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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 32
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Weltbild und Urteilsvermögen von Max werden aber durch eine andere Einrichtung erweitert und erhellt, durch den ‚Schafstall‘. So heißt die Stube des Malers Kurt Schäfer, wo sich wöchentlich eine Gruppe Gefangener trifft.
Kutte Schäfer malt für die französische Lagerleitung und die gehobenen Chargen Landschaften und Porträts in Öl und genießt deshalb das Privileg eines Zweimannzimmers, das er nur mit dem Philosophen Alois Mayer – „mit a-y“ – teilt.
Mayer ist von Beruf Schneider, aus Leidenschaft aber Philosoph. Er ereifert sich gerne für seine Erkenntnisse, die er in steiler, großer Sütterlinschrift in eine schwarze Kladde einträgt. Er gibt sie jedem zu lesen, der genügend Mut hat, sich in den Irrgarten seiner Formulierungen zu wagen, und begleitet und untermauert diese mit weitschweifigen Kommentaren. Er ist wegen seiner Dickköpfigkeit und Empfindlichkeit berüchtigt, eigentlich aber ein freundlicher und friedlicher Mensch, der für den großartigen poltrigen Schäfer den idealen, edel leidenden Fußabtreter abgibt. Manche Leute brauchen so etwas.
 Schäfer selber ist vor allem deshalb gut gelitten, weil er nicht unbedingt das letzte Wort haben muß, sondern seinem Gesprächspartner gerne die Schlußfolgerung überläßt, denn (aber das sagt er nicht) er hält es einfach nicht der Mühe für wert, einen Dummkopf davon überzeugen zu wollen, daß er dumm ist. Seine Äußerungen sind laut und poltrig und stets von unterschwelligem Lachen begleitet, so daß selbst sehr direkte und ungehobelte Einlassungen nicht verletzend wirken.
Schäfers Porträts wachsen irgendwo zwischen Hofer und Nolde. Er ist im übrigen der Meinung, daß auf einem Ge­mälde nach dem Willen des Malers die Farbe Rot auch blau aussehen kann. Schäfers Porträts entziehen sich jedenfalls Max’ ästhetischem Urteil.
Im ‚Schafstall‘ treffen sich mehr oder weniger regelmäßig eine Zahl Kulturbeflissener zu literarischen, historischen, philosophischen und künstlerischen Streitgesprächen. Max wird auf Empfehlung Ottos zugelassen und saugt die Thesen und Antithesen, Polemiken, kritischen, dialektischen und sarkastischen Sentenzen wie ein Schwamm in sich auf.
Dazu kommen auch Klaus Wolke, ‚rote Wolke‘ genannt wegen seiner roten Haare, Schorsch Blach, ein hagerer, zynischer Jurist, sowie ‚Frosch‘ Kleinmüller, ein kleiner knorziger Schriftsetzer, der im „Schneewittchen“, von dem noch zu reden sein wird, ohne sich groß zu verändern den ältesten Zwerg gibt. Er giftet vehement darüber, daß irgendein guter Freund den Spitznamen ‚Frosch‘, der ihm als Schüler wegen seines etwas breit geratenen Mundes angehängt worden war, in die Gefangenschaft kolportiert hat, wo er ihm weiter wie Fliegenleim anhaftet. Er ignoriert dabei, daß angesichts seiner Gestalt der Name ‚Frosch‘ weniger zum Lachen herausfordert als sein richtiger Vorname Sigismund.
Im ‚Schafstall‘ werden die für Max wirklich existentiellen Fra­gen behandelt: Wer weiß angesichts der gerade über­stan­denen apokalyptischen Katastrophe zu sagen, wie ein dritter Weltkrieg verhindert werden kann? Was muß man in der menschlichen Gesellschaft verändern, um das zu sichern? Ist der Krieg als ‚Vater aller Dinge‘ unvermeidlich? Gibt es ‚ewige, unveränderliche menschliche Werte‘?
