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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Die 25. Interkulturelle Woche Köln bei der Arbeiterfotografie
Liaison der Kulturen - Liaison der Künste
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Vor 50 Jahren, im Oktober 1961 begann die Anwerbung türkischer "Gastarbeiter". Aber wie Gäste wurden sie meist nicht behandelt, im Gegenteil: Hinter dem Begriff "Gast“ verbarg sich der Gedanke, dass Gäste sich nur vorübergehend im Land aufhalten. Aber viele blieben, Familienangehörige kamen hinzu, neue Generationen folgten. „In Köln hat mit über 180 Nationen jeder dritte Einwohner einen Migrationshintergrund. Damit lebt in unserer Stadt eine multikulturelle, multiethnische und multireligiöse Vielfalt,“ heißt es im Programmheft der 25. Interkulturellen Woche Köln, die als Initiative der Katholischen und Evangelischen Kirche und des DGB als "Woche des ausländischen Mitbürgers“ gegründet worden war.

Juni 1993 - Trauerfeier für die Opfer des Brandanschlags von Solingen auf dem Gelände der alten Moschee in Köln-Ehrenfeld
Alle Bilder und Repros: arbeiterfotografie.com
 
„Zuwanderung aus den unterschiedlichsten Gründen hat die Stadt Köln in ihrer Vielfalt geprägt, hat interkulturelles Zusammenleben zum Bestandteil des Alltags werden lassen,“ äußert Oberbürgermeister Jürgen Roters zum Doppeljubiläum 50 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Türkei und 25 Jahre Interkulturelle Woche Köln.
 
Arbeiterfotografie und OOKKDK
 
Einige Etappen des steinigen Weges der so genannten Integration, der nicht immer in die Einbürgerung mündete, beleuchtet die Kölner Arbeiterfotografie in zwei Ausstellungsbeteiligungen. In der Kölner Galerie zeigen vier FotografIn- nen der Arbeiterfotografie Köln Aspekte rund um die DITIB-Moschee beginnend im Jahr 1993. In Folge des Brandanschlags von Solingen fand in Köln die von mehreren hundert Teilnehmern besuchte Trauerfeier auf dem DITIB-Areal statt. Bilder der großen Emotionen werfen die Frage auf, wie solcher Hass entstehen konnte. Solingen war schließlich nicht der einzige Brandherd in dieser Zeit. Rund um die Ehrenfelder Moschee gelten weitere Betrachtungen den Ausein-andersetzungen um den Neubau, die Architekturausschreibung (Realisierung Paul Böhm) und die politische Gegnerschaft mit Stimmen prominenter Immi- granten (Giordano), die keinem Kölner entgangen sind.
 
Eine fotografische Rückblende zeigt die Arbeiterfotografie in Zusammenarbeit mit dem Verein Orient Okzident Kunst und Kultur Dialog Köln (OOKKDK) in der Kunsthalle der Alten Feuerwache: Lebensgroße Portraits von Jugendlichen, die von unnachgiebigen Stadt- und Landtagspolitikern 1994 aus Köln abgescho- ben werden sollten, ebenfalls Teil einer Geschichte, die nicht vergessen werden darf. Einer der Jugendlichen konstatierte: „Ich bin in Köln geboren.“ Oder der "Fall Hatem B.“ Sein Vater war 1961 einer der ersten Einwanderer, er starb an Lungenkrebs (Arbeit mit Asbest). 1994 wurde sein Sohn abgeschoben. Lakonischer Behördentext: „Durch Ihre Anwesenheit werden die Interessen der Bundesrepublik Deutschland beeinträchtigt.“ Vielen KölnerInnen ging diese Abschiebepraxis zu weit. Sie gründeten unter wesentlicher Mitwirkung des 2008 verstorbenen Pädagogen und Türkisch-Lehrers Reinhard Hocker den "Unterstützerkreis für die von Abschiebung bedrohten Kinder und Jugend-lichen.“ An nur drei Tagen (21.-23.10.) zeigt der Verein Orient Okzident OOKKDK e.V., der in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, was mit oft geringen finanziellen, aber kreativen Mitteln alles möglich ist: Ausstellung (auch mit Sabahattin Sen, Rahim Fathi-Baran, Sahin Aydin, Anita Schiffer-Fuchs u.v.a.), Musik, Lesung, Film - auf hohem Niveau.
 
