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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Lokales
"Körnerstraße 77“ – Folge 38
"Wir haben alle afrikanische Vorfahren"
Von Chamella, Gilan, Herivan, Josef, Klaus, Marianne, Nora, Salar und Saman

Wir haben schon eine ganze Reihe Artikel von Kindern und Jugendlichen veröffentlicht, die – überwiegend aus Migrantenfamilien stammend – für das 2006 von Klaus Jünschke gegründete Zeitungsprojekt “Körnerstraße 77“ in Köln-Ehrenfeld arbeiten. Diesmal geht es in der aktuellen Ausgabe Nr. 11 in einem Gespräch mit Marianne Bechhaus-Gerst, Professorin für Afrikanistik an der Kölner Uni, um unsere afrikanischen Vorfahren und die Afrikaner heute. – Die Redaktion
 

Afrikanistik-Professorin
Marianne Bechhaus-Gerst
im Gespräch mit den
"Körnerstraße 77"Kindern.
Gilan: Mein Name ist Gilan, ich bin schon von Anfang an in der Zeitungs-AG und freue mich, dass Sie zu uns gekommen sind, um mit uns über die Geschichte der Afrikanerinnen und Afrikaner in Köln zu sprechen.
 
Marianne: Der Klaus hat mich ja schon vorgestellt. Mein Name ist Marianne Bechhaus-Gerst, ich bin Professorin für Afrikanistik an der Universität hier in Köln. Ich unterrichte Studierende über afrikanische Kultur, Geschichte, afrikanische Sprachen. Heute fing mein Seminar über „Afrika im Film“ an. Ihr geht ja auch ins Kino oder schaut euch im Fernsehen Filme über Afrika an. Und in meinem Seminar geht es darum, wie Afrika in solchen Filmen, die viele Menschen sehen, dargestellt wird. Ich unterrichte, aber ich forsche auch. Dabei geht es um afrikanische Geschichte, aber auch um die Geschichte von Menschen, die aus Afrika nach Deutschland gekommen sind.
 
Gilan: Wie sollen wir über Afrikanerinnen und Afrikaner sprechen?
 
Marianne: Das ist eine ewige Diskussion – was darf man, was sollte man nicht sagen? Es gibt da unterschiedliche Meinungen, aber klar ist, dass man „Neger“ nicht mehr benutzen sollte. Das ist ein Wort, das kommt aus einer Zeit, in der man Afrikanerinnen und Afrikaner als Sklaven verkauft hat. Da waren Afrikaner nicht richtig als Menschen anerkannt. Am besten ist immer, dass man guckt, wie die Leute sich selbst benennen. Afrikanerin oder Afrikaner geht. Aber noch besser ist, wenn man herausfindet, woher die Menschen kommen. Dann kann man das Land benutzen. Wenn wir von Deutschen reden, sagen wir ja auch nicht Europäer, sondern Deutsche oder Bayer oder Kölnerin.
 
Gilan: Kann man auch Schwarze sagen oder Farbige?
 
Marianne: Warum muss man überhaupt etwas zur Hautfarbe sagen? Ich forsche schon sehr lange zu Afrika und weiß immer noch nicht, was das eigentlich ist, schwarz oder farbig.
 
Saman: Schwarz ist auch keine Farbe.
 
Marianne: Wenn man durch Afrika reist, stellt man fest, dass die Leute ganz unterschiedlich aussehen. Es gibt Gegenden, da kann man einfach nicht sagen, der ist schwarz oder der ist braun.
 
Herivan: Warum sind denn die verschiedenen Hautfarben entstanden?
 
Marianne: So genau weiß man das immer noch nicht. Wir können davon ausgehen, dass alle unsere Vorfahren früher mal dunkle Haut hatten, denn die Menschen kommen aus Afrika. Die dunkle Haut ist ein Schutz vor der Sonne. Umgekehrt ist es so, dass in den Ländern, in denen relativ wenig Sonne scheint, also hier oder noch weiter im Norden, da braucht man eine weiße Haut, weil die mehr Licht aufnimmt und das für die Produktion von Vitamin D wichtig ist. In Australien, in Südindien und in Afrika braucht man die dunkle Haut zum Schutz vor der Sonne, damit die Haut nicht verbrennt.
 
Salar: Wo ist denn der Mensch genau entstanden?
 
Marianne: Der Mensch kommt aus Afrika. Da gibt es die ältesten Funde von Menschen, die ältesten Knochenfunde und von diesem Kontinent hat sich der Mensch über die ganze Erde ausgebreitet. Wir haben alle afrikanische Vorfahren.
 