Die Älteren halten Max immer wieder vor, es käme hauptsächlich auf die Erfahrungen an. Aber Max pfeift auf Erfahrungen, die globale Katastrophen nicht verhindern können. Er behauptet, das ist eine Art Selbstschutz, daß sich die Verhältnisse nur durch Verstand, durch die klare Erkenntnis von Ursachen und Wirkungen verändern und verbessern lassen. Damit verteidigt er die Frische seiner neunzehn Jahre gegen die Last alter Erfahrungen. Er sucht eine Ebene, auf der er ernst und für voll genommen wird. Er hat noch keine Vorstellung davon, wie komplex Ursachen und Wirkungen sind, und daß menschliche Dummheit nicht durch scharfen Verstand aus der Welt zu schaffen ist. Nicht alle Dinge lassen sich verbessern. Manches muß man akzeptieren, wie es ist, und damit umgehen so gut man kann. Manches kann man aus der Welt schaffen, aber die Welt gehört den Dummköpfen genauso wie den Klugen. Ist Intelligenz ein Vorrecht, oder nicht vielmehr eine Verpflichtung? Lange geht Max mit dem Vorurteil einher, man müsse die Menschen zu ‚höherer Einsicht‘, zu ‚gehobenen geistigen und emotionalen Ansprüchen‘ erziehen. Erst viel später erkennt er, daß man damit an den Bedürfnissen vieler Menschen vorbeigeht, denen eine ‚höhere Einsicht‘ schnurzegal ist und die sehr reale prosaische Reize genießen: bei einer Rauferei zusehen, bei einem Footballspiel schreien, die Klatsch und Tratsch verfolgen, sich von musikalischem Lärm zudröhnen lassen oder sich vollsaufen.
Im ‚Schafstall‘ diskutiert man ,L’An zero‘ und die ‚Umwertung aller Werte‘, den Begriff der Freiheit, das Ver­hältnis von Individuum und Gesellschaft. Sie lesen Texte mit verteilten Rollen und versuchen, sich in die Figuren ein­zufühlen. Tötet Woyzeck den einzigen Menschen, der ihn liebt, seine Marie, weil er verrückt ist? Oder wird er zum Mörder, weil ihm seine Umwelt keinen anderen Ausweg bietet. Nächtelang diskutieren sie solche Fragen. Max ist fasziniert von der möglichen Weite der Gedanken, vom Raum der Phantasie.
Sie machen sich im Schafstall auch Gedanken zum Sinn-lichen und Übersinnlichen. Gibt es eine Welt jenseits des Sicht- und Faßbaren oder ist das sogenannte Übersinnliche nur die Grauzone menschlicher Erkenntnis? Max vertraut auf die Vernunft. Sie erscheint ihm als eine sichere Bank. Das Übersinnliche dagegen bietet keinerlei reale Anhaltspunkte außer dem, daß nichts beweisbar und alles möglich ist. Kann der Mensch alles verstehen?
Die frei schweifende Phantasie fügt sich schlecht in eine Ordnung. Aber Gedankenbilder, Phantasien und Träume sind eine Brücke zwischen der Wirklichkeit und dem Wunsch. Das ist es!
Sie probieren das mit dem Übersinnlichen. Sie setzen sich zu spiritistischen Sitzungen alle im Kreis um einen Tisch, löschen das Licht und suchen Berührung mit den Fingerspitzen. Sie versuchen, sich zu konzentrieren. Aber worauf? Was soll passieren?
„Ein Geist soll sich melden. Er muß den Tisch rücken.“
„Aber ihr dürft nicht nachhelfen! Beine stillhalten!“
 „Wir müssen an irgend jemanden denken.“
„Und an wen?“
„An Zara Leander.“
 „Die ist allen bekannt.“
„Aber die lebt ja noch. Die müßten wir erst umbringen!“
„Ist zu mühselig.“
„Mensch, seid mal ’n bißchen ernst! Wir woll’n doch was über Spiritismus rauskriegen.“
„Dann nehme ich meine Großmutter“, entscheidet Wolke.
