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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2017  

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Kultur und Wissen
Barbara Kalender und Jörg Schröder erzählen ihre Verlagsgeschichte
„Immer radikal, niemals konsequent“
Von Christiane Ensslin und Klaus Jünschke

Als wir am Freitag zur Lesung im Café "Zettels Traum“ nach Opladen fuhren, wussten wir, dass es mit dem Regionalexpress vom Kölner Hauptbahnhof aus gerade mal 14 Minuten dauern würde. Leider mussten wir nach vielen Erfahrungen mit Verspätungen von IC und ICE erleben, dass auch die Regionalzüge nicht pünktlich sind. Um nicht zu spät zu kommen, stiegen wir am Bahnhof Opladen in ein Taxi. Der Taxifahrer versicherte, dass er uns in zwei Minuten ans Ziel bringen würde. Dummerweise hatte er aber noch nie etwas vom Café "Zettels Traum“ gehört, und wir hatten die Hausnummer vergessen. Er versuchte uns einen Griechen und einen Italiener schmackhaft zu machen. Wir stiegen dann mitten in der Altstadtstraße aus und fanden schnell das Café und die Galerie "Zettels Traum“ von Michael Meierjohann und Hans Schneider ( http://cafe-zettels-traum.de/).
 

Buch über den März Verlag:
„Immer radikal, niemals konsequent“
Als wir im Anschluss an die Lesung mit Barbara Kalender und Jörg Schröder und einigen Gästen zusammen saßen, erfuhren wir Interessantes über die Nachbar-schaft und die Geschichte des Hauses in der Altstadtstraße 20. Nebenan in der Nummer 22 war bis zum 10.11.1938 die Syna- goge und in der Nummer 18 war bis 2008 das Gefängnis, eine Teilanstalt der JVA Düsseldorf, die zuletzt als Abschiebe-gefängnis gedient hatte. Bevor die beiden Künstler Michael Meierjohann und Hans Schneider ihr Café einrichteten, das Lokal existiert erst seit dem 17.12. 2010, befand sich in diesen Räumen das Waffengeschäft Eschenbach, dessen Warenangebot heute noch im Internet besichtigt werden kann: www.waffen-eschenbach.de. Vor drei Jahren machte der Laden in der Lokalpresse Schlagzeilen, weil ihn die Polizei im Zuge von Ermittlungen gegen illegalen Waffenhandel durchsuchte. Es kam damals in den Niederlanden und im Rheinland zu Verhaftungen.
 
In Anlehnung an einen Buchtitel von Regis Debray kommen wir jetzt zur Sache - von der Kritik der Waffen zur Waffe der Kritik. Das Buch, bei dessen Vorstellung wir waren, hat den schönen Titel „Immer radikal, niemals konsequent“. Barbara Kalender und Jörg Schröder erzählen darin die Geschichte des März Verlages. Ergänzt wird ihre Erzählung von einem Essay des Literaturwissenschaftlers Jan-Frederik Bandel, der die Geschichte des März Verlages mit der Geschichte der Bundesrepublik verknüpft. Der dritte Teil des Buches enthält die erste vollständige und verlässliche Verlagsbibliografie und eine Bildergalerie sämtlicher Cover. Während der Lesung wurden diese Titel in einer Endlosschleife an die Wand projiziert, sodass man alle Cover im Laufe des Abends sehen konnte.
 
Eingeladen hatte die beiden Autoren Christine Weihermüller-Curylo vom Zentral-Antiquariat http://www.zentral-antiquariat.de/. Ihre Begrüßung endete mit den Worten „Es lebe das Buch, es lebe der März Verlag.“
 
Vom Buchhändler zum Verleger
 
Jörg Schröder begann die Lesung mit einer Erzählung über seine Arbeit beim Westdeutschen Verlag, der in den 60er Jahren in Opladen residierte und heute nicht mehr existiert. Er fragte in die Runde, ob sich jemand an die Verlagsadresse erinnere, keiner aus dem Publikum kannte sie. Selbst google gibt darüber keine Auskunft.

