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Aktueller Online-Flyer vom 01. Februar 2023  

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Inland
God‘s own Bananenrepublik als Vorbild für die von Gerhard Schröder
USA: Weltspitze bei Ungleichheit
Von Harald Schauff

Bis zum Mauerfall empfahl man lästigen Gesellschaftskritikern, doch ‘rüber zu gehen’, wenn es ihnen hier nicht gefalle. Heute redet man besser von ‘Rüberhüpfen’ über den großen Teich. Zumindest sollte mal rüber geschaut werden. Nicht, um die Misère hierzulande zu beschönigen und sich einzureden, wie gut man vergleichsweise in Sauerkrautland noch dran
ist. Sondern, um zu erkennen, wohin das wachsende Gefälle zwischen Arm und Reich führen kann.
 

Schuf als Kanzler die Bananenrepublik
Deutschland durch seine "Agenda 2010"
Quelle: SPD Schlesweig Holstein
Einige aufschlussreiche Zahlen dazu lieferte der SPIEGEL (vom 31.10.11). Vielsagender Titel: „Die 1 %-Macht“. Denn das reichste eine Prozent der US-Bevölkerung besitzt 37,1 % des Privatvermögens in Amerika (Stand: 2009). Zum Vergleich: Das deutsche Goldprozent bringt es nur auf 23 %. Allerdings stammt diese Zahl aus dem Jahr 2007. Inzwischen dürfte es etwas aufgeholt haben. Während sich in den USA fast zwei Drittel des privaten Nettovermögens in den Händen von 5 % der Amerikaner konzentrieren, schafft es die deutsche 5 %-Crème nicht einmal bis zur Hälfte. Na, da muss das liebe Geld aber ranklotzen, um den Rückstand wettzumachen. Demnächst fühlen sich die Euroscheine feucht an, weil es so schwitzt.
 
Die Spitze der Pyramide glänzt gülden. Etwas tiefer sieht es bereits recht trist aus: Den unteren 80 % der US-Bevölkerung gehören ganze 12,3 % des Privatvermögens. Auch hier steht Deutschland (noch) etwas besser da: Mit sagenhaften 19,9 %. Beim reichsten 1 % der US-Haushalte stieg das Nettovermögen zwischen 1983 u. 2007 um 103 %, also um über das Doppelte. Bei den unteren 40 % sank es dagegen um 63 %. Auch die Entwicklung der Einkommen spricht Bände: Während das reichste 1 % der Steuerzahler sein Einkommen von 1982 bis 2006 um 127 % steigerte, reichte es bei den gering verdienenden unteren 40 % nur zu schlappen 7 %.
 
Inzwischen hat die Ungleichheit in ‘God’s Own Country’ nicht nur dramatische, sondern historische Dimensionen angenommen. Sie ist so groß wie seit beinahe 100 Jahren nicht mehr. Früher waren es Öl- und Eisenbahnbarone, die das Land im Griff hatten. Heute sind es Hedgefonds-Manager und Finanzmagnaten. Allmählich beginnen die Alarmglocken zu schrillen. Auch da, wo man es kaum vermutet. So kommen die US-Geheimdienstler vom CIA in ihrem Länderbericht zum Schluss, dass die USA in sich gespaltener sind als Tunesien oder Ägypten. Politologen sehen das Land stetig abdriften in eine kapitalistische Oligarchie, eine Herrschaft gut betuchter Minderheiten wie man sie in Brasilien, Mexiko oder Russland vorfindet. Dort gibt es eine vergleichbare Konzentration wirtschaftlicher Macht in wenigen Händen.
 
