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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 28
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Schließlich kommen sie zu einer hohen, roten, mit Stachel­draht bekrönten Ziegelmauer. Eingeschlossen in sie ist ein weitläufiger Kasernenhof mit festgetrampeltem lehmigem Kies, flankiert von einem hohen Gebäude, gleichfalls aus roten Ziegeln, mehreren dreistöckigen Baracken und ein paar niedrigen grauen Wirtschaftshäusern. Vor dem Tor ist eine weiß-rote Schranke, daneben ein Postenhäuschen. Der Posten grüßt und läßt die Gruppe passieren.
Auf dem Hof lungern einzeln oder in Grüppchen an die hundert Gefangene herum, halten sich an Besen oder Schippe fest, quatschen oder hocken bei irgendwelchen Spielen zusammen und beobachten teilnahmslos oder neugierig, manche wohl auch hämisch die Neuankömmlinge.
Die Männer tragen ausgeblichene, abgewetzte Militär­kla­motten unterschiedlichster Herkunft, häufig mit einem weißen, halbverwaschenen ‚P.G.‘ auf dem Rücken, abgelatschte Leder- und Segeltuchschuhe, Knobelbecher oder auch Panti­nen. Trotz des schönen Wetters sieht man auch einzelne feld­graue Schirmmützen, Käppis, Baskenmützen. Manchmal steckt ein Löffel im Knopfloch der Brusttasche oder baumelt ein Kochgeschirr an einem Strick um die Lenden. Bereit sein ist alles, wenn es ums Essen geht.
In dem Backsteinhaus werden Max und Bodo von ein­em jungen Leutnant empfangen und nach Personalien, Her­kunft und Fluchtweg befragt. Er ist freundlich, locker und beinahe kumpelhaft: „Sie hätten nicht die Hauptstrecke nehmen dürfen. Besser wäre gewesen, mit Bummelzügen auf Nebenstrecken zu fahren. Da fallen Sie nicht so leicht auf.“
„Ich werd’s mir für das nächste Mal merken“, grinst Max.
Der Leutnant reagiert darauf nicht. „Also vierzehn Tage Arrest. Das ist so üblich“, beendet er das Gespräch.
„Schicken Sie uns dann zurück?“ will Schmude wissen.
„Da hätten wir viel zu tun. Hier ist es genauso schön. Das findet Max nun nicht, aber was hilft’s? „Sie bleiben erst einmal im Lager.“
„Wir würden lieber wieder auf Außenkommando ar­bei­ten gehen“, versucht Max den kommenden Weg zu be­ein­flussen.
Der Leutnant sieht ihn ein bißchen schräg an. Nistet da ein Lächeln im Mundwinkel? „Das wird sich finden“, bescheidet er schließlich.
Max beschließt, das Beste daraus zu machen. Schließlich ist er in Orléans und damit der Heimat ein Stück näher ge­kommen.

Das Arrestlokal besteht aus zwei engen Stuben mit je einem kleinen vergitterten Fenster, das auf die graue Wand einer steinernen Baracke hinausgeht, sowie einem Waschraum mit zwei Wasserhähnen und einer französischen Toilette, einem Loch im Boden zwischen zwei Fußtritten.
Die Stuben sind vollgestellt mit Doppelstockbetten, zwei rohen Holztischen und je zwei Holzbänken und -schemeln. Auf den Strohsäcken liegen die Klamotten von fünf weiteren Insassen herum. Zwei von ihnen fläzen sich auf die Stroh-säcke, zwei andere spielen Dame mit Kieselsteinchen, einer pedikürt seine Zehennägel mit einem Messer. Sie begrüßen die Neuen freundlich und neugierig: „Hallo!“ – „Salut.“ – „Woher kommt ihr denn?“
Schmude hat jetzt nur noch ein Thema: „Wann gibt’s denn hier was zu essen? Wir haben seit drei Tagen keinen Bissen mehr gesehn. Mir hängt der Magen bis in die Kniekehlen. Ich könnte meine eigene Großmutter fressen!“
„Um zwölf gibt’s Mittag“, informiert ihn einer der Dame­spieler, klein, rundlich, verschmitzt wirkend, „aber versprich dir nicht zu viel. Wir sind hier auf halbe Ration gesetzt und schieben alle Kohldampf. Die volle Ration ist ein dreiviertel Liter Wassersuppe mit drei Fettaugen, abgezählt, dazu ein Fünftel ‚Couronne‘ und ein Eckchen Gummikäse oder ’ne Scheibe ‚Andouille‘, das ist so ’ne Wurst Marke Wundertüte: Man weiß nicht, was drin ist.“
„Was ist denn ‚Couronne‘?“ will Max wissen.