Sabahattin Sen
 
 „Zusammenhalten - Zukunft gewinnen“, so lautet das Thema der Inter-kulturellen Woche 2011. Dem seit dem 11. September 2001 lancierten "Zusammenprall der Kulturen“ setzt die Arbeiterfotografie die "Liaison der Kulturen - die Liaison der Künste“ entgegen. Dass die Galerie einen inter-nationalen und damit interkulturellen Austausch pflegt, ist seit über 20 Jahren eine Selbstverständlichkeit. So lädt sie zum zweiten Mal den 1947 in Antakya/Türkei geborenen und seit 1980 in Köln lebenden Maler und Grafikkünstler Sabahattin Sen ein, der aus politischen Gründen sein Land verließ.

Sabahattin Sen in der Galerie vor einer seiner Arbeiten - Grafik von 1986
 
Sein Ziel formuliert er so: „Die Kunst ist für die Menschlichkeit. Kunst soll das Gefühl, den Sinn schaffen für das eigene Leben, für neue Konstruktion. Die Menschen müssen denken, Kunst denken. Nur Gucken, das geht nicht. Sie müssen verstehen, was Schönheit ist. Hauptsache ist Schönheit und Schöpfung. Wenn alle Menschen das begreifen, dann funktioniert es - egal ob mit Bildern, Gedanken oder einer Stimme.“ Bei Sabahattin Sen dreht sich alles ums Thema Mensch - in der Galerie stehen seine Zeichnungen mit Stiften unterschiedlichster Art (auch Kugelschreiber) auf Materialien unterschiedlicher Art (Papier, teilweise bedruckt) im Mittelpunkt. Oft - in sich selbst oder mit anderen - verschlungene Wesen, Kommunikation und Kampf mit sich selbst und mit anorganischen Einwirkungen. Inzwischen ist Sen dazu übergegangen, seine Werke nicht mehr mit konkreten Titeln zu versehen - wie er dies in den 80er Jahren tat. "Organismus und Mechanismus“ oder "Die Maschine verfremdet den Körper“ sind Titel in der Sammlung von Klaus Türks "Bilder der Arbeit“. Bildankäufe reichen bis in eine Privatsammlung in den USA, die Bundesanstalt für Arbeit und die Stadt Köln nach Auswahl durch das Museum Ludwig. Und auch die Galerie Arbeiterfotografie ist im Besitz von zwei seiner Werke.
 
Im Sinne von Performance, reinen Gedanken, Bewegungsabläufen, geistigen und persönlichen Entwicklungen beschäftigt er sich mit antimaterieller Kunst - einem kontaminiertem Begriff, der in der heutigen Tabu-Zeit, der Zeit des tabuisierten Denkens - fernab vom Kunstdenken - neu eingeführt werden müsste. 1997 startete er eine Aktion auf dem Kölner Kunstmarkt, indem er 250 Galeristen seine Aussage überreichte: „Ich bin ein Kunstwerk wie die anderen Menschen“. Folgenlos.
 
„Egal, was für ein Thema wir behandeln“, formuliert der Künstler, „die Men- schen müssen in die Tiefe gehen. Die Realität befindet sich nicht an der Ober- fläche. Wenn wir uns auseinandersetzen, kommen wir zu einem Ergebnis. Wir müssen die Oberfläche überwinden, um weiter denken zu können, richtige Schmerzen fühlen zu können, mehr empfinden, ein Gefühl für die Realität entwickeln und mehr menschlich denken - nicht mehr tyrannisch.“
 
Fulvio Grimaldi
 
Die Liaison - eine freundschaftliche, vielleicht sogar eine Liebesbeziehung der Kulturen und Künste, und ihre Beziehung zur Realität ist angestrebt. Im Verbund der beteiligten Veranstalter und Akteure deutscher, türkischer, iranischer und italienischer Herkunft bis hin zur nordafrikanischen, libyschen Bevölkerung präsentiert schließlich der Dokumentarfilmer Fulvio Grimaldi auf Einladung vom Freidenker-Verband NRW, dem Aachener Friedenspreis e.V. und dem Bundesverband Arbeiterfotografie seinen Film „Maledetta Primavera - Verfluchter Frühling - Libyen unter den Bomben der NATO". Der 76jährige Grimaldi fuhr im April/Mai mit seiner Kamera „Kalaschnikow“ als Waffe nach Libyen: „Diese Lügen haben eine Welt von Maulhelden, Fettsäcken, linken Schurken, Feiglingen, insgeheim Zustimmenden dazu gebracht, teilnahmslos, mit vorgetäuschter Besorgnis oder ein wenig Bauchschmerzen, zuzuschauen, wie ein großes Land zerstört... wird.“ Im Kölner Friedensbildungswerk wird er seinen italienisch-sprachigen Film auf deutsch kommentieren und für Fragen der in Bezug auf Libyen medial abgeschirmten deutschen Öffentlichkeit Auskunft darüber geben, was ihm in dem nordafrikanischen unabhängigen Staat in einer Gruppe von British Civilians for Peace unter NATO-Bombarde- ment als menschliches Schutzschild widerfahren ist, „als am 17. Februar die Revanchisten des besiegten Kolonialismus den Arabischen Frühling mit der Blüte der Pfirsiche zur Tarnung missbrauchten und ihren Hilfstruppen in Benghazi das Signal für den Staatsstreich gaben.“
 
