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Medien
Zum 10. Jahrestag des 11. September 2001 und den Folgen
Ein Plädoyer für Meinungsfreiheit
Von Sabine Schiffer

Medienblase und fundierte Informationspolitik sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, wie man aktuell anhand etlicher Angebote zum 10. Jahrestag des 11. Septembers 2001 wieder sehen kann. Krönung des 10-jährigen Gerangels um Deutungshoheit ist sicher das bildgebende Verfahren von Guido Knopp in seiner TV-Serie zu Religionskrieg und 9/11, das vornehmlich aus gestellten - sprich: imaginierten - Szenen besteht! Im "FriedensJournal" 5/2011 nimmt sich Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung, Erlangen, des Themas aus einer kritischen Perspektive an - vor allem in Bezug auf die Folgen von 9/11. – Die Redaktion


SPIEGEL-Cover zum ersten Jahrestag von 9/11
 
19 arabische Islamisten, mehr oder weniger begabte Flugschüler, mehrheitlich saudische Staatsbürger und mit Teppichmessern bewaffnet, entführten am 11. September 2001 vier Passierflugzeuge in den USA und verursachten einen der traumatischsten Terroranschläge. Dahinter wird noch am selben Tag Osama bin Laden als Drahtzieher vermutet und (s)ein Netzwerk namens Al Qaida ausgemacht. Diese Theorie einer Verschwörung von Islamisten gilt auch 10 Jahre nach dem schrecklichen Ereignis, das 3000 Menschenleben kostete und das sich mittels Echtzeitbildern ins kollektive Gedächtnis der mediatisierten Welt einprägte - als offizielle Theorie.
 
Zwar wurden einige der Verdächtigen gefasst und unter Folter verhört, aber zu einer Verurteilung ist es nicht gekommen. Der Hauptverdächtige Osama bin Laden wurde vor kurzem nach einem Killer-Einsatz in Pakistan für tot erklärt, obwohl er nicht einmal wegen der Anschläge von 2001 gesucht wurde. Dafür reichten laut Aussage des FBI auf eine Anfrage im Jahre 2006 hin die Indizien nicht aus. Und obwohl sich der im Jahre 2004 veröffentlichte offizielle Untersuchungsbericht als unhaltbar erwies, weil dort etwa das Faktum des einstürzenden dritten Turmes des World Trade Center, WTC7, unterschlagen
wurde sowie die über 20 Zeugen von Explosionen im Basement der Türme um den Hausmeister Rodrigues nicht verhört worden waren, gilt die offizielle Verschwörungstheorie weiterhin als die einzige Nicht-Verschwörungstheorie.
 
Offizielle Version: Die Nicht-Verschwörungstheorie
 
Denn es war dem damaligen US-Präsidenten George Bush durch einen rhetorischen Trick gelungen, alle aufkommenden offenen Fragen, Lücken und Zweifel an den Erklärungen als "Verschwörungstheorie" zu denunzieren. Eine Verschwörung soll es aber gegeben haben, denn als Tat eines Einzelnen ist dieser Anschlag ja weder vorstellbar noch wird das behauptet.
Dass die Verschwörer aus einer Höhle in Afghanistan heraus gesteuert wurden, ohne dass der Anführer - Osama bin Laden - ein Telefonat geführt hatte, das man sofort hätte orten können, darf durchaus auch bezweifelt werden. Dennoch war Afghanistan das erste post 9/11-Kriegsziel der Allianz der Willigen, aus der sich Deutschland nur vordergründig heraushielt. Ohne die logistische Unterstützung Deutschlands als Drehschreibe und Kommandozentrale sind die Kriege im Süden und Osten nämlich gar nicht führbar.
 