Nora: Stammen die Menschen vom Affen ab?
 
Marianne: Das wird oft so gesagt, aber es stimmt natürlich nicht. Richtig ist, dass Affe und Mensch einen gemeinsamen Vorfahren hatten. Das hat sich irgendwann aufgespalten und auf der einen Linie sind die Menschen entstanden und auf der andern Linie die Menschenaffen. Dieser Vorfahre war weder Affe noch Mensch. Die afrikanischen Gorillas sind ganz, ganz eng mit uns verwandt, die Schimpansen auch, eben weil sie mit uns gemeinsame Vorfahren hatten. Aber wir stammen nicht vom Affen ab.
 
Joseph: Ist man wirklich sicher, dass der Mensch in Afrika entstanden ist und nicht auch an anderen Orten?
 
Marianne: Das ist keine offene Frage mehr, da wir inzwischen mit der Genetik zum Beispiel feststellen können, dass Schimpansen und Mensch 98% gemeinsames Erbgut haben und deswegen ganz eng verwandt sind. Gorillas und Schimpansen sind mit uns näher verwandt, als zum Bespiel die Urang-Utans, das weiß man inzwischen auch.
 
Nora: Was ist Afrikanistik?
 
Marianne: Es geht um die Beschäftigung mit afrikanische Kulturen. Afrika ist kein Land, es ist ein riesiger Kontinent, da werden 2500 Sprachen gesprochen und das bedeutet auch, dass da mindestens 2500 verschiedene Kulturen zu finden sind. Das erforscht man in der Afrikanistik. Das Fach ist viel zu groß, man kann nicht alles machen, da hat jeder seine Spezialgebiete.
 
Salar: Waren sie schon in Afrika?
 
Marianne: Ja, aber natürlich auch nicht überall. Ich war vor allem im Sudan.
 
Chamella: Was haben sie als weiße Frau in Afrika erlebt?
 
Marianne: Ich war im Norden von Sudan. Das ist ein islamisches Land, da habe ich mich in meiner Kleidung angepasst, da habe ich mich gekleidet wie die Frauen dort.
 
Gilan: Haben Sie eine Burka getragen?
 
Marianne: Nein, die Frauen tragen so ein fünf Meter langes Tuch, das sie um sich wickeln, auch über die Haare. Das Tuch ist nicht schwarz, es ist ganz bunt. Diese Tücher kommen meistens aus Indien, sie sehen so ähnlich aus wie ein indischer Sari.
 
Melania: Wie kam der Erdteil Afrika zu seinem Namen?
 
Marianne: Das weiß man bis heute immer noch nicht. Die Römer haben diesen Namen erfunden. Aber es ist unklar warum und woher sie den haben.
 
Klaus: Die Römer haben auch aus dem Namen eines kleinen Stammes vom Niederrhein, den Germanen, übersetzt heißt das "Speerträger", den Namen für alle Menschen jenseits des Limes gemacht. So eine Fremdbezeichnung ist auch "Indianer". Weil die Spanier und Portugiesen gedacht haben, sie hätten den Seeweg nach Indien entdeckt, haben sie die Menschen, auf die sie getroffen sind, Indianer genannt.
 
Saman: Warum hat Deutschland Kolonien gehabt?
 
Marianne: Auch eine schwierige Frage. Deutschland hat Kolonien gehabt, weil die Engländer und Franzosen, die Belgier und Holländer und die Portugiesen auch welche hatten. Alle wollten ein großes Weltreich haben und deshalb haben sie sich bestimmte Gebiete angeeignet, über die sie herrschen konnten und aus denen sie bestimmte Rohstoffe wie Diamanten oder Baumwolle holen konnten.
 
Josef: Waren die Deutschen im Umgang mit ihren Kolonien anders als die anderen Staaten?
 
Marianne: Eigentlich nicht. Ein Unterschied ist vielleicht, dass die Deutschen den ersten Völkermord im 20. Jahrhundert verübt haben und so schon mal für das geübt haben, was später kommen sollte. Gewalt war überall gegenwärtig. Die Deutschen blicken sehr romantisch auf ihre koloniale Vergangenheit zurück.
 
Gilan: Das ist vielleicht nicht direkt passend zum Thema, aber mich interessiert, ob Sie wissen, warum die meisten Afrikaner AIDS haben.
 
