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Aktueller Online-Flyer vom 19. August 2017  

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Lokales
Aus den Gästebüchern unserer Ausstellung "Menschen statt Mauern" – Teil 2
„Einsperren ist leicht, die Not bleibt“
Von Christiane Ensslin und Klaus Jünschke

Ende April 2007 wurde unsere Ausstellung „Menschen statt Mauern - für ein Europa ohne Jugendgefängnisse“ im Kalk-Karree eröffnet. In den folgenden Jahren waren wir damit nicht nur in Köln unterwegs. Auf der Startseite unserer Projekthomepage (1) ist zu sehen, wo die Ausstellung gezeigt wurde. Aus einigen Gästebüchern, die in der Zelle auslagen, haben wir eine Auswahl von Eintragungen abgeschrieben, um einen Eindruck zu vermitteln, wie die Ausstellung wahrgenommen wurde. Im Kalk-Karree, wo viele ehemalige Gefangene aus- und eingehen, waren die Kommentare natürlich anders als zum Beispiel an der Fachhochschule. Bei allen Unterschieden haben uns die Eintragungen gezeigt, dass wir viele Menschen davon überzeugen bzw. darin bestärken konnten, dass die Zelle „kein Raum für niemand“ ist. Vom 5. bis zum 27. Oktober ist die Ausstellung nun letztmals zu sehen – an dem Ort, wo sie begann, im Kalk-Karree.
 

Plakat zur ersten Ausstellung 2007 im
Kalk-Karree
Bezirksrathaus Mülheim 25.02 – 25.04.2008
 
Ein Raum ohne Klinke. Eine Zelle ist kein Raum für niemand.
 
Es wäre schön, wenn jedem Gefangenen/jeder Gefangenen soviel Neugier und Interesse entgegengebracht würde, wie diesem Zellennachbau. Ein wichtiger Schritt, wenn es mehr Besuche in der JVA gäbe und Postverkehr/Pakete.
 
Jugendliche sollten in Wohngruppen therapiert werden, denn sie haben etwas aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, das zur Haft geführt hat.
 
Ich, Michael, war 2 Jahre im Knast Köln-Ossendorf. Kinder, baut keine Scheiße, geht den richtigen Weg, nicht wie ich, sonst wohnt ihr für ein paar Jahre auch einmal in dieser Zelle und das muss nicht sein.
PS. Viel Glück
 
Ich war heute hier und finde das Projekt sehr informativ
 
 
Stadtbibliothek Mettmann 03.02 – 04.03.2009
 
Leute, es ist schlimm, wenn es so ist, also macht es nicht so, dass es so ist, es ist die Pest.
 
Gruselig hier. Eng. Man „scheißt“ in sein eigenes Zimmer.
 
Total interessant…
Wir haben das Thema Jugendkriminalität gerade in Politik, daher ist das hier total cool/passend. Tolle Idee!
 
Super cool, auch wenn es sehr eng ist.
 
Ziemlich eng, aber nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe.
Die heutigen Kinderzimmer im sozialen Wohnungsbau sind nicht größer!
 
Es ist hier ekelig und seelisch wird man irre.
 
Ist doof, ist so klein und sehr schmutzig hier drin.
 
Es ist einfach die Hölle.
 
Leider wurde das Blatt abgerissen, der Text ist deshalb unvollständig:
Also wir waren hier drin, und dann hat jemand die Tür von außen zugemacht!
Wir haben voll Panik bekommen, weil total die schlechte Luft drin ist und alles so eng, echt und erdrückend wirkt. Wir haben uns genauer umgesehen und uns entschieden, auf keinen Fall….
 
Ich würde nicht gerne hier sein! Das ist voll eng und sehr unhygienisch.
 
Der Film hat uns gezeigt, wie schlimm es im Knast ist.
 
Ist irgendwie unheimlich und Danke! Wenn das Licht nicht wäre.
 
Diese Ausstellung hat uns alle sehr beeindruckt und es ist faszinierend wie es in einem Gefängnis so abläuft. Es war in jeden fall eine tolle Idee, dies alles aufzubauen.
 
Die Ausstellung hat mich sehr beeindruckt und nachdenklich gemacht.
 
