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Aktueller Online-Flyer vom 01. Oktober 2014  

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Kultur und Wissen
Halberstädter Liedermacher-Treffen gegen Rechts
Wecker: "Schön, endlich hier zu sein"
Von Emma Weiß

Weil das Konzert von Strom & Wasser und Konstantin Wecker im März auf Druck der NPD abgesagt wurde (die NRhZ berichtete darüber), sind sie am 17. Juni mit namhafter Verstärkung wiedergekommen. Hans-Eckardt Wenzel und Hannes Wader waren neben den Musikern aus Weckers Band Norbert Nagel, Jo Barnikel und Hakim Ludin bei dem knapp vierstündigen Konzert mitten in der Halberstädter Altstadt dabei.

Eröffnet wurde das Konzert mit zeitlicher Verzögerung, weil Konstantin Wecker noch ein Fernsehinterview für den mdr geben musste, vom Bürgermeister der Stadt Halberstadt. Ihm sei es ein großes Anliegen, sagte er, dass Halberstadt gegen jede Form von Extremismus sei, komme er "von rechts oder links, von oben oder unten". Was er wohl mit den beiden letzten Richtungen gemeint haben mag? Echte Freude über das Zustandekommen des Konzerts in seiner Stadt konnte man der Rede jedenfalls nicht entnehmen. Dieser Eindruck verstärkte sich, als der Bürgermeister die Gruppe um den jungen Liedermacher Heinz Ratz "Holz und Wasser" nannte statt "Strom und Wasser". Ebenfalls amüsiert wurde seine Ankündigung des ersten Auftritts von "Hannes Wecker" von den Künstlern während des Konzerts aufgenommen. Nach seiner Rede verließ der wackere Bürgermeister die Veranstaltung. Die Inhalte der Lieder hätten ihm sicher gut getan.

Mehr als tausend Zuschauerinnen und Zuschauer, die aus verschiedenen Teilen der Republik angereist waren - sogar aus Freiburg, München oder wie wir aus Köln - und natürlich auch Menschen aus Halberstadt und Umgebung, wollten mit den Liedermachern ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen und haben ein vielseitiges Konzert genossen.

Nach dem Aufmacher von Wecker "Das macht mir Mut" erschien Heinz Ratz mit seiner Band "Strom & Wasser"(www.heinzratz.de), die den ursprünglichen Anstoß zur Antifa-Tour im März gegeben hatte. Heinz Ratz hatte schon früher Übergriffe von Rechts bei Konzerten erlebt und Wecker davon berichtet, so dass sie sich entschlossen hatten, auch um ihr unterschiedliches Publikum zusammen zu bringen, gemeinsam auf Tour zu gehen. (Ein ausführliches Interview mit Heinz Ratz nach dem Konzert folgt im nächsten Flyer.)

Sogar das Fernsehen war diesmal dabei - Konstantin Wecker im Interview
Sogar das Fernsehen war diesmal dabei - Konstantin Wecker im Interview
Foto: Emma Weiß


Die Gruppe ist musikalisch sehr vielseitig und tritt in unterschiedlicher Besetzung auf. In Halberstadt standen neben Heinz Ratz, Gitarre/Gesang, Peer Jensen, Gitarre und Fe Stracke, Klavier auf der Bühne; Fe war an diesem Abend leider die einzige Frau. Beeindruckend war das Lied über den Professor, dem sein Virus wegläuft und der mit der Verantwortung für Milliarden Tote leben muss, als Hommage an Georg Kreislers Lied über den Professor, dem seine Frau wegläuft. Ähnlich spannend auch der Titel "Ikarus" als Vorbild der Rebellen, deren Steigerungsformen nach Ratz Terrorist und dann Präsident sind, wobei der Abstand des Terroristen zum Rebellen wesentlich größer ist als der des Terroristen zum Präsidenten. 

Zum Abschluss gab es den Song über die Elbe, die den Menschen alles wiedergeben will, was sie in sie hinein geschmissen haben und daher ihre Wasser ruft und über die Ufer tritt, aber die Menschen verstehen es nicht.

Abgelöst wurden Strom & Wasser von Hans-Eckardt Wenzel (www.sansibarkult.de), Liedermacher aus dem Osten, der schon lange vor der "Wende" als Kabarettist in dem Duo Wenzel & Mensching sehr aktiv war. Wenzel spielte immer wieder mit der Ost-West-Spannung im Land und lies sich beim Aufbau von... helfen. Dem gab er seine Gitarre mit den Worten: "Kannst Du die mal halten, bis ich sie brauche... beim achten Song." Und dann ans Publikum gerichtet: "Da trägt der Wessi dem Ossi was hinterher; das habe ich für Euch gemacht, damit Ihr Mut bekommt."

Nachdenklich gemacht hat mich Wenzels Lied "Jedes Ich braucht auch eine Du", das wie ein Reigen die Bezüge und Zusammenhänge des Lebens beschreibt bis hin zu ihm selbst, dessen Tätigkeit sinnlos wäre, gäbe es keine Hörer. Bei seinem letzten Song "lange Haare", den er als Ausgleich zum Vatertagslied "Himmelfahrt" sang, sollte Wecker mit seiner Band wieder auf die Bühne kommen. Sie wollten aber nicht, da sie noch umbauen müssten. Darauf Wenzel: "Ihr könnt ruhig schon umbauen, ich bin ja nur der Ossi, ist doch kein Problem."

