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Aktueller Online-Flyer vom 29. Mai 2016  

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Arbeit und Soziales
Interview mit Heinz Ratz anlässlich des Antifa-Konzerts in Halberstadt
Musik als Brücke zum Herzen
Von Emma Weiß

Das Antifa-Konzert von Konstantin Wecker und Heinz Ratz mit seiner Gruppe Strom & Wasser, das die NPD im März verhindert hatte, fand am 17. Juni in großer Besetzung statt. (Die NRhZ berichtete im Flyer 50 davon) Nach dem Konzert unterhielt sich Emma Weiß mit Heinz Ratz über Hintergründe, Musik und Politik. Für den 3. Oktober ist ein Konzert mit Strom & Wasser und Klaus dem Geiger in Köln geplant. Die Redaktion.

Emma Weiß: Heinz Ratz, Du hast ähnliche Erfahrungen wie die Bedrohung durch die NPD früher schon gemacht. Was war da geschehen?

Heinz Ratz: Wir spielen schon lange in Gegenden, die politisch schwierig sind, will ich mal sagen, in denen ein wachsender Faschismus festzustellen ist. Dort sind die antifaschistischen Kräfte oder die Leute, die etwas dagegen machen, oft in großer Bedrängnis. Dabei ist es häufig in solchen Gegenden so, dass diese Gruppen ohne große Rückendeckung seitens der lokalen Politiker oder der Bevölkerung agieren müssen. Wir haben bei den Konzerten ganz verschiedene Probleme gehabt. Es gab manchmal angekündigte Überfälle, so dass die Polizei aufmarschiert ist. Ein anderes Mal haben sie uns die Reifen am Auto zerstochen oder wir bekamen sehr viele Drohungen. Auch wurde die Einrichtung von manchen Jugendhäusern kurz vor dem Konzert demoliert. Das war Gang und Gäbe. Bei dem Konzert im März lagen die Schwierigkeiten auf einer anderen Ebene, eben dadurch, dass Konstantin Wecker mit uns auftreten wollte. Die Schwierigkeiten verlagerten sich in die lokale Innenpolitik. In Hoyerswerda hat man uns erklärt, dass wir dort nicht gegen Nazis spielen müssten, weil es dort gar keine Neonazis mehr gibt (Man hört den leicht ironischen Tonfall in seiner Stimme; E.W.). In Halberstadt kamen Äußerungen des stellvertretenden Bürgermeisters, der meinte, dass ich Verständnis dafür haben sollte, dass sich die Bürger von Halberstadt nicht von einem Konzert vergewaltigen lassen wollten. Die NPD sei ja nun mal leider auch eine demokratisch gewählte Partei. Das war schon alles sehr skurril. Man sah deutlich, dass eine große Angst herrschte. Ich will jetzt gar nicht mal unbedingt von einer Sympathie mit der NPD sprechen, aber es war eine Angst zu spüren, eine Angst vor der Gewalt, die die NPD ausstrahlt. Man versuchte, alles so "schön friedlich" zu lassen und nicht zu provozieren.

Heinz Ratz im Konzert
Heinz Ratz (mit Gitarre) in Halberstadt
Foto: Emma Weiß



Emma: Der Bürgermeister hat das Konzert am 17. Juni mit einer Ansprache eröffnet und Euch begrüßt. Wie ist es denn dazu gekommen?

Heinz Ratz: Er hatte gebeten, diese Begrüßung machen zu dürfen. Halberstadt ist in den Medien sehr schlecht weggekommen, und die Stadt bemüht sich, nicht als brauner Ort da zu stehen. Wir haben gedacht, wenn er etwas sagen will, warum sollen wir es ihm verbieten. Das wäre auch nicht sehr demokratisch. Ich fand es etwas zweifelhaft, was er gesagt hat, z.B., dass die Liedermacher politisch seien, aber auch schöne Liebeslieder machen würden. Die anfangs beschriebene Haltung drang durch, und man hatte den Eindruck, dass er nicht ganz freiwillig da war und dass sich die Stadtväter dem öffentlichen Druck gebeugt hätten. Der Bürgermeister ist nach seiner Rede gleich gegangen. Das hätte besser sein können, finde ich.


Emma: Er hat zu Beginn seiner Rede auch gesagt, dass er an die vergangenen Ereignisse nicht mehr rühren will. Diese Aussage wird gerne benutzt, wenn Vergangenheit, egal wie weit sie zurück liegt, nicht verarbeitet werden soll. Ist die Stadt Euch in irgendeiner Weise entgegen gekommen?

