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Aktueller Online-Flyer vom 24. Juni 2019  

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Lokales
Kinder sind Opfer eines kranken Systems
Erneut Bildungsprotest in Köln
Von Hans-Dieter Hey

In kompletter Ausblendung der Wirklichkeit haben europäische Bürokraten ein Monstrum geschaffen, das sich „Bolognaprozess“ nennt und Bildung reformieren sollte. Nach zehn Jahren ist dieser Prozess komplett gescheitert, die mit dem "Reformprozess" verbundenen Ziele wurden verfehlt. Doch Bundesministerin Annette Schavan (CDU) möchte weiterhin die Realität ignorieren und verkündete noch im Mai diesen Jahres: "Viele der genannten Ziele sind in den Bologna-Ländern zu einem großen Teil schon umgesetzt." Gegen den hoheitlichen Realitätsverlust, gegen den Abbau von demokratischen Rechten und ein Bildungssytem, das nur noch den Kapitalinteressen verpflichtet scheint und krank macht, gingen gestern in Köln über 1.000 Schüler und Studierende auf die Straße und machten ihrem Zorn Luft.  



Kinder Opfer eines kranken Systems

Sie spüren deutlich, dass das für sie gedachte Bildungssystem sie im Leben nicht weiterbringt. Spaltung der Bildungsgesellschaft in arm und reich, Überbürokratisierung, Stress, große Klassen, überfüllte Hörsäle, gestresste Lehrer und Professoren und an den Kommerz angepasste Bildungsinhalte rauben ihnen den Nerv.

Dr. Mathias Burchardt von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln sieht in dem Angriff auf die Bildung einen Angriff auf die

Dr. Matthias Burchard, Uni Köln
ganze Gesellschaft: "Ich freue mich, dass auch die Schüler hier sind. Sie opfern ihre Kindheit für ein krankes System." Er weist auf den Preis hin, den immer mehr in diesem Bildungssystem zahlen müssen. "In meiner Praxis sind immer mehr Studenten, die verzweifelt sind, weil sie sich überfordert fühlen. Diese Überforderung ist strukturell. Sie ist der Modus, in dem sie hier leben sollen. Es ist nämlich kein Problem des Einzelnen, sondern alle sind überfordert." Das Krankmachende sei die überbordende Bürokratie. Aber auch die Lehrenden seien überfordert. "Die Quote an Burn-out, an Depressionen, an Frust und innerer Emigration unter Kollegen ist gewaltig. Alkohol und Medikamentenabusus sind an der Tagesordnung. Wir alle werden krank an dieser Universität und das muss aufhören", so Burchardt.

1999 seien die Bachelor- und Masterstudiengänge mit einer sehr fragwürdigen
 
demokratischen Legitimation eingeführt worden. Obwohl dieser Bologna-Prozess gescheitert ist, hieße es, er sei unumkehrbar. Alle Ziele seien verfehlt worden. Die Verschulung der Bildung beschneide die akademische Freiheit und mache das Studium zum Lottoprinzip. Ziele seien nicht mehr Bildung und Wissen, nicht mehr Mündigkeit und Entfaltung von Berufsqualifikationen, sondern die jämmerliche Karrikatur als "Employability" mit einem bestimmten Verwertungsinteresse. Die meisten würden „aus dem System Praktikum und Prekariat nie wieder herauskommen. Sie werden um die Bildung betrogen und um ihre Berufe betrogen."

Hochschulleitung verweigert friedliche Selbstverpflichtung

Peter Förster vom Arbeitskreis "Zivilklausel" der Uni Köln wies darauf hin, dass bei den letzten Wahlen zum Studentenparlament zwei Drittel der

Peter Förster vom Arbeitskreis
Zivilklausel der Uni Köln
Studierenden für eine Zivilklausel gestimmt hatten, also die Selbstverpflichtung der Universität auf ausschließlich zivile Zwecke, doch die Universitätsleitung habe sich dieser Verpflichtung verweigert. "Lehre und Forschung haben Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Wir erleben gerade, dass Berufungen von Professoren davon abhängig gemacht werden, wie hoch deren Drittmitteleinwerbungem sind und wie viele Artikel sie in prominenten Zeitschriften veröffentlicht haben. Gleichzeitig lassen sich angesichts knapper öffentlicher Grundfinanzierung fast nur noch Forschungsprojekte finanzieren, für die finanzkräftige Geldgeber bereit sind zu zahlen". Solche Finanzierung helfe nur den Geldgebern aber würde die gesellschaftlichen Probleme nicht lösen.

