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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 23
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Max ist zu Bett gegangen und hat sich zum Schutz gegen Licht und Gequatsche die Decke über die Ohren gezogen.
Frömmich kommt, fein gemacht, aber angetrunken, von einem Besuch bei der Witwe wieder und stänkert laut: „Ah! Unser Herr Student ist schon zur Ruhe gegangen. Er haut seinen Schemel auf die Dielen: „Ihr müßt fein leise sein und seinen Schlummer nicht stören. Er ist eine wichtige Persönlichkeit – bei den Weibern!“
Max zieht sich die Decke fester über die Ohren. Was soll er tun? Frömmich angreifen? Der reine Selbstmord. Und im übrigen: Was kann Frömmich ihm sachlich vorwerfen?
Auch den anderen fällt Frömmichs Aggressivität auf, offenbar ein Ausfluß von Eifersucht. Eifersucht auf Max? Balke zieht die Augenbrauen mißbilligend in die Höhe und Frieda fragt scheinheilig: „Hat er dir das Bett angewärmt?“
„Oder dich aus dem Bett jeschmissen?“ sekundiert Emil boshaft.
Frömmich schnauft wütend: „Dann zerreibe ich ihn zu Staub. Soll bloß nicht denken, daß er was Besseres ist.“
Tünnes scheint ernsthaft zu überlegen, weshalb Frömmich so wütend ist: „Er hat ihm vielleicht in die Schuhe jepinkelt!“ Er lacht selber laut über seinen Witz.
„Dir zeige ich auch gleich, was ’ne Harke ist!“ wendet sich Frömmich gegen ihn.
Max kann unter seiner Decke die Stimmungslage schwer abschätzen und kriecht noch mehr in sich zusammen. Er hat Schiß. Er versteht nicht, warum Frömmich so giftig ist. Weil er gestern bei der Witwe zum Abendbrot war und mit den Frauen gelacht und Witze gemacht hat? Oder weil er der Witwe bei der Abrechnung geholfen hat? Er macht sich so klein wie möglich.
Da Max nicht reagiert, verlieren Frömmichs Bosheiten ihren Reiz und verebben in der Passivität der anderen. Dennoch suchen Max unruhige Gedanken heim, und er kann lange nicht einschlafen.

*

Fliehen! Nach Hause fahren. Der Gedanke an eine Flucht ist Max’ ständiger Begleiter. In Bretzenheim hat er überlegt, wie er den Dreimeterzaun überklettern könnte, auf dem Transport erwogen, ob er den englischen Posten entkommen könnte, und schließlich hier, in Collet-de-Dèze, bedacht, auf welchen Wegen aus dem Gebirge herauszukommen sei.
Eine konkrete Planung hat er dann immer wieder auf­-geschoben, wenn durch eine neue Information, ein neues Gerücht die Heimfahrt näherzurücken schien. Überhaupt haben die Gefangenen immer wieder falschen Versprechun-gen ge­glaubt oder trügerischen Hoffnungen angehangen und sich deshalb geduldet wie eben die Schafe, deren geduldige viele in einen Stall passen.
Max muß noch lernen, daß es nicht nützlich ist, auf Gelegenheiten zu warten, die man nicht vorhersehen kann. Gelegenheiten müssen im Vorbeikommen ergriffen werden.
Eine Flucht will gut vorbereitet sein. Im Lager gibt es keine Erfahrungen oder glaubwürdige Berichte über die Möglichkeiten, sich nach Deutschland durchzuschlagen. Man weiß nicht, wie in Frankreich Straßen und Verkehrslinien überwacht werden. Man kennt die Verkehrsverbindungen kaum und erst recht nicht die Möglichkeiten, sie ohne Geld zu benutzen. Die Art der Grenzsicherungen zwischen Frank-reich und Deutschland und zwischen den Besatzungszonen sind unbekannt. Und der größte Fehler: Deutsche Gründ-lichkeit und Pingeligkeit werden auf französische Verhältnis-se übertragen. Man befindet sich in den Cevennen, durch die eine einzige Hauptstraße von Südwest nach Nordost führt, eine einzige Fernbahnlinie von Süden nach Norden, von Marseille über Nîmes nach Paris. Sie gabelt sich weiter nördlich, in eine Nordroute über Clermont-Ferrand nach Paris und eine andere, nordöstlich verlaufende durchs Rhone-tal über Lyon, Dijon und Straßburg.