„So ’n ringförmiges Brot. Wiegt tausend Gramm.“
„Ein Fünftel sind also ...“
„Genau! Zweihundert Gramm.“
„Und das vierzehn Tage lang? Weiter gibt’s nischt?“
Der andere grinst ein bißchen boshaft: „Doch. Abends gibt’s  Pfefferminztee, soviel du willst, und morgens Muckefuck.“
„Die woll’n uns wohl verhungern lassen?“ Schmude ist fast in Panik.
Der andere Damespieler, mittelgroß, handfest, dunkelhaarig, so um die Fünfunddreißig, glaubt das zurecht-rücken zu müssen: „Man muß gerechterweise sagen, daß die Franzo-sen auch nicht viel mehr zu fressen haben.“
„Dann sollen sie uns doch nach Hause schicken!“ empört sich Schmude.
„Denkst du denn, da gibt es mehr zu essen?“
Schmude redet sich in Rage: „Aber daran sind wir selber schuld. Da haben wir unseren eigenen Kohldampf! Für wen bist du eigentlich? Hältst du das hier für richtig, zwei Jahre nach dem Krieg?“
„Reg dich ab, Kumpel. Ich sag dir, es ist weniger ärgerlich, wenn man die Tatsachen zur Kenntnis nimmt. So beschissen sie auch sein mögen. Und wenn du dich auch aufpustest: Du kriegst weder mehr Brot, noch schicken sie dich früher nach Hause.“
„Das woll’n wir mal sehen!“ Schmude verwechselt Wunsch und Wirklichkeit.
Der andere zuckt die Schultern und wendet sich ab.
Max will den sinnlosen Streit beenden: „Wie lange seid ihr denn schon hier?“
„Rudi und Kalle zehn Tage. Die kommen am Sonntag raus.“
„Ja, wenn die Wachen nicht zu faul sind, am Sonntag irgendwas zu machen. Die lassen uns glatt bis Montag hier drin!“ empört sich Kalle prophylaktisch.
„Und du?“
„Zwölf Wochen.“
„Was denn!“, Schmude ist schon wieder entsetzt, „behalten die einen hier, so lange sie Lust haben?“
„Nee, nee“, beruhigt der andere, „wir warten auf die Gerichtsverhandlung, weil wir ’n Lkw geklaut haben. Wenn ihr nichts geklaut und keinen Posten umgenietet habt, oder so was in der Art, kommt ihr nach vierzehn Tagen raus.“
Die Geschichte von Berti und Lothar, dem anderen Damespieler, ist abenteuerlich. Sie haben in einem Fuhrpark der Amerikaner in Caen gearbeitet. Das Essen war gut, sie trugen amerikanische Militärklamotten und hatten ziemlich viel Bewegungsfreiheit. Als sie beschlossen zu türmen, zu dritt, übernähten sie das ,P. W.‘, prisoner of war, das sich nicht auswaschen ließ, mit einem neutralen Flicken, packten ein paar Brotbeutel voll ‚Meat‘, ‚Bread‘ und ‚Hash‘ in Büchsen, luden hundertfünfzig Liter Benzin, ein dreiviertel volles Faß, auf einen Halbtonner Dodge und fuhren anstatt ins Depot, wo sie Ersatzteile holen sollten, in Richtung Heimat. Dummerweise hatten sie das Benzinfaß quer zur Fahrt­richtung auf der Ladefläche festgekeilt.
Sie fuhren schnell, denn sie wollten ja schnell nach Hause, und in jeder Kurve schwappten hundertfünfzig Liter Benzin in dem Faß hin und her. Und als sie eine Kurve zu schnell nahmen, zog die Last den Wagen seitlich von der Fahrbahn, so daß er im Straßengraben landete und umkippte. Einer von ihnen blieb bewußtlos liegen. Wie sich herausstellte, hatte er einen Schädelbruch. Die Flucht war zu Ende. Jetzt liegt er im Krankenhaus, und es geht ihm nicht gut. Die beiden anderen warten auf ihren Prozeß wegen Dieb­stahls von Militäreigentum. Sie rechnen mit einem hal­ben Jahr Gefängnis und beten, daß ihr Kumpel wieder ge­sund wird.
