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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Sport
Sachsens Frauenfußball startet gut gerüstet ins Abenteuer 1. Bundesliga
Blau-Gelbe Leipzig Lok – Teil 1
Von Bernd J. R. Henke

Noch heute schwärmen Fans des Bundesliga-Aufsteigers Lok Leipzig von der arrivierten WM 2011-Außenverteidigerin im Nationalteam, Babett Peter, deren fußballerische Fertigkeiten im sächsischen Oschatz entdeckt wurden. Im Jahr 2004 entwickelte die damals Siebzehnjährige sich im Blau-Gelben Trikot von Lok Leipzig zu einer bewährten Zweitliga-Spielerin. In der Südstaffel der neu gegründeten 2. Bundesliga spielte sie gegen die zweite Mannschaft vom FFC Frankfurt. Stolz sind die früheren und heutigen Jugendtrainer, denn Babett Peter mauserte sich bei Lok zur B-Junioren-Nationalspielerin. Es blieb nicht aus, dass die Scouts von Potsdams Bernd Schröder auf sie aufmerksam wurden. Babett Peter war nicht zu halten. Schröder übernahm sie, formte sie zur Weltklasse. Manch einer bei Lok träumt von ihrer Rückkehr.


Die Neuen im Kader - von li.: Kathrin Patzke, Anne van Bonn, Lyn Meyer, Florin Wagner,  Jobina Lahr, Gaelle Thalmann, untere Reihe von li.: Vera Homp, Angelina Lübcke, Ann-Katrin Schinkel
Foto: Elisabeth Hohmann
 
Marke mit Konzeption
 
Der aufstrebende Leipziger Frauenfußball dagegen war in der Saison 2004/2005 noch nicht reif für die 2. Bundesliga. Der Abstieg in die Regionalliga Nordost war die Folge. „Das hat sich geändert. Wir sind jetzt in der 1. Bundesliga angekommen. Erfolgreiche U16- und U17-Auswahlspielerinnen finden jetzt eher ihren Weg nach Leipzig. Lok Leipzig wurde mit unserem Frauenabteilung Hauptsponsor, KTOW, zu einer Marke mit Konzeption und Vision, so dass Top-Spielerinnen der ersten Kategorie uns attraktiv finden können“, erklärte der neue Leipziger Sportdirektor Jürgen Brauße. Gemeinsam mit seiner Nachfolgerin in der Trainerverantwortung, der Ex-Hamburgerin Claudia von Lanken, hat er in der Sommerpause den Leipziger Spielerinnenkader um zehn neue Namen verstärkt. Ehrgeizige Spielerinnen zieht es wieder nach Probsthaida. Dort, wo der einzige sächsische Erstligaverein beheimatet ist – Frauen, nicht Männer – die Frauenabteilung des traditionsreichen Männervereins 1.FC Lokomotive Leipzig. Dort, wo jetzt die Arbeit der Mädchen-, Juniorinnen- und Frauentrainer, um den verlässlichen Frank Tresp, Hauptverantwortlicher für Frauen- und Mädchenfußball, herum mit guten Leistungen und vorderen Tabellenplätzen in den Ligen ihre Früchte des Vertrauens zeigen.
 
Aufbaujahre
 
„Als ich vor einigen Jahren hier mit dem Aufbau der Frauenabteilung begonnen habe und irgendwann von der Bundesliga sprach, haben mich viele belächelt. Jetzt haben wir es tatsächlich geschafft. Das ist etwas ganz Großes“, erklärt Frank Tresp. Nicht von ungefähr entschied sich die 16-jährige frisch gebackene deutsche B-Juniorinnen-Meisterin Lyn Meyer vom 1.FFC Turbine Potsdam für den Wechsel zu Lok Leipzig. Die B-Juniorinnen von Potsdam setzten am Saisonende ein klares Ausrufezeichen hinter eine mehr als erfolgreiche Saison. Das Team von Trainer Sven Weigang gewann das Endspiel um die deutsche Meisterschaft und holte den vierten Titel in Folge. „Wir haben uns verdient durchgesetzt, weil wir zum Ende des Spiels noch einmal zulegen konnten. Wir wussten, dass das Finale unser letztes gemeinsames Spiel gewesen ist. Deshalb wollten wir noch einmal unbedingt den Sieg“, sagt Lyn Meyer. „Ich bin auf der Suche nach neuen Aufgaben, möchte einfach etwas anderes machen“, so Lyn, die gegen den VfL Sindelfingen im Endspiel den Treffer zur 2:1-Führung markiert hatte. „In Leipzig kann ich in der Bundesliga spielen.“ Warum die talentierte Spielerin nicht das Gespräch mit Turbine-Trainer Bernd Schröder gesucht hat, kann sie nicht erklären. „Gespräche mit Potsdam gab es keine.“                         