Das Gebirge gestattet nicht, die Dörfer und Städte auf Nebenstraßen zu umgehen, und die Fernbahn ist zwanzig Kilometer entfernt und mit einer Schmalspurbahn zu erreichen, die parallel zur Straße und teilweise über schwindel­erregende Viadukte verläuft. Max verflucht sein mangel-haftes Interesse für Geographie auf der Oberschule, obwohl ihm das für eine Flucht aus Frankreich kaum etwas genutzt hätte.
Diese Überlegungen sind nicht das Ergebnis zielgerichteter, systematischer Recherche. Sie entstehen bruchstückhaft, im Verlauf von Wochen und Monaten, fügen sich langsam zu Plänen, werden wieder verworfen, neu aufgegriffen und münden schließlich doch in konkrete Vorbereitungen.

*

Ein warmer, südlicher Dezembertag.
Paule und Max sitzen im Dornröschenschloß im Gras, schauen über das Tal und hängen ihren Gedanken nach. Max überprüft seine Gefühle für Paule, und sie, ihrer eigenen Gefühle sicher, fragt sich wohl, wie tief und zuverlässig seine Gefühle sind und was er im Augenblick denkt.
Max ist voller Zärtlichkeit für Paule und würde sie gerne berühren, aber er weiß, daß ihre Beziehung zu Ende sein wird, wenn er Frankreich verläßt, um nach Hause zu fahren. Und das soll bald sein! Dann möchte er ungebunden sein, frei in Gefühlen, Gedanken und Handlungen.
Paule liebt Max und sehnt sich nach seiner Berührung. Sie verdrängt die Gedanken an eine baldige Trennung. Auf alle Fälle bis dahin möchte sie fühlen und lieben, als ob es kein Ende gäbe.
Paules Rock ist vom angezogenen Knie hochgerutscht und entblößt das Bein. Max legt zögernd seine Rechte auf das Knie, und fürchtet, sie könnte es übelnehmen. Da sie ihn nicht zurückweist, streichelt er spielerisch und zärtlich die Rundung. Paules Herz klopft fast hörbar, sie lächelt Max von der Seite an, schaut dann aber wieder ins Tal. Sie lockert das Bein eine Winzigkeit zu ihm hin. Ihre Gefühle sind aufgewühlt. Ihr ist schwindlig davon. Sie möchte, daß die Hand aufwärtsgleitet, über den langen Weg glatter Haut.
Aber Max fürchtet Paules Verweigerung, die Vertreibung aus dem Paradies, und zögert. Er legt ihr den Arm um die Schulter, zieht sie zu sich heran und küßt ihr den Hals, das Ohr, und als sie sich zu ihm hinwendet, den Mund, der ihm weich entgegenkommt.
Paule hat Mühe, weiter ruhig zu atmen. Erneut kommt ihr Bein seiner Hand ein wenig entgegen. Max mißversteht die Bewegung und zieht seine Hand zurück bis zum Knie. Paule entfährt ein kleiner, unwilliger Seufzer, sie legt ihre Hand auf die seine. Sie küßt Max, streichelt seine Hand und führt sie ganz leise weiter. Max folgt ihr gerne bis an den Rand. Ein paar vorwitzige Härchen kräuseln sich über der blanken Haut. Paule entläßt ihn nicht aus dem langen Kuß.
Jetzt führt er ihre Hand zu seiner Hose, und sie folgt erschrocken und erregt. So sitzen sie lange. Spät gehen sie heim, Hand in Hand und eng beieinander, ganz gefangen von der neu entdeckten, wunderbaren Zweisamkeit.
Wieder ist Weihnachten, wieder steht eine geschmückte Fichte mit Kerzen in der Stube, wieder haben sie sich mit ihren bescheidenen Möglichkeiten ein kleines Festmahl ge­macht: ein Stück Schweinebraten, Weißbrot, Käse, Oliven, eingelegte Feigen, dazu roter Wein und ein Bananenschnaps, den einer aus dem starken Treberschnaps hergestellt hat.