„Die kennt keiner von uns.“
„Macht doch nischt! Denkt jeder an seine Großmutter, alle Großmütter haben das Großmütterliche gemeinsam.“
„Meine Großmutter lebt noch“, sagt Max, „und sie ist sehr mobil.“
„Mensch, mach uns nicht alles kaputt!“
„Also dann nehmen wir jemand, den wir alle kennen: Schiller!“
„Du kennst Schiller?“
„Ham wir doch gelesen!“
„Also Schiller!“
Das Licht wird gelöscht, jeder sucht mit den Fingern die Fingerspitzen des Nachbarn. Jeder versucht, sich zu konzen-trieren. Wolke räuspert sich ausführlich, jemand zischt. Die Stille bläht sich auf. Einer scharrt mit den Füßen, eine Mücke summt. Plötzlich schwankt der Tisch ein wenig – jemand zieht hörbar die Luft ein und hält den Atem an –, das Summen der Mücke verstummt, sie hat sich gesetzt. Der Tisch schwankt ein bißchen heftiger! Der mit dem angehaltenen Atem saugt noch mehr Luft ein – gleich muß er platzen. Etwas klatscht. „Au verflucht!“ tönt Schäfer, der Tisch stößt auf die Dielen, Mayer sagt giftig „Wie soll man sich da konzentrieren?!“, und Wolke zu Schorsch Blach: „Tritt mir wenigstens nicht auf den Fuß, wenn du den Tisch wackeln läßt!“
Das Licht wird eingeschaltet und alle quatschen durch­ein­ander.
„Haste ihn gesehen?“
„Mir war so, wie ein Schatten!“
„Du hast auch ’n Schatten!“
„Kann doch nicht funktionieren bei den Störungen.“
„Wenn Schorsch auch mogelt!“
„Ich wollt’ euch bloß ’n bißchen Hoffnung machen.“
„Ist sowieso Blödsinn!“
„Na denn nicht, liebe Tante.“ Schäfer zerquetscht genüßlich eine Wanze, die sich nicht rechtzeitig in eine Ritze gerettet hat, an der gekalkten Wand. Die Wand ist schon über und über mit rot verschmierten Flecken geziert. Der Versuch wird zu späterer Stunde wiederholt mit dem gleichen negativen Ergebnis. Daran geglaubt hat ohnehin keiner, außer vielleicht Alois Mayer (mit a-y).
Aber ein anderer Versuch läßt zumindest ernsthafte Zwei-fel am reinen Rationalismus aufkommen: die Gedanken­über-tragung. Man beginnt mit einfachen Zahlen von eins bis zehn. Etwa zur Hälfte funktioniert die Sache, zur anderen Hälfte nicht. Max ist kein gutes Medium, er ist zu nervös. Aber er kann sich konzentrieren. Seine Erfolgsquote liegt bei sechzig Prozent.
Viele Abende werden heiter. Angesichts der tristen Gefan-genschaft ist das Bedürfnis nach Lockerheit und Heiterkeit besonders ausgeprägt. So entstehen an ‚Dichter­abenden‘ Nonsensverse, die leicht erfunden werden und billige Heiter-keit erzeugen. Die Regeln sind folgende: Man reimt in fünffüßigen Jamben nach dem Schema „Es war einmal ein alter Kahn“.
Der erste schreibt auf den oberen Rand eines Blattes irgendeine Verszeile: „Rot sind im Abendrot die Wolken.“ Dann faltet er die Zeile um, so daß sie der Nachbar sie nicht lesen kann, und wiederholt das Reimwort „Wolken“ auf der zweiten Zeile.
