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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 25
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Als Max vor der Rattenburg ankommt und die paar Stufen zum Haus hinabsteigen will, wundert er sich, daß sich die Männer in der Küche drängen, wie man durch die offene Tür sehen kann.
Dann weichen einige nach draußen aus, machen Platz und lassen drei Gendarmen durch, die Frömmich in ihrer Mitte abführen. Als sie die Stufen hoch auf die Straße kommen, weicht Max zur Seite. Frömmich starrt ihn im Vorbeigehen an und sagt halblaut, verbissen: „Das zahl’ ich euch heim!“
Max weiß nicht, was das heißen soll, und ist wie gelähmt. Er ist sich keiner Schuld bewußt, aber ihn fröstelt’s, er bekommt eine Gänsehaut. Wie brutal kann Frömmich sein? Und was hat er zu verbergen? Ist er schuldig unter einem anderen Namen, oder ist er nur Opfer eines Irrtums oder einer bös­willigen Denunziation, wie so mancher in diesen Wochen und Monaten. Muß er nicht seine nächtliche Beobachtung melden? Aber geht es denn überhaupt um Skrosznys Unfall? Und was hat Max alles nicht gesehen?
Frömmichs Schatten bleibt unter ihnen als eine latente Bedrohung, und er nimmt die Drohung mit in eine un­be­stimmte, bedrohliche Zukunft.
Max löst sich aus seiner Lähmung und geht hinunter ins Haus, wo die Meinungen über Grund und Ursache von Frömmichs Festnahme wild durcheinandergehen. Bodo Schmude hat Frömmichs falsche Identität natürlich nicht für sich behalten und platzt vor Eitelkeit, weil er scheinbar als einziger einen plausiblen Grund dafür kennt. Spekulationen über einen Streit mit Skroszny und dessen Tod als mögliche Folge, also vielleicht einen Totschlag oder gar Mord, hat er wider besseres Wissen nicht widersprochen, um die Spannung der Geschichte nicht zu zerstören.
Auch Max schweigt. Er möchte Frömmich nicht rein-reiten, und befragt, würde er wahrscheinlich erzählen, was er gesehen hat. Aber er empfindet es als einen Schutz vor Frömmichs unbestimmter Drohung, wenn dieser unter Verdacht steht und deshalb sicher verwahrt ist. Solange er also nicht als Zeuge gefragt ist, sieht er keine Veranlassung zu sprechen. Aber beruhigend ist das alles nicht. Weder die gereizte Stimmung in der Bude, die mit der Dauer der Gefangenschaft zunimmt, noch Paules Zuneigung und zärtliches Bemühen, das mit zunehmender Nähe und Wärme dringlicher, aber auch immer anspruchsvoller wird. Max will all dem ausweichen und sieht nur eine Lösung: die Flucht.
*

Max hält es für besser, nicht allein zu gehen. Man kann leicht in Situationen kommen, wo einer dem anderen helfen kann oder muß, beim Überwinden von Hindernissen, um füreinander aufzupassen, um des anderen Spuren zu ver­wischen und anderes mehr.
 Vorsichtig und ohne sich festzulegen fragt Max zunächst einmal bei Willi an, ob er mitgehen würde. Willi ist zuverlässig, ruhig, handfest, ein richtiger Kumpel. Aber Willi hat keine Lust zu türmen. Er rechnet damit, im Jahr 1947 nach Hause geschickt zu werden, und spielt andernfalls mit dem Gedanken, sich als Fremdarbeiter für die französischen Kohlegruben verpflichten zu lassen. Willi, der sonst so Entschlossene, kann sich in diesem Fall nicht entscheiden.
Wer also kommt in Frage, wenn Willi nicht mitmacht? Die älteren Männer haben zu wenig Abenteuerlust und Wagemut. Er traut keinem zu, daß er bereit und fähig ist, über Zäune zu klettern, auf Züge aufzuspringen oder einem Polizisten wegzulaufen.