Max denkt an den Anfang seiner Odyssee, an das Lager Bretzenheim und den Schlamm. Er hat das Gefühl – immer noch, oder schon wieder? –, im Schlamm zu stecken. Er will sich daraus befreien, aber der zähe Brei gibt ihn nicht frei. Er will endlich wieder saubere, klare Verhältnisse. Er fühlt sich schuldig und weiß nicht, wofür. Er muß raus aus dieser Misere, zwischen Anfeindungen der Kameraden und der zarten, doch besitzergreifenden Liebe Marie-Paules.
Es wird Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Wieder gehen sie zur Mitternachtsmesse, singen und heulen, tun sich selber leid und trinken auf das Wohl ihrer Lieben, bis der Vorhang fällt.
Nach Weihnachten kommt Silvester. Die Kerzen sind heruntergebrannt, der Baum ist mit bunten Papierbällen behängt, der Tisch mit Konfetti bestreut, das Max mit einem Locher aus alten Akten hergestellt hat. Der glühende Koks in der Karbidtonne verbreitet wohlige Wärme, aus dem Radio ertönt die Musik fröhlicher Feste, Musettewalzer zum Mittanzen. Die Männer sitzen lärmend beisammen.
Frömmich schwenkt sein Glas: „Prosit! Guten Schluck! Ich widme diesen edlen Trank dem Schweinehändler sein’ Untergang. Auf nächstes Jahr in der Heimat.“
Emil spielt Bewunderung: „Ich wußte gar nicht, daß du ’n Dichter bist!“ Er schenkt aus dem fast leeren Krug Cauchons einen Rest Rotwein in die Gläser, Tassen, Feldbecher: „Schon alle? Hier muß doch einer heimlich saufen!“
Skroszny singt: „Wein her, Wein her! Oder ich fall’ um ...!“ Er klackt sein Senfglas gegen Emils Feldbecher und sagt mit schwerer Zunge: „Also, Alter, auf deinen nächsten Geburtstag in der Heimat!“
Emil will es genauer wissen: „In der alten oder in der neuen?“
„Mann! Fang nicht schon wieder damit an! Gestern war gestern und heute ist heute! Sagen wir: in der neuen Heimat, wo immer das sein wird.“
„Na dann prost! Auf deine neuen Kinder!“
„Auf deine Alte und die neuen Kinder!“ Emil stellt den Krug kopf: „Das Traurige ist, daß man nicht weiß, ob’s in der neuen Heimat genug Schnaps gibt, um die alte zu ersäufen.“
„Hat denn nicht jetzt noch jemand ’n Tröster versteckt? Was ist mit deiner Kiste, Frieda?“
„Leer. Absolut leer! Kannste nachsehen.“
Max zögert einen Moment, dann steht er auf und langt nach dem rot-weißen Literkrug, den er bei der Witwe im Schuppen gefunden hatte und mitnehmen durfte: „Hier ist noch ’n bißchen Rotwein.“
„Oh, der Student ist spendabel!“ lobt Emil und langt sich den Krug, um nachzuschenken. „Ist zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber nur ein Lump gibt mehr als er hat. Die Mannschaft dankt!“
Während eingeschenkt und ausgetrunken wird, hat Fröm-mich eine Erleuchtung: „Max! Wir sind doch dem Schweinehändler noch was schuldig!“
Max schnallt nicht gleich, was gemeint ist: „Was denn schuldig?“
„Auge um Auge, Zahn um Zahn! Er hat uns beschissen, jetzt bescheißen wir ihn!“
„Na und?“ Max’ Phantasie schlummert schon.
Frömmich wendet sich an Tünnes: „Wo hast du denn diesen schönen blauen Milcheimer?“
Tünnes weiß nicht, was Frömmich vorhat: „Wo schon. In der Ecke neben dem Herd.“
Frömmich steht auf, holt den Eimer und schlenkert ihn durch die Gegend.