Heinz Ratz: Einzelne Leute aus der Stadt haben sich bemüht. Der Veranstalter hat sich entschuldigt und betont, das sei nicht Halberstadt, was die Politiker da machten, und er würde sich sehr schämen. Die lokale Zeitung hatte eine sehr engagierte Journalistin, die sich eingesetzt hat. Es gab schon einzelne Personen, aber die Stadt als solche hat sich nicht sehr entgegenkommend gezeigt.


Emma: Ihr geht immer wieder auf Antifa-Tour. Inwiefern übermittelt Ihr diese Aussagen in Euren Liedern?

Heinz Ratz: Rechtsextremismus ist eine von vielen Spielarten der Menschenverachtung. Wir versuchen da - soweit es mit Liedern überhaupt geht - ein Bewusstsein für Alternativen zu stärken. Wir sind mit Strom & Wasser eine eher indirekt arbeitende Band. Wir machen keine Parolen, die wir verkünden, sondern erzählen immer Geschichten, die ein Nachdenken bewegen können. Unser stärkstes Lied gegen Rechts heißt "Hartschalenkostüm". (Auf der neuen CD "Gossenhauer", E.W.) Dabei geht es um die Verhärtungen in der Welt. Es ist entstanden, als wir in Hoyerswerda gespielt haben, und einer von den Nazis, die es dort angeblich nicht gibt, im Publikum saß und ich das Gefühl hatte, mir fehlt das Lied für ihn. Daraus ist das Lied entstanden über das Harte und die Sackgasse von Idealen, die mit menschlicher Härte durchgesetzt werden. So ist der Faschismus aufgebaut. Das sind Sackgassen, die in den Untergang führen müssen. Wir glauben, dass es nichts bringt, wenn wir da stehen und "Scheiß Nazis" grölen. Man kann dadurch weniger erreichen, als wenn man etwas nachdenklichere Texte macht.

Heinz Ratz
Heinz Ratz im Gespräch am Tag danach.
Foto: Emma Weiß



Emma: Man könnte meinen, dass rechtsextreme Gruppen und Parteien unterstützt werden, weil sie ein willkommenes Ventil darstellen für Aggressionen, die durch Sozialabbau etc. entstehen. Wie siehst Du das?

Heinz Ratz: Ich sehe das Hauptproblem in der Demokratie darin, dass so viel gelogen wird von Seiten der Politiker. Menschen, die ihnen vertrauen und wählen gehen, in der Hoffnung, dass sich etwas verbessern wird, werden immer wieder enttäuscht und gesellen sich dann auch zu undemokratischen Gruppen. Die Rechten haben, aufgrund ihrer simplen, Schuld zuweisenden Struktur und provozierenden Opposition, gute Chancen Wähler abzugreifen. Da werden gerade chancenlose Menschen und Opfer von Sozialabbau aufgefangen und mobilisiert.


Emma: Gleichzeitig werden linke Kräfte durch den Widerstand gegen Rechtsextreme gebunden und sind so geschwächt im Kampf gegen den Sozialabbau.

Heinz Ratz: Das kann man so oder so sehen. Nazi-Demos und Gegendemonstrationen machen auch deutlich, was da geschieht. Dass sie in immer mehr Orten mit wachsender Zahl demonstrieren können, das ist auch ein wichtiger Faktor. So ist der Feind sichtbar.


Emma: In dem Open-Air-Konzert ging es darum, ein politisches Zeichen zu setzen, aber es ging auch um Musik. Was bedeutet Musik für Dich?

Heinz Ratz: Musik ist eine schöne Brücke zum Herzen. Man kann grausame Wahrheiten viel schöner verpacken. Sie bringt die Menschen zusammen, und es ist eine sehr schöne zusätzliche Sprache, die der Mensch erfunden hat, und die uns zur Verfügung steht. Wir Liedermacher sind auch alle sehr lustige Vögel und ich glaube, wenn die Realität nicht so hart wäre, würden wir alle nur ganz sinnliche und witzige Lieder machen. Da wir das Auge auch auf die Ereignisse heutzutage gerichtet haben, mischen sich die Themen etwas. Wir wollen nicht als Prediger oder Moralisten betrachtet werden, weil wir finden, dass wir mehr sind als das.


Emma: Konstantin Wecker hat auf einem Konzert gesagt, dass er die eigentliche revolutionäre Kraft in der Generation ab 50 sieht. Ihr spielt für ein junges Publikum. Wie siehst Du das?

