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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 31
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Oben erwartet ihn Licht, Sonne, Leben. Er ist mitten im Trubel einer Großstadt, die ein Frühlingsgewand trägt und den Charme und die Lebensfreude ihrer Bewohner aus­strahlt.
Max hat ein wunderbares Gefühl von Leben und Freiheit. Vor ihm entfaltet sich eine vielgestaltige, einladende und bunte Welt, die erobert werden will. Ein Vorgeschmack auf künftige Möglichkeiten, Erlebnisse und Abenteuer. Er taucht ein in diese Vielfalt und läßt sich ein Weilchen treiben.
Die Straßen sind voller Menschen, darunter – neu für Max – viele Farbige. Autos jagen die Fußgänger mit lautem Hupen von der Fahrbahn, Passanten wandern pomadig bei rotem Licht über die Kreuzung, Schutzleute sehen dem Wirrwarr gelassen zu und winken höchstens den Autofahrern, die Kreuzung ein bißchen flotter zu räumen.
Vor den Cafés sitzen Menschen auf der Straße bei einem Kleinen Schwarzen, einem Café crème oder auch schon einem Glas Wein. Max schmeckt noch rohe Kartoffeln, aber die sind alle. Er hat zwar neben der Fahrkarte noch siebzehn Francs übrig, aber er ist zu unsicher, um damit in einer Bäckerei eine Baguette oder eine Brioche zu verlangen. Zwei Jahre lang praktisch eingesperrt gewesen sein und auch vorher schon nur nach der Schnur zu marschieren, hinterläßt seine Spuren. Sein Leben lang wird er unwillkürlich die Grenzen und Zäune suchen, die seinen Spielraum einengen, auch wenn sie nicht zu sehen sind oder gar nicht existieren. Und als reifer Mann wird er junge Leute immer wieder ermutigen, Zäune und Schranken nicht zu respektieren, sondern sich ihre Freiheit zu nehmen, wo immer das möglich ist.
Jetzt macht ihm ein bißchen Hunger nichts aus; der Durst ist schon schlimmer. Die Sonne steht inzwischen hoch, es wird wieder warm, so warm wie nur ein Maientag sein kann. Das Laub ist strahlend grün und glänzt in der Sonne golden. Die Straßen werden frisch gewaschen und widerspiegeln den Glanz. In kleinen Parks stehen eisernen Brunnen, bekrönt von allegorischen Figuren, sitzen alte Männer mit Zeitungen auf Bänken, und Mädchen und junge Frauen, die schwatzen und Kinder beaufsichtigen und zur Ordnung rufen, wenn sie zu heftig plantschen.
Max schluckt mit ausgetrockneter Kehle. Er setzt seine Tasche am Zaun ab, entfernt die graue Hülle von seiner Feldflasche, die ihm zu sehr nach Militär aussieht, und schlendert in den Park zum Brunnen. Zu den Kindern sagt er ein paar freundliche Worte, von denen er nicht weiß, ob sie verstanden werden – er jedenfalls versteht das kindliche Geplapper nicht –, dann trinkt er am Brunnen, füllt seine Feldflasche und schlendert wieder davon. Neugierige, aber freundliche Blicke begleiten ihn. Jedenfalls bemerkt er keine Spur von Mißbilligung oder Argwohn. Er ist sich dessen nicht bewußt, daß ihm sein junges, offenes Gesicht und seine freundliche Ausstrahlung viel größere Freiheiten gestatteten, als er sich zu nehmen wagt.
Er erinnert sich selbst an sein Ziel, den Gare de l’Est. Und da er keinen Stadtplan hat, faßt er Mut und fragt eine ältere, freundlich wirkende Frau nach dem Weg. Sie gibt ihm bereitwillig, leider auch wortreich Auskunft. Das ist Max schon oft passiert: Seine flüssige Sprache erweckt den Eindruck, daß er fließend Französisch spräche, und Max muß sehen, wie er damit zurechtkommt. Hier entnimmt er der Antwort jedenfalls die Richtung, in die er zu gehen hat.
Man sieht der Stadt den letzten Krieg nicht mehr an. Von ihrer Geschichte und deren Zeugnissen weiß Max nicht viel. Auch ihre Schönheit nimmt er kaum wahr. Sein Denken ist auf sein Ziel fixiert: Deutschland!
