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Medien
Vorwort zum Ziyad Clot-Buch "Einen Palästinenserstaat wird es nicht geben"
Gegen die Selbstzensur der "freien Presse"
Von Markus Omar Braun

Ziyad Clot, der Verfasser dieses Buches, beendete seine Tätigkeit für die NSU, eine Gruppe externer juristischer Berater der PLO, im Frühjahr 2009. Im August 2010 schloss er die Arbeit am vorliegenden Bericht ab, welcher im September 2010 in französischer Sprache durch Editions Milo in Paris veröffentlicht wurde. Darin sind viele Details der Verhandlungen zwischen den palästinensischen und israelischen Delegationen beschrieben, Details, die sich in ein neues, anderes Bild dieses "Friedensprozesses" fügen.
  
Nicht dass alle davon überrascht gewesen wären: zu weit hatte sich die PLO in offensichtliche Abhängigkeit von Israel begeben, als dass diese Entwicklung der Öffentlichkeit und vor allem dem Auge des geschulten und wissenden Beobachters der Nahost-Politik hätte verborgen bleiben können. Das vorliegende Buch bietet jedoch auch dem Leser ohne intimere Vorkenntnis der politischen Entwicklungen der letzten Jahre im Nahen Osten die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in die Wirklichkeiten, die das Leben vieler Millionen Menschen, nämlich der Palästinenser, fest im Würgegriff halten. Den vor der Öffentlichkeit geheim gehaltenen Hintergrund der Verhandlungen enthüllt uns Ziyad Clot auch mit dem geschulten Blick des Anwalts, sogar des Wirtschafts-anwalts, des "corporate lawyer".
 
Seine Veröffentlichung wurde international wenig beachtet, vor allem die darin enthaltenen Enthüllungen - dies vermutlich auch, weil unmittelbare globale Resonanz in dieser vor Macht und Geld ehrfürchtigen Welt wohl nur noch englischsprachige Texte zu erwarten haben. Mehr an medialem Aufruhr konnte man daher im Januar 2011 beobachten, als Al-Jazeera ein Konvolut von Papieren aus dem Fundus der NSU veröffentlichte, zeitgleich mit dem Guardian. Hier erschienen interne Unterlagen zu den "Friedensgesprä-chen", die bei genauer Lektüre ein ähnlich verheerendes Bild boten, wie es sich auch dem Leser dieses Berichtes zeigt: dafür waren allerdings um die zehntausend Seiten an Akten durchzuwühlen und auszuwerten. In diesen sind auch viele Protokolle von Sitzungen und Treffen enthalten, die in diesem Buch erwähnt und beschrieben werden.
 

Saeb Erekat – zurück getretener
Chefverhandler der Palästinenser
Saeb Erekat erklärte die Unterlagen bald zu einem "Haufen Lügen" und bot seinen Rücktritt für den Fall an, dass sich tatsächlich herausstellen sollte, dass die Unterlagen zumindest teilweise aus seinem Verantwortungs-bereich stammten. Welche Demission er dann im Februar 2011 auch gleich nachreichen durfte, da mittlerweile weder der Quellort noch die wesentliche Echtheit der veröffentlichten Papiere mehr zu leugnen waren. Zu dieser Zeit wurde immer noch über die Identität des "Verräters" spekuliert; Saeb Erekat wies unter anderem auf Clayton Swisher, der für Al-Jazeera arbeitet und mittlerweile auch ein Buch über die "Palestine Papers" herausgegeben hat. Im Mai 2011 erschien erst in Le Monde, danach im Guardian und auf der Website von Al-Jazeera, in englischer und französischer Sprache ein Artikel, den Ziyad Clot geschrieben hatte und in dem er erklärte, dass er die ominöse Quelle der "Palestine Papers" sei und warum er diesen Weg gegangen sei. Die dortigen Ausführungen fügen zu den im vorliegenden Buch dargelegten Gedanken nichts hinzu, weshalb wir hier auch nicht weiter darauf eingehen wollen.
 
