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Aktueller Online-Flyer vom 01. Juli 2016  

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Inland
Mitgliederversammlung des Aachener Friedenspreises vom 25.11.2011
Israels Kampf um Aachen
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Am Freitag, dem 25.11.2011, hat in Aachen eine Mitgliederversammlung des Aachener Friedenspreises stattgefunden. Das war ein Kampf um die Glaubwürdigkeit seines Wirkens. Ergebnis: der Vorsitzende Karl Heinz Otten und seine Stellvertreterin Veronika Thomas-Ohst, die sich Mitte des Jahres mit einem besonderen Einsatz für Walter Herrmann, die Kölner Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung und deren Eintreten für einen gerechten Frieden in Palästina eingesetzt hatten, gehören dem Vorstand nicht mehr an. Es stellt sich die Frage, was das für die Zukunft heißt.
 

Walter Herrmann und Reuven Moskovitz, aus Köln und Jerusalem, Träger des Aachener Friedenspreises, am 1. September 2011 – Reuven Moskovitz in einem Solidaritätsbrief an die bisherigen Vorsitzenden: „Bleibt bitte weiter unkorrigiert fest und unerbittlich gegen jegliche Form von Menschenfeindlichkeit…“
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com
 
Es begann um 19.30 Uhr und endete nach Mitternacht gegen 00.30 Uhr. Die fünf Stunden waren geprägt von teils emotional geführten Kontroversen. Um zwei Positionen des geschäftsführenden Vorstands (stellvertretender Vorsitz und Schriftführer) gab es Kampfabstimmungen. Schriftführer wurde der Aachener DGB-Vorsitzende, der am Antikriegstag 2011 kein Wort gegen den Nato-Krieg gegen Libyen fand und das Feindbild Syrien hoch kochte. Die von der bisherigen Vorstandsspitze unterstützten Kandidaten unterlagen. Der zwar wiedergewählte Vorsitzende Karl Heinz Otten zögerte nicht lange und trat zurück - eine sinnvolle Arbeit sei ihm in der entstandenen Vorstandskonstel-lation nicht möglich. Der einzige Palästinenser, der als Vorstandsbeisitzer kandidierte, erhielt die geringste Stimmenanzahl aller Kandidaten und scheiterte damit. Die bisherige stellvertretende Vorsitzende und Mitbegründerin des Trialogs zwischen Christen, Muslimen und Juden, Veronika Thomas-Ohst, hatte nach 17jähriger Vorstandsarbeit wegen der anhaltenden Angriffe gegen sie nicht mehr kandidiert. Ein langjähriges Mitglied, ein über Aachen hinaus bekannter Psychologe, trat wegen „Verlogenheit“ und mangelnder „Wahrhaftigkeit“ aus dem Verein aus.
 
Die Aachener Zeitung stellte den Konflikt am Tag nach der Mitglieder-versammlung wie folgt dar: „In jüngerer Vergangenheit hatten sich die langwierigen Querelen im rund 400 Mitglieder zählenden Verein erneut verschärft, heftige Auseinandersetzungen entzündeten sich unter anderem daran, dass Otten und seiner ehemaligen Stellvertreterin Vera Thomas-Ohst vorgeworfen wurde, sie hätten sich nicht klar genug von «antisemitischen» Tendenzen distanziert. Hintergrund waren dabei unter anderem die Aktivitäten des Initiators der «Kölner Klagemauer», Walter Herrmann, der 1998 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet worden war und später mit Karikaturen über die Politik des Staates Israel viel Kritik auf sich zog.“
 
Der ehemalige Vorsitzende des Aachener Friedenspreises, Otmar Steinbicker, schrieb am Tag nach der Mitgliederversammlung: „Der Vorstand um den nur zwei Jahre als Vorsitzenden amtierenden Karl Heinz Otten war zuletzt im Juli dieses Jahres wegen seines Umgangs mit Antisemitismus in die Schlagzeilen... geraten und massiv... kritisiert worden. Auch wenn es bisher noch keine Aussage des neuen Vorstands zu diesem Thema gibt, gehen Beobachter davon aus, dass dieser Vorstand keine Aussagen treffen wird, die als Duldung von Antisemitismus interpretiert werden können.“ Damit ist klar, woher der Wind weht und was in Zukunft unterbunden werden soll.