Max: „Und was jetzt?“
„Wir besuchen den Schweinehändler!“
Max ist wie vernagelt und seine Gefühle gegenüber Frömmich sind zwiespältig: „Mitten in der Nacht?!“
„Am Tage wird er uns nicht empfangen – in seinem Weinkeller!“
Skroszny grinst: „Wenn ihr schön viel Krach macht, kriegt er vielleicht Angst.“
Frömmich gibt sich kriegerisch: „Dann hauen wir ihm den Arsch voll!“
Skroszny stimmt ein: „Mit ’nem schönen dicken Knüppel!“
„Wenn er nicht mit der Flinte kommt!“
„Hat er denn eine?“
„Die haben hier alle ’ne Flinte.“
„Ach was! Auf in den Krieg! Na, was ist, Max?“ Und als Max zögert: „Haste Schiß?“
Hein Skroszny wuchtet sich hoch und packt Frömmich am Arm: „Ich geh’ mit!“, und schiebt ihn in Richtung Tür.
Frömmich schüttelt den Arm ab, geht aber mit zur Tür, die anderen drängen nach, um zu sehen, wie der Feldzug beginnt.
Max hält sich zurück, und im Vorübergehen streift ihn der eine oder andere spöttische oder verächtliche Blick.
„Jetzt schleichen wir wie die Indianer!“ weist Frömmich an.
„Jawoll!“ bekräftigt Skroszny und stolpert mit Radau über die Türschwelle.
Die anderen rufen sich gegenseitig zur Ordnung und lauschen in die Nacht, um neben ferner Musik, weinseligem Gesang und diffusen Stimmen eventuell etwas zu hören, was von Widerstand, unglücklichen Zufällen oder Verfolgung ihres Stoßtrupps künden könnte. Aber nichts dergleichen läßt sich vernehmen. Es scheint endlos lange zu dauern und sie müssen immer wieder aufkommendes Gebrabbel unter-drücken.
Schließlich kommen aber die beiden, etwas außer Atem, mit einem randvollen Eimer Rotwein hereingestolpert und berichteten triumphierend von ihrer Expedition: „Voilà! Der Abend ist gerettet!“ – „War kinderleicht!“ – „Ja, bloß die Kellerluke ist man sehre eng.“ – „Ich bin drinnen über so ’ne alte Blechwanne gestolpert und dachte schon, das ganze Haus wird wach.“ – „Da sind drei oder vier Fässer Wein ...“
Die Euphorie teilt sich der Runde mit: „Das wird ja reichen für heute abend!“ – „Los, schenk schon ein ...!“ – „Laß sie doch erst mal erzählen!“
„Also drei oder vier Hundertliterfässer sind da ...“ – „Ich glaube viere.“ – „Spielt doch jetzt keine Rolle! Und wir mußten eins davon erst mal auf einen Bock wuchten, damit wir den Eimer unters Spundloch halten konnten.“ – „War gar nicht so einfach. Wir mußten es dann auch so drehen, daß der Wein herauskleckert. Und weil das Faß voll war und sich nicht so leicht drehen ließ, kam der Wein, ehe wir den Eimer darunter kriegten.“ – „Ging ’n bißchen was daneben.“ – „Ach, scheiß drauf! Jedenfalls hatten wir den Eimer voll und wollten gerade wieder raus, durch die Luke, da kam oben jemand die Treppe runter. Wir dachten: Jetzt hat er uns am Arsch! Was sollten wir machen? Schnell noch raus aus der Luke? Aber vielleicht kam er auf den Hof. Na ja. Haben wir uns neben der Tür an die Wand gedrückt, damit er uns nicht gleich sieht, wenn er die Tür aufmacht.“ – „Und ich mußte niesen, weil wir den Kellerstaub aufgewirbelt hatten!“
Skroszny kann sich nicht verkneifen zu sagen: „Du wirbelst doch sonst auch genug Staub auf“, und erntet dafür von Frömmich einen schiefen Blick.