`Ich bin ja nur ein Ossi' - Hans-Eckardt Wenzel
"Ich bin ja nur ein Ossi" - Hans-Eckardt Wenzel
Foto: Emma Weiß


Konstantin Wecker spielte Lieder aus seiner Tournee zum neuen Album "Am Flussufer" wie "Präposthum" und "Stilles Glück, trautes Heim". Auch aus der Zeit der Wende waren Stücke dabei wie "Stürmische Zeiten, mein Schatz". Dessen wichtigste Zeile heißt: "Leben ist Brücken schlagen über Ströme, die vergehen". Abgeschlossen hat Wecker seinen Auftritt mit dem Lied "Willy 2", einem Sprechgesang, den er vor über 20 Jahren anlässlich der Ermordung seines Freundes Willy geschrieben hatte. Inzwischen gibt es fünf Versionen des Songs, da Wecker ihn anlässlich aktueller politischer Ereignisse immer wieder neu auflegt.

In Willy 2 wird die Frustration im Osten anlässlich des Ausverkaufs der DDR thematisieret und eine Verbindung zu den rechtsextremen Übergriffen der 90er Jahre in Solingen, Hoyerswerda, Mölln etc. gezogen. Obwohl diese Version über zehn Jahre alt ist, war sie leider wieder sehr aktuell. Das Publikum hat sich verstanden gefühlt, und ich habe eine stärkere Betroffenheit erlebt als sonst bei Konzerten. Es war nicht mehr der Gedanke, "das sind die anderen", der bestimmt hat, sondern das Gefühl, "ja das geschieht in unserer Gemeinschaft, und wenn wir nicht dagegen aufstehen, dann sind wir beteiligt.

Hannes Wader beschrieb die Tatsache, dass Neonazis seine Lieder singen, wie einen "Stiefeltritt ins Gesicht". Juristisch kann er sich nicht dagegen wehren. Aber er setzt ihnen trotzdem etwas entgegen: "Wenn die Feigheit und Dummheit der Vielen nicht auszurotten sind, sind es der Mut, die Vernunft und die Menschlichkeit der Wenigen auch nicht". Darum soll man nicht aufhören, den Mund aufzumachen und sich zu wehren, ist Waders Fazit. Als eine Ursache des Übels beschreibt Wader den Neoliberalismus. Das Kapital regiert die Welt und fegt alle weg, die nicht freiwillig mitmachen. Waders Antwort ist zurzeit eine utopische - wie er selbst sagt - nämlich ein Sozialismus, aber nicht so einer wie der alte war.

Die letzte Stunde verbrachten die Künstler immer wieder gemeinsam auf der Bühne und heizten Stimmung mit gemeinsam interpretierten Songs wie "sage Nein" von Konstantin Wecker und mitreißenden Soli der unterschiedlichen Instrumentalkünstler richtig auf. Stehende Ovationen und Fans, die den Raum unmittelbar vor der Bühne füllten und tatkräftig mitsangen, haben zu zwei "Runden" Zugaben geführt, in denen die einzelnen Interpreten jeweils noch mal einen Titel brachten. Wohl damit wir endlich nach Hause gingen,und weil es ihm viel Freude machte, hat Hannes Wader zum Ende mit allen zusammen - Künstlern wie Publikum - die Volkslieder "Ade nun zur guten Nacht" und "Der Mond ist aufgegangen" angestimmt.

"Geschützt" wurde das Konzert von mehreren Einsatzwagen der Magdeburger und Halberstädter Polizei in voller Montur. Auf meine Rückfragen hin gab ein Polizist an, dass es keine Ankündigungen von Neonazis gegen das Konzert gegeben habe. Sie seien durch die WM sowieso im Einsatz, da könnten sie auch hier stehen. Vom Konzert haben sie trotzdem nicht viel mitbekommen, da es verbale Angriffe gegen die Polizeipräsenz gab und sie sich deshalb auf einen benachbarten Platz zurückgezogen hatten. Ein Schutz, den heute keiner wollte, der aber im März für das Konzert so notwendig gewesen wäre.

Einerseits hatte das Konzertverbot im März gezeigt wie stark der Einfluss der Neonazis in der Republik wieder geworden ist. Andererseits ist durch die Reaktion danach, sowohl in der Presse, der aktuellen Stunde im Bundestag, der Stellungnahme des Zentralrats der Juden, der Gegendemonstration in Halberstadt u.v.m. deutlich geworden, dass viele gesellschaftliche Gruppen sich dem Druck der Rechtsextremen nicht beugen wollen. Das Konzert vom 17. Juni diente der Unterstützung des örtliche Antifa-Vereins Rote Zora, der schon zum ersten Konzert eingeladen hatte, und zeigte mit seiner großen Resonanz, dass der braune Mob in diesem Land nicht das letzte Wort haben darf.




Online-Flyer Nr. 50  vom 27.06.2006

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