Emotional scheint immer noch das Feindbild Islam, das hier nicht erstmalig, aber nachhaltig bemüht werden konnte, zu tragen. 10 Jahre Presse-PR in Sachen Terrorismus haben zu erheblichen Aufmerksamkeitsverschiebungen geführt - wie man kürzlich an vorschnellen Fehlinterpretationen der Anschläge in Norwegen ablesen konnte. Das Feindbild Islam und der sogenannte islamistische Terror widersprechen zwar jeder Terrorstatistik, emotional ist dieses Feinbild vor allem durch den 11.9.2001 nachhaltig in der westlichen Welt präsent. Immer noch dient es als Werbeobjekt für Kriegseinsätze, mit der Terrorangst werden Grundrechte abgebaut und "Big Brother"- Überwachungsmaßnahmen verschärft. Wie das Peak-Oil-Gutachten der Bundeswehr belegt, haben die Ressourcenverteilungs- und somit Wirtschaftskriege schon begonnen. Liz Fekete vom Institute of Race Relations in London weist auf den Zusammenhang zwischen dem „Krieg gegen den Terror“, dem europaweit zunehmenden (antimuslimischen) Rassismus und dem Abbau von Menschen- und Völkerrecht (für alle) hin.
 
Medien versagen als Vierte Gewalt
 
Wir haben es schon öfter feststellen müssen und es ist auch hier nicht anders. Unsere Mainstream-Medien vermeiden es im Wesentlichen, kritische Fragen zu stellen und verlegen sich auf Affirmation. Man übernimmt in den meisten Fällen unkritisch die Behauptungen vom „Krieg gegen den Terror“ oder auch wahlweise mal die vorgeblichen Ziele für Humanität (z.B. "Brunnenbohren" in Afghanistan) oder Menschenrechte (z.B. Rechte der Frauen in Afghanistan). Begünstigt wird diese Sprachrohrfunktion für eine bestimmte Politik durch den emotionalen Auslöser, der auch als „katalytisches Ereignis“ bezeichnet werden
kann: 9/11. Vielleicht liegt es daran, dass sich unsere Medien in ihrer Bestätigungsorgie für die Bush’sche Theorie geradezu überschlagen. Allen voran schritt von Anfang an das Wochenmagazin Der Spiegel, als ehemals linkes Medium mit aufklärerischem Ruf.
 
So ging es vielleicht auch dem ARD-Magazin Titel-Thesen-Temperamente TTT, das am 10. Juli 2011 einem der Skeptiker der ersten Stunde, Mathias Bröckers, ein Forum für sein neues Buch bot. Interessant ist, dass es dem Moderator offensichtlich ein Anliegen war, sich verbal von Bröckers zu distanzieren. Dabei wäre genau das die Aufgabe der Medien – die anscheinend einzig erlaubte Version, die eine bestimmte Machtpolitik begünstigt, in Frage zu stellen. Und keine Theorien zu entwickeln – denn die Beantwortung der offenen Fragen sind uns diejenigen schuldig, die eine Erklärung propagieren, die aus physikalischen und anderen Gründen unhaltbar ist. Darum fordern inzwischen Piloten, Physiker, Politiker, Netzaktivisten u.v.m. eine unabhängige Untersuchung. Sie nennen sich „...... for 9/11-truth“ – „für die Wahrheit“, die wir eventuell nie erfahren werden, obwohl beispielsweise inzwischen im japanischen Parlament eine Anhörung stattgefunden hat und sich auch Angehörige der Opfer für die Aufklärung der „9/11-Mysteries“ einsetzen.
 