Barbara Kalender und Jörg Schröder
Fotos: Christiane Ensslin und Klaus Jünschke
 
Schröder und Kalender lasen ohne Mikrophon. Ihre klaren Stimmen füllten den Raum, und ihr humorvoller Vortrag brachte schnell die ersten Lacher. Bevor Jörg Schröder nach Opladen kam, hatte er nach der Schule in Bonn in der Schrobsdorff'schen Buchhandlung an der Kö in Düsseldorf eine Lehre als Buchhändler absolviert. Er erzählte, dass er damals wie nahezu alle Buchhändler den Wunsch hatte, Verleger zu werden. Und so wurde Opladen die erste Station seiner Karriere. Der Verleger des Westdeutschen Verlags war Friedrich Middelhauve, ein strammer Rechtsliberaler. Theodor Heuss, so Jörg Schröder, nannte damals die Nordrhein-Westfälische FDP treffend die „Nazi-FDP“. Pünktlichkeit wurde im Verlag großgeschrieben. Der Pförtner hatte jeden zu melden, der zu spät kam. Das passierte auch Jörg Schröder, als er in der zweiten Woche seinen Bus aus Düsseldorf verpasste: „Als Middelhauve dann mit seiner bismarckschen Fistelstimme anfing mich zu beschimpfen und zwar mit den ausgeklügeltsten Verdammungszitaten, welcher Orkus auf einen unpünktlichen Menschen warte, musste ich, um das Lachen zu unterdrücken, die Backen einziehen, wie die Leibgarde des Pontius Pilatus in Monty Pythons ‚Das Leben des Brian’ in der Schwanzus Longus-Episode.“ Nach dem Gelächter fügte Schröder hinzu, dass diese Marotte des Ex-Ministers Middelhauve für die Betroffenen auch etwas Gefährliches hatte: „Denn wer zum dritten Mal deswegen vorgeladen wurde, flog gnadenlos.“ Sodann erfuhren wir, dass einmal im Monat Erich Mende – „der schöne Erich“ – Middelhauve im Westdeutschen Verlag besuchte, um sich mit ihm über die anstehenden Koalitionsverhandlungen mit der CDU zu beraten. Es war die Zeit, in der nicht nur Jörg Schröder, sondern eine kleine radikale Minderheit anfing, über das alte Nazi-Gesocks in der BRD und ihre Sekundärtugenden zu lachen. Aber 68 war noch fern.
 
Danach brachte Schröder die Opladener zum Schmunzeln, als er die Geschichte des Rauswurfs von Klaus G. Saur erzählte, der damals Lehrling im Verlag war. Heute ist Saur Verleger des bedeutenden Wissenschaftsverlages de Gruyter.
 
Anfang der 60er wurde Jörg Schröder Leiter der Werbe- und Presseabteilung bei Kiepenheuer & Witsch in Köln. Dieter Wellershof, Initiator des "neuen Kölner Realismus“, war damals Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Er lud zu einem dreitägigen Autorentreffen im Frühsommer 1963 in die Eifel ein. Daran nahmen 20 Autoren teil, darunter Heinrich Böll, Tankred Dorst und Günter Herburger. In der Erzählung über diese Lesung gibt es eine Szene, in der Heinrich Böll den wütenden Rolf Dieter Brinkmann beruhigt. Zitat Schröder: „Das fanden alle sehr nett, ich eigentlich auch. Andererseits, wenn einer immer nur nett ist, ist es nervtötend, deswegen bin ich ja ständig auf der Suche nach dem Schlechten im Guten.“ Abends beim Wein freundeten Brinkmann und Schröder sich dann an.
 