Jüngere aber gibt es wenige. Da ist Robert, der Fleischer, auch schon über die Dreißig und eine Qualle. Vielleicht Bodo Schmude? Der macht zwar stets große Sprüche und schneidet fürchterlich auf, ist aber körperlich ganz gut beisammen und, vor allem, etwa gleichaltrig mit Max. Aber Max hält Bodo für nicht ganz zuverlässig. Wäre es dann nicht besser, allein zu gehen? Oder ist Bodo besser als sein Ruf? Oder besser als keiner? Besser als keiner, sagt sich Max – zu seinem Nachteil, wie sich zeigen wird.
Vor allem ist Bodo bereit, mitzumachen.
Sie erörtern ausführlich jeden Aspekt des Unternehmens, finden es reichlich kompliziert, setzen sich aber mit der Entschlossenheit des Unerfahrenen leicht über Probleme hinweg, für die sie keine Lösung wissen. Schließlich muß das Glück auch noch etwas zu bewirken haben.
Wahrscheinlich hätte eine Flucht mehr Erfolgschancen, hätte Max mehr Beziehungen zur Dorfbevölkerung und den Mut dazu, einen Menschen seines Vertrauens einzuweihen. Das wäre aber nicht ohne Risiko. Die Franzosen akzeptieren zwar die Gefangenen als Menschen und Gesprächspartner, aber sie machen nicht mit ihnen gemeinsame Sache. So ist nicht auszuschließen, daß auf diesem Weg die Fluchtabsichten verraten und sie ins Lager zurückgeschickt werden. So be­gin­nen Max und Bodo allein die Flucht zu planen und vor­zu­bereiten. Sie haben dazu noch Zeit, denn aufbrechen wollen sie erst im Frühjahr, wenn das Wetter freundlicher wird.
Was muß man für eine Flucht überhaupt bedenken und vor­bereiten?
Geld haben sie wenig, aber sie glauben, es ginge auch ohne. Um sich Fahrkarten zu kaufen, reicht es nicht, und sie würden sich auch nicht getrauen, sich einfach unter die Reisenden zu setzen. Es gibt zu viele Möglichkeiten, sich zu verraten, und die Gefahr von Kontrollen in den Zügen scheint ihnen zu groß zu sein. Sie wollen mit Güterzügen fahren, notfalls marschieren, Dörfer und Städte nach Möglichkeit meiden.
Die fünfundsiebzig Francs, die Max an ‚richtigem‘ Geld besitzt, näht er in seine Unterhose ein, falls er einmal ‚gefilzt‘ werden sollte.
Über den Rhein wollen sie schon irgendwie kommen. Nicht alle Brücken sind rund um die Uhr bewacht, und schließlich gibt es auch Boote. Sie wollen nicht allzu lange unterwegs sein, höchstens eine Woche. Welche Illusion!
Was können sie anziehen? Max hat eine khakifarbene amerikanische Uniformhose, wie sie häufig auch Zivilisten tragen, und eine blaue Marinejacke, deren goldene Knöpfe er durch unauffällige Zivilknöpfe ersetzt hat. Dazu besitzt er, Lohn seiner Nebenarbeiten, eine Baskenmütze.
Aus dem groben Stoff einer alten Zeltplane näht er sich eine Tasche, die er in der Hand, aber auch auf dem Rücken tragen kann, wenn er die Hände frei haben will. Sie sieht aus wie jede x-beliebige schäbige Tasche, zwar etwas eigenwillig, aber jeder Arbeiter oder Handwerker könnte so eine Tasche haben. Sie weist nicht auf einen Gefangenen auf der Flucht hin. Er hat immer noch seine Decksschuhe von der Marine, beliebige schwarze Knöchelschuhe, die jeder tragen kann, der bei der Arbeit einen festen Tritt braucht und keinen Anlaß hat, sich fein zurechtzumachen.
Bodo Schmude hat von irgendwoher eine Windjacke von verschossenem Grün, ein durch und durch ziviles Kleidungsstück, und eine verwaschene blaue Drillichhose, die er in seine Gummistiefel stopft, deren Schäfte er ‚modisch‘ umzukrempeln pflegt. Auf dem Kopf trägt er ein abenteuer-liches Gebilde, das entfernt einer Baseballkappe ähnelt, aber keinerlei Verwandtschaft mit einem militärischen Kopfputz hat.