„Jedenfalls hätte er sowieso das Geplemper gesehen!“ – „Weißt du doch nicht! Vielleicht hatte er bloß ein Funzelchen Licht?“ – „Ist auch egal: Er kam gar nicht runter, sondern ging raus um die Ecke zum Misthaufen, um zu pinkeln!“ – „Und dann ist er die Treppe wieder hoch. Da haben wir aber zugesehn, daß wir raus und über den Hof kamen!“
„Für die nächsten Stoßtrupp noch: Es ist das dritte Fenster von rechts, und das angestochene Faß liegt auf einem Bock links neben der Tür. Wenn die Tür aufgeht, liegt es dahinter. Paßt auf, daß ihr nicht über die Wanne stolpert!“
„Genug geredet! Schenkt ein. Auf die erfolgreichen Stoßtruppler! Prost!“
Inzwischen schließen sich immer mehr Gäste aus der großen Stube dem Gelage an, genug Wein ist da, und doch – er wird bald wieder alle.
„Wer geht als nächster?“
Max sagt sich: Wenn die nächsten gehen, wird wieder etwas Krach gemacht, sie sind wieder etwas mehr besoffen als die ersten, und jedes Mal kann einer Pech haben und auffallen. Die Kiste wird immer gefährlicher. Dann lieber gleich! „Los, Bodo! Wir gehen als nächste!“ fordert er Schmude auf und greift sich den Eimer. Schmude hat seine Hemmungen, wenn er welche hatte, schon weggeschwemmt. Max muß ihn nicht lange überreden: Er setzt seine Mütze auf und stürzt, Kopf voran, wie zum Angriff los.
Vor der Tür warten sie eine halbe Minute, damit sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Hinter ihnen ertönt wieder das lustige Geschrei der feiernden Kumpel, das verdächtige Geräusche verdeckt. Vor ihnen liegt das Haus des Schweinehändlers im Dunkel. Kein Licht zu sehen! Ist das gut oder schlecht? Zum Glück hat er keinen Hund! Der Zaun besteht aus Flechtwerk, Kastanienknüppeln, einer alten Stalltür, verrosteten Blechschildern, sogar einer alten Koch­maschine, und er hat genügend Scharten und Lö­cher, um bequem hindurchsteigen zu können. Man muß nur aufpassen, daß nichts davon umfällt und das Blech nicht schep­pert.
Sie kommen ohne Probleme über den Zaun und huschen im Schatten des Stalls bis an das Wohnhaus. Max schlägt im Laufen mit dem Bein gegen den Eimer, der ein häßliches Scheppern von sich gibt.
Bodo Schmude fährt der Schreck durchs Gebein: „Paß doch auf, Mensch!“ zischt er Max zu. Aber niemand hat das Geräusch gehört.
Die Kellerluke ist nur angelehnt, Max schiebt sie auf und steigt hinein. Während seine Beine Halt suchen, beschimpft er sich selber: „Du dämlicher Hund!“, weil er die anderen nicht gefragt hat, wie hoch die Luke liegt. Währenddessen findet er aber schon festen Boden und kann ganz hineinsteigen, sich den Eimer reichen lassen und Schmude hereinhelfen. „Geschafft!“
„Ja. Rein geschafft. Wenn wir’s raus geschafft haben, können wir jubeln!“
Max entzündet ein Streichholz, das für kurze Zeit die Kellerwände aus dem Dunkel hervorzaubert. Flüchtig sehen sie verstaubte Gerätschaften, Hacken, eine Rebschere, eine Hucke, einen Holztrog, ein altes Fahrrad, eine Fruchtpresse, Dinge, die offensichtlich wenig benutzt werden. Das Streich­holz erlischt, Max entzündet ein zweites und drängelt: „Los, komm schon!“ Er versucht, das Faß zu drehen. „Das geht verdammt schwer!“
Schmude faßt mit an: „Stell den Eimer darunter!“ Zu zweit gelingt es ihnen, das Faß ruckweise umzudrehen. Dabei gerät eine Bewegung zu heftig, und Wein plantscht auf die Erde.
Max schimpft: „Paß auf, Mensch!“, und meint sowohl sich selber als auch Schmude. Dann hört man Wein in den Eimer schwappen. Max hält einen Finger über den Rand in den Eimer, um zu fühlen, wann er voll ist: „Genug! Schluß!“ Sie drehen das Spundloch wieder nach oben, Max verspundet das Faß und schleicht mit vollem Eimer zur Kellerluke. Schmude reißt inzwischen ein weiteres Streichholz an: „Laß noch mal sehen, wat hier sonst noch so ist.“ Aus dem Dunkel erscheint ein Regal, auf dem kleine runde, harte Ziegenkäse liegen. Schmude riecht an einem: „Ziegenkäse!“, und stopft sich welche in die Tasche. Max möchte den Beutezug beendet wissen: „Laß liegen!“
„Wieso denn? Zum Trinken muß man ooch wat essen.“ Er entzündet noch ein Streichholz.