 Aber es gibt eine Ausnahme. Seine halb zufälligen Wege führen ihn über die Île de la Cité, den zweitausend Jahre alten Kern von Paris, und vorbei an der Kathedrale Notre Dame. Er steht vor der schmuckreichen Fassade, sein Blick wird emporgehoben zu den zwei Türmen, und er erliegt dem Zauber, der schon vor achthundert Jahren die Menschen in den Bann der Kathedrale gezogen hat.
Aus der sonnigen Tageshelle kommt Max in eine mysteriöse, strahlende Traumwelt. Die Kathedrale ist voller Menschen, die im gleichen Zauber befangen sind wie er. Die großen Glasfenster verwandeln das klare Sonnenlicht in eine verwirrende Buntheit. Der Klang der Orgel und eine festliche Liturgie umfangen ihn. Er versteht ihren Sinn nicht, aber er läßt sich durch sie aus der Gegenwart in eine schwerelose Welt der Gefühle entführen. Max bewegt sich wie im Märchen durch den hohen, scheinbar unendlichen Raum. Die Linien der Pfeilerbündel führen die Augen bis in die Gewölbe und von einem farbigen Fenster zum anderen.
Die Verzauberung währt scheinbar lange, und doch ist kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen, als Max sich losreißt und wieder seinem Ziel zuwendet, dem Gare de l’Est.
Max wandert über Boulevards, durch alte enge Gassen mit modernem Gesicht, vorbei an Geschäften mit blanken Fen­stern, an Parks und Plätzen. Die Delikatessenläden scheinen ihm auszuweichen.
Vor einem Café auf der Straße sitzen zwei amerikanische Soldaten. Er überlegt, ob er sie ansprechen, sich ihnen zu erkennen geben und sie um Hilfe angehen soll. Im Camp ging die Rede, daß ihre Sympathien eher den Deutschen als den Franzosen gelten. Doch das war unbewiesen. Das Gerede konnte genausogut heiße Luft sein und er auf diese Weise geradewegs wieder in ein Lager wandern. Er verläßt sich lieber auf sich selbst.
Am frühen Nachmittag erreicht er den Ostbahnhof, den Gare de l’Est. Er ist rundum eine Enttäuschung. Max kann die Schalterhalle betreten, die Bahnsteige aber sind durch Sperren und Schalterbeamte abgegrenzt. Auf einem Gleis steht ein Zug nach Saarbrücken. Er kann ihn ohne Fahrkarte nicht erreichen, und für die Fahrkarte hat er kein Geld. Überhaupt: Der Gare de l’Est ist ein reiner Personenbahnhof, und Max sucht einen Exquisitplatz in einem Güterzug.
Er umrundet den Bahnhof auf der Straße. Er liegt, zwischen Straßenzügen eingeklemmt, etwa vier Meter unter dem Straßenniveau und ist von hohen Zäunen umgeben. Der Versuch, sie zu überklettern, muß unbedingt auffallen. Aber von der Höhe des Zauns aus vier oder fünf Meter tief auf die Gleise zu springen wäre der helle Wahnsinn.
Die Hoffnung, daß ein Güterbahnhof nicht weit entfernt davon liegt, wie Max das vom alten Schlesischen Bahnhof in Berlin kennt, erfüllt sich nicht. Auch der nahegelegene Gare d’Austerlitz erweist sich als unzugänglich.
Max geht nochmals zurück zum Gare de l’Est und hofft auf irgendein Wunder, aber das Wunder ereignet sich nicht. So beschließt er, zum Abend wieder zum Güterbahnhof zurückzufahren, wie hieß er doch ... Trapp? oder so ähnlich. Dort will er irgendwo, irgendwie übernachten und sich am nächsten Tag entweder auf dem Güterbahnhof oder in der Stadt erneut umsehen. Die Fahrkarte für eine ganze Woche hat er ja noch.


*

Er ist etwas erschöpft. Die letzten Tage waren unruhig, der heutige lang und anstrengend. Hinzu kommt, daß sein Magen sich immer quälender bemerkbar macht. Auf einer Bank vor dem Gare de l’Est will er sich ein wenig ausruhen, bevor er sich wieder auf den Weg macht. Es geht auf achtzehn Uhr zu, die Menschen streben nach Hause, der Platz leert sich allmählich. Auf der anderen Seite kämpft noch ein verwahrloster Alter mit einem Stück Baguette, zwei junge Mädchen erheben sich zum Gehen, ohne ihr lebhaftes Gespräch zu unterbrechen, sonst ist niemand mehr da.