Von Anfang an machte der Spiegel aus seiner Positionierung zum Sachverhalt kein Hehl: In seiner Ausgabe zum zweiten Jahrestag am 8.9.2003 zeigt die Titelseite die brennenden Twin-Towers auf dem Kopf stehend. Und die zum Thema verfassten Texte führen auch nur die Aspekte auf, die die offizielle Verschwörungstheorie bestätigen können – Widersprüche werden eingeebnet. Im Jahr 2011 muss anscheinend noch ein größeres Geschütz gegen zunehmende Zweifel aufgefahren werden, so dass der Fernsehsender VOX am 10. September ein 12-stündiges Marathonprogramm aufzieht: Allerdings tun das dort die einschlägig bekannten Spiegel-Autoren, die bei der Gelegenheit ihr altes Material nun im Fernsehen recyceln können. Die vielfach hörbare Forderung nach Meinungsfreiheit, die von unseren Politikern bei Regierungen anderer Länder vehement eingefordert wird, scheint aber nicht zu gelten, wenn es um den "Krieg gegen den Terror" und dessen Ursprungspunkt 9/11 geht.
Wirft man nämlich die offen gebliebenen Fragen auf und fordert eine plausible Erklärung, so sieht man sich schnell mit einem Maulkorb versehen, der unter anderem mit der Stigmatisierung des nicht ernst zu nehmenden Verschwörungstheoretikers daher kommt. Diese Drohung wirkt auch heute noch bei vielen Menschen, die längst die erdrückende Faktenlage gegen die offizielle Version wahrgenommen haben.
 
Faktizierung durch Formulierung
 
Wie es inzwischen ein „Feindstrafrecht“ gibt, in dem Terrorverdächtige prophylaktisch „liquidiert“ oder ohne Anklage interniert werden können, so scheint es auch in Bezug auf 9/11 eine Art ungeschriebenen Feind-Presse-Kodex zu geben. Es ist nämlich auffällig, wie hier – entgegen der üblichen Sorgfalt in der Straftatsberichterstattung – mit Wörtchen wie "mutmaßlich“, „verdächtig“ oder „angeblich“ gespart wird. Da wird angesichts der Todesnachricht von Osama bin Laden nicht geschrieben, dass „er für das schreckliche Verbrechen verantwortlich gemacht wird“ oder „im Verdacht“ ist, sondern einfach im Indikativ behauptet, dass er „für das schreckliche Verbrechen verantwortlich ist“. Das kann ja sein, aber es gibt keinen Beweis, noch nicht einmal einen Indizienprozess dafür. Wohlgemerkt, es geht an dieser Stelle nicht um die Leugnung des möglichen, sondern um die journalistische Sorgfaltspflicht, einen Tatverdächtigen von einem Verurteilten zu
unterscheiden. Derlei faktizierende Formulierungen und deren jahrelange Wiederholung – das beste Mittel der Überzeugung – dürften mit dazu beigetragen haben, dass Fragesteller anrüchig scheinen, das angeblich Offensichtliche zu leugnen.
 
Ganz entgegen ihrer idealtypischen Aufgabe, haben sich die wenigsten Medien außerhalb des Internets in den vergangenen 10 Jahren wirklich kritisch mit der offiziellen Verschwörungstheorie auseinander gesetzt. Gerade wenn „die Wahrheit“ ankündigt wird, ist immer besondere Vorsicht geboten – etwa bei der schon vielfach wiederholten öffentlich-rechtlichen Reportage „WTC7 – Mythos und Wahrheit“. Der Beitrag räumt genau so viel Ungereimtheiten ein, wie nun wirklich nicht mehr zu leugnen ist, um dann neue Thesen aufzustellen, wie die offizielle Theorie eventuell doch noch bestätigt werden könnte. Dabei wird den Kritikern genau das vorgeworfen, was auf die Verteidiger der Bush-Theorie
zutrifft: nur die Fakten ernst zu nehmen, die in ihr Konzept passen. So kann man natürlich jeden Glauben bestätigen.
 
Wie das Fernsehen die Kulturkampfthese von Bernard Lewis und Samuel Huntington bedient, zeigt ganz aktuell das ZDF. Aus Anlass des 10. Jahrestages der Anschläge vom 11. September 2001 sei die Sendung "Heiliger Krieg" entstanden, so Guido Knopp in einem Interview des ZDF-Mittagsmagazins. Geschichtsklitterer Knopp darf in besagter Serie mit aufklärerischem Anspruch also die Anschläge von 9/11 in den Kontext eines "1400-jährigen Konkurrenzkampfes zwischen Islam und Christentum" stellen. Dies wiederum entspricht genau der Sichtweise einer dubiosen "Initiative 1683", deren christlich-fundamentalistische Geschichtsdeutung auch eine der Vorlagen des sog. "Manifests 2083" des Attentäters von Norwegen war.
 