Die Zeit im Knast wird lang, und am quälendsten ist der Hunger. Schmude ist maulig, als ob Max allein schuld wäre an ihrer Lage, und Max beschließt, in Zukunft seine eigenen Wege zu gehen. Hat er es nötig, sich ständig vollappen zu lassen, wo ihm Bodo ohnehin wie ein Klotz am Bein hängt
Sie verbringen die Zeit soweit es geht schlafend und lenken sich zwischendurch mit Dame- oder Mühlespielen vom Hun­ger ab.
Die schwarzen Posten sind freundlich. Sie geben den Gefangenen ihre Essenreste. Max kostet es anfangs Über­windung, aus dem Kochgeschirr des schwarzen Postens zu essen, aber der Hunger gestattet keine Empfindlichkeiten.
Max’ Erinnerungen an Paule werden flüchtiger, bruch­stück­hafter. Bestimmte Eindrücke – Bilder, Situationen, Töne – wiederholen sich stereotyp, werden zu Zeichen, sind nicht mehr lebendige Wirklichkeit.

Die vierzehn Tage gehen vorbei, sie werden ins Lager ent­lassen und empfinden das nun schon wie eine Befreiung.
Sie werden in eine der dreistöckigen Holzbaracken eingewiesen, in einen Schlafsaal für vielleicht hundert Mann. Dreistöckige Betten stehen dicht gedrängt, dazwischen Tische und schmale hölzerne Bänke. Max faßt ein mittleres Bett ab. Licht kommt tagsüber aus wenigen schmalen Fenstern und abends von hoch hängenden funzeligen nackten Glüh­birnen.
Die Luft ist mit den Ausdünstungen von hundert schlecht gewaschenen Männern geschwängert, dem Qualm billiger Zigaretten, dem Gestank der Rübensuppe. Im Dunst brodelt das ständige Scharren von Füßen, das Knarren der Betten und ein ewiges Stimmengewirr, aus dem sich ab und zu einzelne grobe, kreischende und hysterische Stimmen oder ein nervöses Lachen erheben.
Man tauscht das Woher und Wohin aus, ohne wirklich Interesse zu haben. Neuigkeiten werden nur dann lebhafter zur Kenntnis genommen, wenn sie von einer baldigen Heim­kehr oder der glückhaften Veränderung der gegebenen Lebensumstände handeln. Mangels besserer Unterhaltung erzählt man sich möglichst abenteuerliche, unwahrscheinliche oder überraschende Geschichten, die gerne als „selbst erlebt“ ausgegeben werden, auch wenn sie Unmögliches enthalten. Besonders gerne tun sich einige durch ausgesuchte Ferkeleien und genüßlich ausgebreitete sexuelle Grobheiten hervor, die Max verabscheut, sich aber aus Neugierde dennoch anhört. Die Liebe bleibt aber für Max ein heiliger Bezirk, dessen Wunder sich nur dem Reinen erschließen, und die sexuelle Vereinigung ein wunderbarer, in seiner Schamlosigkeit unschuldiger Vorgang zwischen zwei Liebenden.
„Sie war ein ganz geiles Luder, aber erst fünfzehn oder so, und sie wollte sich’s nicht machen lassen. ‚Ich bin doch noch so jung. Ich will noch keine Kinder!‘“ Hermann-Otto, ein dicklicher dreißigjähriger Lagerarbeiter, ahmt quietschend die Stimme des Mädchens nach. „Dann hab’ ich ihr gezeigt, wie sie’s machen muß.“ Er macht eine entsprechende Geste und schickt ein beifallheischendes fettes Lachen hinterher.
Er ist ziemlich widerlich, aber nicht schlimmer als die meisten. Und den meisten kann man nicht ausweichen. Man kann nur weghören und muß noch froh sein, wenn man nicht wegen des Mangels an Interesse, und weil man was Besseres‘ sei, angepöbelt wird.
Max leidet darunter fast so sehr wie unter den Wanzen. Die Wanzen sind fast noch schlimmer als das Zu­sam­men­gepferchtsein mit einem Haufen stumpfsinniger, zum Nichts­tun verurteilter Männer. Nachts beherrschen Furze und Wan­zen die Baracke. Sobald das Licht erlischt, kriechen die Tierchen aus den Fugen und Ritzen des mürben Holzes her­vor, orten die Wärmestrahlung der menschlichen Beute, lassen sich von der Decke oder dem oberen Bett herabfallen, saugen sich an der pulsierenden Haut fest und durchbohren sie, um an das rote Blut zu kommen. Kleine Vampire, Hunderttausende. Zerquetscht man sie, gibt es häßliche rote Flecken. Die Stiche sind ekelhaft und jucken wie verrückt.