Marianne: Das stimmt natürlich nicht, dass die meisten Afrikaner AIDS haben. In bestimmten Ländern ist der Prozentsatz an AIDS-Kranken sehr hoch. Das hat damit zu tun, dass erst sehr viel später damit begonnen wurde, über diese Krankheit aufzuklären, was AIDS ist, wie man die Ansteckung verhindern kann. Die Armut dieser Länder ist ein wichtiger Grund für die Ausbreitung von AIDS. Es gibt immer noch nicht genügend bezahlbare Medikamente.
 
Chamella: Als die Deutschen im 1.Weltkriege besiegt wurden, kamen mit der französischen Armee auch schwarze Soldaten nach Deutschland. Wieso wurden die Kinder von schwarzen Afrikanern und weißen Deutschen „Rheinlandbastarde“ genannt?
 
Marianne: Was Bastarde sind, wisst ihr? So nannte man früher die Kinder von Frauen, die nicht verheiratet waren. In der damaligen Zeit wollte man absolut nicht, dass weiße deutsche Frauen Beziehungen zu afrikanischen Männern eingehen. Das war etwas, was man als ganz schlimm dargestellt hat. Da wurde ganz offen gesagt, Afrikaner sind dumm und minderwertig. Dass weiße Frauen mit afrikanischen Männern Kinder bekommen, war damals eine Horrorvorstellung. Man hat geglaubt, dass diese Kinder alle schlechten Eigenschaften haben, sowohl von den Frauen, als auch von den Männern. Deswegen hat man die mit so einer abfälligen Bezeichnung betitelt. Man hat überhaupt nicht akzeptiert, dass es Liebesbeziehungen gegeben hat. Man hat immer behauptet, dass die Kinder aus Gewalt entstanden sind.
 
Nora: Wir haben gehört, dass Menschen aus Afrika in der Kaiserzeit wie Tiere im Zoo betrachtet werden konnten. Wie kam es dazu?
 
Marianne: Ja, das war ein Geschäft. Das hieß Völkerschauen. Da gingen Leute nach Afrika und in andere Regionen der Welt und haben Leute angeworben, die dann hier im Zoo oder auch anderswo aufgetreten sind. Sie sollten vorführen, wie ihr angeblich echtes Leben aussah. Das Publikum bezahlte Eintritt, um die zu sehen. Aber sie wurden nicht wie Tiere im Zoo behandelt, auch wenn die Völkerschauen oft im Zoo waren. Sie sind schon freiwillig nach Deutschland gekommen. Für die war das auch eine Möglichkeit Geld zu verdienen, damit, dass sie irgendeine Show vorführten, und es war für sie eine Gelegenheit nach Europa zu kommen. Sie wussten auch ganz genau, dass sie irgendetwas vorspielen sollten.
 
Josef: Ist es auch umgekehrt so gewesen, dass Afrikaner Vorurteile gegen Weiße hatten?
 
Marianne: Der Kolonialismus ist für die Afrikaner eine große Gewalterfahrung gewesen. Das Bild, das sie sich von Europäern machten, ist natürlich sehr stark durch diese Gewalt entstanden. Das waren keine Vorurteile, sondern Ergebnis wirklicher Erfahrung. Das wurde auch niedergeschrieben oder in Kunst umgesetzt.
 
Saman: Was ist mit den Afrikanern unter Hitler passiert?
 
Marianne: Das war natürlich auch wieder eine sehr schwere Zeit für die Menschen afrikanischer Herkunft hier in Deutschland, aber die meisten haben überlebt und konnten hier nach dem Krieg weiterleben. Das war nicht vergleichbar mit dem, was die Juden und die Sinti und Roma erleben mussten. Gegen die bestand ein Plan, sie alle zu vernichten. Das war bei den Afrikanerinnen und Afrikanern nicht so. Aber trotzdem sind auch Afrikaner ins Konzentrationslager gekommen und umgebracht worden oder sie wurden zwangssterilisiert. Wisst ihr was das ist? Es wurde dafür gesorgt, dass sie keine Kinder kriegen konnten.
 
Gilan: Heute ist eine andere Zeit. Wir haben in unseren Schulen alle Klassenkameradinnen und Klassenkameraden afrikanischer Herkunft und mit denen verstehen wir uns sehr gut.
 