Aus einer Konservendose bastelt Max eine Art Windlicht, denn Kerzen sind die einzigen Beleuchtungskörper, die sie haben. Eine Alternative wäre, eine der Grubenlampen zu klauen, die natürlich ein viel besseres Licht geben, aber sie wäre nur für kurze Zeit von Nutzen, so lange wie das Karbid reicht (wenn man nicht noch einen Vorrat mit sich schleppen will). Im übrigen widerstrebt es Max, sich einen fremden ‚Wertgegenstand‘ anzueignen und damit ins Unrecht zu setzen.
Die Frage der Marschverpflegung ist schwer zu beantwor­ten und wird zu leicht genommen. Erstens können sie nicht viel mitnehmen, denn sie müssen beweglich sein. Außerdem haben sie nicht viel. Verderbliches kommt nicht in Frage, aber sie sehen keine Möglichkeit, darauf besondere Rücksicht zu nehmen. Konzentrierte und konservierte Nahrung steht ihnen kaum zur Verfügung, und sie wissen sie auch nicht zu beschaffen, ohne besonders aufzufallen.
Überhaupt müssen ja alle Vorbereitungen nach zwei Seiten hin unauffällig betrieben werden: gegenüber den Franzosen, in der Grube, im Dorf – und im Camp, denn sie können nicht sicher sein, daß sich nicht der eine oder andere Judas findet, um sich bei den Franzosen einzukratzen, oder aus purer Gemeinheit.
Max kratzt eine kümmerliche eiserne Ration zusammen: eine halbe Büchse mit Rindertalg, ein halbes Dutzend hartgekochte Eier, ein halbes Brot, ein Stück Käse.
Erstens ist Essen für ihn nur ein unvermeidlicher Vor­gang, um den Hunger zu stillen. Er lebt jetzt seit vier Jahren von Kommiß- und Gefangenenkost und hatte meistens irgend etwas zu essen, selten besonders schmackhaft, und nicht immer genug, aber eben soviel, daß das Essen nicht zum Lebensinhalt geworden wäre. Er ist weder anspruchsvoll noch mäkelig und ißt, was er bekommt. Als es nötig war, hatte er die Bohnensuppe mit den Käfern gegessen oder aus dem Roquefort die Maden herausgekratzt, so daß man ihn noch genießen konnte. Notfalls würde er auch Regenwürmer essen. Seiner Mißachtung dem Essen gegenüber entspricht die Verproviantierung für seine Flucht. Sie wird weder ausreichend noch befriedigend. Notfalls wird man schon irgendetwas zu essen finden. Denken sie …
Und zweitens, und das ist vielleicht das noch Wichtigere, sind sie beide zuversichtlich, in wenigen Tagen in Deutschland zu sein und an den Fleischtöpfen der gastfreundlichen Landsleute zu sitzen. (Sowohl die Dauer der Reise, als auch die kulinarischen Möglichkeiten der Landsleute müssen schließlich auf der Seite der Irrtümer verbucht werden.)
Schließlich glauben Schmude und Max alle Sachen zur Flucht beisammenzuhaben, auch über den Fluchtweg sind sie sich ungefähr einig. Sie prüfen noch einmal die Ausgangslage: Das Camp liegt mitten in den Cevennen, einem Mittelgebirge mit bis zu 1500 Meter hohen Gipfeln (die sie zu Unrecht vernachlässigen). Wenn der Frühling ins Tal des Garon einzieht, ist er noch lange nicht auf den Höhen der Berge. Immerhin ist ihnen klar, daß sie nicht quer über die Berge ziehen können, sondern sich an die Täler halten müssen.
Auf der kleinen Karte, die Max aus dem Wandkalender von Paule heimlich mitgenommen hat, Maßstab 1:2.500.000, sind ein paar Hauptverkehrswege eingezeichnet. Sie wollen entlang der Kleinbahnstrecke knapp zwanzig Kilometer weit bis Ste-Cécile-d’Andorge wandern, wo die Haltestelle der Linie Marseille–Paris ist, dort einen Güterzug Richtung Norden entern und möglichst bis Paris fahren. Den näheren Weg durchs Rhonetal meiden sie, weil er vielleicht als der ‚normale‘ Fluchtweg besonders scharf überwacht wird. Und da sie weder den einen noch den anderen Weg wirklich kennen, scheint das Risiko das gleiche zu sein. In Paris hoffen sie dann wieder auf einen Zug Richtung Osten, nach Saarbrücken, Straßburg oder an den Niederrhein, um sich dort ‚irgendwie‘ über die Grenze zu schmuggeln.