An der Ecke des Platzes, die zum Hauptportal des Gare de l’Est weist, tauchen im Schlenderschritt zwei Gendarmen auf. Max sieht sie nicht gerne und würde ihnen lieber aus-weichen. Er fürchtet aber, gerade dadurch aufzufallen, daß er sich aus dem Staub machen will. Leider kommen die beiden, weiter nur schlendernd, quer über den Rasen direkt auf ihn zu. Bei Max entsteht ein zwiespältiges Gefühl wachsender Spannung einerseits, der Zuspitzung seines Konflikts, und andererseits einer sich ankündigenden Erleichterung darüber, daß sich nun seine Lage so oder so entspannen müßte.
Die Gendarmen mustern ihn beim Näherkommen, und als sie da sind, sagt der eine, fast erheitert: „Nix duitsch?“
Max antwortet in seinem besten Französisch: „Ich verstehe Sie nicht. Was wollen Sie?“
Daraufhin legt der andere grüßend die Hand an die Mütze und fragt höflich, auf französisch: „Kann ich bitte Ihre Papiere sehen?“
Max ist sich sicher, daß Drumherumreden nichts mehr nützt, und wechselt von der Tragödie in die Komödie. Er gräbt aus seiner Reisetasche sein Soldbuch mit dem Pleitegeier auf dem Deckel und seinem Porträt als ganz junger Matrose auf der ersten Seite und reicht es dem Gendarmen. Der blättert darin, zeigt es dem anderen, klappt es wieder zu und reicht es höflich an Max zurück. Gleichzeitig grüßt er lächelnd mit der Hand am Mützenschirm und fordert ihn auf, mit ihnen zu gehen: „Monsieur, suivez-moi, s’il vous plaît!“ Und während Max sich erhebt, seine Tasche schultert und zwischen den Gendarmen über den Platz geht, macht der eine etwas Konversation: „Ihren Kameraden haben wir schon gefaßt.“
Das ist Max neu, schließlich war er allein. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich war allein auf dem Weg.“ Der Gendarm bleibt konziliant: „Sie brauchen ihn nicht zu decken, wir haben ihn wirklich gefaßt, als er durch die Sperre gehen wollte. Er kommt aus Caen und hatte eine Fahrkarte nach Saarbrücken.“
„Ich komme aus Orléans, genauer gesagt aus Salbris, und ich habe keine Fahrkarte“, verteidigt Max seinen Weg.
„Nun, wir werden ja sehen!“
Max ist neugierig, wer sein Leidensgefährte ist und wie man so dämlich sein kann, sich trotz Geld und Fahrkarte schnappen zu lassen.

Auf dem Polizeirevier starrt ihm durch die Gitterstäbe des Käfigs, in dem die neu Festgenommenen verwahrt werden, ein blonder Igelkopf entgegen: „Mensch, wer bist du denn? Haste nicht meinen Kumpel gesehen?“
Max wird auch in den Käfig gesteckt und erfährt nun die Geschichte des anderen, der Rudi heißt und einen Gefährten namens Konrad hatte. Sie kommen aus Caen, wo sie in einem Ersatzteillager der Amis gearbeitet haben. Dort haben sie Autoreifen verschoben und massig Geld gemacht; Rudi hat jetzt noch fünfundsiebzigtausend Francs bei sich, mit Heftpflaster unter die Fußsohle geklebt. In Paris haben sie sich Fahrkarten nach Saarbrücken gekauft und sich, weil der Zug noch nicht da war, so lange in der Halle und in der Nähe der Sperren herumgedrückt, bis sie aufgefallen sind. Rudi haben sie beim Passieren der Sperre gegriffen, Konrad konnte in der Menge entwischen. Ihn haben sie in der Umgebung des Bahnhofs gesucht und Max dabei gefunden.
Sie wünschen Konrad Glück, daß er irgendwie durch­rutscht. Aber es nützt nicht viel. Zwei Stunden später wird auch er auf das Revier gebracht. Er war schon in den Zug gelangt und hatte sich in eine Ecke gedrückt, aber die Polizei hatte Ehrgeiz. Sie hat den Schnellzug warten lassen und durchsucht und so Konrad doch noch erwischt. Max sagt den beiden nicht, daß er sie für ausgesprochen dämlich hält, aber er beschließt schon jetzt, sich ein drittes Mal nicht wieder ohne Geld auf den Weg zu machen. Doch zu diesem dritten Mal wird es nicht kommen.