Der heilige Mauritius im Wappen
von Förderstedt/Staßfurth
Marianne: Da muss ich widersprechen. Ich kenne hier in Köln sehr viele Afrikanerinnen und Afrikaner und ich höre von denen ganz Anderes. Sie haben große Schwierigkeiten eine Wohnung zu finden, sie haben Probleme einen Job zu kriegen. Wenn sie anrufen und einen Termin vereinbaren, kriegen die einen Termin und sobald der Vermieter sieht, da kommt ein Afrikaner, sagt er dem, die Wohnung ist schon vergeben. Ich kenne ganz viele, die an der Haltestelle blöd angemacht worden sind. Es gibt auch ganz viele, die richtig angegriffen worden sind, es gibt Afrikaner, die von Rechtsradikalen hier in Deutschland umgebracht worden sind. In manchen Bereichen ist es sicherlich besser geworden. Aber ich habe viele afrikanische Studierende und Afrodeutsche kennengelernt, die immer noch all diese Vorurteile erleben.
 
Chamella: Köln wurde vor 2000 Jahren von den Römern gegründet. Da in der römischen Armee auch Afrikaner waren – kann es sein, dass schon damals Afrikaner an den Rhein gekommen sind?
 
Marianne: Auf jeden Fall. Von Köln habe ich keine Hinweise, aber ich weiß von Bonn, da gibt es Grabsteine von römischen Soldaten, die im Rheinland gestorben sind und da steht ganz klar drauf, dass sie aus Afrika kamen. Hier in Köln gibt es den Heiligen Mauritius, der hier verehrt wird, es gibt die Mauritiuskirche und viele Darstellungen, auf denen zu sehen ist, dass er aus Afrika kam. Von den Heiligen Drei Königen wisst ihr ja auch, dass einer Afrikaner war. Ob die schwarze Madonna eine Afrikanerin war oder nur eine schwarze Figur ist, weiß ich nicht.
 
Afrikanerinnen und Afrikaner im Juni 2011 in Köln
 
Marokko - 2318
Tunesien - 1295
Dem. Rep. Kongo - 892
Nigeria - 561
Ghana - 436
Togo - 413
Äthiopien - 385
Kamerun - 378
Kenia - 358
Algerien - 348
Angola - 279
Eritrea - 225
Ägypten - 225
Cote d’Ivoire - 181
Somalia - 158
Senegal - 145
Südafrika - 120
Libyen - 111
Republik Kongo - 109
Gambia - 86
Guinea - 86
Sudan - 81
Uganda - 71
Tansania - 52
Ruanda - 38
Burkina Faso - 37
Liberia - 34
Mali - 34
Simbabwe - 32
Sierra Leone - 30
Burundi - 29
Namibia - 23
Benin - 21
Madagaskar - 20
Mosambik - 19
Gabun - 18
Mauretanien - 17
Mauritius - 12
Niger - 12
Sambia - 12
Tschad - 12
Guinea-Bissau - 10
Malawi - 9
Botswana - 8
Kap Verde - 7
Zentralafrikanische Republik - 7
Dschibuti - 5
Seychellen - 4
Swasiland - 1
Die Zahlen sind von der Ausländerabteilung im Amt für öffentliche Ordnung der Stadt Köln.
 
Gerade in jüngerer Zeit ist es in Deutschland wiederholt zu gewaltsa- men Übergriffen auf Menschen afrikanischer Herkunft gekommen. Besonders in den populären Diskursen halten sich hartnäckig stereotype Vorstel-lungen von Afrika und seinen vermeintlichen Bewohnern, die noch aus der Kolonialzeit stammen. Man kann davon ausgehen, dass, solange sich die Bilder in den Köpfen der Menschen nicht verändern, auch der latente oder offene Rassismus gegen Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht verschwinden wird.
Hier will der Verein KopfWelten e.V. ansetzen. Mit dem Ausstellungsprojekt "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? – Afrika in der populären Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts", mit Schulprojekten, Konferenzen, Vorträgen, Publikationen und weiteren Aktionen will der Verein dazu beitragen, die vorherrschenden Afrikabilder nachhaltig zu verändern und so langfristig Rassismus abzubauen. (PK)
Mehr unter http://www.kopfwelten.org/
 
Die KÖRNERSTRASSE 77 ist ein Projekt des Kölner Appell gegen Rassismus e.V. www.koelnerappell.de und hat eine eigene Projekthomepage: www.koernerstrasse77.de
 
 
http://www.koernerstrasse77.de/media/caafd5cdfed6ae91ffff810affffffef.pdf


Online-Flyer Nr. 335  vom 04.01.2012

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