Max schimpft: „Verdammt noch mal! Ich hau allein ab, wenn du weiter rumtrödelst!“
An einem Gestell hängen flache Schinken, vermutlich auch von der Ziege. Auch sie sind hart und sehen im flüchtigen Schein des Streichholzes absolut schwarz aus. „Noch wat zum Kauen!“ Schmude schiebt sich einen Schinken unter sein Hemd. „Jetzt bin ick bereit.“
Max an der Kellerluke drängelt: „Los, raus! Ich reiche dir den Eimer und komme nach.“
Bodo Schmude hat zunächst Schwierigkeiten, durch die enge Luke zu kommen. Er hat durch Schinken und Käse zugenommen und muß den gewachsenen Umfang erst zurechtrücken. Während Max ihn nach draußen schiebt, hören sie laut eine Tür klappen. Hastig reicht Max den Wein hinaus: „Los! Hau schon ab!“, und während Schmude schon lostrabt, windet sich auch Max hinaus, hastet auf den Zaun zu und drängt sich hindurch. Er ist gerade auf der anderen Seite, als im Hof das Licht angeht.
Das Treiben in ihrer Bude ist inzwischen bacchanalisch geworden. Emil steht nackt auf dem Tisch und tanzt einen grotesken Tanz. Die anderen schlagen dazu mit den Fäusten den Takt und grölen, Sigi als Vorsänger: „Frau Wirtin hatt’ auch einen Schmied, der hatt’ ein ganz gewaltig Glied. Um dieses zu beweisen, legt’ er es auf den Schienenstrang und ließ den Zug entglei-hei-sen!“
Max und Schmude werden mit Hurrageschrei empfangen. Emil klettert vom Tisch und zieht seine Hosen an, Schmude berichtet von ihren Heldentaten: „Um ein Haar hätte er uns erwischt! Er hat schon im Hof Licht gemacht, als wir gerade über den Zaun kamen.“
Max ist wütend: „Ja, weil du Arsch noch an dem Käse und dem Schinken rumfummeln mußtest!“
Schmude denkt jetzt erst an seine Beute: „Hat et sich etwa nich jelohnt?“ Er zerrt den Schinken aus der Bluse und die Käse aus der Hosentasche und haut sie auf den Tisch: „Da! Wat zum Präpeln!“
Der Wein wird eingeschenkt, Tünnes riecht an dem Käse und sagt: „Stinkscheiben!“ Robert klopft mit einem Käse auf die Tischplatte: „Damit kannste ja Nägel einschlagen.“ Emil beißt mit Mühe ein Stück ab: „Jetzt weiß ich unjefähr, wie den Nordpolfahrern ihre Schuhsohlen schmecken ... Aber wenn du den an ’n Kopp krichst, gehste k. o.“ Er wirft den Käse auf Skroszny, der wirft zurück, andere beteiligen sich an einer Schlacht mit Ziegenkäsen: „Da hast du! Au, verflucht! Mensch, die sind ja wie Steine ...!“ Robert wirft jetzt auch mit dem Schinken, Frieda Külow schreit: „Bist du blöde? Damit kannst du doch jemanden umbringen!“
Bodo schwenkt seine randvolle Konservendose und wieder­holt den Trinkspruch: „Wir widmen diesen edlen Trank dem Schweinehändler sein’ Untergang!“
„Au weia!“ stöhnt Max, aber Bodo verteidigt sich: „Was willste? Das reimt sich doch.“
Inzwischen haben sich Frieda und Reinhard Balke mit dem leeren Eimer wieder auf den Weg gemacht, nicht mehr ganz so geräuschlos wie ihre Vorgänger, und kommen, den vollen Eimer schlenkernd, lachend zurück.
