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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Kultur und Wissen
Ein Staatspreis für Lizenzen aus dem Ausland?
Deutscher Jugendliteraturpreis
Von Wolfgang Bittner

Seit Jahren schon haben Autorinnen und Autoren aus Deutschland die Nominierung und Vergabe für den Deutschen Jugendliteraturpreis mit zunehmender Verärgerung zur Kenntnis genommen. Auf der Bühne im Kongresszentrum der Frankfurter Buchmesse präsentierten sich Verleger, Lektoren und Übersetzer, also die „Sekundären“, sowie die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern, um das Preisgeld und eine „Momo“ genannte Bronzeplastik in Empfang zu nehmen – jedes Mal eine aufwändige Veranstaltung mit „Eventcharakter“, zu der auch Politiker, Verwalter, Organisatoren und Juroren aufs Podium gebeten werden. Die Preisträger kamen überwiegend aus den USA, den Niederlanden, aus Schweden, Großbritannien oder Frankreich; äußerst selten erhielten deutsche Autorinnen und Autoren diesen Staatspreis, der aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert wird.

Plakat für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 - gestaltet vom norwegischen Künstler Stian Hole, 2010 selbst einer der Preisträger.
Quelle: http://www.buchplakat.de
 
Preise gibt es für jeweils ein Buch in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch. Außerdem verleiht eine Jugendjury einen weiteren Preis, und daneben wird noch ein Sonderpreis für ein Gesamtwerk vergeben. Für diese Preise stehen 50.000 Euro zur Verfügung. Die Organisation liegt beim Arbeitskreis für Jugendliteratur in München, der auch Seminare für Multiplikatoren veranstaltet und Maßnahmen der Leseförderung mit den prämierten Büchern unterstützt. Insgesamt erhielt der Arbeitskreis 2010 und 2011 vom Ministerium eine Zuwendung von 480.000 Euro, wovon jeweils 196.000 Euro für die Abwicklung der Preisvergabe bestimmt waren. 
Preisstifterin ist Dr. Kristina Schröder, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
 

Dr. Kristina Schröder
Hier zeigt sich, wie so häufig, das Missverhältnis zwischen Preisgeld und den Verwaltungskosten für einen Preis. Der Unmut deutscher Autorinnen und Autoren entzündete sich aber vor allem an der Vergabepraxis. So fand 1998 in der Akademie Remscheid eine vom Verband deutscher Schriftsteller initiierte Tagung unter dem bezeichnenden Titel „Deutsche Kinder- und Jugendliteratur chancenlos im German Open?“ statt. Kritisiert wurde schon damals, dass jahrelang von den für die vier Hauptsparten nominierten 24 Titeln lediglich mal zwei oder drei aus Deutschland stammten; mehrmals kam es vor, dass kein einziger deutschsprachiger Titel prämiert wurde.
 

Eklatante Benachteiligung deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
 
Deutsche Autorinnen und Autoren wurden nachweislich in den vergangenen Jahrzehnten in einer Weise benachteiligt, die skandalös anmutet. Sie haben kaum eine Chance, ihren Staatspreis zur Förderung der deutschen Kinder- und Jugendliteratur jemals zu erhalten, und sie gehen auch im Ausland leer aus, weil die dortigen Staatspreise, wie auch viele andere Literaturpreise, den eigenen Autoren vorbehalten sind. Hinzu kommt, dass neben deutschen Originalausgaben des Vorjahres Lizenzausgaben prämiert werden, das heißt Bücher, die sich in anderen Ländern bereits seit langem auf dem Markt bewährt haben und zum Teil ausgezeichnet worden sind.
 
Diese Bücher und deren Urheber sind in mehrfacher Hinsicht im Vorteil: Sie haben einen Vorsprung an Popularität, sie können im eigenen Land prämiert werden und sie können dazu noch den deutschen Staatspreis erhalten. So kurios es anmuten mag, wurde der Deutsche Jugendliteraturpreis schon für Bücher vergeben, deren Erstveröffentlichung im Ursprungsland Jahrzehnte zurücklag. Der Skandal lässt sich auch statistisch belegen: In den Jahren 2005 bis 2009 erhielt in den Sparten Kinderbuch und Jugendbuch bei 59 Nominierungen nur ein einziger deutschsprachiger Autor den Preis, nominiert wurden lediglich acht Originalausgaben.
 
Abschaffung der deutschen Kinder- und Jugendliteratur?
 
