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Aktueller Online-Flyer vom 28. Juni 2016  

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Globales
Rezension von "Einen Palästinenserstaat wird es nicht geben"
Ziyad Clot - Palästinas Whistleblower
Von Taris Ahmad

Er ist der Whistle-Blower der PLO. Sein Name ist eng mit dem historisch größten Leak in der Nahost Geschichte verbunden: den Palestine Papers. [1] Ziyad Clot ist französischer Jurist mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht und wechselte von einer Pariser Großkanzlei an den Verhandlungstisch des arabisch-israelischen Konfliktes. Sein neuestes Buch "Einen Palästinenserstaat wird es nicht geben" ist eine einzigartige Dokumentation eines Insiders über die wohl historisch wichtigste Friedensverhandlung unserer Zeit. [2]
 
Versehen mit URL-Links zu den Originaldokumenten und einem Anhang verschiedener Textent- würfe ist es ein seltenes Zeitzeugendokument brisanter Nahostge-schichte. Es ist aber auch ein Tagebuch eines Franzosen, der seine christlich-palästinensischen Wurzeln sucht. Selbst von einstigen palästinensischen Flüchtlingen mütterlicherseits abstammend war Ziyad Clot, kaum nach Palästina gereist, im Ramen der juristischen Beratung der PLO zuständig für die Flüchtlingsakte. Die schwierigste Akte.
 
Die "vollständige Abwesenheit aufrichtiger Verhandlungsbereitschaft” der Israelis lasse sich, so Clot, schlicht dadurch erklären, daß die Israelis keine Verhandlung benötigten, um ihr Eretz-Israel zu schaffen. Die PLO hingegen brauche die Verhandlungen, sie seien ihre "Geschäftsgrundlage". Sie glaube "keine andere Wahl" zu haben, denn "das politische Überleben ihrer alten Garde" stehe auf dem Spiel, welche wiederum "von der ‚internationalen Gemeinschaft‘ am ausgestreckten Arm unterstützt" werde.
 
Zwei Herren dienend müsse die PLO bei den Verhandlungen punkten, um sich auch gegen die Hamas intern zu bewähren. Doch die erhofften Punkte bleiben aus. Die USA akzeptieren nur die Verhandlung und nicht die automatische Durchsetzung des Völkerrechts. Alarmzeichen sollten jedem daher beim Begriff "Verhandlung" aufgehen: es gehe nicht darum, das Völkerrecht zu konkretisieren, sondern es vielmehr zu umgehen. Über Israelische Siedlungspolitik, willkürliche Einkerkerungen palästinensischer Parlamentarier und Kriegsverbrechen im Gazastreifen zum Trotz, werde verhandelt. Und so fahre die PLO das Schiff "Palestitanic" gegen die Klippe.
 
Die logische Konsequenz von Verhandlungen zwischen zwei ungleichen Partnern ist: der verzweifeltere Partner macht allerlei Zugeständnisse. Clot berichtet nun erstmals, was bereits viele Araber über einer Tasse Kaffee rumorten: Die PLO bot den Israelis die Annexion der Siedlungen French Hill, Ramat Eshkol, Ramot Alon, Ramat Shlomo, Gilo und Ost-Talpiot plus das jüdische Viertel der Jerusalemer Altstadt an (URL-Links zu den Dokumenten sind im Buch enthalten). Harter Tobak – denn Siedlungen sind nach dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs unrechtmäßig, und Ostjerusalem, inklusive das jüdische Viertel, stünden unter palästinensischer Souveränität.
 

Saeb Erekat – zurück getretener Chefverhandler
der Palästinenser
NRhZ-Archiv
Das eigentliche politische Wurfge- schoß kommt, als Clot noch einen darauf setzt und sogar beschreibt, wie Saeb Erekat – inzwischen zurück getretener Chefver-handler der Palästi-nenser - die völkerrecht- lich verbrieften Rechte der Palästinenser ausverkaufen wollte. Das Buch bietet noch eine ganze Reihe weiterer interessanter Insider-Stories über internen PLO-Dilettantismus und schlimmere Missstände.
 
