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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Literatur
Neujageschichte - Warum ein Afrikaner nicht in Europa bleiben wollte
Bagabubu - Babaguga
Von Wolfgang Krause Zwieback und Peter Kleinert

Er war mit dem Schiff rübergekommen.. von Afrika nach Europa.. Eine lange Reise.. Bagabubu war weit hinter Marrakech aufgebrochen in den Norden.. In Tanger hatte er sich eingeschifft.. und zwar sowohl als auch.. Ja.. Er kannte weder Platz- noch Höhenangst.. Er konnte sich auf Schaukelkarussells setzen.. und mit dem Kopf nach unten in 24 Metern Höhe verweilen.. Aber vor dem Meer wich sein Körper zurück.. 


Papiergebirge
Kunstwerk und Foto: Wolfgang Krause-Zwieback 

Schon an Land mußte er sich übergeben.. und ergab sich an seinen Körper.. der sich kurz von ihm getrennt hatte.. Dann aber doch wieder hinter ihm stand.. Bagabubu schiffte sich ein im Containerhafen.. Er wollte nach Europa.. und Artist werden.. Eigentlich war er es längst. Doch.. Wieso gerade Artist?! Tat er das für seinen Freund Robär?.. der in Südfrankreich eine Rucksackfabrik unterhielt?!.. Vor allem.. Beide verband eine Wette aus früher Zeit.. Nein.. mehr noch drängte ihn seine eigne Vergangenheit zu diesem Schritt.. Bagabubu war schon als Kind mehr auf den Bäumen.. als am Boden..
 
In Zentral-Afrika im dortigen Central-Park hatte er Zebras in Streifen geritten.
Aber vor allem hatten ihn die Spinnen fasziniert.. Mit welcher Kunstfertigkeit sie ihren Faden spannen.. ihre Netze.. Er lernte.. einen Faden im Mund einzurollen.. Das andere Ende an einen Ast zu binden.. Und sich dann langsam abzuseilen.. Am Anfang waren es nur ein paar Zentimeter.. und natürlich gab es einige Abfälle.. Einmal hatte es ihm ein paar Vorderzähne herausgerissen.. Und er war zu Boden gestürzt.. So gestaucht war er in die Breite gegangen.. Eine imposante Erscheinung..
 
Mit der Zeit gelang es ihm.. über 10.. 12 Meter sich abzuseilen.. Dann verkeilte er den Faden im Mund.. begann zu schaukeln.. Arbeitete 2 Jahre an einer Nummer.. bei der er so weit hin und her schaukelte.. bis er in der Waagerechten einen anderen Ast erwischte.. und auf diesem Faden dann ein Akrobat seine Kunststücke zeigte.. Schließlich ließ er sich fallen.. und schwang wie ein Pendel.. so daß der Akrobat steif wie eine Puppe am Faden klebte.. mit ausgestreckten Armen.. und die weggeworfenen Ringe ihm wieder auf die Arme sprangen.. Als es immer wieder klappte.. nannte er sich nun Bagabubu.. nannte sich also Babaguga.. Und begab sich auf ein verrostetes Containerschiff.. um nach Europa zu schwimmen.. Bei der Überfahrt fiel ihm die Seekrankheit in die Arme.. Um sich abzulenken.. zählte er die Container.. versuchte zu erraten.. was sich in den verschlossenen Containern befand. Er klopfte und schüttelte die Container.. oder rief etwas hinein.. oder brüllte sie an.. um dann stundenlang in sie hineinzuhorchen.. Einmal fand er heraus.. daß in einem Container Elefanten ohne Stoßzähne standen.
 
Ein Kunststück.. welches selbst dem berühmt berüchtigten Detektiv Bossa Roßkowitsch nicht gelang. Babaguga sprach sich also schnell herum.. und wurde Meister genannt. So landete er in Europa. Zunächst begab er sich zu seinem Freund Robär.. Der in seiner Fabrik mittlerweile Fallschirme herstellte.. Das brachte Bagabubu auf eine Idee.. Er fuhr wieder ans Meer.. Wollte das nächste Containerschiff nehmen.. wieder zurückfahren.. Das nächste fuhr in 2 Tagen.. Er saß also 2 Tage in der Bar am Fenster am Meer.. Und konnte sich nicht erklären.. wieso er schon wieder hier war..
 