Lyn Meyer(15), U16-Juniorennationalspielerin, wechselte von Turbine Potsdam zu Lok Leipzig
Fotoagentur: Jan Kuppert
 
Schneller Dialog
 
Die Späher von Lok Leipzig waren wohl diesmal schneller. In der Sportstadt Leipzig wird die leidenschaftliche Schwimmerin ihren Realschulabschluss machen und dann eine Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen. „Die Bundesliga wird super spannend. Die Spiele gegen Turbine werden die absoluten Highlights. Der Abschied fällt nicht leicht“, sagt Meyer, die einen Drei-Jahres-Vertrag bei den Sachsen erhielt. Lok Leipzig verfügt mit Sarah Gäbler, Lisa-Maria Weinert und Florin Wagner zudem über eigene viel versprechende U16- und U17-Spielerinnen. Sie alle besuchten Ende Februar einen dreitägigen Sichtungslehrgang der DFB-Trainer Ralf Peter und Anouschka Bernhard. Unter den 45 Teilnehmerinnen befanden sich keine Spielerinnen des Supervereins 1. FFC Frankfurt oder gar des Hessischen Fußballverbandes. Ein absolutes Novum, wenn man bedenkt, dass die hessischen Farben in wohl besseren Zeiten der Jugendförderung eine Weltfußballerin hervorbrachten. Die jüngst demissionierte Birgit Prinz war im Juniorinnen-Alter von 16 Jahren beim FSV Frankfurt bundesligatauglich und kam dabei sehr früh auch international zum Einsatz. Im derzeitigen Aufgebot und Kader der deutschen U 16-Juniorinnen für die Länderspiele gegen Österreich und die Schweiz (18.-25.08.2011) steht mit Patricia Appel eine Lok Leipzig-Spielerin, auch hier findet man keine Spielerinnen aus Hessen oder vom 1. FFC Frankfurt.
 
 
Eigengewächse
 
Leipzigs Eigengewächs, Florin Wagner, erhielt von der neuen Cheftrainerin Claudia von Lanken die Berufung in den endgültigen Kader der Lok-Bundesligamannschaft. Zwei ihrer zukünftigen Teamkolleginnen – Safi Nyembo und Jobina Lahr – spielten im frühen Juniorinnen-Alter beim 1. FFC Frankfurt, dem Stammverein von Birgit Prinz. Im Superverein FFC fanden sie nur wenig Förderung. Safi Nyembo spielte sogar danach noch eine Saison beim FSV Frankfurt, dort wo Birgit Prinz als "Krümel“ - so ihr Kose-Name - begann. Als der FSV Frankfurt abgestiegen war, ein skrupelloser Männer-Vorstand die Frauenabteilung geschlossen hatte, um im Rahmen einer "vorgeschobenen“ Sanierung des Gesamtvereines an die Geldschatulle der Frauenabteilung zu kommen, wechselte die Stürmerin Safi Nyembo vor vier Jahren zu Lok Leipzig. Nyembo entwickelte sich in ihrer Lok-Mannschaft zu einer erfahrenen und zuverlässigen Torjägerin. Sie erzielte in 51 Spielen 33 Tore. Sie blieb bescheiden, was nicht bedeutet, dass ihr Wert nicht wachsen würde. Das Erfolgsgeheimnis von Lok steht in Verbindung mit einer starken Anerkennungskultur im Umfeld: viel Gemeinschaftssinn und Teamgeist in der Frauenabteilung sowie ehrenamtliches Engagement erfahrener Betreuer und Ärzte.