In der Tat ein sehr nützlicher Teil des Buches ist ferner die datumsgetreue Aufarbeitung des sogenannten "Putsches der Hamas" in Gaza. In den Medien wird die Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas gemeinhin als gewaltsamer Staatsstreich dargestellt. Clot geht jedoch in die Einzelheiten. Verkürzt formuliert machte Abbas mit den USA (diese lieferten dafür "blitzend fabrikneue Waffen") gemeinsame Sache, um die Hamas politisch und militärisch zu beseitigen, während die PLO vordergründig von der Bewahrung der palästinensischen Rechte und der demokratischen Rechtmäßigkeit der Hamas spricht. Mit der (so die westliche Darstellung) "gewaltsamen Übernahme der Macht durch die Hamas" im Gazastreifen ist diese Organisation in Wahrheit einem gemeinsamen Staatsstreich von Fatah und den USA zuvor gekommen. Die historische detaillierte Aufarbeitung über den gescheiterten "Putsch der Fatah" – was eine treffendere Bezeichnung der Angelegenheit wäre – ist daher ebenfalls ein wertvolles Zeitzeugendokument.
 
Clot erwähnt auch seinen Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem. Er schreibt, es sei ein "Pflichtbesuch: um besser verstehen zu können". Er bittet jedoch jeden Besucher des Landes, auch die palästinensischen Gedenkstätten und Realitäten zwischen "Mittelmeer und Jordan" aktiv wahrzunehmen. Clot selber beschreibt auch den Alltag der Palästinenser im Konfliktgebiet wie etwa das Leben in Ramallah, den Gaza-Krieg 2008/2009, die palästinensische Rezeption der Präsidentschaft von Obama, die Realität der Checkpoints, oder auch das Auffinden des Hauses seines Großvaters in Haifa.
 
Ziyad Clot hält die am meisten propagierte Friedenslösung, die sogenannte Zweistaatenlösung, für tot; de facto gebe es bereits einen einzigen Staat, ein durch Israelis geschaffenes "Monster", das er "Israeltina" nennt. Nach seiner Auffassung sind die beiden Völker, israelische Juden und palästinensische Araber, nicht mehr ohne weiteres zu trennen, weshalb er für einen einzigen "binationalen Staat" als Friedenslösung plädiert.
 
Emotional und doch nüchtern verfasst, spricht das Buch den Kenner und den Neuling an. Die Übersetzung aus dem Französischen ist gut gelungen und liest sich leicht und unterhaltsam. Literarisch gesehen, ist der Ansatz des Autors, in seiner Darstellung eine private Reise zu den eigenen Wurzeln einerseits mit einer brutalen politischen Analyse andererseits zu vereinigen, ebenfalls als gelungen zu betrachten.
 
Dem Neuling wird daher auf unterhaltsame, aber vor allem nüchterne Art und Weise die Realität des Völkerrechts und Brutalität internationaler Politik nahe gebracht. Dem Kenner bietet das Buch einen einzigartigen Einblick in den Verhandlungsapparat und die dramatis personae. Zusammengenommen ist dieses Buch ein kompakter Schnellkurs zur palästinensischen Sichtweise des Konflikts sowie eine wertvolle Dokumentation der aktuellen Zeitgeschichte mit seltenen, den meisten verborgenen, Einblicken. Sehr empfehlenswert!(PK)

Auszüge aus dem Vorwort zu diesem Buch finden Sie in der NRhZ-Ausgabe Nr. 323  vom 12.10.2011 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17032.
 
Ziyad Clot: "Einen Palästinenserstaat wird es nicht geben. Tagebuch eines Unterhändlers in Palästina". Zambon Verlag 2011, Frankfurt am Main, Oktober 2011, ISBN 978 3 88975 185 0, 12 Euro.
 
Anmerkungen
[1] Vergleiche seinen Artikel dazu:
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/may/14/blew-the-whistle-about-palestine
[2] Siehe auch die Ankündigung des hier rezensierten Buches in der Neuen Rheinischen Zeitung: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17032
 
Taris Ahmad, englischer Jurist. Abitur in Kronberg (Taunus) und Studium an der London School of Economics. Verheiratet und lebt zwischen London und Frankfurt. Engagement im Arbeitskreis "Nahostpolitik" der Deutsch-Arabischen Gesellschaft.


Online-Flyer Nr. 328  vom 16.11.2011

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