Der Bericht von Ziyad Clot, seine Überlegungen, warum es einen Palästinen-serstaat nicht geben wird, bieten uns die Gelegenheit, aus erster Hand einen Schlüssel zum besseren Verständnis dieses "Friedensprozesses" zu erhalten. Wer möchte, kann ihn als Einstieg zu den "Palestine Papers" lesen. Wer zu letzteren nicht die Zeit, die Muße oder die notwendigen Vorkenntnisse besitzt, kann durch die Lektüre dieses Buches über das flüchtige Wesen des "Palästinenserstaats" einen recht tiefen Einblick in die gleiche Materie erwarten. Dies ist umso nötiger, als wir in diesem Bereich immer noch einer recht umfassenden Selbstzensur der Monopolmedien, unserer berühmten "freien Presse" also, begegnen. Ein selbst nur oberflächliches Eingehen auf den Inhalt der "Palestine Papers" vermisst man dort, wenn sie überhaupt Erwähnung finden. Die schönste Propaganda für den heutigen Neo-Kolonia-lismus der selbsternannten Hauptvertreter der "internationalen Gemeinschaft" scheint zu Teilen immer noch im Verschweigen wesentlicher Fakten "on the ground" zu sein. So wurde im Januar 2011 in Organen der deutschen "Qualitätspresse" noch kurz über die Echtheit der "Palestine Papers" spekuliert – weshalb man sie ja gar nicht lesen musste. Nun, da ihre Echtheit längst erwiesen ist, werden sie einfach übergangen.
 
Wir lachen über Kleinkinder, die beim Fangenspielen statt sich zu verstecken sich einfach die Augen zuhalten. Dies in der Hoffnung: Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht. Wenn unser "Establishment" der "zivilisierten Nationen" seit der Geburt des modernen Europa nichts anderes tut, so findet das keiner lustig. Das ist einerseits ungerecht: den kleinen Kindern gegenüber. Das ist andererseits gerecht: im Schatten dieser dreisten Technik der Leugnung wird getötet und gemordet, mal blutig, mal durch Hunger, mal durch Ausbeu- tung. Und Morden ist nicht lustig, und das gute Gewissen der Profiteure des Mordens und der mächtigeren Gesellschaften der heutigen WeltUnordnung mag dumm sein, ist aber überhaupt nicht zum Lachen. Daher ist es drittens sehr ungerecht, wenn wir uns über das Lügen, das Vertuschen, das Verschwei- gen, das Heucheln nicht empören. Ungerecht gegenüberden Opfern dieser WeltUnordnung, die vielleicht in unseren Breiten nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellen, aber insgesamt zahlenmäßig weit mehr Berechtigung haben, als die "Menschheit" zu gelten, als die Mittel- und Oberschicht der selbsternannten "zivilisierten Völker".
 
Der "weiße Mann" ist nicht viel besser als vor zweihundert Jahren, und er spricht immer noch mit gespaltener Zunge. Und das ist gar nicht lustig. Wer die Wahrheit kennen will, darf also nicht nur zum berüchtigten "Spiegel"-Magazin greifen, dieser "Bild"-Zeitung für Menschen mit Gymnasialbildung, sondern muss sich anderswo ein Bild von der Welt machen, in dem diese sich zumindest teilweise widerspiegelt. Wir hoffen in diesem Buch dem interessierten Leser ein Stück dieser weltweiten Wirklichkeit unserer Tage näher gebracht zu haben. (PK)
 
 
Ziyad Clot: Einen Palaestinenserstaat wird es nicht geben; Zambon Verlag 2011, Frankfurt am Main, ISBN 978 3 88975 185 0.

Der Autor, Jg. '67, Muslim seit 1999 (praktizierend), Dipl.Math., lebt zurzeit in Frankfurt am Mai



Online-Flyer Nr. 323  vom 12.10.2011

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