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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Jeremy Rifkins Visionen einer "Dritten Industriellen Revolution"
Schöne Neue High-Tech-Öko-Welt
Von Harald Schauff

Kritikern der Erwerbsarbeit ist er ein Begriff: Jeremy Rifkin. Gern verweisen sie seit den 90ern auf seine Prognosen. Demzufolge hat der technische Fortschritt die herkömmliche Lohnarbeit unwiederbringlich zum Aussterben verurteilt. Das von ihm hierzu verfasste Buch trägt den Titel "The End of Work“ (Das Ende der Arbeit, 1995). Vor mehreren Jahren sagte Rifkin in einem Interview voraus, dass in Banken und Industrie bis 2020 98 % der Stellen entfielen. Das klang übertrieben. Vielleicht sind es auch nur 70 bis 80 %. Warten wir es ab. So oder so: Der Trend ist eindeutig und unumkehrbar.
 

Jeremy Rifkin
Rifkin ist kein überbezahlter Standard-ökonom, wie man sie hierzulande kennt und für "Wirtschaftsweise" hält. Der Gründer und Vorsitzende der "Foundation on Economic Trends" in Washington D.C. und Dozent an der Wharton School der University of Pennsylvania ist einer der einfluss-reichsten Intellektuellen der USA. Er berät die Europäische Union und europäische Politiker wie Barroso, Prodi und Merkel. Er gilt als scharfer Kritiker der neoliberalen Wirtschafts-politik. Sein neuestes Buch trägt den Titel: "Die Dritte Industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter."
 
Dazu gab er dem Neuen Deutschland ein Interview, welches in der Wochenendausgabe vom 15./16. Oktober 2011 erschien. Ohne Umschweife spricht er darin von einer Revolution, die wir momentan erlebten. Also eine "tiefgreifende Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse". Er nennt sie die "Dritte Industrielle Revolution".
 
Die Erste Industrielle Revolution verbindet man mit der Erfindung der Dampflokomotive und der mechanischen Webstühle. Rifkin sieht ihren Schwerpunkt in der Einführung der Dampfkraft ins Druckereiwesen. Dadurch hätten sich Druckereierzeugnisse und Printmedien rasant verbreitet und einfache Menschen animiert, Lesen und Schreiben zu lernen. Man hätte öffentliche Schulen gegründet. Eine kundige Arbeiterschaft wäre so den Anforderungen der dampfbetriebenen Schienen- und Fabrikwirtschaft gewachsen gewesen.
 
So wie die Dampfmaschine in der Ersten bildete das Automobil die wichtigste Errungenschaft der Zweiten Industriellen Revolution. Die Nachfrage nach Treibstoff ließ die Öl-Industrie expandieren. Deren Geschäftstätigkeit förderte neue Kommunikationsformen: Telefon, Radio und Fernsehen. Besonders das Telefon brachte die Menschen über die Grenzen von Städten, Ländern und Kontinenten hinweg miteinander in Verbindung.
 
Nun hält Rifkin die Tage der auf Öl basierenden Wirtschaft für gezählt. Irgendwann zwischen 2020 und 2035 sei das Ölfördermaximum erreicht. Allein um die Folgen des Klimawandels einzudämmen, sollte man sich von der fossilen Energie verabschieden. Zu Ende des Jahrhunderts drohe ein Massensterben von Tier- und Pflanzenarten. Damit stehe auch das Überleben der Menschheit auf dem Spiel. Erschwert werde der Ausstieg durch die mächtige Lobby der Öl- und Gaskonzerne, die in Washington mit viel Geld Druck auf die Politik ausübten. Rifkin befindet, sie gehörten einer vergangenen Epoche an. Die auf Öl und anderen fossilen Brennstoffen beruhende Technologie und Infrastruktur seien antiquiert. Sie hätten zu Massenarbeitslosigkeit, Armut, Hunger und starker Verschuldung von Menschen, Unternehmen und Staaten geführt.
 
Zur Beseitigung dieser Übel braucht es mehr Verteilungsgerechtigkeit. Im 20. Jahrhundert ist der Versuch, diese durchzusetzen, gescheitert. Doch nun, glaubt Rifkin, könnte die neue Informations- und Kommunikationstechnologie zusammen mit den neuen Formen der Energiegewinnung tatsächlich für eine gerechtere Verteilung der Lebensgüter sorgen. Er räumt ein, Computer und Internet hätten ihren Siegeszug bereits in den 80ern und 90ern gestartet. Doch konnten sie da noch nicht ihr Potenzial voll entfalten. Sie ermöglichten die Rationalisierung von Produktionsabläufen, eröffneten neue Geschäftsfelder und brachten einige neue Arbeitsplätze. An der auf fossilen Brennstoffen beruhenden Wirtschaftsweise rüttelten sie nicht. Sie wurden ihr aufgepfropft. Doch nun wäre das Internet so weit, die entscheidenden Veränderungen in Gang zu setzen. Als Kommunikationsform weise es weit über Radio, Fernsehen und Telefon hinaus. Zusammen mit den erneuerbaren Energien bilde es das Herzstück der Dritten Industriellen Revolution. Diese werde die Infrastruktur von Grund auf umkrempeln. Der Mensch der Zukunft werde seinen eigenen Strom produzieren, dank Mikrokraftwerken in Büros, Häusern und Fabriken. Neue Technologien ermöglichten eine bessere Speicherung von Energien und die Umwandlung von Energieüberschüssen. Durch intelligente Stromnetze kämen lokale Überschüsse der Allgemeinheit zugute. Die zunehmende Verknappung würde die fossilen Brennstoffe verteuern. Hingegen würde die grüne Energie immer erschwinglicher und könne so Millionen Menschen aus der Armut befreien.
 