Da Max auf der Mitteletage eines Dreierbetts schläft, regnet es Wanzen aus den Strohsack-Wolken über ihm auf ihn herab. Sie laufen ihm übers Gesicht, kriechen ihm in Kragen und Ohren, verwüsten Handrücken und Handgelenke. Max reißt aus. Er schiebt eine Holzbank, sie ist vielleicht dreißig Zentimeter breit, in die Mitte des Ganges und legt sich darauf schlafen. Der Raum ist hoch, die Decke drei, vier Meter über ihm. Die Infrarotsensoren der Wanzen orten die Wärmestrahlung des Körpers nicht über diese Entfernung, um sich auf ihn herabfallen zu lassen. So ruht er zwar unbequem, auf der Bank, umdrehen kann er sich auch nicht, aber von Wanzen bleibt er weitgehend unbehelligt.
Um der Wohnhölle zu entgehen und vielleicht auch allgemein etwas bessere Lebensumstände zu finden, meldet sich Max bald zur Arbeit außerhalb des Lagers. Von einer Außenstelle ergibt sich viel eher eine Möglichkeit, sich wieder auf den Weg nach Hause zu machen. Auch ist jede Arbeit außerhalb immer noch besser, als im Lager herumzusitzen, den Hof zu fegen oder Kartoffeln zu schälen.
Nach wenigen Tagen wird Max einem Bauern zugeteilt, der seinen Hof am Rande der Beauce hat, jener Kornkammer des Orléanais, deren endlose Ebenen sich nördlich von Orléans erstrecken.
Die Fahrt mit dem Lkw dauert etwa drei Viertelstunden. Dann hält der Lkw auf einem ungepflasterten, unordentlichen Hof mit dem Misthaufen in der Mitte, umgeben vom eingeschossigen Wohnhaus des Bauern, einer Scheune und einem Stall mit Speicher im Obergeschoß.
Der Bauer wirkt verwittert und mürrisch, die Bäuerin grau und unzufrieden, ein Kleinknecht mit Stehohren ausgemergelt und fahrig. Eine alte schweigsame Magd grinst alle freundlich an.
Außerdem ist da Lothar, ein dicklicher, vierund­zwanzig­jähriger weiterer Gefangener mit Schweinsäuglein in einem schwammigen Gesicht, der schon seit zwei Jahren hier arbeitet. Max soll gemeinsam mit ihm in einer Kammer über dem Stall schlafen. Lothar ist nicht sehr gesprächig, und wenn er etwas sagt, hat man immer den Eindruck, daß er etwas anderes meint.
Sie machen die üblichen Arbeiten auf einem Bauernhof: den Stall ausmisten, Mist oder Gülle aufs Feld fahren, Unkraut jäten, Heu wenden und die Miete mit dem Sauerfutter öffnen und das Futter verteilen.
Gegessen wird in der Küche an einem gemeinsamen Tisch. Zu essen gibt es reichlich, eine Art Fettdiät: morgens und abends ungeräucherten fetten Speck, dazu Brot, mittags Gemüsesuppe mit fettem Schweinefleisch und sonntags ein paar Eier. Zu trinken morgens Zichorienkaffee und mittags und abends sauren Cidre, der wenigstens der Fettschwemme etwas entgegenwirkt. Dennoch marschiert der Speck gerade­wegs durch Max hindurch.
Daraufhin sorgt Max selbst für einen gewissen Ausgleich. Er bessert die Verpflegung etwas auf und holt sich heimlich ein halbes Kochgeschirr voll Milch von den Kühen, melken hat er in seinen Schulferien auf einem Bauernhof an der Elbe gelernt, und er reduziert das Gelege der Hühner um ein paar Eier. Mundraub ist nicht ehrenrührig, besagte der Kodex für Gefangene. Schließlich sind sie ja wider Willen in Frankreich. Lothar, die Pfeife, protestiert natürlich, der Bauer werde das bemerken und sie beide ins Lager zurückschicken.
Abends in ihrer Kammer, wo das Wiederkäuen der Kühe, das leise Klirren der Ketten und ein etwas strenger Duft nicht mehr ganz frischen Strohs eine fremdartige Heimlichkeit schaffen, erzählt Max, vertrauensselig, daß er bald wieder abhauen will.