Die Forderung nach einer friedlichen Bildung sei auch historisch begründet. "Als Konsequenz aus dem faschistischen Vernichtungskrieg und der Gleichschaltung aller Teile der Gesellschaft durch den Nazi-Terror sind im Grundgesetz und im Völkerrecht eine demokratische Grundordnung, die Einschränkung der Macht wirtschaftlicher Monopole und privaten Eigentums zum Schutz der Allgemeinheit, Sozialstaatlichkeit und Frieden festgehalten.“ Für die Schüler und Studierenden steht all dies offenbar längst auf dem Spiel: "Genau das nehmen wir uns mit unseren Protesten wieder in die Hand."



Mit der Abschaffung der Studiengebühren in NRW habe man nach den ersten Bildungsstreiks bereits Erfolg gehabt, meinte Katharina Sass vom Asta der Uni Köln, denn "Die große Mehrheit unserer Bevölkerung meint, dass Bildung inclusive Hochschulbildung kostenlos sein muss und für alle Menschen zugänglich, unabhängig von sozialer Herkunft und vom Geldbeutel". Nirgendwo in Europa hänge Bildung so vom Elternhaus ab, wie in Deutschland. "Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder aus armen Familien oder Kinder mit Migrationshintergrund es besonders schwer haben“. Ihre Chancen auf ein Studium seien - Untersuchungen zufolge - sechs bis sieben Mal ungünstiger.

Die Partei DIE LINKE teilt die Meinung der Protestierenden zur der

LINKE unterstützt den Protest der
Studierenden: MDB Matthias Birkwald
und Parteivorsitzende Gesine Lötzsch
Entwicklung, dass Bildung den milliardenschweren Bankenrettungspaketen geopfert würde, meint ihr Bundestagsabgeordneter Matthias W. Birkwald. Ohne die LINKE und „ohne den Druck von der Straße durch die Studiengebühren-Protestbewegung, insbesondere auf SPD und Grüne, gäbe es die Studiengebühren heute noch. Deshalb ist jeder Protest junger Menschen für bessere Bildung nur kräftig zu unterstützen“, so Birkwald.

Ende der inhumanen Bildungspolitik gefordert

"Die skandinavischen Länder mit ihrem fortschrittlichen Bildungssystem zeigen, dass es auch anders geht.“ In der Bildung ginge es darum, mit einem undemokratischen Bildungssystem ausschließlich Humankapital zu

Katharina Sass vom Asta Köln
Fotos: H.-D. Hey / R-mediabase
  erzeugen. "Das sieht man zum Beispiel an den Hochschulräten, die hier in Nordrhein-Westfalen über den Kopf der Hochschulmitglieder hinweg alle wichtigen Entscheidungen treffen. In Köln werden diese wichtigen Entscheidungen von Vorstandsmitgliedern der Deutschen Bank und der Bayer-AG getroffen." Im Frühjahr 2008 war bekannt geworden, dass die Universität Köln mit dem BAYER-Konzern eine Kooperation auf dem Gebiet der Pharma-Forschung einging. Gegen den erbitterten Widerstand der Studierenden wurde Richard Pott vom BAYER-Vorstand in den Kölner Hochschulrat gewählt sowie Hermann-Josef Lamberti, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG.

In der Kölner Universität wird offenbar inzwischen ein Klima der Angst erzeugt. Es wird "in diesem Bildungssystem inzwischen auf viele Weise aussortiert. Wir haben das hier an dieser Uni gemerkt, als 32 Kommilitoninnen und Komilitonen zwangsexmatrikuliert, sprich: rausgeschmissen wurden, weil sie zu langsam studiert haben. Das heißt: wer nicht funktioniert, wer zum Beispiel arbeiten gehen muss, wer sich politisch engagiert oder seelische Probleme hat oder aus anderen Gründen nicht in's Raster passt, der wird aussortiert. Das ist eine inhumane und undemokratische Politik, die beendet werden muss!" (PK)

Online-Flyer Nr. 328  vom 18.11.2011

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