Früher war es besser: Bis in die 70er wuchsen die Einkommen in allen sozialen Schichten gleichmäßig um rund 3 %. In den 80ern begann sich die Schere deutlich zu öffnen. Bereits unter Ronald Reagan profitierten nur noch Topverdiener vom Wachstum. George W. Bush verschärfte diese Entwicklung zur „Winner-takesall-Wirtschaft“ nochmals. Der Prozess schreitet also seit drei Jahrzehnten voran. Jedoch wurde er erst durch die Finanzkrise richtig wahr genommen und nicht länger als linke Spinnerei abgetan. Nun fürchtet die Expertise, die so lange den Kopf in den Sand steckte, dass das enorme Ungleichgewicht das Wirtschaftswachstum der weltgrößten Volkswirtschaft bremst. Schließlich ist man dort mehr als anderswo auf den Inlandskonsum angewiesen. Wie soll jener anziehen, wenn der überwiegenden Mehrheit der Verbraucher das Geld fehlt? Eigentlich nicht schwer zu verstehen. Dennoch hat man sich lange um diese simple Einsicht herum gemogelt. Mittlerweile kommt sogar der Internationale Währungsfonds zu dem Ergebnis, dass die
von den US-FInazmärkten ausgehende globale Krise zumindest teilweise auf die dramatisch gestiegene Ungleichheit innerhalb des Landes zurückzuführen ist.
 
Am deutlichsten liest sich das steile Gefälle an der Entwicklung der Managergehälter ab. 1980 verdiente ein amerikanischer Firmenchef „nur“ das 42 fache des Gehalts eines Arbeiters. Heute ist es über 300mal soviel. Wie bescheiden nehmen sich dagegen DAX-Vorstände aus. Nur wenige verdienen mehr als das Hundertfache einfacher Angestellter. Häufig sind es rund 30- bis 40-mal soviel. Das reicht gerade zum Hungertuch aus edler Seide. In ‘Good Old Germany’ hat die Schere wohl noch etwas Spielraum. In den USA dürfte sie so ziemlich den Anschlag ereicht haben. ‘Stars and Stripes’ weht fast am Ende der Fahnenstange. Die Euro-Schuldenkrise kommt Uncle Sam wie gerufen, um mit seinem langen dürren Finger auf Europa zu zeigen. So kann er von sich selbst weg deuten.

Quelle: biertafel.blog.de
 
In Euro-Krisenland gilt Deutschland inzwischen selbst beim kritischen Nachbarn Frankreich als Musterknabe unter den Schuldenländern. Man beneidet es um seine „ausfuhrstarken Mittelständler“, seinen geringen Anstieg der Arbeitskosten und um seinen dank Agenda 2010 „flexibilisierten“ Arbeitsmarkt. Ausdrücklich gelobt wird auch die gelungene Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Gewerkschaften. Und zwar von französischen Arbeitgeber-Lobbyisten. Wenn Lob aus dieser Ecke erschallt sollten sich sogenannte „Arbeitnehmervertreter“ selbstkritisch fragen, was sie falsch gemacht haben und sich nicht über Mitgliederschwund wundern.
 
Aus Sicht der Arbeitskraftverkäufer sieht die Situation sehr viel bescheidener aus, und das spricht Bände über den erbärmlichen wahren Zustand der deutschen Arbeitswelt. Ihre Öffnung nach Osten hin, hauptsächlich Polen, brachte alles andere als die befürchtete Schwemme billiger polnischer Arbeitskräfte. Im Gegenteil: Bei polnischen Fachkräften, z.B.
Krankenschwestern, ist Deutschland verpönt wegen seiner niedrigen Löhne und miserablen Arbeitsbedingungen. Die östlichen Nachbarn zieht es deshalb in andere europäische Staaten, wo sie höhere Löhne und bessere Bedingungen vorfinden. An der Spitze befindet sich hier die Schweiz. Oder sie bleiben gleich zuhause, weil die polnische Wirtschaft inzwischen boomt.
 
Der Boomerang-Effekt der "Agenda 2010" aus der Regierungserklärung von Bundeskanzler Gerhard Schröder vom 14. März 2003, die u.a. den „Umbau des Sozialstaates und seine Erneuerung“ mit den Worten „Wir werden Leistungen des Staates kürzen“ angekündigt hatte, hat bereits eingesetzt. Die durch ihn geförderte Schwächung des Binnenmarktes wird sich schmerzhaft bemerkbar machen, sobald der Export-Boom abflaut. In diesem Sinne könnte man ‘flexibilisiert’ etwas freier auch mit ‘verbogen’ übersetzen. (PK)
 
Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosenzeitung "Querkopf", in deren neuer Ausgabe er diesen Beitrag veröffentlicht hat.


Online-Flyer Nr. 335  vom 04.01.2012

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