Der Anblick der Fallschirmfabrik verfolgte ihn.. Unten kamen die Materialien in die Fabrik.. Dann wurde in verschiedenen Gewerken hochgearbeitet.. Und oben im 20. Stock der Fallschirm endlich zusammengesetzt.. Ein Menschendummy dran geschnallt.. Aufs Fließband bis raus ausm Haus geschoben.. Reißleine gezogen.. Und der Jungfernflug ausgelöst.. Bei Wind flogen die Dummys wahllos weg.. Dann war großes Einsammeln angesagt..
 
Andere Versuche folgten.. Die Dummys wurden in Formation zusammengestellt.. und mit einer sturmerzeugenden Windmaschine in alle Himmelsrichtungen zerstreut.. Äußerst verwirrend für den Feind.. Und das brachte Babaguga auf die Idee.. So saß er an der Bar am Fenster am Meer.. Und konnte vor lauter Stimmung kaum denken.. Er wußte.. daß er die Idee noch vor Abfahrt des Containerschiffes vollkommen ausgedacht haben mußte.. weil sich dann entschied.. ob er zurück oder wieder zurückfahren müßte..
Zumindest war er so weit.. daß er fest daran glaubte.. beides zu verbinden..
Also.. die Entstehung des Fallschirms von unten nach oben.. und der erste Flug wieder nach unten.. zu verbinden mit seiner Spinnfadennummer.. Aber es gefiel ihm nicht.. daß es bei beiden Nummern nach unten ging.. Es brauchte noch einen Katapulteffekt.. auch ein Trampolineffekt wäre gut.. Etwa eine überraschende Rückkehr an den Ausgangspunkt..
 
Und so nahm er schließlich das Containerschiff.. zurück nach Tanger.. Auf der Überfahrt glaubte er fest an die Kraft des Zebras.. an die Inspiration dieser unterschätzten Unpaarhufer.. Und doch wäre er am liebsten umgekehrt..
 

Wolfgang Krause-Zwieback auf dem Literatur- &
Musikfest in Ostwestfalen-Lippe
Der Leipziger Wolfgang Krause-Zwieback ("Zwieback heiße ich, seitdem ich was am Magen habe.") macht seit Beginn der 70er Jahre Kabarett, das er auch "Kabasurdes Abrett" nennt. Als Brotberuf übte der studierte Graphiker seine Bühnenauftritte aber erst seit Mitte der 80er Jahre aus. Nicht unbedingt zum Vergnügen der DDR-Behörden, aber trotzdem unzensiert. Nicht nur darin ähnelt er dem inzwischen verstorbenen Schriftsteller Peter Hacks, der in einigen seiner Theaterstücke den Zusammenbruch des Staates vorausgesagt hatte, in den er 1961 hinübergewechselt war.

Zwiebacks Programm "Und nun aufgehört!" hatten wir Ende 1988 in Leipzig gesehen und waren so begeistert, daß wir ihn Anfang 1989 ins Kölner "Theater am Dom" einluden, seinen Auftritt aufzeichneten und anschließend im Sommer 1989 dem damals noch nicht mit Hilfe von Ministerpräsident Wolfgang Clement wegzensierten unabhängigen "Fernsehfenster KANAL 4" auf RTL ausstrahlen konnten. Weil Erich Honecker und andere nicht auf Zwiebacks Forderung reagierten, endlich mit ihrer politbürokratische Politik "aufzuhören", mußten sie schließlich ein paar Monate später zurücktreten, weil immer mehr DDR-BürgerInnen mit dem Ruf "Wir sind das Volk!" auf die Straße gingen. Die neue Parole "Wir sind ein Volk!" wurde erst später mit Hilfe von westdeutschen "Unterstützern" unter die DemonstrantInnen gebracht.   
 
Den immer noch aktuellen Filmclip "Rede im Bundestag" aus dem Programm "Und nun aufgehört!" finden Sie in dieser NRhZ-Ausgabe.

Wolfgang Krause Zwieback schreibt jedes Jahr am 24.12. zwischen 14 und 17 Uhr eine Neujageschichte, ohne vorher nachzudenken. Sonst inszeniert er eigene Stücke oder ist auf der Suche nach dem Sinn. Mehr über ihn unter www.krause-zwieback.de.
(PK)


Online-Flyer Nr. 335  vom 04.01.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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