Der nächste reimt: „Du sollst nicht an den Zehen polken!“ – faltet seinerseits die Zeile um, nur das Reimwort „polken“ wiederholend, und fügt er eine neue Zeile hinzu: „Zart duftend sind der Liebsten Socken“ (mit Wiederholung von „Socken“), worauf dem Dritten die Zeile einfällt: „Beim Kegeln bleibt kein Auge trocken.“
Es muß sich reimen, aber es muß keinen logischen Sinn ergeben, sondern möglichst einen komischen Widerspruch. So mag der angeregte Leser die Reimerei zu seinem Vergnügen fortsetzen, obwohl das Vergnügen im ,Schafstall‘ nicht ganz nachzuvollziehen ist. Natürlich ist das ein anspruchsloses Spiel, aber fern der Heimat zumindest ebenso anregend wie Rommé, Canasta oder Scrabble.
Die Schafstallbesucher sind jedenfalls dankbar für jedes Angebot zum Lachen.
*

Im Lager gibt es das Gefangenen-Theater. Das ist zunächst ein schmuckloser rechteckiger Raum mit Holzbänken, auf denen etwa zweihundert Zuschauer Platz finden. An einer Schmalseite ist eine einfache Bühne, das heißt ein etwa fünfundsiebzig Zentimeter hohes Podest mit einem Bühnen­rahmen, einem Vorhang und ein paar Lampen. Insgesamt kümmerlich genug, aber der Reiz des Theaters liegt ja nicht in erster Linie in seinen Aufbauten oder seiner Technik, sondern darin, daß die ‚Bretter, die die Welt bedeuten‘ sich auf wunderbare Weise in fast jeden beliebigen Ort zu jeder beliebigen Zeit verwandeln können, wenn Zuschauer bereit sind, diese Verwandlung mitzumachen.
Die Gefangenen im Lager Orléans sind nur zu bereit, Verwandlungen zu folgen, die sie aus der tristen Umgebung entführen und für Minuten oder Stunden in eine heitere oder spannende, überraschende andere Gegenwart versetzen. Dieses Theater darf deshalb mit einem brennenden Inter­esse rechnen, wenn es den Bedürfnissen, Wünschen und Er­wartungen seines Publikums Rechnung trägt.
Im Lager sind aber nicht nur Zuschauer, sondern auch Künstler, Autoren, Komponisten, Artisten und andere, die glücklich sind, wenn sie ihre Fähigkeiten vor einem inter-essierten Publikum unter Beweis stellen können. Sie sind nicht nur bereit, zu Darbietungen beizutragen, sondern sie drängt es, wieder in ihrem Fach zu arbeiten, früher erworbene Fähigkeiten wiederzubeleben und Neues unter neuen Bedingungen zu erproben.
Kein Wunder, daß sich Max für das Theater lebhaft interessiert.
Und dann hatte Otto ein Stück mit Musik geschrieben, ein Singspiel „Schneewittchen“. Er will es auf der Bühne des Lagers aufführen. Spielfreudige und Hilfswillige stellen sich schnell genug ein. Aber neben allen offensichtlichen Schwierigkeiten wie Mangel an Pappe, Leinwand, Farbe, Kostümen und so weiter gibt es das gesellschaftliche Hauptproblem fast aller Lagertheater: Es gibt keine Frauen, also auch kein Schneewittchen. Mit diesem Problem ist das Theater seit Jahrhunderten konfrontiert, denn im 16. Jahrhundert hatte man zwar Frauen, diese durften aber nicht auf der Bühne auftreten.
Im Lager Orléans hilft man sich wie eh und je: Die Frauenrollen werden von Männern gegeben, ein Mann muß zu Schneewittchen werden. Otto hat dafür Max ausersehen.
Wie heikel das ist, liegt auf der Hand. Wenn Männer ihrer Natur entsprechend männlich sind, haben sie rauhe Stimmen, kraftvolle Gebärden, weit ausholende Schritte und, schlimmstenfalls, ein dunkles Stoppelfeld im Gesicht. Das kommt der Ausstrahlung weiblichen Charmes, der Vorführung von Zartsinn und Empfindsamkeit und lieblich-mädchenhaftem Reiz nicht eben entgegen.