Nun sitzen sie wie die Affen in dem Käfig und wissen nicht, wie es weitergehen wird. Im Verlaufe des Abends bekommen sie einen Topf Kaffee, zu essen gibt’s nichts. Schlafen fällt schwer. Das Deckenlicht ist hell, und der Käfig hat nur zwei schmale Bänke. Irgendwann wird ein Stadtstreicher angeschleppt, er ist betrunken und brabbelt ununterbrochen vor sich hin. Er läßt er sich in die Bankecke plumpsen und beginnt bald zu schnarchen. Noch etwas später werden zwei Mädchen gebracht. Sie zanken sich laut und temperamentvoll mit den Flics, es hört sich aber eher wie ein Spaß als wie ein ernsthafter Streit an. Die beiden Damen sind flott gekleidet und stark geschminkt und gehören offensichtlich nicht zur besseren Gesellschaft. Max weiß nicht recht, ob er sie auf dem Strich ansiedeln soll; er hat keine Erfahrung damit. Er hat noch nie bewußt eine Prostituierte gesehen.
 Die Mädchen versuchen dann eine Unterhaltung mit den Gefangenen, lassen aber bald davon ab, als sie merken, daß es Deutsche sind, die noch dazu kaum französisch sprechen.
Max überlegt, ob es eine Möglichkeit gewesen wäre, bei den Damen des horizontalen Gewerbes unterzukriechen. Er hat die bezahlte Liebe immer weit von sich gewiesen und Huren abstoßend gefunden. Obwohl diese hier gar nicht so übel aussehen. Aber wie wäre das gelaufen? Hätte er mit ihnen schlafen müssen?
Als Matrose hatte er gefürchtet, er könnte mit der ganzen Backschaft beim Landgang in ein Bordell kommandiert werden, wie das von anderen Schiffen als großer Spaß berichtet wurde.
Und haben hier diese Weiber nicht Zuhälter, die einem entflohenen Gefangenen kaum ohne Gegenleistung helfen würden? Er läßt diese unnützen Spekulationen und vermag schließlich doch eine Mütze voll Schlaf zu nehmen. Irgendwie vergeht die Nacht.

Am Morgen werden die drei Abenteurer in eine grüne Minna verladen und mit unbekanntem Ziel durch Paris gekutscht. Sie landen im Fort Noisy-le-Sec, im Osten der Stadt.
Das ist eine richtiges Fort, wie es schon Vauban, der Festungsbaumeister Ludwigs XIV., gebaut haben könnte. Die abgerundeten, geduckten Bunker mit ihren Schießscharten und die tiefen Kasematten deuten allerdings mehr auf die Zeit zwischen beiden Weltkriegen, die Bauzeit der Maginot-Linie, hin.
Die Erwischten werden in eine der tonnenförmigen Ka­se­matten gesteckt, die nur an jeder Schmalseite ein kleines Fenster haben, wo sie auf der Strohschütte fast hundert­fünf­zig Leidensgenossen finden, die aus drei Himmels­rich­tungen Frankreichs – mit Ausnahme der vierten, des Ostens – zusammengeweht worden sind. Sie begrüßen die Neu­an­kömmlinge mit Hallo, begierig darauf, von ihnen neue, sen­sationelle und hoffnungsfreudige Fluchtgeschichten zu hören und ihnen die eigene in der zwanzigsten Version erzählen zu können. Es gibt die abenteuerlichsten Geschich­ten, von denen die meisten sogar wahr sind, wenn sie auch reich ausgeschmückt werden, um den Erzähler ins rechte Licht zu rücken. Die eine oder andere mag auch frei erfunden sein, zur Unterhaltung oder weil der Erzähler auch einmal in den Mittelpunkt des Interesses rücken und sich in der Runde der Selbstdarsteller durch besondere Originalität hervortun möchte.
Wenn Max seine eigenen Abenteuer betrachtet, scheint ihm vieles möglich zu sein. So hatte sich ein älterer Kamerad ein viersprachiges Dokument verfertigt, außer in Deutsch in den drei Sprachen der Alliierten, in dem seine Entlassung aus russischer Gefangenschaft bescheinigt wurde. Es soll ganz echt ausgesehen haben, mit Stempeln, Unterschriften und so weiter. Nur – wie kommt man aus russischer Gefangenschaft nach Frankreich, wenn man nach Deutschland will? Mit der Erklärung dieses Phänomens muß er wohl Schwierigkeiten bekommen haben, jedenfalls ist er in Noisy-le-Sec gelandet.