Hein Kolberg (Mitte), langjähriges Mitglied des Aachener Friedenspreises, erhielt am Tag der MV vom AFP-Vorsitzenden Karl Heinz Otten (links) die Urkunde zur Ehrenmitgliedschaft. Endgültig annehmen will er die Ehrung aber erst, wenn die Auseinandersetzungen ein gutes Ende gefunden haben.
 
„Stell Dir vor, Du lebst in einem Land, z.B. in Deutschland und wirst Zeuge, was Tag für Tag in Deiner Nachbarschaft passiert: wie der deutsche Staat die Wasser- und Elektrizitätsversorgung zu Häusern in Deiner Nachbarschaft, in denen Muslime leben, zerstören lässt oder Häuser von Muslimen und Moscheen ganz und gar dem Erdboden gleich machen lässt, oder von Zeit zu Zeit ganze Regionen, in denen Muslime leben, bombardieren lässt. Stell Dir vor, das geschieht seit vielen Jahren mit dem Ziel, die betroffenen Menschen aus dem Land, in dem Du lebst, zu vertreiben.“
 
Das hatten wir so im Oktober in Zusammenhang mit einer Antisemitismus-Veranstaltung in Köln schon einmal geschrieben. Das war bezogen auf eine Deutschland-Fiktion. Es gibt aber ein Land, in dem das Realität ist. Das Land heißt Israel. Statt dagegen einmütig aufzustehen und laut Nein zu sagen, wird in Deutschland - so auch in Aachen - eine künstlich geschürte Antisemitismus-debatte geführt. Die Glaubwürdigkeit einer Friedensorganisation wird an ihrem Verhalten dazu deutlich. Gründungsvorsitzender Albrecht Bausch (82) stellt klar: „Im Aachener Friedenspreis hat es nie Antisemitismus gegeben und wird es nie geben.“ Reuven Moskovitz in einem Solidaritätsbrief an die bisherigen Vorsitzenden: „Bleibt bitte weiter unkorrigiert fest und unerbittlich gegen jegliche Form von Menschenfeindlichkeit und zeitgenössischem Pharisäertum, die nichts anderes sind als freiwillige Gleichschaltung mit den Machthabern und Geldsüchtigen.“ Deutlich wird die Glaubwürdigkeit auch mit dem Verhalten zu einem Ereignis, dass in Aachen im Dezember stattfinden wird.
 
Es gibt eine in Deutschland bekannte Person, die Israels verbrecherische Politik mit den Worten deckt, es sei „gut und richtig“, wenn ein Staat „mehr Täter als Opfer“ ist. Schließlich mache es „mehr Spaß, Täter statt Opfer zu sein“. Diese faschistoiden Gedanken stammen von der gleichen Person, die auf ihrer website "Die Achse des Guten" bezogen auf die Kölner Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung schreiben lässt: „Es wäre praktischer, bei Avis oder Hertz einen kleinen Traktor zu mieten und mit dem Gerät auf die Domplatte zu rollen, um die Installation platt zu machen.“ Diese Person heißt Henryk M. Broder. Und sie soll am 18. Dezember in Aachen geehrt werden. Den Preis im Wert von 2.500 Euro vergibt die Deutsch-Israelische-Gesellschaft Aachen. In deren Beirat ist die grüne Bürgermeisterin Hilde Scheidt, die Mitte 2011 wegen angeblicher antisemitischer Tendenzen aus dem Vorstand des Aachener Friedenspreises zurückgetreten war.
 
