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Aktueller Online-Flyer vom 30. September 2016  

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Globales
Interview mit einem Veteran aus dem Anti-Apartheidkampf
"Israel schlimmer als Südafrika"
Von Hanan Chahata

Pater Allan Boesak, ist ein Veteran im Südafrikanischen Anti-Apartheidkampf, einst Präsident des Weltbundes der Reformierten Kirchen und Unterzeichner der Südafrikanischen christlichen Antwort auf das Kairos-Palästina-Dokument. Unter diesem Titel wurde Mitte Dezember 2009 von sechzehn palästinensischen Christinnen und Christen in Bethlehem ein Dokument veröffentlicht und vom Ökumenischen Rat der Kirchen verbreitet, das seitdem als sogenanntes "Kairos-Palästina-Dokument" mitunter äußerst kontrovers diskutiert wird. In diesem Jahr gab Boesak beim Russel-Tribunal über Palästina in Kapstadt einen Bericht als Experte. Hier ein Interview mit ihm von Hanan Chahata aus dem Middle East Monitor (MEMO) – Die Redaktion


Allan Boesak
Quelle:
www.sahistory.org.za
Hanan Chahata: Sie sind einer der Unterzeichner der Antwort der südafrikanischen Christen auf das Kairos-Palästina-Dokument. In diesem sagen Sie, dass die palästinensische Erfahrung der Apartheid „in seiner praktischen Manifestation sogar noch schlimmer sei, als die südafrikanische Apartheid“. Können Sie erklären, was Sie damit meinen?
 
Allan Boesak: Sie ist schlimmer – nicht in dem Sinne, dass Apartheid für Südafrika nicht ein absolut schreckliches System war, sondern in der Weise, in der die Israelis das Apartheidsystem perfektioniert, ja, verschärft haben. Zum Beispiel hatten wir Bantustans und hatten den Group Area Act (Gruppen-Gebiete-Gesetz), und wir hatten getrennte Schulen und all dieses; aber ich denke, es kam keinem Apartheidplaner in den Sinn, eine Stadt in der Weise zu planen, dass es eine physische Mauer gibt, die die Menschen trennt und diese Mauer die Bewegungsfreiheit einschränkt, und die Freiheit für Wirtschaft und Beschäftigung. Und dass sie gleichzeitig ein Werkzeug der Einschüchterung und Entmenschlichung ist. Wir hatten Pässe, wie die Palästinenser ihre Identitätsdokumente haben. Das bedeutete aber nicht, dass wir nicht von einem Ort in der Stadt zu einem andern Ort der Stadt gehen konnten. Das Rechtssystem war natürlich verzerrt, alle Richter versuchten bei ihren Verurteilungen, das Privileg und die Macht der Weißen zu schützen usw. ….aber sie gingen nicht so weit, offen ein getrenntes Rechtssystem zu haben, wie sie es für die Palästinenser haben (die in israelischen Militärgerichten verurteilt werden) und für die Israelis, die in zivilen Gerichten angeklagt werden. Auf viele Weisen ist das israelische System schlimmer.
Etwas anderes macht es noch schlimmer: … wir konnten schließlich die internationale Solidarität zusammenrufen und bis zu einem gewissen Grad mobilisieren, dass wir in unserm Kampf mehr Erfolg hatten. Die Palästinenser können dies nicht tun. Die ganze internationale Gemeinschaft hat sich gegen sie verschworen. Die UN, die eine ziemlich positive Rolle in unserm Kampf gegen die Apartheid in SA spielte, nehmen die verheerende Position ein, ihre starken Mitglieder wie die USA, die Israel schützen, nicht zu beleidigen. … 
Die Palästinenser werden in einer Weise verspottet, wie es bei Südafrikanern nie geschah. Die UN versuchte in unserm Fall, sich an ihre Resolutionen zu halten und das Apartheid-Regime zu isolieren. Hier nun macht die UN eine Resolution nach der anderen gegen Israel. Aber ich nehme kein bisschen Schamgefühl wahr, denn sie wissen doch, dass nichts geschieht. Unter Reagan waren die USA ziemlich unverhohlen in ihrem sog. konstruktiven Engagementprogramm und seiner Unterstützung für das weiße Regime in SA; aber was die USA jetzt in der Woche taten, als sich die UNESCO entschied, den palästinensischen Antrag auf einen Sitz in der UN zu unterstützen, da zogen sie alle finanzielle Unterstützung zurück und wenden so wirtschaftliche Erpressung an - das ist skandalös.………


HC: Die Christen im Heiligen Land sind sehr bedroht. Die Menschen vergessen leicht, dass dies kein Problem zwischen Juden und Muslimen ist. Es gibt auch christliche Palästinenser dort. Es gibt seit Jahren einen beunruhigenden Trend: christliche Palästinenser verlassen das Heilige Land wegen der ungewöhnlichen Schwierigkeiten, die Israel ihnen bereitet. In welcher Weise hat sich die Besatzung auf die Christen ausgewirkt?
 