 
Stadtbibliothek Köln-Chorweiler 28.04. – 20.08.2009
 
Ist hier drin nicht gut. Also wenn ich nicht lieb war, möchte ich trotzdem nicht hier hin. Ist wirklich nicht schön. Möchte als Tipp den anderen das Video im Fernseher empfehlen.
 
Das Video ist wirklich sehr schlimm. Man Zeigt dort, dass man keine Freiheit hat. Aber das Schlimmste ist, dass die nichts dazulernen. Wenn sie wieder draußen sind, machen sie die gleiche Scheiße.
 
Eigentlich haben sie verdienst, so zu leben!
                                                 Warum genau?
 
Schön, dass ich wieder gehen kann.
 
Erdrückend, diese Schachtel!
 
Das Video war gut, weil man erfahren hat, was da so los ist. Es war aber auch schlimm. Aber wer da reinkommt hat’s verdient!
                                        Ist das so?
 
Tierschutz gilt für Tiere. Ein Schäferhund hat mehr Platz. Wie fühlen sich Menschen auf so engen Räumen – einsam, verlassen, vergessen.
 
Die größten Mauern sind im Kopf.
 
Peace. Ich will hier nicht rein.
 
Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.
    Viel schlimmer ist, wenn jemand an Krankheit stirbt aus deiner Familie, die es sich nicht
    selbst ausgesucht hat und du es mit ansiehst.

Gästebücher-Eintragungen – als Gegenstand der aktuellen Ausstellung
 
Lasst uns frei!!! Das Leben ist zu kurz dafür!
 
Ich würde hier nicht leben wollen.
 
Ich war auch hier, doch ich könnte mir niemals vorstellen 23 Stunden hier drinne zu bleiben! Was für eine Qual für einen Menschen!
Bleibt sauber!
 
Hart aber fair!
 
Keine Hilfe geben, die Jungen verkommen lassen und sie dann einsperren – obdachlos sind sie oft, wenn sie rauskommen, ohne Arbeit, ohne jede Chance. Hast du den Film nicht gesehen?
 
Ich finde es gerecht, wenn Vergewaltiger so leben.
 
Ich finde es ziemlich hart und in dem Bett könnte ich nicht schlafen.
 
Viel zu beengend. Jeder hat das Recht human zu leben!
 
3 Minuten und ich muss hier nicht mehr drin bleiben! Aber 23 Stunden pro Tag! Das muss echt nicht sein. Viel zu krass!
 
Viel zu eng, Bett unbequem und mit der Toilette ist es wirklich ekelig.
 
Wir waren hier! Alles viel zu klein und total beengend: Hartes bett, dreckiges Klo, mehrere Stunden hier drin, geht gar nicht. Auch die Klamotten. Für härtere Straftaten jedoch vollkommen gerecht! Also, was lernt man daraus: Sauber bleiben!
 
Viel, viel zu klein!
Ich krieg’ schon nach einer Minute Platzangst. Muss nicht sein. War eine interessante Erfahrung, aber was macht man den ganzen Tag hier drin?!
 
Nur weil sie Fehler gemacht haben und sich falsch verhalten, muss man die Menschen nicht unmenschlich behandeln. Schrecklich!
 
Traurig. Wir saßen nur 10 Minuten auf dem Bett und hatten ein sehr unwohles Gefühl.
 
Trotzdem eine sehr realistische Darstellung! Man kann sich sehr gut vorstellen, wie es ist.
 
Ein abschreckendes Beispiel. Wenn man nur ein paar Minuten hier drin sitzt, hat man schon genug. Da überlegt man sich drei Mal, was man für Scheiße baut.
 
Ich wusste viel zu wenig über Jugendgefängnisse trotz Pädagogikstudium.
Ich finde trotz der Kürze die Ausstellung recht differenziert, sie hat mir einen großen Impuls gegeben, mich weiter mit dem Thema auseinander zu setzen. Ich habe selbst Gewalt erfahren und wünsche die Täter oft ins Gefängnis. Aber je länger ich in dieser Zelle sitze, umso schwieriger finde ich diesen Wunsch.
Herzlichen Dank
Anne

Christiane Ensslin, Klaus Jünschke und Jörg Hauenstein – InitiatorInnen der Ausstellung und AutorInnen des Buches über Jugendliche in Haft
 
Ich war selber hier und die Erinnerungen sind furchtbar.
Jungs, ich hab’s an die Uni geschafft. Ihr könnt das auch! Jeder weiß, dass du nicht als besserer Mensch, sondern als gebrochener Mensch mit tiefen Narben raus kommst.
 