Weniger glaubhaft war die Geschichte eines anderen, der als Nonne verkleidet gereist sein wollte. Er war aufgefallen durch einen Rasierapparat in seinem Gepäck.
Aber der Krieg ist lange vorbei, die Beziehungen zwischen den Völkern normalisieren sich, wenn auch langsam. So haben die noch Gefangenen eine gewisse Narrenfreiheit, so­lange sie nicht kriminell werden.
Da gibt es Pfaffen auf Pilgerschaft, falsche Amerikaner mit selbstgemachten Papieren, radfahrende Bauern mit dem Rechen über der Schulter, alte Weiber mit sorgfältig, aber doch eben unzulänglich rasierten Bärten, Landvermesser, die mit den voreinander gesteckten weiß-roten Stangen stracks durch das Lagertor in die Freiheit marschieren. Die Landvermesser hatten nur nicht beachtet, daß sie mit ihrer ,Vermessung‘ auf das Feld eines Bauern gerieten, der nichts davon hielt, daß fremde Leute seinen Grund und Boden vermessen wollten.
Die meisten hatten kein Geld gehabt und waren daran gescheitert. Allen gemeinsam ist, daß sie geschnappt worden waren.
Jetzt sitzen sie im Fort Noisy-le-Sec und dürfen täglich eine Stunde in den Festungsgraben an die frische Luft, einige wenige dürfen länger draußen arbeiten und das Gemüsegärtchen des Festungskochs beackern.
Noisy-le-Sec ist Auffangs- und Durchgangslager. Max wartet Tag um Tag auf den Weitertransport. Wohin er geht, kann niemand sagen.

Nach knapp zwei Wochen wird er mit zwei anderen zum Bahnhof gebracht, der Zug geht nach Orléans! Also kein Streckenvorteil. Er ist nur um ein paar Erfahrungen reicher. Und er hat Paris gesehen!
In Orléans wird Max wieder von dem freundlichen Leut-nant empfangen, der bedauernd den Kopf darüber schüttelt, daß Max entgegen seinem Rat wieder einen so belebten Fluchtweg gewählt hat. Er teilt ihm mit, daß er vorläufig nicht mehr auf Außenkommando geschickt wird, und steckt ihn wieder für vierzehn Tage in den Bau, obwohl Max dagegen protestiert, weil er ja schon in Paris zwei Wochen abgesessen habe.
Nach diesen vierzehn Tagen Hungerkur wird Max in das graue Lagerleben entlassen. Aber es ist Ende Mai, der Sommer hält mit langanhaltend schönem Wetter Einzug in das Tal der Loire, dem ‚Garten Frankreichs‘, von dem die Gefangenen wenig sehen.
Das Essen im Lager ist nach wie vor schlecht und knapp. Zu fünft teilt man sich täglich eine Couronne, das ringförmige Kilobrot. Mittags gibt es Kohl- oder Mohrrübensuppe oder Brühnudeln mit Kartoffeln und fettem Speck. Nudeln mit Kartoffeln, das kennt Max bis dahin nicht, aber er nörgelt nicht über Dinge, die er nicht ändern kann, und der dicke Brei sättigt wenigstens. Einmal gibt es auch Artischocken zu essen, ein teures Gemüse, das vermutlich vor dem Verderb billig aufgekauft worden ist. Aber die Gefangenen haben keine rechte Freude daran. Zu mühselig ist es, die einzelnen Blättchen in eine trübe Brühe zu tunken und dann auszulutschen. Wen soll so etwas satt machen? Allerdings denken manche Gefangenen wenig daran, mit den knappen Nahrungsmitteln sparsamer umzugehen.
Der Küchendienst ist nicht beliebt, weil er zum langwei­li­gen Lageralltag gehört, zumal man dort keinen Nachschlag erwarten kann. Die Arbeitskommandos außerhalb des Lagers sind schon eher als Abwechslung begehrt. Man sieht etwas anderes als die Lagermauern, man sieht die Menschen in ihrem alltäglichen Leben, man kann manchmal mit ihnen ein paar Worte wechseln oder den Mädchen „Hallo Süße“ nachrufen. Und selbst wenn man zum Beispiel für einen Sergeanten der Lagerwache Möbel transportieren muß, kann man wenigstens von der Frau des Sergeanten, die keine üble Figur hat, auf ein Glas Wein hoffen.