Gelingt es ihnen andererseits, diese männlichen Attribute zugunsten weiblicher Anschmiegsamkeit, ätherischer Anmut und hingebungsvoller Empfindsamkeit zu leugnen, so entsteht meist das, je nach Einstellung und Veranlagung des Betrachters unterschiedliche, lächerliche, pikante oder schlimmstenfalls obszöne Bild schwuler Männer in Weiberkleidung.
Max ist sich keiner besonders femininen Ausstrahlung bewußt. Er ist nicht schwul und spürt keinerlei erotische Spannung seinem Prinzen gegenüber. Obwohl er nicht ausschließen kann, daß solche Gefühle beim Miteinander auf der Bühne eine Rolle spielen können. Aber schließlich ist die Geschichte vom Schneewittchen nicht gerade eine Sexstory, und außer dem Händchenhalten mit dem Prinzen beim Happy-End entstehen weder mit der bösen Stiefmutter noch mit den sieben Zwergen zweideutige Situationen. Max kann die Rolle ohne Bedenken übernehmen. Gelegentliche Zweideutigkeiten im Text gehen nicht zu seinen Lasten.
Die körperlichen Voraussetzungen sind gegeben. Entgegen kommt Max dabei, daß er doch noch kein ausgewachsner Mann ist. Er ist schlank, seine Bewegungen sind leicht und spontan. Die fehlenden weiblichen Rundungen lassen sich bei entsprechender Kleidung vortäuschen. Sein Bart beginnt gerade erst zögerlich zu sprießen, und seine etwas zu kühn vorspringende Nase verleiht Schneewittchen einen gewissen südosteuropäischen Reiz. Zudem hat er eine helle Stimme und hat vor dem Krieg in verschiedenen Kinderchören, auch im Rundfunk und im Film, mitgesungen.
Selbstverständlich reizt es ihn, auf der Bühne zu stehen, in eine fremde Gestalt zu schlüpfen, eine Rolle zu spielen, zu singen und zu tanzen. Da der Tanz kein klassisches Ballett sein muß, ist auch das Ergebnis zufriedenstellend. Er bekommt eine schwarze Lockenperücke, ein langes weißes Kleid, das seine mageren Sprinterbeine bedeckt, sowie hochhackige Schuhe, mit denen zu tanzen ihn einige Mühe kostet.
Die potentiellen Kritiker sind milde gestimmt.
Über das Gesamtergebnis der Mimikry gibt es keine ver­läßliche Zeugenaussage. Tatsache ist aber, daß Max inmitten aller Darsteller Beifallsstürme erntet und sich allerlei liebe­voller Angebote erwehren muß. Zehn oder zwölf Mal wird das Stück an verschiedenen Orten aufgeführt.
So hüpft er fröhlich durch das Zwergenhaus auf der Bühne und trällert: „Morgens, wenn der Sonnenschein schaut zu mir ins Fenster rein ...“

*

Zum 14. Juli wünschen sich die Franzosen der Lagermannschaft ein buntes Kinderprogramm. Das soll auf einer Bühne in der Stadt gezeigt werden, ein willkommener Anlaß, für Stunden aus dem Lager herauszukommen, sich ein bißchen zu amüsieren und vielleicht den einen oder anderen kleinen Vorteil herauszuschlagen: etwas zu essen oder zum Anziehen, etwas mehr Unterstützung für das Lagertheater, gelegentlich ein bißchen mehr Bewegungsfreiheit.
So finden sich schnell ein Zauberkünstler, zwei Parter­re­akrobaten, ein ‚Dompteur‘ mit einem Kamel aus zwei Ge­fangenen und braunen Pferdedecken, ein Jongleur und an­de­re Artisten.
Max spielt mit Egon, einem Lulatsch aus Zwickau, die Akrobaten und hofft, daß es komisch wird. Die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet. Die Menge amüsiert sich immer darüber, daß einer auf die Schnauze fällt, und da Max einen Akrobaten gibt, der er nicht ist, wird er mit dem einen oder anderen Sturzflug zu rechnen haben.