Fuck You und Acid. Die neue amerikanische Szene
 
1964 wurde Jörg Schröder Verlagsleiter im Joseph Melzer Verlag in Darmstadt. 1967 meldete sich Rolf Dieter Brinkmann bei ihm mit einem Brief, in dem er Schröders neues Programm überschwänglich lobte. Und er empfahl ihm Ralf-Rainer Rygulla, der in der Berliner Oberbaum Presse die Miniaturausgabe einer Anthologie amerikanischer Underground-Lyrik herausgegeben hatte. Unter dem Titel „Fuck You“ erschien 1968 eine erweiterte Ausgabe bei Melzer. Erstmalig in der Bundesrepublik wurden darin Autorinnen und Autoren wie Tuli Kupferberg, Charles Bukowski, Frank O’Hara, Ed Sanders und Lenore Kandel bekannt gemacht. Wegen des großen Erfolges des „Fuck You" planten Schröder, Brinkmann und Rygulla die Herausgabe einer größeren Anthologie, die auch Prosa enthalten sollte. Dieses Buch erschien 1969 unter dem Titel „Acid“ und zählt heute zu den Kultbüchern des Verlages, weil es wesentliche Texte der neuen amerikanischen Szene in die Bundesrepublik brachte.
 
Bevor Barbara Kalender ihren ersten Text las, erklärte sie, wie die Folgen von „Schröder erzählt“ entstehen, die sie seit über 20 Jahren veröffentlichen: „Schröder erzählt, ich schreibe ab und die Texte werden anschließend von uns beiden bearbeitet. Wenn ich jetzt gleich lese, so ist das "ich" in den Geschichten das Erzähler-Ich, welches wir beide gemeinsam darstellen."

Aktueller Büchertisch im Café "Zettels Traum“
 
Kalender las dann eine Geschichte über Otto Wilck, der als junger Mann u.a. Mark Twain übersetzt hatte. Für Schröder übersetzte er Jack Kerouac, LeRoi Jones und Upton Sinclair. Seine Genauigkeit und seine aufwendigen Recherchen führten immer wieder zu endlosen Verzögerungen bei der Abgabe der Übersetzung. Die Schilderung dieser nervenaufreibenden Telefonate zwischen Otto Wilck und dem Verleger vermittelten einen Eindruck von den Schwierigkeiten des Verlagsgeschäfts. Rückschauend betrachtet haben diese Komplikationen auch eine komische Note. Diese Geschichte endet mit dem Satz „Aber was machen ein paar Jahre Verlegersorgen schon aus. Eine bessere Übersetzung von Upton Sinlairs "Öl" hat es nie gegeben.“
 
Valerie Solanas
 
Jörg Schröder erzählte im Folgenden von Valerie Solanas und ihrem „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer". Dieses Manifest beginnt mit den Worten: „Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ Maurice Girodias veröffentlichte ihr Manifest 1968, nachdem Valerie Solanas auf Andy Warhol geschossen hatte, weil sie sich von ihm ausgenutzt fühlte.
 
Ein Zitat aus dieser Erzählung: „Die deutsche Übersetzung erschien 1969 bei März mit einem Nachwort des "Arbeitskreises Frauenemanzipation", dem auch einige Frauen des "Weiberrats" der Gruppe Frankfurt angehörten. Von dieser Gruppe stammt der "Rechenschaftsbericht" mit den komischen abgehackten Pimmeln der Genossen Schauer, Gäng, Kunzelmann, Krahl und Rabehl, wie Jagdtrophäen an der Wand aufgereiht. Auf der Rückseite des Flugblatts outeten die Frauen fünfzig weitere SDS-Schwanzträger mit einem Solanasnahen Text, dessen Schlusszeile lautete: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!" Mir konnte ja in dieser Richtung nichts passieren, weil Valerie mich zum "contact man of the mob" ernannt hatte. Damit gehörte ich zu den wenigen Männern, die der Vernichtung durch die Frauen entgehen sollen, per Gnadenerlass der Anführerin der Society For Cutting Up Men.“ Das Publikum lachte schallend. Aber Jörg Schröder berichtete auch vom traurigen Tod der Valerie Solanas. Sie wurde nach den Schüssen auf Warhol drei Jahre in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen und starb 1989 im Alter von 52 Jahren an Lungenentzündung in einem Obdachlosenasyl in San Francisco. Außer von Maurice Girodias und vom März Verlag hat Valerie Solanas für ihr weltweit nachgedrucktes Manifest nie ein Honorar gesehen.
 
