakof passierte. Um ihn ohne Begründung rausschmeißen zu können, wurde in manipulativer Weise die Zahle der regulären Vollzeitbeschäftigten von 10 auf 9 heruntergesetzt.

Stand vom 28. Januar 2012
 
Machtverschiebung in der MüTZe:
Der Franzen-Clan spaltet sich auf, behält aber die Kontrolle über das Zentrum
 
Nach der Vorstandswahl vom 14. Dezember tagte die neue Führungscrew mit Jens Erbe an der Spitze vier mal intern unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
 
Die Ergebnisse:
1. Der bisherige Caféleiter und dessen Stellvertreter, der für die Küche zuständig war, wurden gefeuert.
2. Neue Caféleiterin ist Veronika Franzen.
3. Stellvertretender Leiter und Küchenchef ist ihr Sohn Wolfgang.
4. Veronika Franzen wird auch die Geschäftsführung für das Bürgerhaus übertragen.
5. Ihr Neffe Patrick Gerhards, bisher „Übungsleiter“ im Bereich Kultur, bekommt die Zuständigkeit für die Raumvergabe.
 
Veronika Franzen hatte vordem einen Job auf 400 Euro-Basis im Möbellager ihres Bruders Christoph. Vor einem Vierteljahr kam es zum Bruch mit ihm. Die Folge war ihre Kündigung. Daraufhin aktivierte sie ihren Mann Jens Erbe mit dem Ziel, im Bürgerhaus ihren Bruder auszustechen, der dort bisher de facto Geschäftsführer des Gesamtzentrums gewesen war.
 
Der Weg dahin führte über den Beirat, dem Veronika Franzen und ihr Mann seit längerem angehören. Im Rahmen dieses Gremiums ergriffen sie die Initiative zur Aktion "Zukunftswerkstatt“: Sie organisierten in der MüTZe an zwei aufeinanderfolgenden Samstagen Meetings, auf denen - bei guter Bewirtung auf Vereinskosten - Probleme in den Teilbereichen des Zentrums diskutiert und Vorschläge für mehr Transparenz und Basisbeteiligung gesammelt wurden. Auf den Meetings erweckten Veronika Franzen und ihr Mann den Eindruck, als hätten sie ein offenes Ohr für die Basis. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Unternehmen "Zukunftswerkstatt“ der Auftakt war für die Abwahl des bisherigen, mit Christoph Franzen liierten Vorstands, und die Kreierung eines neuen Vorstands, in dem Jens Erbe die Führung übernehmen sollte.
 
Seit der Vorstandswahl vom 14. Dezember sind die Vorschläge für mehr Transparenz und Basisbeteiligung in der MüTZe kein Thema mehr. Das  "System Franzen“ - mit Vetternwirtschaft und dreister Selbstbedienung - setzt sich bruchlos fort.
 
Veronika Franzen und ihr Sohn Wolfgang profitieren jetzt vom städtischen Zuschuss für die MüTZe.
 
Das Gehalt von Veronika Franzen:  32.000 € pro Jahr
Das Gehalt ihres Sohnes Wolfgang: ca. 27.000 € pro Jahr 
Zusammen ist das fast die Hälfte des jährlichen Betriebskostenzuschusses der Stadt für das Zentrum.
 
Damit nicht genug: Auf Drängen von Veronika Franzen beauftragte der neue Vorstand ihren Neffen Patrick Gerhards, bisher "Übungsleiter“ im Bereich Kultur, mit der Raumvergabe im Bürgerhaus. Über ihn kann Veronika Franzen jetzt bequem auf weitere Räumlichkeiten im Bürgerhaus, etwa das Forum, zugreifen, vermutlich zu privilegierten Konditionen.
Auf die räumliche Erweiterung des Cafés ist sie insbesondere bei der Organisation größerer Parties angewiesen, über die gutes Geld für das Café und sicher auch ein Zubrot für sie selbst reinkommen können.
 
Ihren Anspruch auf die Leitung des Cafés unterstrich Veronika Franzen damit, dass sie es in Eigeninitiative vor ein paar Jahren geschafft hätte, „Deubners Obdachlosenfrühstück“ in die MüTZe zu holen. Dass Dr. Deubner vor einem Jahr auf den Don-Bosco-Club ausgewichen sei, habe an den falschen Leuten im Café gelegen. Sie würde dafür sorgen, dass er wieder zurückkommt.
 
Das besondere Interesse der MüTZe an Deubners Obdachlosenfrühstück ist gut zu verstehen. Es hat sich in der Stadt herumgesprochen, dass in der MüTZe das Soziale nicht hoch im Kurs steht und dort diverse Deals laufen, die auf ungezügeltes Profitstreben der Akteure schließen lassen. Die MüTZe soll wieder mit einem sozialen Projekt der Sonderklasse glänzen können.
 
Resumé:
 
Das wesentliche Ergebnis der jüngsten Entwicklung in der MüTZe ist die Aufteilung des MüTZe-Zentrums unter den miteinander rivalisierenden Fraktionen des Franzen-Clans: Das Bürgerhaus mit dem Café als Goldgrube fällt an das Gespann Veronika Franzen/Jens Erbe. Die Goldgrube Möbellager bleibt fest in der Hand von Christoph Franzen.
 
Die Frage ist: Was muss noch geschehen, bis die Stadt Köln reagiert? fragt
jetzt die Basisgruppe MüTZe.
 
Klar ist: Solange die Kündigung von Feri Vakof nicht zurückgenommen ist, wird es keine Ruhe um die MüTZe geben. (PK)
 




Online-Flyer Nr. 339  vom 01.02.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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