Max wird sein Leben lang vertrauensselig bleiben, anderen seine Arbeiten zur Verfügung stellen, seine Gedanken offen­legen, seine Strategien erläutern. Die anderen werden es ihm nicht danken, er wird mehr als einmal ausgenutzt werden. Das schmerzt ihn für kurze Zeit, aber er findet, daß ein Leben ohne Vertrauen ein höchst armseliges Leben ist. Und er haßt einen Spruch, der da heißt: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Wie kann man für Vertrauen werben und gleich-zeitig den Bruch des Vertrauens ankündigen? Die Spitzel, die ihn später in der ‚sozialistischen‘ DDR zwanzig Jahre lang ohne sein Wissen beobachten werden, beweisen ihm, daß es geht.
Lothar jedenfalls hat nicht die Absicht, einen Platz auf­zu­geben, den er für befriedigend hält.

Nach einigen Tagen hält wieder ein Lkw der Armee auf dem Hof, und Max wird ohne weitere Erklärungen aufgefordert, seine Sachen zu nehmen und aufzusteigen. Nach drei Viertelstunden ist er wieder im Lager Orléans. Aber er darf nicht absteigen, sondern ein Dutzend weiterer Gefangener, die schon mit Gepäck auf dem Hof warten, steigt zu. Nach kurzem Aufenthalt geht die Fahrt weiter, wohin, weiß offenbar niemand. Die Posten zucken die Schultern und sagen nichts.
Zu Max’ Überraschung ist auch Bodo Schmude bei der Gruppe und begrüßt ihn überschwenglich: „Mensch! Da bist du ja. Und ich dachte, du bist schon längst wieder auf dem Weg in die Heimat!“
Max weiß nicht, ob er sich über das Wiedersehen freuen soll, und reagiert ziemlich trocken: „Hat sich was mit Heimat! Ein Scheißkerl! Der Kumpel bei dem Bauern muß gepetzt haben, daß ich wieder abhauen wollte. Lange wäre ich da sowieso nicht geblieben. Und du?“
„Ich hab’ im Lager auf’m Sack gelegen. War echt öde. Wohin kutschen die uns denn jetzt?“
„Weiß der Teufel! He, weiß einer von euch, wohin wir fahren?“ wendet sich Max an die anderen.
„Wir werden repatriiert und bloß noch ein bißchen auf die Heimreise vorbereitet, damit wir nicht vor Freude einen Herzschlag kriegen“, erwidert einer, an dessen Lachfältchen und angezogenen Mundwinkeln man leicht den Schelm erkennt.
Ein dicker Blonder ist gleich ganz aufgeregt. „Ernsthaft? Woher haste denn das?“
Der andere bleibt bierernst und antwortet verschwörerisch: „Der Lagerpfarrer hat es mir anvertraut, als wir gestern Siebzehnundvier gespielt haben!“
„Die Pfaffen schwindeln doch alle.“
„Sag nicht so was! Das sind ehrliche Hinterlader.“
„Nimm dich zusammen, du Sau!“
„Ach, leck mich!“
„’ne Spur Anstand könnte dich zum Menschen machen.“
„Paß auf, du!“ Die Diskussion droht zur Holzerei zu werden.
„Männer! Haut euch noch wegen solcher Latrinen­parolen.“
„Der muß doch nicht so ausfallend werden!“
 Sie fahren auf einer pappelgesäumten Chaussee immer nach Süden. Es ist die Sologne, eine dünn besiedelte Heide- und Bruchlandschaft mit vielen kleinen Gewässern, abgelöst von lockeren Kiefernwäldern. Nur hier und da ein niedriges, mit Holzschindeln gedecktes Haus.

*

Nach etwa zwei Stunden schwenkt der Lkw in einen Wald aus Erlen, Weiden, Wacholder, Pfaffenhütchen und fährt durch das Tor in ein unübersichtliches Areal mit einem hohen, doppelten Stacheldrahtzaun, in dem hier und da verstreut Barackenbauteile und Eisenbahnschienen und -schwellen gestapelt sind.
Innerhalb des weiträumigen Geländes kommen sie zu einem kleineren, kiesbestreuten Bezirk, ebenfalls umgeben von einem doppelten Stacheldrahtzaun, flankiert von Posten­häuschen. Vor dem einen lümmelt ein Zivilist auf einem Küchenstuhl, einen Karabiner lässig zwischen den Knien.
Sie rollen auf den Hof, vor eine zweigeschossige Kaserne. Sie sind im Lager Salbris, das die Gefangenen „Salaud-bris“ nennen, was etwa „Drecksbruch“ heißt. Es ist eine Art Straflager.