*

Der März kündigt mit Sonne und Wärme den Frühling an, wenn er sich auch noch nicht entscheidet, ob er schon bleiben soll. Der Tag des Aufbruchs ist gekommen.
Max hat sich in den letzten Wochen nicht so oft mit Paule getroffen und auch nicht ständig an sie gedacht. Er ist mit den Gedanken schon auf dem Weg nach Hause und praktisch mit einer Reihe von Vorbereitungen beschäftigt. Er kann sich nicht mehr so stark auf Paule konzentrieren, seine Zärtlichkeiten werden oberflächlicher, er nimmt die ihren nicht mehr mit der gleichen Intensität wahr. Er selber bemerkt auch die Veränderungen und ist unglücklich darüber, vermag aber nichts daran zu ändern.
Auch Paule bemerkt seine Unruhe und ahnt ihren Grund.
Mehrfach setzt Max an, ihr einen Abschiedsbrief zu schreiben, findet aber nie den richtigen Ansatz. Schließlich verkriecht er sich in die Brombeerbüsche oberhalb des Bahndamms und schreibt:
Liebe Paule!
Schon einige Wochen lang drängt es mich, Dir zu sagen, daß ich weg muß. Ich habe auch schon ein paar Mal angefangen, Dir zu schreiben, habe aber nie die richtigen Worte gefunden.
Ich halte es hier nicht mehr aus, so schön es auch ist und so schön es erst recht mit Dir ist! Ich bin schon neunzehn Jahre alt, und ich muß mein Abitur machen und endlich anfangen etwas zu lernen, zu studieren. Die Zeit läuft mir davon. Deshalb muß ich mich auf den Weg machen.
Ich liebe Dich, und es ist schön, Dich zu umarmen. Leider kann das nicht immer so sein. Ich kann Dich nicht mitnehmen, und selbst wenn ich es könnte, müßten wir beide verschiedene Wege gehen. Vielleicht, hoffentlich geht Dein Wunsch in Erfüllung, einmal ein Hotel zu leiten. Und vielleicht kehre ich in dieses Hotel einmal ein. Dann werden wir uns wieder küssen und lieben.
Sonst wünsche ich Dir von Herzen, daß Du eine andere Liebe findest, eine, die Dir nicht davonläuft.
Ich umarme Dich noch einmal und werde immer an Dich denken. Dein Max

*

Zunächst einmal müssen Max und Bodo feststellen, ob sie überhaupt wie geplant von Ste-Cécile aus den Absprung schaffen, ob dort Güterzüge fahren, mit denen sie die Reise antreten können. Das heißt, sie müssen nach Ste-Cécile wandern und alles beobachten.
Die Straße windet sich in Serpentinen durch die Täler und ist, wenn auch nicht sehr belebt, so doch befahren. Außerdem ist sie wesentlich länger als die Strecke der Schmalspurbahn.
Die Kleinbahn schlängelt sich am halben Hang ent-lang, oberhalb des Tals, stützt sich auf Felskanten und durch-schneidet Felsnasen, und wenn es nicht anders geht, bohrt sie sich mit Tunneln einen Weg durch den Berg.
Neben den Gleisen gestattet ein Trampelpfad, der Strecke zu Fuß zu folgen, aber er nimmt keine Rücksicht auf die Bequemlichkeit des Wanderers. Er macht plötzliche Schlenker um dickleibige Felsbrocken oder Bocksprünge über Signalkästen und holpert alle zwanzig Meter über den Eisenfuß der Stromanschlüsse. Ein Stolpern aber nahe dem dreißig oder fünfzig Meter tief abfallenden Felshang könnte üble Folgen haben.