„Mann!“, Frieda haut sich auf die Schenkel, „da wollte doch der Reinhard das ganze Faß durch die Kellerluke stemmen! Und Cauchon hat den Krach gehört und wollte in den Keller, aber Reinhard hat ihm Keile angedroht, wenn er nicht wieder abhaut!“
„Na denn: Prost! Ich bin schon ganz ausgetrocknet.“
Plötzlich läßt sich Emil auf seine Pritsche fallen und beginnt laut zu stöhnen: „Au weih, mein Bauch! Mein Leib! Meine Innereien! ... Tut das weh! Der Käse war vergiftet. Was habe ich für Krämpfe!“
Die anderen halten erschrocken inne und fürchten, es handle sich um ernsthafte Symptome.
Tünnes sagt, halb besorgt und halb provozierend: „Vielleicht is wat Rattenjift drin! Die sin bloß als Rattenköder jedacht ...“
Schmude ist erschrocken: „Aber dann würde sie der Schweinehändler doch nicht auf dem Regal aufbewahren!?“
Tünnes provoziert weiter: „Wieso nicht? Ist doch sein Keller. Wat haben wir denn darin zu suchen?!“
Robert warnt ängstlich: „Eßt bloß den Schinken nicht! Der ist sicher auch vergiftet!“
Schmelzer ist mit hilfreichen Ratschlägen bei der Hand: „Heiße Milch trinken und den Finger in den Hals und richtig kotzen!“
Frieda betrachtet ihn wie einen Idioten: „Wo gibt’s denn heiße Milch? Das habt ihr von eurer Verfressenheit!“
Skroszny beobachtet Emil, dessen Mundwinkel verräterisch zucken, und sagt: „Da hilft nur eins: operieren! Die vergifteten Organe rausschneiden! Robert, hol mal ’n Messer aus der Küche!“
Er packt Emil unter den Armen und fordert Schmude auf: „Pack mal mit an! Und wuchtet den jetzt lachenden Emil: „Hihi, ich bin kitzlig!“, auf den Tisch.
Alle sind betrunken und zu fast jedem Blödsinn bereit.
Sigi kommt mit einem großen Brotmesser und reicht es Skroszny. Der nestelt Emil die Hose auf. Emil fährt plötzlich hoch: „Laß ja mein Männeken in Ruhe, ja?!“
Skroszny drückt ihn zurück: „Keine Aufregung! Das ver­schlimmert die Koliken.“ Er beginnt, Emils Bauch abzutasten: „Aha! Überall dickfellig. Säuferleber. Milz sowieso im Arsch.“ Emil tut erschrocken und faßt sich an den Hintern. Skroszny fährt fort: „Der ganze Kerl ist nur noch Arsch. Ein großer Scheißer!“ Er kitzelt Emil plötzlich, der beherrscht sich aber und gluckst nur ein paar Mal. Skroszny schüttelt den Kopf und sagt bedenklich: „Äußerst unempfindlich, schon ein halber Leichnam. Vielleicht ist er zu retten, wenn das faule Fleisch weggeschnitten wird. Bleibt zwar nicht viel übrig, aber so verfault er völlig.“
Er setzt das Brotmesser an: „Na, soll ich? Liegt das Ein­verständnis der nächsten Angehörigen vor?“ Er schaut in die Runde.
Schmelzer sagt weihevoll: „Wir stiften dir einen Kranz.“
Jetzt entsteht ein echter Konflikt zwischen Emil und Skroszny. Emil hat nicht rechtzeitig den Ausstieg aus seiner Farce gefunden, Skroszny fordert heraus, wie lange er seine Verstellung beibehält, und setzt auf Emils Quatsch einen noch größeren drauf. Emil muß klein beigeben oder aber ausreizen, wie weit Skroszny gehen will.
Das ist die Atmosphäre dummer Provokationen, Riva­litäten und Wettkämpfe, in denen es nur noch um Recht­haberei, falschen Ehrgeiz oder Vergeltungsdrang geht. Vor allem jenes pubertäre „Du traust dich nicht!“, irgendeinen lebensgefährlichen Unsinn zu machen. Die Grenze zwischen Blödsinn und Kriminalität ist nicht selten hauchdünn.