Max bemalt sich jetzt also als Clown, mit grellrotem Schmatz­mund und erstaunt aufgerissenen Augen, zieht eine karierte Pluderhose an, eine gestreifte Jacke mit großen Pom­pons, setzt eine rote Perücke auf und zieht mit den alten Clownstricks gegen Egon zu Felde, der als vertrottelter Lehrer seinem Schüler vergeblich Manieren beizubringen versucht: Er zieht ihm den Stuhl weg, so daß er hinfällt, oder legt ihm einen nassen Schwamm unter, wenn er sich setzt. Er zündet ihm beim Lesen die Zeitung an und gießt ihm Kleister in seinen Pfeifenkopf. Er mopst ihm die Perücke und streicht ihm die Glatze mit Silberbronze an, und so weiter. Was Max noch nicht weiß: Auch Clowns brauchen eine gewisse schauspielerische Technik, um ihre komischen Wirkungen zu entfalten. Aber das Publikum ist unverbildet und dankbar. So geht es eben auch ohne besondere Fachkenntnisse. Übrigens gewinnt Max bei der Kostümierung einen Bekleidungsvorteil. Da er nur einerseits klobige Kommißschuhe und andererseits sehr leichte, locker sitzende Leinenschuhe mit einer Stroh-sohle besitzt, setzt er durch, daß ihm der Lagerschuster ein Paar festere, gut sitzende Halbschuhe anfertigt, mit denen er sich sicherer bewegen kann. Die Schuhe sind zwar auch aus Segeltuch, haben aber Lederkappen und feste Ledersohlen und sind so solide, daß er sie auch noch nach seiner Heim­kehr für die Schule anziehen kann. Nur das Segeltuch wird inzwischen ein wenig verschossen sein. Es gewinnt aber wieder modischen Reiz, wenn Max es grün anstreicht. Da die normale Fußbekleidung zu dieser Zeit aus Holzsandalen oder Autoreifen-Latschen besteht, wirken Max’ grüne Halbschuhe geradezu elegant.
Egon, um wieder auf die Clownsnummer zu kommen, hat keine besondere Mühe, komisch zu sein, wenn ihm der kleinere Max unter dem Arm hindurchrutscht oder wenn er versehentlich die viel zu kleine Jacke von Max anziehen will. Dabei kommt leider beim französischen Publikum sein komisches, breitgetretenes Sächsisch nicht zur Wirkung.
Wenn das Publikum die Vorführung auch vielleicht nicht immer zum Brüllen findet, so haben doch Max und Egon daran ihre Freude, entgegen der alten Theaterregel, daß der Komiker selbst seine Sache nicht komisch finden dürfe.

*

Die Erinnerungen an Paule verblassen und zerrinnen ange­sichts der vielen neuen Eindrücke und Anregungen durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten, denen er begegnet.
Marie-Paules Bild erscheint zwischen den Gesichtern und Handlungen Frömmichs, Schmudes, Willis, Tünnes’ und der anderen Arbeits- und Leidensgefährten in Collet-de-Dèze, Salbris, Noisy-le-Sec, all den Orten und Stationen, die er inzwischen hinter sich gelassen hat.
Zunehmend belastend werden die Vorbereitungen für seine letzten beiden Lektionen über die bürgerlich-demo-kratischen Verfassungen Englands und der Schweiz. Die Ahnungslosigkeit und Unbefangenheit des Anfangs ist dahin. In dem Maße, wie er sich in den Stoff einarbeitet, entwickelt sich auch sein Anspruch an Detail­treue, Genauigkeit und Übersichtlichkeit dessen, was er seinen Kameraden vermitteln will. Und in dem Maße, wie er strenger wissenschaftlich zu arbeiten versucht, und mehr und mehr Zeit dafür aufwenden muß, verweigert der schon erwähnte Kamerad Historiker Dr. Dr. König aus Göttingen seine unmittelbare Unterstützung. Max zieht sich dennoch, schwitzend und von Selbstzweifeln geplagt, einigermaßen ehrenhaft aus der Affäre.
