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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Umweltverbände zum 25. Jahrestag der Sandozgiftwelle im Rhein:
"Sandoz II" muss verhindert werden!
Von Peter Kleinert

Das über hundert Jahre alte Industriegebiet "Schweizerhalle" bei Basel wurde europaweit bekannt, als dort am 1. November 1986 ein Grossbrand beim Chemiekonzern Sandoz entstand und mit einer Giftwelle von Pestiziden wie Disulfoton, Thiometon und Parathion im Rhein auf einer Länge von 400 km ein Fischsterben verursachte und u.a. die gesamte Aalpopulation vernichtete. Hier eine Erklärung der Umweltverbände im Dreyeckland zum 25. Jahrestag dieser Sandozgiftwelle im Rhein. – Die Redaktion


Tausende tote Fische durch die
Sandozgiftwelle im Rhein
NRhZ-Archiv
Die Sandozgiftwelle und die darauf folgenden Proteste der grenzüberschrei-tenden Umweltbewegung vor 25 Jahren haben dazu beigetragen, dass Gesetze und Vorschriften im Gewässerschutz verschärft worden sind – dadurch ist tatsächlich eine erfreuliche Verbesserung der Gewässergüte im Rhein einge-treten. Zudem hat der forcierte Bau von Havarie- und Löschwasser-rückhaltebecken die Gefahr einer unfallbedingten Beeinträchtigung des Rheins erheblich vermindert.
 
In den letzten Jahren ist es jedoch zumindest in Deutschland unter dem Motto "Schlanker Staat“ zu einer fortlaufenden personellen Ausdünnung bei den Überwachungsbehörden gekommen. Der Wettbewerbs- und Rationalisie-rungsdruck hat auch in der Industrie dazu geführt, dass in den Umweltschutz-abteilungen zunehmend gespart wird. Der personelle und fachliche Aderlass auf Behörden- und Industrieseite lässt das Risiko für ein "Sandoz II“ wieder ansteigen. In den letzten Jahren gab es im Rheineinzugsgebiet bereits einige Störfälle, bei denen nur in letzter Sekunde ein Desaster ähnlich wie bei der Sandoz-Giftwelle verhindert werden konnte. Mit Sorgen sehen wir die zunehmenden Gefahren für Mensch, Natur, Umwelt und Rhein durch die Uralt-AKW in Beznau (CH), Fessenheim (F), durch die Schweizer atomaren Endlagerpläne im Rheineinzugsgebiet und durch die Gifte aus der maroden französischen Giftmülldeponie Stocamine. Der Krug geht so lange zum Brunnen – bis er bricht.
 
Mikroverunreinigungen mit maximaler Wirkung
 
Die Konzentration von schwer abbaubaren Verbindungen im Rhein ist immer noch zu hoch. Dazu gehören Tausende von Industriechemikalien, aber auch Medikamente, Korrosionsverhinderer in Maschinengeschirrspülmitteln oder Bestandteile in Sonnenschutzmitteln. Obwohl diese Substanzen nur in Konzentrationen von Millionstel Gramm pro Liter Rheinwasser vorkommen, entfalten sie als "Pseudohormone“ hormonähnliche oder andere schädliche Wirkungen in Gewässerorganismen. Zudem erschweren diese "Mikroverun-reinigungen“ von Basel bis nach Rotterdam die Trinkwasseraufbereitung aus uferfiltriertem Rheinwasser.
 
Der Lachs kommt immer noch nicht nach Basel
 
Die "Laufzerstückelung“ des Oberrheins durch zehn Staustufen lässt aufstiegswillige Lachse und andere "Langdistanzwanderfische“ an zehn oder gar 15 Meter hohen Wehranlagen immer noch scheitern. Und bei der Abwärtswanderung werden die letzten Exemplare des vom Aussterben bedrohten Aals in den Turbinen der EdF zerhäckselt. Vom einem „guten ökologischen Zustand“, wie ihn die EG-Wasserrahmenrichtlinie seit 2000 fordert, ist der Rhein noch weit entfernt.
 
Altlasten bluten aus und müssen saniert werden
 
Beiderseits des Oberrheins beeinträchtigen Tausende von Altlasten und kontaminierten Betriebsgeländen das Grund- und Oberflächenwasser. Das mit Schadstoffen verseuchte Areal des Sandoz-Brandes ist auch nach 25 Jahren immer noch nicht saniert. Speziell die Chemiemülldeponien in Muttenz gefährden das Trinkwasser der ganzen Region. Eine vollständige Sanierung aller Deponien ist unumgänglich. Und im Oberrhein selbst lagern vor den Staustufen weiterhin Hunderttausende Kubikmeter Sedimente, die hochgradig mit chlororganischen Chemikalien aus Abwässern belastet sind, die von der Chemieindustrie bis in die 80er Jahre in den Rhein emittiert wurden.
 
Die Rheinsanierung: Erst eine halbe Erfolgsgeschichte
 
Auch ein Viertel Jahrhundert nach dem Sandoz-Desaster harren zahlreiche Hausaufgaben immer noch ihrer Erledigung. Die Umweltverbände im Dreyeckland fordern deshalb von der Politik im Elsass, in der Nordwest-schweiz und in Baden-Württemberg beim Gewässerschutz die Hände nicht in den Schoß zu legen. Die Sanierung des Rheins ist erst eine halbe Erfolgsgeschichte.
 
Auf die Rückkehr des Lachses nach Basel, auf eine umfassende Altlasten-sanierung sowie auf die Eliminierung der Mikroverunreinigungen wollen wir nicht noch einmal ein viertel Jahrhundert warten! (PK)
 
Weitere Auskunft:
Nikolaus Geiler, Dipl.-Biol., Limnologe – Binnengewässerkundler, Sprecher des Arbeitskreises Wasser im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU) in Freiburg, Tel.: 0761 275693 
Dr. Jörg Lange, Dipl.-Biol., Limnologe – Binnengewässerkundler, Geschäftsführer des regioWASSER e.V. in Freiburg, Tel.: 0151-21162854   


Online-Flyer Nr. 326  vom 02.11.2011

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