Ein Blick in die Verlagsprogramme beweist, dass übermäßig viele ausländische Titel in deutscher Übersetzung angeboten werden. Nun kann es für die jugendlichen Leser nur von Vorteil sein, wenn sie von fremden, Ihnen unbekannten Lebensbereichen und Lebensweisen erfahren. Zumindest ebenso wichtig ist jedoch die Vermittlung einer eigenen kulturellen Identität. Außerdem muss sich niemand wundern, dass andere Länder immer weniger Interesse an deutscher Literatur zeigen, die offensichtlich nicht einmal im eigenen Land wertgeschätzt wird. Zugespitzt ließe sich von einer Abschaffung der deutschen Kinder- und Jugendliteratur durch die Verleger, Publizisten und Juroren sprechen. Insofern stellt sich unter anderem die Frage nach der „Effizienz und Effektivität“ der öffentlichen Förderung.
 
 
Immer wieder wurde von Seiten der Autorenschaft auch die Ignoranz und Inkompetenz gegenüber der deutschen Kinder- und Jugendliteratur in vielen Verlagen, Medien und Jurys bemängelt. Seit Langem ist zu beobachten, dass sich nicht wenige Verlage die deutschen Autorinnen und Autoren als Lohnschreiber für leichtverwertbare Ware und Kunstgewerbe halten, die literarische Qualität – soweit dafür überhaupt Kriterien entwickelt sind – aber im Ausland suchen und kaufen. Da werden zunehmend Vorgaben und Vorschriften hinsichtlich der Themen, Inhalte und des Umfangs gemacht; in den Medien wird die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur kaum noch berücksichtigt oder vom Feuilleton auf die Kinderseiten verbannt; Juroren, die nur einen geringen Teil der Produktion zu sichten vermögen, lassen sich von literarischen Moden und der Werbung der großen Verlage leiten, Ihre Voten sind eher zufällig und manchmal durchaus fragwürdig.
 
Tief schließen lässt zudem die Aussage von Journalisten und Juroren, dass diejenigen deutschen Autorinnen und Autoren, die den Preis verdienen, ihn erhalten haben – eine an Ignoranz und Arroganz kaum zu überbietende Unverschämtheit. Dazu wagt sich kaum jemand kritisch zu äußern, weil er oder sie damit Gefahr liefe, in Misskredit zu geraten und künftig boykottiert zu werden. Das alles sollte – bei grundsätzlicher Befürwortung des Preises und Anerkennung der auch ehrenamtlichen Bemühungen für die Kinder- und Jugendliteratur – nicht aus den Augen verloren werden. Um Missverständnissen vorzubeugen, ist noch anzumerken, dass es nicht um Deutschtümelei gehen kann und dass hier nichts gegen Trivialliteratur (z.B. mit Vampiren und Werwölfen) eingewendet werden soll, dass sie jedoch keinesfalls auf die Auswahllisten für Literaturpreise gehört.
 
Die Auswahl 2011 – eine Wende?
 
Nun scheint sich bei der Preisvergabe 2011 eine Wende angebahnt zu haben – so ist zu hoffen. Immerhin standen diesmal elf deutsche von insgesamt vierundzwanzig Titeln (fünf davon allerdings im Sachbuch) auf der Auswahlliste für die Hauptsparten, und prämiert wurden vier deutsche Bücher. Die Kritik der vergangenen Jahre scheint also angekommen zu sein, obwohl die Vorsitzende der Jury in ihrer Ansprache beteuerte, die Berücksichtigung deutscher Urheber sei nicht das Ziel gewesen, sondern lediglich das Ergebnis der Auswahlberatungen. Zu fordern ist jedoch nach wie vor, dass der Deutsche Jugendliteraturpreis ausschließlich deutschsprachigen Originalwerken vorbehalten bleibt. Auch die Leseförderung lässt sich besser und effektiver direkt von den Autorinnen und Autoren als von bemühten Politikern und sonstigen Referenten betreiben (Werbemittel sind schließlich in ausreichendem Maße vorhanden). Im Übrigen gibt es neben dem Deutschen Jugendliteraturpreis noch genügend andere Preise, mit denen ausländische Autorinnen und Autoren bedacht werden können. Besonders zu bedenken ist, dass die Zuwendungen für Literaturpreise nicht als „Verfügungsmittel“ für den Literaturbetrieb dienen sollten. (PK)
 
Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als freier Schriftsteller in Göttingen. Er studierte Jura, Philosophie und Soziologie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u.a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko, Kanada und Neuseeland, Gastprofessuren 2004 und 2006 nach Polen. Er erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen (u.a. 2010 den Kölner Karls-Preis der NRhZ), ist Mitglied im P.E.N. und hat mehr als 60 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht, darunter die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“, und „Flucht nach Kanada“, der Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.
2011 erschien sein Roman "Schattenriss oder Die Kur in Bad Schönenborn" im VAT Verlag in Mainz.
(Weitere Informationen unter www.wolfgangbittner.de)


Online-Flyer Nr. 338  vom 25.01.2012

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