Am Tag und im Sonnenlicht sind das Kapriolen, die das Wandern interessanter machen. Nachts aber, selbst bei Mondschein, sind es böse Schikanen. Und in den Tunnel kann man sich in völliger Finsternis nur Fuß vor Fuß seinen Weg ertasten.
Max und Schmude wandern dennoch flotten Schrittes den abenteuerlichen Weg und würzen ihn gelegentlich mit unterdrückten Flüchen, wenn sie sich wieder einmal den Zeh gestoßen oder an Brombeerranken das Bein zerkratzt haben, oder sie vertreiben sich mit flotten Sprüchen die Bangigkeit. Manchmal schwindelt es sie, wenn sie den Gleisen über einen schmalen, hohen Viadukt folgen müssen, und sie haben das Gefühl, im Rampenlicht über eine Bühne zu wandern, nur daß mögliche Zuschauer im dunklen Parkett keinen Beifall spenden.
Der Weg zieht sich endlos hin. Für das Dutzend Kilometer brauchen sie drei Stunden. Sie sind nach Einbruch der Dunkelheit losgegangen, etwas nach acht, gegen elf erreichen sie Ste-Cécile-d’Andorge.
Sehr vorsichtig nähern sie sich dem Bahngelände. Ein Dutzend Gleise laufen nebeneinanderher und erlauben das Passieren des Gegenverkehrs und das Aufstellen oder Rangieren von Güterzügen. Der Bahnsteig liegt auf der anderen Seite der Gleisanlagen, er ist hell beleuchtet und ziemlich belebt. Stimmen dringen nicht bis zu ihnen herüber. Zur Zeit stehen nur fünf, sechs Güterwaggons ziemlich weit vom Bahnsteig entfernt auf dem Gelände.
Sie finden Deckung vor dem ersten Bahndamm im Schatten einiger Büsche und können von dort aus das ganze Gelände übersehen. Sie betten sich so bequem es geht und wappnen sich mit Geduld. Die Zeit schleicht. Max bleibt ihr mit den im Mondlicht glänzenden Ziffern seiner Uhr auf den Fersen. Sie haben sich das Quatschen verboten, um nicht aufzufallen. Auf dem Bahnhof regt sich nichts, zwei, drei Mal geht ein Bahnangestellter über den Bahnsteig.
Beim Warten und im spärlich aufgehellten Dunkel drängen sich Max die Bilder der letzten Tage und Wochen auf. Der Zank im Camp, Frömmichs Stänkereien gegen ihn, Paules Zimmer, ihr Gesicht, ihre Augen. Die zarte Berührung ihrer Hände. Er merkt nicht, daß er auf einem Schotterstein liegt, von dem er am nächsten Tag einen blauen Fleck haben wird.
Auf dem Bahnsteig sammeln sich Reisende, die auf einen Zug warten. Gegen halb zwölf donnert auf dem Gleis unmittelbar vor ihnen, von Norden her nach Süden, ein Güterzug mit geschlossenen Waggons vorbei. Uninteressant für sie. Dann folgt betulich eine Rangierlok. Sie bewegt nichts.
Um elf Uhr fünfundfünfzig eine Lautsprecherdurchsage, die sie nicht verstehen, aber auf dem Bahnsteig entsteht Bewegung. Plötzlich sind viele Menschen da, sie drängen sich an der Bahnsteigkante, und das Geräusch eines nahenden Zuges wird hörbar. Er kommt von Süden, fährt also Richtung Paris. Es ist der Schnellzug, der vermutlich aus Marseille kommt. Mit kreischenden Bremsen hält er am Bahnsteig und verdeckt die wartenden Reisenden. Es muß ein großes Gedränge herrschen, denn eine ganze Gruppe von Reisenden kommt jetzt um die Lokomotive herum und klettert von der falschen Seite her in den Zug. Die Einstiegsplattformen sind verstopft. Man sieht in den hell erleuchteten Abteilen und Gängen das Gewimmel und Gedränge der Platzsuchenden. Koffer werden hochgereicht und entgegengenommen, schließ­lich wird sogar eine Frau hochgestemmt und durch das nur halb zu öffnende Fenster in den Waggon gequetscht.