Inzwischen übernimmt die Springer-Tageszeitung Die Welt eine führende Rolle darin, die Anschläge mit neoliberaler Wirtschaftsdoktrin als Metapher für die angeblich angegriffene Freiheit zu verknüpfen, um schließlich zur Bekämpfung des neuen und angeblich Nazi-ähnlichen Feindes aufzurufen (z.B. Mathias Döpfner). Autoren wie Alexander Ritzmann, Andrea Seibel, Leon de Winter, Walter Laqueur und einige andere betreiben eine vergleichbare Feindbildpflege – meist noch mit einem Schwenk hin zur sog. Israelsolidarität, wie sie auch bei den rechtspopulistischen Bloggern und dem Terroristen von Norwegen auszumachen ist. Welt-Autor Henryk Broder verbindet all diese Elemente mit der ihm eigenen Portion Zynismus, wenn er am 11. August 2011 auf achgut.com meint: „Selten zuvor ist ein Massenmord [Norwegen] so schamlos missbraucht worden [für Kritik an ihm u.a.].“ Dies ist nicht nur eine Verhöhnung der Opfer eines vom Rechtspopulismus inspirierten Attentäters, das grenzt auch an eine Verhöhnung der Opfer von 9/11. Was anderes als Missbrauch liegt vor, wenn ein unaufgeklärter Massenmord zur Legitimation desaströser
Maßnahmen herhält, der nicht nur den Ruf, sondern Menschenleben kostet?
 
Viele offenen Fragen
 
Ungeklärt sind nach wie vor viele schwerwiegende Widersprüche, wie z.B.:
> Warum soll Mohamed Atta sein Testament mit in der Reisetasche geführt haben, die zur Vernichtung bestimmt war?
> Warum stürzte der zweite und weniger schwer getroffene WTC-Turm zuerst ein?
> Wie konnten die Türme in Echtzeit einstürzen – entgegen physikalischer Gesetze?
> Wie konnte ein einziger Gegenstand, (zufällig der Personalausweis eines Terroristen) den Einsturz der Türme unbeschadet überstehen?
> Wieso konnte als drittes Gebäude das 47 Stockwerke hohe Gebäude WTC7 am Abend in sich zusammen sacken, obwohl dieses über 100 m vom eingestürzten Nordturm entfernt war?
> Und warum fiel an diesem Tag erst- und einmalig das doppelte und weltweit sicherste Luftraumüberwachungssystem der USA aus?
 
Dies sind nur einige zentrale Kernfragen eines inzwischen ansehnlichen Katalogs und sie schreien nach einer unabhängigen Untersuchungs-kommission. Aufklärung scheint jedoch nach wie vor unerwünscht, was auch Prominente wie Dario Fo oder Mathieu Kassowitz zu spüren bekommen, etwa wenn sie in Talkshows der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Was für eine Nervosität! Elias Davidsson ist zuzustimmen, wenn er „Das Recht auf Aufklärung“ einfordert. Die Opfer der falschen Schlussfolgerungen und Kriegsrechtfertigungen seither, die vielen Toten im Irak, Afghanistan und Pakistan, hätten echte Rechtsstaatlichkeit verdient. Und wir auch, denn die Bürger sind nicht Nutznießer der neo-kolonialen Kriege: Die Verarmten und Verhetzten in Europa, die ebenfalls ein Produkt dieser menschenverachtenden Politik sind, können sich zu einer unkontrollierbaren Größe der Vernichtung auswachsen. Die Erfolge faschistischer Gruppen in ganz Europa sollten ein deutliches Warnzeichen sein. (PK)


Online-Flyer Nr. 318  vom 07.09.2011

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