Sportdirektor Jürgen Brauße und Cheftrainerin Claudia von Lanken
Foto: Diana Koppelt, Team Energo East Sport
 
Fördersystem

Lokomotive Leipzig ist immer auf der Suche nach neuen, talentierten Spielerinnen. Auf der Vereinshomepage bietet Lok hierzu für Mädchen und Juniorinnen eine Online-Bewerbung an, mit der sich interessierte Spielerinnen für ein Probetraining bewerben können. Hauptsächlich gesucht werden ganz gezielt Mädchen der Jahrgänge 1996 bis 2000. Bei besonderem Talent wird die Unterbringung im Internat und gleichzeitiger Besuch des Sportgymnasiums bzw. der Sportmittelschule angeboten. Die Leipzig-Power bietet allen etwas. Nicht nur die 1. und 2. Mannschaft zählen, sondern auch die B-Juniorinnen in der Bezirksklasse Leipzig, die C-Juniorinnen in der Kreisliga Leipzig und die D-Juniorinnen in der Kreisklasse Staffel 2.                                                               


Jobina Lahr(13), Verteidigerin, nach Lehrjahren beim FFC Frankfurt und  dem HSV, nun bei Lok Leipzig
Foto: HSV
 
Globetrotter
 
Der Frankfurter Rekordmeister hingegen verzockte sich personell in den dürren Jahren 2008/2009 und 2009/2010, als der FFC sogar einmal nur Vierter der Liga wurde, hatte keine Torjägerinnen mit Instinkt aus seiner Juniorinnenabteilung als Kompensation, als die Torknipserin Conny Pohlers verletzt ausfiel. Die Lösung der Personalprobleme suchte der Superverein 1.FFC Frankfurt in der Regel darin, dass er fertige Spielerinnen abwarb, was manchmal auch nichts brachte, und die hochgelobte Spielerin wieder ging. Eine besondere Kostprobe war der kurze Auftritt der spanischen Globetrotterin Laura del Río García. Im Jahr 2009 wurde Del Rio mit 18 Treffern für den FC Indiana Torschützenkönigin der United Soccer League. Kurz vor Ablauf der Transferfrist im Sommer 2009 unterschrieb sie beim 1. FFC Frankfurt einen Vertrag für die Saison 2009/10. Am 25. Januar 2010 wurde der Vertrag zwischen Del Rio und dem 1. FFC Frankfurt im beiderseitigen Einvernehmen aufgelöst. Sie wechselte im Anschluss in die nordamerikanische WPS zum US Club Boston Breakers. Die vermeintliche "Triple AAA Bonität“ von Del Rio konnte weiter vermarktet werden – ihr bulgarischer Berater gehört zum Vermittler-Kartell. Eine junge deutsche Stürmerin aufzubauen wäre sicher sinnvoller gewesen. Aber in Frankfurt regieren Investoren, der Verein ist eine Hülle, die als Staffage dienlich ist.


Florin Wagner, U16-Juniorin vom Lok-Nachwuchs
Foto: Christoph Lippelt
 
Fertigprodukte
 
Auf Dauer Erfolge zu generieren bedeutet einen ausreichenden Etat zu haben. Nur sollte man auch als finanzstarker Verein mit einer exzellenten Sponsorengruppe nicht die im Verein nachwachsenden Strukturen vernachlässigen und ihre Notwendigkeit unterschätzen. Namhafte Spielerinnen wie "Fertigprodukte“ nachfragen bedeutet wirtschaftlich, dass man Menschen wie Güter leichter einpreisen, vermitteln, tauschen und wieder eintauschen kann – eine Art Handelsware mit Provisionsgarantie für die Berater. Wer erinnert sich noch an die südkoreanische Nationalspielerin Jang-Mi Lee. Nicht von ungefähr wurde die international sehr anerkannte Conny Pohlers vom Rekordmeister 1.FFC Frankfurt zur Konkurrenz in die Autostadt Wolfsburg gelotst, auch die häufigen Wechsel von Alexandra Krieger erfreuten die Berater. Fairerweise sei anzumerken, dass die intelligente Krieger es selber forcierte, denn sie hatte während der WM 2011 im WM-Team der USA feststellen können, dass für sie das Umfeld von Weltklassespielerinnen in Frankfurt förderlicher ist, um ihren hohen sportlichen Level bis Olympia 2012 beibehalten zu können. Ob die jüngst von deutschen Sportjournalisten zur Fußballerin des Jahres gekürte Fatmire Bajramaj nicht schon nächstes Jahr wieder zum nächsten Verein wandern wird, falls sie nicht sportlich die Möglichkeiten erhält, die sie vom Potential her verdient hat, und nach Birgit Prinz Karriereende im vorderen FFC Mittelfeld Verantwortung übernehmen kann, wird sich zeigen müssen. (PK)
 
Fortsetzung folgt in der nächsten NRhZ-Ausgabe


Online-Flyer Nr. 317  vom 31.08.2011

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