Das „Wie weit geht er?“ spukt in Emils Kopf und die Frage „Wer gibt zuerst nach?“. Und dann sagt er dieses dämliche „Du traust dich nicht!“.
Skroszny zögert. Noch wirkt die anerzogene Hemmung. Er will Zeit gewinnen: „Ich trau mich nicht?“ Er drückt die Messerspitze leicht in den Bauch, der weich nachgibt.
Tünnes versucht abzuschätzen, wie ernst das Renommier­gehabe schon ist. Scheinbar sachlich kommentiert er: „Auf dem Messer kannst du ja reiten! Mit meinem Fleischmesser wärst du schon drin.“
Sigi hetzt ein bißchen: „Blut woll ’n wir sehen!“
Schmelzer: „Du traust dich nicht!“
Die anderen haben sich um den Tisch zusammengerottet, erwartungsvolle Stille tritt ein.
Skroszny sieht seinen Ruf als harter Kerl gefährdet und will Ernst machen: „Du bist selber schuld! Ihr habt’s gehört.“ Und er verstärkt langsam, aber stetig den Druck auf das Messer. Die Bauchdecke ist schon tief eingedrückt, ein Tröpfchen Blut quillt aus der Haut.
Da ergreift Frömmich die Hand mit dem Messer und drückt sie beiseite: „Ihr seid wirklich so blöde, euch selber umzubringen“, sagt er verächtlich.
Er will Skroszny das Messer entwinden, aber der läßt es nicht los.
Sie ringen miteinander. Emil rutscht vom Tisch und zieht sich die Hose hoch. Die makabre Spannung hat sich gelöst, jetzt wollen auch die anderen den Streit beigelegt sehen.
Tünnes: „Hört doch schon auf! Das ist doch kindisch.“
Plötzlich stößt Frömmich mit dem Knie Skroszny in den Unterleib, so daß der sich zusammenkrümmt und das Messer fallen läßt. Max rafft es beiseite.
Frömmich und Skroszny starren sich an. Schließlich wendet Frömmich sich ab, Skroszny sagt ihm hinterher: „Faschist!“
Frömmich fährt wieder herum, und es sieht so aus, als ob sie sich an die Kehle wollten, aber Tünnes vermag den Konflikt zu entschärfen: „Nu laßt et jut sinn! Ihr habt alle einen sitzen und jenuch jetobt. Et is spät, wir haben sowieso zu viel Krach jemacht, und morjen isset Sonntach, da habt ihr so viel Zeit, euch zu kloppen, wie ihr wollt.“
„Nö nö!“ ruft Reinhard Balke, „so gehen wir nicht auseinander! Erst mal den Rest noch eingeschenkt, und dann gehen Frieda und ich noch einen Eimer holen! Los, komm, Frieda!“ Er verteilt den Rest des Weins, ergreift den Eimer und zerrt Frieda hoch und zur Tür hinaus.
Die anderen setzen sich wieder, einige verdrücken sich, um schlafen zu gehen, Frömmich und Skroszny tun so, als ob sie sich gar nicht kennen.

*

Irgendwann, mit einem letzten Rest von Bewußtsein, verläßt Max das ‚Fest‘.
Um ihn her dreht sich alles, aber er versucht, aufrecht zu gehen, so gut es geht. Die Nacht ist sternklar und kühl, das tut seinem Ölkopp gut. Er atmet tief durch und schlendert durchs Dorf in Richtung zu Paule. Zwei Betrunkene begegnen ihm auf gemeinsamem Schlingerkurs, in einem Haus ist noch Licht und man hört fröhliches Stimmengewirr. Ein Hund schlägt an und legt sich bald wieder nieder.
Dann steht Max am Zaun bei Paule und starrt auf das dunkle Haus. Er horcht auf das leise Glucken der Hühner, auf den Schrei eines Nachtvogels. Ihn fröstelt. Er zieht seine Jacke zusammen.
Unentschlossen tritt er von einem Bein auf das andere, schließlich wendet er sich zum Gehen, die Füße leise auf­setzend.  (PK)

Lesen Sie die Fortsetzung des biografischen Romans in der kommenden Ausgabe, oder - bequemer - bestellen Sie das Buch bei edition winterwork

max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 316  vom 24.08.2011

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