Heinz Ratz: Ich glaube, dass Konstantin mit dieser ironischen Bemerkung die Jugendlichen provozieren wollte. Es kommt natürlich beim älteren Publikum gut an, wenn man es lobt. Ich glaube, dass die revolutionäre Kraft immer in dem einzelnen Charakter steckt, ob man nun jung ist oder älter. Wie sie sich dann äußert, das hat mit dem spezifischen Lebenslauf, den Umständen und eben auch mit dem Charakter zu tun. Es gibt sicherlich politisch bewußtere Generationen und unbewußtere. Im Westen gab es eine zeitlang eine ganz schlimme Bewegung hin zur Spaßgesellschaft, die Politik ablehnte. Ich glaube, dass sich das zurzeit ändert, weil ein bisschen wirtschaftliche Not kommt. Es ist schade, dass immer nur der eigene Geldbeutel zur Politik führt. Aber das ist ein Faktum, mit dem man leben muss. Es wird natürlich von den kapitalistischen Strukturen gehörig ausgenutzt.


Emma: Ihr tourt viel durch die ganze Republik, seid dabei auch oft im Osten. Wie stellt sich für Dich heute die Situation dar? Gerade das Verhältnis zwischen Ossis und Wessis? Hans-Eckardt Wenzel hat es auf dem Konzert immer wieder thematisiert.

Heinz Ratz: Ich glaube, dass die Situation leider zunehmend problematisch wird. Es ist eine ziemliche Arroganz vom Westen vorhanden gegenüber dem Osten. Aufgrund dieser Arroganz werden im Osten nationalistische Strukturen gefördert. Wenn man sich als Ostdeutscher immer als Deutscher zweiter Klasse fühlt, dann möchte man sein Deutschsein besonders beweisen und bestätigt bekommen. Das ist sicher mit einer der Gründe, warum der Faschismus im Osten deutlicher oder stärker wächst als im Westen, wobei ich glaube, dass er auch bei uns im Westen sehr stark zunimmt. Die wirtschaftlich ungerechte Verteilung ist immer noch da. Man hat nicht den Eindruck, als ob die Förderung hier ehrlich gemacht würde. Auf der anderen Seite ist in Ostdeutschland ein gewisses Misstrauen und Neid gegenüber dem Westen vorhanden. Es wird ihm gerne die Schuld in die Schuhe geschoben für die Probleme. Alles unschön und - wie ich finde - sehr unnötig, aber leider ist es Realität. Ich sympathisiere mit Ostdeutschland, weil ich finde, dass hier alles leichter sichtbar ist. Im Westen gibt es immer noch eine goldene Fassade, die über alles gelegt wird. Auf der anderen Seite sind hier die sozialen Probleme wirklich gravierender und ich sehe für mich hier eine deutlichere Aufgabe, da etwas zu tun. Gerade als Liedermacher ist man im Westen ein bisschen verpönt; unter Jugendlichen sind Liedermacher etwas Altmodisches. Hier im Osten ist zu Zeiten der DDR von den Liedermachern sehr viel Rebellisches ausgegangen. Dieses Bewusstsein ist noch da. Deswegen kommen die Zuschauer unvoreingenommener zu den Konzerten.


Emma: Hast Du eine Idee, wie sich das Verhältnis ändern könnte und Kommunikation zwischen beiden Teilen hergestellt werden kann?

Heinz Ratz: Ich glaube der Austausch müsste stärker werden. Das Grundproblem ist, dass es eine politische Vergewaltigung war. Der Westen hat einfach sein System über den Osten gestülpt und hat die wertvollen Sachen, die im Osten vorhanden waren, gar nicht wahrgenommen. Es ist immer noch vieles da, von dem ich meine, dass der Westen durchaus vom Osten lernen könnte. Man sollte nicht nur wegen der schönen Natur oder um billig Immobilien zu kaufen in den Osten fahren. Es sollte Projekte geben, die auch dem desinteressierten Westdeutschen Gedanken, Künste, Handwerk des Ostens nahe bringen. Das könnte gut sein und zur Verständigung beitragen. Wir müssten noch mal zwei, drei Schritte zurückgehen und von vorne anfangen.


Emma: Mit dieser Vision verabschiede ich mich von Heinz Ratz. Vielen Dank

Heinz Ratz: Ich danke auch.

Strom & Wasser-DVD
Strom & Wasser-DVD
Foto: Strom & Wasser



http://www.strom-wasser.de

Online-Flyer Nr. 51  vom 04.07.2006

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