Nach einiger Zeit darf Max bei brüllender Hitze in der Stadt Kabelgräben aus lehmigem Boden ausheben, und aus dem Haus des angrenzenden Grundstücks bringt eine Frau einen Eimer voll Essigwasser, das wunderbar den Durst stillt und längere Zeit eine Anregung für Gespräche über ‚Freundschaft‘ und ‚Feindschaft‘ ist.
Natürlich gibt es auch so etwas wie ein ‚Lagerleben‘, mit Weckruf, Morgenappell, Einteilung der Lagerdienste, wie das sinnlose Fegen des staubigen Hofes und das Aufwischen der rauhen Dielen in den Massenquartieren. Die Gefangenen organisieren auch Unterhaltungen und Zerstreuungen wie Dichterlesungen oder Liederabende, und auf einer kleinen Bühne im Versammlungssaal geben Mitgefangene, Musiker, Tänzer, Maler, Literaten und Wissenschaftler, ihr Können und Wissen zum besten.
Einmal tanzt ein Solotänzer der Deutschen Staatsoper den „Bolero“ von Ravel, ein andermal liest man bei senti­men­talem Kerzenschein den „Cornet“ von Rilke, ein drittes Mal Shakespeares „Sturm“ und mit dramatischem Einsatz Schillers „Räuber“. Diskutiert wird, ob Schillers Drama noch von Wert für die Gegenwart ist.
Hier hört Max auch zum ersten Mal etwas von Swing, Charleston, Bebop und vom Wesen des Jazz.
Paule ist nur noch wenig präsent in Max’ Gedanken und Träumen. In erster Linie denkt er an eine neue Flucht. Vielleicht würde er sie vom Lager aus schaffen, obwohl die Mauer über drei Meter hoch und rundum bewacht ist, aber er will nicht wieder ohne Geld auf die Reise gehen, und im Lager gibt es keine erkennbare Möglichkeit, Geld zu verdienen. Er muß darauf hoffen, wieder ein längeres Außenkommando zu bekommen.
Inzwischen bemüht er sich um seine Weiterbildung. Schließlich will er nach der Entlassung so schnell wie mög-lich sein Abitur nachholen und dann studieren, und die Gefangenschaft kostet ihn sowieso schon viel zu viel Zeit. Als man ihn zur Marine einzog, hatte man ihm ein Kriegsabitur nachgeschmissen, ein Luftwaffenhelferzeugnis, das nicht viel wert war. Jetzt muß er pauken: Latein, Mathe, Chemie und so weiter.
Das Zentrum der Bildungsveranstaltungen im Lager ist eine sogenannte Antifa-Schule mit einem „Cours d’Orientation culturelle et d’Information“, auf dem in sechswöchigen Lehr-gängen Fach- und Allgemeinwissen vermittelt wird: Über das Dritte Reich und den Nationalsozialismus, über Diktatur und Demokratie, über Geschichte, Philosophie, Literatur und Kunst.
Max arbeitet an seiner enzyklopädischen Bildung. Er saugt alles auf, was da kommt: Kenntnisse über den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution, über die englische Demokratie, über Probleme der sphärischen Trigonometrie und Morgensterns Galgenlieder.
Die bunte Fülle des Angebots ist Vor- und Nachteil zugleich. Einerseits erkennt er manch überraschende Zusammenhänge, wie sich Leben und Geschichte aus tausend Einzelheiten zusammensetzen, andererseits hat er zu wenig Zeit, sich gründlich mit Details zu befassen, und gibt sich wohl auch zufrieden mit oberflächlichem Wissen.
Eine besondere Schwachstelle bleiben seine Latein­kennt­nisse. Für das Abi wird an seiner Schule immer noch das Große Latinum verlangt, und Ciceros oder Catilinas gedrechselte Reden verursachen ihm noch immer eine Gänsehaut.
Hilfreich wird hier nun Otto, gewesener Altphilologe und Oberstudienrat, Antimilitarist und Antinazi, jetzt Leiter des Cours d’Orientation, der wegen seines losen Mundwerks im Dritten Reich zeitweilig ‚Patient‘ einer Irrenanstalt war – zum Glück unter einem verständnisvollen Chefarzt, der Ottos ‚Irresein‘ verstand und billigte und ihn im übrigen in Ruhe ließ.