Zu dieser Zeit kommt ein Gerücht auf, das zunächst wie die meisten Gerüchte reinem Wunschdenken zu entstam-men scheint, aber es hält sich hartnäckig über einige Wochen, verdichtet sich und wird schneller Wirklichkeit, als man sich das jemals vorgestellt hätte: Die Antifa-Schule führt keinen weiteren Lehrgang durch, sie wird geschlossen und aufge-löst. Zweieinhalb Jahre nach dem Krieg scheint es nicht mehr nötig zu sein, die Gefangenen politisch und kulturell zu bilden und auf das Leben in einem besiegten und zerstörten Deutschland vorzubereiten.
Und was wird aus den Dozenten und Lektoren? Das Lehr-personal wird wegen seiner besonderen Verdienste in die Heimat entlassen!
Zuerst denkt man an eine Ente, an einen bösen Witz. Aber nein, Entwicklungen vollziehen sich in Sprüngen. Und hier ist langes Warten plötzlich vorbei. Jahrelange Hoffnungen erfüllen sich. Scheinbar einfach so. Werden von heute auf morgen Wirklichkeit. Fluchtgedanken erübrigen sich, Vorbereitungen, gedankliche wie materielle, für die Heimreise, für das Wiedersehen mit Eltern, Großeltern, Geschwistern, Kindern, Onkeln, Tanten und so weiter wollen getroffen werden, soweit das möglich ist.
Es ist November, das Wetter grau und nebelverhangen, die Natur scheint abzusterben oder sich in den Winterschlaf zu begeben. Aber die Stimmung ist rosig, aufgekratzt und erfüllt von freudiger Erwartung. Im Dezember soll der Transport rollen, vielleicht ist man Weihnachten schon zu Hause!?
Ist das voreilig?
„Wenn wir schon wünschen, dann wünschen wir richtig.“
Jetzt wollen wir nach Hause!

*

Max kauft von seinem mageren Tagegeld in der Kantine Kleinigkeiten, von denen er annimmt, daß sie zu Hause nützlich, aber knapp seien: Feuersteine und Nähnadeln bei-spielsweise. Außerdem hortet er seine Tabakrationen, denn Tabak ist in dieser Zeit so eine Art Goldwährung. Immer und überall gibt es in der französischen Gefangenschaft den gleichen Preßtabak, würfelförmige braune Päckchen von etwa vier Zentimeter Kantenlänge, aus deren Inhalt sich mit einiger Mühe dreißig Zigaretten drehen lassen. Sie werden als Zahlungsmittel unverzichtbar. Wein gibt’s im Lager Orléans leider nicht.
Im übrigen reift er sichtbar zum Mann. Er beginnt, sich seinen zukünftigen Bart, der sanft, aber sichtbar sprießt, abzuschaben. Weil das aber noch nicht so ausgeprägt ist und weil er auch geizig ist, kauft er sich nicht selber einen Rasierapparat, sondern pumpt ihn sich von Fall zu Fall von einem Kumpel. Der meldet in der Regel Widerspruch an, denn die Klinge, wieder und wieder sorgfältig auf Zeitungspapier geschärft, wird von einem noch so flaumigen Bart abgestumpft. Seine helle Stimme und seine jungenhafte Ausstrahlung bleiben ihm vorläufig erhalten.
Für die ehemaligen Lehrkräfte des Cours d’Orientation ist das Lagerleben verändert. Das drückende Warten hinter hohen Kasernenmauern weicht einer freudigen Span­nung. Als gebranntes Kind glaubt Max lange nicht an die Ernst-haftigkeit der glücklichen Nachrichten. Zu oft ist er schon verschaukelt worden. Und auch die Franzosen haben eine reich entwickelte Bürokratie, die noch zwei, drei Wochen braucht, bis der Termin zum Abmarsch und zur Abfahrt des Zuges feststeht. Aber was sind schon zwei, drei Wochen gegen die zwei, drei Jahre, die hinter ihm liegen? (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 325  vom 26.10.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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