Kunstdenken - wie es Sabahattin Sen formuliert - tut not. Was ist Dummheit? Sen: „Es gibt Lügen in allen Zeitungen, im Fernsehen. Das ist heute normal. Die Menschen wollen nicht gestört werden, wollen vieles nicht wissen, wollen glücklich sein. Sie könnten etwas erfahren, was ihnen Angst macht. Das ist Psychologie. Aber die Politiker wissen das auch.“ Die Menschen haben schließ- lich Angst vor ihrer eigenen Freiheit (des Denkens). Nur zu gerne begeben sie sich in soziale Regelwerke, die die Steuerung der Schafherden übernehmen. Massenwirksame Medien sind einer dieser sozialen Steuerungsmechanismen. Religion auch. Sen: „Wir gestalten zusammen Kunst, indem wir leben. Aber die Menschen merken es nicht. Deswegen sag ich: Setzen! Denken! Manchmal spricht jemand einfach so. Macht eine Bewegung. Überlegen wir: ein Kind, erst muss es stehen. Und dann den ersten Schritt in der Welt machen. Das ist wirklich eine künstlerische Sache.“ (PK) 

Mai 2011 - Protest gegen die antiislamische Hetze von Pro Köln
 

Grafik von Sabahattin Sen (25x35 cm, Tinte mit Bleistift, 1970er)


Juni 2007 - Auseinandersetzungen um den geplanten Moscheeneubau


Grafik von Sabahattin Sen (25x35 cm, Tinte, 1970er)


Oktober 2008 - die alte, 2009 abgerissene Moschee in Köln-Ehrenfeld


Grafik von Sabahattin Sen (25x35 cm, Tinte mit Bleistift, 1970er)


Oktober 2011 - der fertiggestellte Rohbau der neuen Moschee in Köln-Ehrenfeld


Grafik von Sabahattin Sen (37x60cm, Mischtechnik mit Tinte, 1980er)
 
 
Termine im Rahmen der Interkulturellen Woche Köln:
 
Ausstellung "Liaison der Kulturen - Liaison der Künste"
Sabahattin Sen und Arbeiterfotografie Köln (Anneliese Fikentscher, Senne Glanschneider, Andreas Neumann, Heino Pflaum)
Öffnungszeiten: noch bis 23.10.2011, Mi, Do 19-21 Uhr, Sa 11-14 Uhr u.n.V. (0221 - 727 999)
Galerie Arbeiterfotografie, Merheimer Straße 107, 50733 Köln
Siehe auch: http://www.arbeiterfotografie.com/galerie/ikw-2011/faltblatt.pdf
 
Donnerstag, 20.10.2011, 20 Uhr
Wir lesen: Rolf Gössner, Menschenrechte in Zeiten des Terrors
Galerie Arbeiterfotografie, Merheimer Straße 107, 50733 Köln
 
Freitag, 21.10.2011, 19:30 Uhr
Köln, Friedensbildungswerk, Obenmarspforten 7-11, 1. Etage
"Maledetta Primavera - Verfluchter Frühling - Libyen unter den Bomben der NATO"
Fulvio Grimaldi zeigt seinen Dokumentarfilm über die jüngsten Entwicklungen in den arabischen Ländern Nordafrikas und speziell über den Krieg der NATO gegen Libyen. Der anwesende Filmemacher wird die italienische Fassung live auf Deutsch kommentieren
Veranstalter: Galerie und Bundesverband Arbeiterfotografie zusammen mit dem Freidenker-Landesverband NRW und dem Aachener Friedenspreis e.V.
Mehr dazu:
http://www.arbeiterfotografie.com/nordafrika/index-nordafrika-0028.html

Ausstellung "50 Jahre Migration aus der Türkei"
u.a. mit Sabahattin Sen, Aydin Sahin, Rahim Fathi-Baran und Arbeiterfotografie Köln
veranstaltet von Orient.Okzident.Kunst.Kultur.Dialog.Köln
Ausstellungshalle, Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3, 50670 Köln
21.-23.10.2011, 17:30-20 Uhr, Sa./So. 16-20 Uhr u.n.V.


Online-Flyer Nr. 324  vom 19.10.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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