Der sie begleitende Posten öffnet die Ladeklappe: „Allons-y! Absteigen, antretten!“
Die Gefangenen springen vom Lkw und rücken die krummen Glieder zurecht. Während sie sich in Reihe auf-stellen, kommen vom Haus her ein französischer Offizier und zwei Zivilisten. „Aaachtunk!“ ruft der Posten.
Gewohnheitsmäßig richten sich die Männer mehr oder weniger gerade auf, einzelne legen die Hände an die Hosen­naht. Der Posten meldet dem Offizier etwas, der grüßt und dankt und wendet sich an die Gefangenen. Einer der Zivilisten übersetzt: „Ich bin Kapitän Fourier, der Lagerkommandant. Sie sind hier im Lager Salbris, um zu arbeiten.“
„Der Krieg ist zwei Jahre vorbei!“ sagt einer halblaut.
Der Offizier sucht den Sprecher mit dem Blick, reagiert aber nicht auf den Einwurf, sondern fährt fort: „Versuchen Sie nicht zu fliehen, wir fangen Sie wieder ein. Strengere Maßnahmen haben Sie sich dann selber zuzuschreiben. Das hier“, er weist auf einen der Zivilisten, „ist der Lagerälteste. Sie haben seinen Befehlen zu gehorchen. Er wird Sie jetzt einweisen.“ Damit tippt er an den Rand seiner Mütze, wendet sich ab und geht.
Der Lagerälteste nimmt das Wort: „Guten Tag, Kamera­den!“
Einige der Gefangenen brabbeln: „’n Tag!“ Einer sagt nach­drücklich: „Morjen!“
„Das hier ist Eberhard Kleebusch, unser Dolmetscher ...“ Der Übersetzer nickt, grinst und sagt auch: „Guten Tach!“ – „... und ich bin Kalle Voigt, also der Lagerälteste. Ich sage euch nur das, was ich sagen muß, und ihr tut gut dran, zuzuhören und mitzumachen. Ich denk’ mir das nicht aus. – Wir beide wohnen im Erdgeschoß links, ihr wohnt im ersten Stock, rechts wenn ihr hochkommt, und zwar in zwei Stuben, ich sage euch gleich, in welchen.
Abendbrot gibt’s um sechs, die Rationen holt der Stuben­älteste im Fourageraum, Erdgeschoß rechts, und teilt sie. Wecken ist um sechs, Frühstück halb sieben, um sieben antreten vorm Haus zur Arbeitseinteilung. Um neun Uhr dreißig ist ’ne Viertelstunde Pause. Wer noch was hat, kann dann was essen. Um zwölf kommt ihr rein zum Mittag, bis eins, um drei ist nochmals ’ne Viertelstunde Pause, und um fünf Uhr ist Feierabend. Nachtruhe einundzwanzig Uhr dreißig.“
„Und was müssen wir so arbeiten?“
„Ihr legt Gleise und baut Materialbunker.“
„Wo ist das Spielzimmer?“ – „Wo der Puff?“
Es hagelt Zwischenbemerkungen, die mit Gelächter oder höhnischen Erwiderungen quittiert werden und über die der Lagerälteste hinweg spricht: „Es gibt eine Kantine, die ist im Erdgeschoß rechts und von achtzehn bis einundzwanzig Uhr geöffnet. Da könnt ihr Zigaretten oder Schokolade, was zu essen oder Rasierklingen, Nähgarn und so weiter kaufen.“
„Wenn man Geld hat!“ – „Was kriegen wir denn hier so die Stunde?“ – „Wo ist die Bank?“
Der Lagerälteste bleibt gelassen: „Fünf Francs pro Tag bar in Lagergeld und fünf Francs aufs Konto. Vielleicht hat der eine oder andere von euch noch was auf’m Konto, wenn er schon irgendwo gearbeitet hat. Das könnt ihr jetzt hier anlegen.“
Max ist überrascht. Er hat nie gedacht, daß er von dem kümmerlichen Lohn, der für die Arbeit im Bergwerk aufs Sperrkonto eingezahlt worden war, jemals etwas sehen würde. Ein Geschenk des Himmels – wenn ihm der Himmel bisher auch eine ganze Menge schuldig geblieben ist. Er überschlägt: Anderthalb Jahre Collet-de-Dèze sind rund vierhundert Tage à fünf Francs, das heißt zweitausend Francs Guthaben! Die Drei-Liter-Büchse amerikanisches Hash kostet in der Kantine zweihundertfünfzig Francs. Max ist plötzlich reich! (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 321  vom 28.09.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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