Die Effektivität der erneuerbaren Energieformen hält Rifkin für erwiesen: Eine Stunde Sonnenschein würde ausreichen, die gesamte Weltwirtschaft für 1 Jahr mit Strom zu versorgen. Experten haben errechnet, dass der Strombedarf der gesamten Menschheit durch eine 20 %ige Nutzung der Windkraft siebenfach gedeckt werden könne. Ein Energie-Internet könne die Verteilung von Überschüssen regeln und sie dorthin lenken, wo Mangel herrscht. Internet und Öko-Energie würden die gesamte Gesellschaft von Grund auf verändern. Die vertikale Pyramidenform (von oben nach unten) der politischen und wirtschaftlichen Macht würde aufgebrochen. Auch der Politikstil und die Erziehung wären einem Wandel unterworfen. Die Menschheit würde sich als globale Großfamilie verstehen.
 
Für Rifkin ist es kein Zufall, dass der Sturz despotischer Regimes in Nordafrika mit dem Ende der Öl-Ära zusammenfällt. Auch die Wirtschaftskrise von 2008 belege den Ausklang der Zweiten Industriellen Revolution und des Ölzeitalters. Die Krisenursache sieht er in einem gigantisch gestiegenen Ölpreis, den der Wirtschaftsboom in China und Indien in die Höhe getrieben habe. Von 2001 bis 2008 sei der Ölpreis von 24 auf 147 Dollar pro Barrel gestiegen. Öko-Energie und Internet sollen den Ölteppich auflösen. Erstaunlicherweise glaubt Rifkin, die Dritte Industrielle Revolution werde das Problem der Massenarbeitslosigkeit beseitigen, indem sie Millionen neuer Arbeitsplätze schaffe. Diese sollen nicht nur in High-Tech-Firmen, sondern auch in sozialen Netzwerken entstehen.
 
High-Tech als vermeintliche Jobmaschine? Versuchen uns das neoliberale Smarties nicht seit Jahrzehnten einzutrichtern? Und waren es nicht Visionäre wie Rifkin, die mit dem Hinweis, der technische Fortschritt mache immer mehr menschliche Arbeitskraft überflüssig, dagegen hielten? Natürlich entstehen einige neue Aufgaben- und Tätigkeitsfelder im Zuge der Technologisierung. Doch machen sie nicht ein Vielfaches an herkömmlicher abhängiger Beschäftigung in den alten Industrien überflüssig? Heißt Technologisierung nicht immer auch Rationalisierung?
 
Davon abgesehen sollten die gesellschaftlichen Umwälzungen der Dritten Industriellen Revolution auch auf der geistig-seelisch-moralischen Ebene stattfinden. Das heißt primär: Sie sollten die Erwerbsarbeitszentriertheit und den Leistungsfetisch überwinden. Die Gesellschaft kommt im Geiste nicht voran, wenn die Hamsterräder von Sonne, Wind und Wasser angetrieben werden und mit Digitalanzeige und Internetanschluss ausgestattet sind. Genau das würde zum Kapitalismus passen, der seit je her die Entwicklung in Technik und Wissenschaft vorantrieb, um andererseits ungleiche Eigentums- und Einkommensverhältnisse zu zementieren.
 
"Raus aus dem Hamsterrad", kann die Devise nur lauten. Vorher ist es müßig von "Revolution" zu reden. Ohne die bedingungslose Sicherung der Existenz jedes Einzelnen erfolgt kein sozialer Fortschritt. Ein entsprechendes Grundeinkommen sollte die dritte Säule der Dritten Industriellen Revolution bilden. Eine Schöne Neue Welt, die das alte Ausbeutungs- und Zwangs-arbeitsregime beibehält, erscheint nicht erstrebenswert. Ansonsten erklingen Rifkins Visionen verheißungsvoll. Das Internet zieht uns aus dem Öl- Schlamassel, die Windräder pusten den alten Muff hinweg.
 
Man möchte es erhoffen und Rifkin glauben, dass wir uns bereits auf dem Weg dorthin befinden. Allerdings ist dieser Weg lang, verschlungen und steinig. Die Trägheit der Prozesse wird uns noch häufig das Gefühl vermitteln, gegen Windmühlen anzureiten, obwohl wir für Windräder sind. Der Siegeszug der grünen Energie ist auch philosophisch bedeutsam. Er würde wieder zu mehr Einklang mit der Natur führen. Und das ausgerechnet auf dem Wege der Technik, der den Menschen so weit von der Natur zu entfernen schien. (PK)
 
 
Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosenzeitung "Querkopf", in deren Jahresabschlußausgabe er diesen Beitrag veröffentlicht hat.


Online-Flyer Nr. 331  vom 07.12.2011

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