Schmude und Max amüsieren sich.
Schließlich sind alle Reisenden irgendwie in den Zug ge-pfercht, der fährt schnaufend ab und verliert sich zwischen den nördlichen Höhenzügen.
Max und Bodo warten weiter. Die Zeit dehnt sich. Max’ Gedanken wandern wieder zu Paule. Wird Willi den Abschiedsbrief nicht zu früh übermitteln? Er soll ihn erst nach der Flucht weitergeben. Paules Kammer! Die sanften besitzergreifenden Arme, wie heißen die Verführerinnen der Mythologie? Nixen? Sirenen? Paule schwimmt über ihm in dem blauen Wasser ...
Schließlich, um halb eins, kommt wieder ein Zug aus Süden. Er rollt langsam heran, die Strecke steigt hier ziemlich stark an, offensichtlich kein Schnellzug! Ein langer Güterzug, teils mit geschlossenen, teils mit offenen Waggons, schnauft auf einem der mittleren Geleise heran, hält einmal kurz, ruckt dann gleich wieder an und verschwindet nach Norden ins Gebirge.
Max und Schmude knuffen sich lachend in die Rippen, schlagen sich auf die Schultern. Das ist er! Das ist ihr Zug! Sie bleiben noch in Deckung, um eventuell weitere Züge auszumachen. Der Bahnsteig drüben ist leer, vermutlich ist weiter kein Personenzug zu erwarten.
 Die beiden frösteln. Der März ist noch jung, der Frühling noch unentschlossen, und sie sind in den Bergen, wo die Temperaturen ein paar Grad niedriger sind als im Tal.
Gegen halb zwei haben sie genug. Der Mond hat sich verkrochen, die Finsternis verschluckt sie. Durchgefroren machen sie sich auf den Rückweg, der jetzt nur mehr zu ahnen als zu sehen ist. Doch sie dürfen hoffen, einen Zug gefunden zu haben, mit dem sie sich auf die erste Etappe der Reise begeben können. Sie bedenken nicht, welche Rolle das Gebirge spielt.
Max ist unsicher. Der Zug könnte eine Ausnahme, eine Eintagsfliege gewesen sein. Sie können sich auf das Ergebnis ihrer Erkundung noch nicht verlassen. Max besteht auf einer Wiederholung, einer Überprüfung des Gesehenen. Schmude mault.
Als sie im Camp unter ihre Decke kriechen, haben sie noch anderthalb Stunden Zeit bis zur Frühschicht.
Am nächsten Tag ziehen sie wieder los, auf dem Trampel­pfad entlang der Schmalspurbahn, vorbei an Abgründen und durch finstere Tunnel, über Viadukte, auf denen sie sich im Mondschein wie auf dem Präsentierteller vorkommen.
In Ste-Cécile beziehen sie wieder Posten. Wieder kommt kurz vor zwölf der Schnellzug, dieses Mal ist das Gedränge nicht so groß, und wieder, hurra!, gegen halb eins von Süden der lange Güterzug, der mühselig die Steigung hinauf-schnauft. Wie beim ersten Mal hält auch dieser Zug für ein paar Sekunden, ehe er erneut anruckt, um seine Fahrt fortzusetzen.
Sie versuchen sich auszumalen, wie sie aufsteigen werden, und auf was für einen Waggon. Ein Bremserhäuschen wäre ideal, aber ein Wagen mit Maschinen oder Fahrzeugen täte es auch. Wichtig scheint ihnen, daß sie etwas Deckung vor möglichen Blicken von Brücken oder Stellwerken her haben, eine Sorge, die weitgehend überflüssig ist. Aber schließlich wollen sie keine unnötigen Risiken eingehen. Schmude rennt probeweise ein Dutzend Meter neben dem fahrenden Zug her, wenn er erst einmal in Schwung ist, wird er leichtsinnig, Max pfeift ihn zurück: „Mensch, biste verrückt? Du mußt doch nicht unnötig so ’ne Dinger machen. Reicht doch, wenn de dir morgen die Beine brichst.“
„Mal den Deibel nich an de Wand!“ keucht Schmude und läßt sich wieder ins Gras fallen.