Das Glück der Leser
 
Selbstverständlich konnten die beiden Autoren nicht alle März-Bücher vorstellen, so fehlte in ihrem Vortrag beispielsweise Bernward Vespers „Reise“. Aber Barbara Kalender las eine Geschichte über die Entstehung des Buches „Sexfront“ von Günter Amendt, der am 12. März dieses Jahres in Hamburg tödlich verunglückte. 1970 hatte Amendt dem Verleger vorgeschlagen, dass er ein Buch über Sexualität für Jugendliche plane. Ein Aufklärungsbuch neuer Art sollte es werden, mit durchgehend farbigen Bildern und Comics, etwa 150 Seiten, und es sollte nicht mehr als fünf Mark kosten. Günter Amendt bezog zwei Räume im März Verlag und machte sich zusammen mit Alfred von Meysenbug und Bernhard Korell an die Arbeit. Jörg Schröder entwarf den später berühmten März-Umschlag „Sex“ schwarz auf gelb in voller Breite, darunter „Front“ mit einem roten T, ein typographisches Wortspiel mit Sexfron und –front.
 
Kalender las das Resümee: „Das Buch wurde dann der wichtigste Sachbuchtitel bei März, weil es eine ganze Generation glücklicher machte. Das ist nicht übertrieben! In der ersten Phase des Verlages bis 1973 verkauften wir hundertfünfzigtausend Exemplare, später bei Zweitausendeins noch mal soviel und danach als Rowohlt-Lizenz weitere hunderttausend. … Hier geht es aber nicht ums Geld, sondern um das Glück der Leser, denn Sexualität treibt jeden um. Neu, ja sensationell war, dass in dem Buch auf einer ganzen Seite und in Farbe ein nacktes Mädchen mit ihrer Möse locker dasaß und auf der anderen Seite ein nackter Junge mit seinem Schwanz. So wurde das selbstverständliche Bekenntnis zur Lust vorgeführt, dem Triebdurchbruch das schlechte Gewissen genommen. “
 
Erinnerung
 
Wir leben in einer hochsubventionierten Erinnerungskultur, welche die Mechanismen des Kapitalismus mehr verkleistert als aufdeckt. Und wir kennen alle das Wort von Max Horkheimer, wonach „vom Faschismus schweigen soll, wer vom Kapitalismus nicht sprechen will“.
 
Barbara Kalenders und Jörg Schröders Erzählungen stehen für eine andere, eine kontroverse Erinnerungskultur. Deshalb empfehlen wir nicht nur diese Lektüre, sondern auch die Beschäftigung mit den vielen anderen Texten, die uns Achtundsechziger wichtig waren.
„Es lebe das Buch, es lebe der März Verlag“. (PK)
 
 
 
Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder: "Immer radikal, niemals konsequent. Der März Verlag" – erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business Art. Philo Fine Arts, Hamburg 2011. 331 Seiten, http://www.philo-fine-arts.de/programm/cat/kunst-theorie/buch/nachmaerz.html
Siehe auch die Website des März Verlags: www.maerz-verlag.de
Über die laufende Arbeit der beiden Autoren informiert der tazblog Schröder & Kalender: http://blogs.taz.de/schroederkalender/

Christiane Ensslin hat zusammen mit ihrem Bruder Gottfried Ensslin im KONKRET LITERATUR VERLAG das Buch "Zieht den Trennungsstrich, jede Minute" - Briefe von Gudrun Ensslin an ihre Schwester Christiane und ihren Bruder Gottfried aus dem Gefängnis -  1972-1973 - herausgegeben. 200 Seiten, broschiert, EUR 15.00, ISBN 978-3-89458-239-5
 
Klaus Jünschke hat zusammen mit Christiane Ensslin und Jörg Hauenstein das Buch „Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ herausgegeben, das ebenfalls im konkret-Verlag erschien: 240 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 16 Euro, 28 SFr., ISBN 978-3-89458-254-8
Eine Rezension wurde im Kölner Stadt-Anzeiger vom 4./5.August veröffentlicht. Bestellen kann man es beim Kölner Appell direkt. Sobald das Geld auf dessen Konto bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 37020500, Konto 7042000 mit dem „Verwendungszweck Pop Shop“ eingegangen ist, erhalten Sie es per Post ohne Versandkosten.
Mehr unter www.jugendliche-in-haft.de. (PK)


Online-Flyer Nr. 326  vom 02.11.2011

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