Der Frankfurter Schriftsteller Hartmut Barth-Engelbart, der bei der Preisverleihung am 1. September 2011 dabei war und am Vorabend zusammen mit Klaus dem Geiger im AachenFenster aufgetreten war, wird sehr deutlich: „In Köln und Aachen treiben es die Freunde der israelischen Politik der 'ethnischen Säuberung', der staatsterroristischen Überfälle auf die palästinensische Zivilbevölkerung, der systematischen Ignorierung von UN-Resolutionen, der gezielten massenweisen Menschenrechtsverletzung seit eins-zwei-drei Jahren auf die Spitze: eine Kampagne gegen den israelkritischen Aachener Friedenspreisträger Walter Herrmann mit seiner Klagemauer auf der Kölner Domplatte jagt die nächste... In Aachen versuchen die gleichen KameradINNen und ihre Kumpane im UnGeiste, den konsequent antirassistischen, antibellizistischen, antifaschistischen, antikolonialistischen Vorstand des Aachener Friedenspreises mit der Antisemitismus-Keule zu kippen, weil der die rassistische, bellizistische, faschistische, neokolonialistische Politik Israels und den grenzenlosen Besatzungsterror dieses Staates ohne Grenzen öffentlich publizistisch angreift. Und weil er unbeirrt trotz massiver Pressekampagnen gegen ihn Walter Herrmanns Friedensarbeit weiter unterstützt. Genauso wie Reuven Moskovitz, der sich bei der Friedenspreisverleihung am Antikriegstag 2011 in Aachen lautstark zu Wort gemeldet hat und sich in der Aula Carolina demonstrativ neben seinen - des Antisemitismus bezichtigten - Freund Walter Herrmann gesetzt hat... Der Krieg in Aachen und Köln wird hauptsächlich mit Nadelstichen geführt - Stiche, die für sich genommen kaum sichtbar und von außen kaum wahrgenommen werden. In der Summe sind sie nicht zu ertragen... Ich warte mit Spannung darauf, dass der neue Vorstand des Aachener Friedenspreises entweder Henrik Broder oder EUROfighter Daniel Cohn-Bendit für den nationalen und Lieberman-Netanjahu für den internationalen Aachener Friedenspreis 2012 vorschlagen...“ [1]


Veronika Thomas-Ohst, bisherige stellvertretende Vorsitzende – am 1. September 2011 mit Preisträger Tobias Pflüger
 
Es ist sehr zu hoffen, dass diese Prognose nicht in Erfüllung geht. Was in der Friedensbewegung gebraucht wird, sind Menschen, die nicht mit zweierlei Maß messen - die z.B. Deutschlands Kriegsbeteiligungen verurteilen, aber Israels Verbrechen ignorieren oder gar befürworten oder ihr Engagement danach ausrichten, ob Israel Kriege missbilligt oder gutheißt - wie die gegen Libyen oder die drohenden gegen Syrien oder den Iran.
 
„In Frankfurt verweigerte der DGB-Vorsitzende der Bankenmetropole zwei Tage vor der [Nakba-]Ausstellungseröffnung den lange zugesagten Saal im Gewerkschaftshaus. Es ist ein schon lange eingespieltes Zusammenspiel Berliner Regierungsstellen und der israelischen Botschaft, zwischen örtlichen zionistisch majorisierten jüdischen Gemeinde-Vorständen und kommunalen oder Landes-Dienststellen, Kulturämtern, Landesministerien, Messeleitungen oder auch nur Hausverwaltungen“, schreibt Hartmut Barth-Engelbart [1]. Friedensinitiativen wie der Aachener Friedenspreis haben in diesem Verbund nichts zu suchen. (PK)
 
 
Anmerkungen
 
[1] Offener Brief von Hartmut Barth-Engelbart: Wie Lieberman, Netanjahu & Cie durch ihre Hilfstruppen dem Aachener Friedenspreis den Krieg erklären
http://www.barth-engelbart.de/?p=1134
 
[2] Außerordentliche Mitgliederversammlung der Alten Feuerwache entscheidet:
Kölner Klagemauer - nicht länger obdachlos
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17012
 
[3] Veranstaltung zum Antisemitismus in der Alten Feuerwache in Köln
Unrecht decken oder bekämpfen?
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17061
 
[4] Zum 54. Antikriegstag in Deutschland seit 1957
Frieden und Lügen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16910


Online-Flyer Nr. 330  vom 30.11.2011

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