Sie warten dieses Mal nicht auf weitere Fahrgelegenheiten, sondern machen sich gleich auf den Rückweg. Sie hopsen ausgelassen, weil sich ihre Hoffnungen erfüllt haben: Der fahrbare Untersatz für den Anfang der Flucht scheint ge­sichert zu sein.
Einen Tag später, am 17. März, packt Max den Proviant in seine Segeltuchtasche: ein halbes Brot, die harten Eier, eine Feldflasche voll Tee, eine Büchse Talg, ein Stück fetten Speck und den Käse, ,Die Kuh, die lacht‘, sowie die Konser-vendosenlaterne, seine Maschinenhandschuhe, einmal Er-satzwäsche und, nicht zu vergessen, die Minilandkarte.
Bei Einbruch der Dunkelheit wandern sie los, Willi drückt ihnen die Daumen.
Es ist Vollmond, aber der Himmel ist bedeckt. Das ist ihnen recht, denn in dem blassen, wolkengefilterten Mondlicht sind sie nicht so leicht zu sehen. Auf halber Strecke beginnt es zu regnen! Sie lassen sich davon nicht beeindrucken, schließlich machen sie keine Schönwetterwanderung.
Dann liegen sie in Ste-Cécile wieder in Deckung, warten auf ‚ihren‘ Zug, und der Regen rinnt auf sie herab. Sie haben keine Regenkleidung, die Jacke wird immer schwerer und weicht durch, die Hosen kleben an den Beinen, das Wasser läuft ihnen in den Kragen.
Max denkt an Bretzenheim, an den Beginn seiner schlamm­geborenen neuen Existenz. Er denkt an den glücklichen Märzregen in Collet, der ihn in Paules Kammer getrieben hat. Er lächelt abwesend. Bodo versteht nicht, warum, und macht ein Froschmaul. Er hat vom Regen die Schnauze voll und will umkehren, aber Max gibt nicht so schnell auf: „Wir sind doch nicht aus Zucker! Denkste, es trampelt uns einer den Weg glatt? Wenn wir jeder Spucke ausweichen, kommen wir nie nach Hause.“ Unwillig fügt sich Schmude und versucht, die Zipfel seiner Jacke auszuwringen.
Der Expreßzug kommt planmäßig. Er ist nur undeutlich, wie durch einen Vorhang zu sehen. Sie sind inzwischen durchnäßt bis auf die Haut. Das ist kein vielversprechender Start, und im Moment wissen sie noch nicht einmal, daß es oben in den Bergen schneit. Bodo Schmude hat leider recht, wenn er überlegt: „Wie willste denn deine Klamotten trocknen? Selbst wenn die Sonne scheint – und ick sehe sie noch nich scheinen –, kannste deine Hosen nicht wie ’ne Fahne auf die Leine hängen! Willst wohl ’n bißchen Nacktkultur machen und die Dorfschönen anlocken! Nee, ick mach da nich mit! Wenn der Start schon so ’ne Kacke ist ... Da kannste alleene jehn. Ick mach ma uff ’n Heimwech!“
Max muß zugeben, daß es blödsinnig ist, nur aus Prinzip an dem ungünstigen Starttermin festzuhalten. Der Regen hält an, der Himmel schüttet Kübel von Wasser auf sie herab. Sie machen sich triefend auf den Rückweg. In Schmudes Gummistiefeln quatscht das Wasser einen ironischen Kommentar.
Am nächsten Tag klart es zeitig auf. Die Sonne treibt die Nässe aus Kleidern und Taschen, die sie zum Trocknen ausbreiten. Niemand nimmt besondere Notiz davon, nicht selten ist der eine oder andere nachts unterwegs, und wenn es regnet, wird man halt naß.
Am nächsten Abend machen sie sich erneut auf den Weg. Dieses Mal leuchtet ihnen der Mond. Sie kennen die Strecke und kommen schnell vorwärts. In Ste-Cécile warten sie wieder. Die Zeit vergeht heute schneller. Der Expreßzug kommt und fährt, der Güterzug rollt pünktlich an. Als die Lokomotive vorbei ist, springen sie aus der Deckung auf und stellen sich neben das Gleis, gedeckt vom fahrenden Zug. Sie hoffen, daß er wie die vergangenen Male kurz stoppen wird, aber er rollt und rollt und tut ihnen nicht den Gefallen, zu halten.