Der Gedanke in so einem Raum eingesperrt zu sein, während das Leben draußen weiter geht, ist mehr als erschreckend.
 
Jedem das Seine!
 
Ist der Geruch auch original?
 
Mittlerweile haben die doch alle Playstation.
Wenn es das ist, was dich stört und es dich eifersüchtig macht, dann bedenke: Eine Playstation ersetzt keine Resozialisierungsinstanz, keinen guten Pädagogen und erst recht nicht einen vertrauten Gesprächspartner.
 
Bin nicht das erste Mal hier, kenne die Hafträume, aber sonst nur „live“: Ich arbeite ehrenamtlich als Pädagoge in der JVA. Ich finde toll, dass die Ausstellung hier ist, bin bloß traurig, das die meisten Studierenden „blind“ dran vorbei kommentieren.
Für mehr Einsatz, Öffnung und Gesetzesumsetzungen, Menschlichkeit und Verantwortungsübernahme
Folgen der Ausstellung
 
Neben den vielen, die unsere Ausstellung besucht haben, von denen Sie hier einige Kommentare gelesen haben, konnten wir durch das im konkret-Verlag veröffentlichte Buch "Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ weitere Menschen erreichen, die sich durch die Erzählungen der inhaftierten Jugendlichen aus erster Hand über das Leben im Gefängnis informieren konnten. Davon haben sich auch Künstler inspirieren lassen. Im Dresdner Staatsschauspiel (2) kam das Buch auf die Bühne, und der Regisseur Philip Koch hat mit dem Film PICCO (3) eindrücklich die Unmenschlichkeit der Zellenexistenz gezeigt.
 
Nicht wahrgenommen wurden wir von der Politik. Keine Partei hat sich unsere Forderung nach Abschaffung der Jugendgefängnisse zu Eigen gemacht. Im Gegenteil, in Nordrhein-Westfalen wurde die Jugendanstalt Heinsberg um über 250 Zellen erweitert und in Wuppertal-Ronsdorf wurde eine ganz neue Jugendstrafanstalt mit über 500 Zellen gebaut. Nach dem Foltermord in der JVA Siegburg soll damit jedem Jugendlichen eine Einzelzelle zugewiesen werden können – zum Schutz vor Übergriffen. Wir sagen, dass die Einzelzelle selbst ein Übergriff ist.
 
Die Ausstellung hatten wir Jörn Foegen, dem am 26. März 2006 verstorbenen Leiter der JVA Köln gewidmet, weil er sich Gedanken über die Senkung der Zahl der Zellen machte
-        durch eine an Leidverminderung orientierte Drogenpolitik
-        durch vermehrte Anwendung des Täter-Opfer-Ausgleichs
-        durch eine Sozialpolitik, die auch verhindert, dass Gefangene in die Wohnungslosigkeit und Arbeitslosigkeit entlassen werden.
 
„Wir brauchen keine besseren Gefängnisse,
sondern etwas Besseres als das Gefängnis.“
Gustav Radbruch, Justizminister in der Weimarer Republik (PK)
 
Klaus Jünschke hat in der NRhZ in einigen Beiträgen eindrücklich geschildert, dass die Zelle kein pädagogischer Ort ist und warum die Jugendgefängnisse abgeschafft werden müssen. Zusammen mit Christiane Ensslin und Jörg Hauenstein hat er das Buch "Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ herausgegeben, das im Konkret-Literaturverlag erschienen ist.
 
(1) www.jugendliche-in-haft.de
(2) http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/pop_shop/
(3) http://www.philip-koch.eu/spielfilm/page19/page19.html
 
 
Den ersten Teil der Gästebücher-Anmerkungen finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16987


Online-Flyer Nr. 323  vom 12.10.2011

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