AB: Die christliche Gemeinschaft ist auf viele Weisen dezimiert worden. Die Israelis tun zwei Dinge. Sie vereinfachen die Darstellung des Kampfes, als ob er nur zwischen Juden und Arabern stattfinden würde. Die Folge davon ist, dass die Christen außerhalb denken, da ist nichts und niemand, mit dem wir uns solidarisieren könnten. Also können die christlichen Zionisten, diese ultra-konservativen Fundamentalisten, die so lange die Außenpolitik der USA unter der Bush- und Reagen-Regierung diktierten, sagen, das geht uns nichts an. Es geht nicht um Christen und christliches Zeugnis – es geht um jene Muslime. Das ist die Absicht. Ich hoffe, dass diejenigen Christen von uns außerhalb des Nahen Ostens diese Tatsache lebendig halten und Wege und Mittel finden, dieses Argument in jede politische Situation bringen und so die Realität der Christen im Nahen Osten nicht beiseite gestoßen wird.
Das zweite ist, dass die Israelis die Christen verdrängen, nicht nur verleugnen, sondern die Ursprünge. die Wurzeln des christlichen Glaubens aus den Nahen Osten verdrängen, von dort, wo alles begonnen hat. Das würde die christliche Kirche von ihren ältesten Wurzeln der Christenheit loslösen. Auch für Israel ist das nicht gut. Deshalb bin ich froh, dass der Weltkirchenrat sich noch einmal rührt – leider nicht so radikal, wie es bei diesem Problem sein sollte, aber wenigstens nimmt er das palästinensische Problem auf und reagiert auf die Situation in Ägypten, im Irak, Syrien und anderswo, wo Christen unter Druck stehen. Man denke daran, dass dies nicht nur eine christliche Angelegenheit ist; es ist nicht wichtig, weil Christen darin verwickelt sind, sondern weil die Zukunft der Menschen auf dem Spiel steht.


HC: Man schätzt, dass es weltweit 50 Millionen christliche Zionisten gibt. Was würden Sie ihnen raten hinsichtlich ihrer Unterstützung für den Staat Israel, der - wie Sie sagen - auf biblischer Argumentation basiert?

AB: es ist wie mit so vielen anderen Dingen, es ist die Weise, wie die Leute die Bibel lesen und interpretieren. Wir müssen also nur darauf achten, dass wir genau so klar wie begeistert und offen bei unserm Verständnis der Bibel sind und auch so engagiert beim Verständnis der Bibel, wie sie es scheinbar sind. Da muss es Wege geben. Wir haben nur nicht genügend Phantasie. Ein Grund dafür mag sein, dass uns bis vor kurzem nicht klar war, wie gefährlich die Ansichten dieser Leute sind, nicht nur für die Palästinenser und für Muslime im allgemeinen, sondern auch für die christliche Kirche selbst. Jetzt, wo wir beginnen zu sehen, wie tödlich diese Logik ist, wie absolut antichristlich und antimenschlich diese Logik ist, haben wir keine Entschuldigungen mehr.

 
HC: Israel verlangt, dass die Palästinenser es als einen exklusiven „jüdischen Staat“ anerkennen. Wie würden Sie auf diese Forderung antworten? 


AB: Das können sie nicht. So etwas wie einen spezifisch jüdischen Staat gibt es nicht. Man ruft einen jüdischen Staat über den Köpfen, Körpern und Erinnerungen des Volkes aus, das seit alten Zeiten hier lebt. Dies ist palästinensisches Land, über das wir sprechen. Die meisten Juden, die heute dort sind, kommen aus Europa und sonst woher und haben keinen Anspruch auf dieses Land, und wir müssen es nicht zulassen, dass den Palästinensern dasselbe geschieht wie meinen Vorfahren, die die Ureinwohner dieses Landes (SA) waren. Jetzt sind sie kaum genug, dass sie bei einer Volkszählung gezählt werden. Dies ist palästinensisches Land.
 
HC: In der Vergangenheit drängte man die westlichen Länder, wirtschaftliche Sanktionen über das Südafrikanische Apartheidregime zu verhängen. Würden Sie einen ähnlichen Aufruf für Sanktionen gegen den Staat Israel unterstützen? 

AB: Absolut! Druck, Druck, Druck von allen Seiten: finanzielle Sanktionen, Banksanktionen, Sportsanktionen, kulturelle Sanktionen; ich spreche aus eigener Erfahrung. Am Anfang hatten wir umfassende Sanktionen und erst spät in den 80er-Jahren lernten wir, mit gezielten Sanktionen umzugehen. Man muss also sehen, wo die Israelis besonders verletzlich sind; wo ist die stärkste Verbindung zur Außenwelt? Und man muss starke internationale Solidarität haben; das ist der einzige Weg, damit dies funktioniert. Man muss sich auch daran erinnern, dass wir jahrelang die Sanktionskampagnen aufgebaut haben – und nicht mit Regierungen im Westen. Diese kamen sehr, sehr spät an Bord.
Es war die indische Regierung und in Europa nur Schweden und Dänemark, mit denen wir angefangen haben. Und das war es dann auch. Später – etwa 1985-86 – erhielten wir amerikanische Unterstützung. Wir konnten Margret Thatcher nie an Bord bekommen, nie Großbritannien, nie Deutschland. Aber in Deutschland waren es die Frauen, die einen Unterschied machten, die südafrikanische Waren in den Supermärkten boykottierten. So bauten wir auf. Man darf nicht den Tag der kleinen Anfänge verachten. Es war Sache der zivilen Gesellschaft. Aber die zivile Gesellschaft innerhalb der internationalen Gesellschaft konnte nur aufgebaut werden, weil es eine starke Stimme von Innen gab, und das ist jetzt die Verantwortung der Palästinenser, diese Stimme aufrecht zu erhalten und so stark und eindeutig wie möglich zu sein. Denkt euch Argumente aus, durchdenkt die Logik von allem, doch vergesst nicht die Leidenschaft, weil es für euer Land ist. (PK)
 
Deutsch und stark gekürzt von Ellen Rohlfs


Online-Flyer Nr. 330  vom 30.11.2011

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