Als das letzte Drittel des Zuges vorbeirollt, können sie nicht länger warten.
Sie rennen neben dem Zug her, schwingen sich auf einen leeren Plattenwagen und legen sich flach auf den Boden, um nicht gesehen zu werden, wenn sie am Stellwerk vorbeikommen.
Sie sind auf dem Weg und voller Triumph!!
Als der Zug aus dem Bahnhof heraus ist und mehr Fahrt bekommt, klettern sie auf den nächsten offenen Güterwagen, der mit Kisten beladen ist, die mehr Deckung bieten. Sie schreien ihre Befreiung hinaus in das Rattern der Räder.
Max stellt sich vor, wie jetzt die anderen im Lager schlafen, wie sie sich in wenigen Stunden aus den Betten schälen und feststellen werden, daß zwei fehlen. Frieda wird sicherlich wollen, daß sie das melden, nicht um sie anzuschwärzen, sondern nur der Ordnung halber, aber Willi wird das vermutlich verhindern, damit ihr Verschwinden erst in der Mine bemerkt wird, so daß sie mehr Zeit für die Flucht gewinnen. Dann wird die Frühschicht wie gewohnt zur Grube marschieren und spekulieren, wie sie wohl abgehauen und wie weit sie bisher gekommen sind und wie weit sie überhaupt kommen werden.
Der Zug rollt durch die Berge. Sie singen aus voller Kehle in den Fahrtwind und in das Lärmen der Waggons: „Hoch auf dem gelben Wagen ...“ und „Hinter den Fensterscheiben lacht ein Gesicht, so hold ...“ Was wird Paule sagen?
Wenn sie eine Signalbrücke durchfahren, ziehen sie den Kopf ein, weil sie nicht wissen, ob dort vielleicht irgendein Mensch hockt, der sie entdecken könnte. Die Abhänge rechts und links der Strecke werden steiler, die Gipfel höher. Die dunklen Hänge bekommen mehr und mehr weiße Flecken. Es wird kälter, sie ziehen die Jacken fester um sich.
Sie fahren eineinhalb oder zwei Stunden, dann hält der Zug auf einem kleinen Verschiebebahnhof mitten in den Bergen. Die Hänge ringsum sind verschneit, es herrscht Frost. Was sie nicht wissen: Der Mont Lozère mit seinen fast 1700 Metern ist nur fünfzehn Kilometer entfernt. Bei Villefort, wo sie halten, erreichen die Berge immerhin noch 900 Meter Höhe.
Sie warten ein Weilchen in der Hoffnung, daß der Zug weiterfährt. Er tut ihnen nicht den Gefallen. Von irgendwoher hört man Rangierlärm. Ihr Zug ruckt kurz an, bewegt sich aber nicht von der Stelle. Sie vermuten, daß Waggons an- oder abgehängt werden, und hoffen, daß es dann weitergeht. Die Hoffnung trügt – der Zug fährt nicht weiter.
Nach einer halben oder einer Stunde klettern sie vom Waggon herunter und stapfen zur Spitze des Zuges. Er hat keine Lokomotive mehr, sie sitzen fest! Sie verzichten darauf, in der Dunkelheit die Lage genauer zu erkunden, sondern verschieben das auf den kommenden Morgen. Neben der Station ist eine Kiefernschonung. Dort machen sie sich im Unterholz eine Kuhle zurecht, in der sie etwas geschützt sind, decken sich mit Kiefernzweigen zu und versuchen zu schlafen.
Max sieht Paule, wie sie weint und wie ihre Tränen gefrieren. Ihm selber ist nicht zum Heulen zumute, er fühlt sich wie ein Abenteurer, ein Einzelkämpfer, der die Herausforderungen eines schwierigen Weges annimmt. Paule tut ihm leid, aber er leidet nicht mit ihr. (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 318  vom 07.09.2011

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