Max ist von diesem einfallsreichen Kabarettisten und Wissenschaftler, Spötter und Philosophen begeistert, und Otto findet an Max Gefallen – wenn auch aus anderen Gründen. Jedenfalls paukt Otto mit Max Latein und würzt den trockenen Lehrstoff der unregelmäßigen Verben mit anregenden Texten wie „Sie werden im Walde geliebt worden sein“, welche umständliche Formulierung eines romantischen Vorganges im rationellen Latein mit drei Worten ausgedrückt werden kann – „in silva amaverunt“.
Otto findet so viel Gefallen an Max, daß er ihm am Ende des Lehrgangs anbietet, als Lektor an der Lagerhochschule zu bleiben, eine für Max in doppelter Hinsicht verlockende Aus­sicht, weil er sich erstens uneingeschränkt seiner Fort­bildung widmen und zweitens aus dem großen Ge­mein­schaftsschlafraum in der Wanzenbaracke in ein kleines Zimmer mit Doppelstockbett im Steinbau, gemeinsam mit Otto, ziehen kann. Honi soit qui mal y pense! Max ist zu naiv, um Arges darin zu sehen. Er findet auch nichts Anstößiges in einem gelegentlichen trockenen Kuß. So hat er – im vorigen Leben – seinen Vater begrüßt oder verabschiedet, und Otto, achtzehn Jahre älter als er, mit einem von Erfahrungen gezeichneten Gesicht, ist wie ein Vater für ihn.
Otto macht dann gelegentlich doch einen Versuch und stützt, am Rande von Maxens Pritsche sitzend, ‚zufällig‘ seinen Ellenbogen auf Max’ Piephahn. Max aber schiebt ihn ohne falsche Aufregung beiseite und erledigt damit solche Versuche ein für alle Mal. Otto akzeptiert das, und so steht einer einfachen, dauerhaften Freundschaft nichts mehr im Wege. Außer der fortschreitenden Teilung Deutschlands. Otto kehrt nämlich nach München heim, in die amerikanische Besatzungszone, Max nach Berlin in die sowjetische. Die Deutschen aus Ost und West dürfen sich in den kommenden vier Jahrzehnten nicht mehr besuchen. Jahrelang werden Otto und Max sich Briefe schreiben, sich sogar zwei Mal sehen, doch die jahrzehntelange, politisch erzwungene Tren-nung läßt die Freundschaft schließlich verkümmern. Otto ist im übrigen sehr beschäftigt: Neben seinem Unterricht am Gymnasium und einer ganzen Sammlung kritisch-ironischer Gedichte erzeugt er mit seiner jungen Frau vier muntere Knaben.
Max’ Bereitwilligkeit, an der Lagerhochschule Vorlesungen zu halten, erweist sich als leichtfertig. Die offenen Themen sind die Verfassungen Englands und der Schweiz, von denen Max ungefähr soviel versteht wie vom Handlesen.
Es gibt in der Lagerbibliothek einige Literatur und die freundliche Unterstützung einiger Mitgefangener. Darunter ist auch ein zweifach promovierter Göttinger Historiker, aber Max hat nur vierzehn Tage Vorbereitungszeit. Das ganze Unternehmen ist nur aus der Unbefangenheit und Frechheit seiner neunzehn Jahre zu verstehen. Jedenfalls ackert er bis dahin Tag und Nacht an einem Manuskript, das noch rechtzeitig vor Beginn des neuen Lehrgangs dem Lagerkommandanten Colonel Moine vorgelegt werden muß. Vermutlich hat der aber noch weniger Ahnung von der Materie als Max und läßt das Elaborat ohne Einspruch passieren. (Es gehört leider zu den persönlichen stenographischen Notizen, die ihm später einmal das mißtrauische Ministerium für Staatssicherheit aus seiner Wohnung stehlen läßt.)
Der Lehrgang beginnt. Max liest seine erste Vorlesung zitternd vor Aufregung und zu schnell aus einem grün bedeckelten Diarium ab und ist froh, wenigstens nicht ausgepfiffen zu werden. Das ist der erste Schritt auf einer pädagogischen Karriereleiter, wobei Max später erkennt, daß er die falsche Leiter hinaufgestiegen ist. (PK)

Lesen Sie die Fortsetzung des biografischen Romans in der kommenden Ausgabe, oder - bequemer - bestellen Sie das Buch bei edition winterwork

max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 324  vom 19.10.2011

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