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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 21
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Der Vorfrühlingstag ist hell und sonnig, das junge Grün leuchtend, die Farben scheinen frisch gewaschen zu sein.
Madame Lacombe hat einen kleinen Kramladen, der auf dem wenige Meter breiten Felsstreifen zwischen Straße und Abhang balanciert. Unterhalb dessen trägt der Felsen auf drei Terrassenfalten den Boden für ein Gärtchen mit einer kleinen Laube unter Weinspalieren, einem Feigen- und zwei Maulbeerbäumen.
Max arbeitet auf der untersten Terrasse, unterhalb des Läubchens. Er ist dabei, das Gärtchen umzugraben, ein paar Steine zu befestigen und etwas herabgespülte Erde wieder aufzubringen.
Germaine sitzt auf der Terrasse und stopft dicke Socken, die im Winter in den Holzpantinen getragen werden. Sie unterhält sich ungezwungen mit Max, wobei sie einzelne Worte in Deutsch versucht, während Max sich bemüht, seine immer noch dünnen Kenntnisse des Französischen zusammenzukratzen. So plätschert das Gespräch sachte dahin: „Vous rentrez bientôt à la maison, monsieur Max? Sie fahren bald nach Hause?“
„Comment? À la maison, in die Rattenburg?“
„Nein, nein. Nicht au logement. Nach ... Allemagne. Deutschland ...“
„Ah, das. Ich weiß nicht. Je ne sais pas. Ich hoffe, j’espère ... bientôt. Aber du mußt nicht Monsieur zu mir sagen. Ich bin einfach Max. Comprends?“
Sie schüttelt den Kopf: „Was nicht, monsieur Max“?
„Non! Nicht ‚monsieur Max‘. Ich heiße nur ‚Max‘. Je m’appelle seulement ‚Max‘.
Sie freut sich: „Ah, oui! ‚Max‘, monsieur Max. Où habitent tes parents?“
„Habitent?“
„Resider. Loger. La ville ou la campagne?“
„Du meinst wohnen. Bei Berlin – près du Berlin. Nicht ganz Stadt, nicht ganz Dorf. Vorort! Autour.“ Er deutet einen Ring um die Stadt an.
„Vous voulez dire en banlieue. Aus ... Stadt.“
„Vorstadt“, versteht Max und nickt: „Oui oui!“
„Tous les deux?“ Sie zeigt mit den Fingern: „Zwei?“
Max zeigt drei Finger: „Drei. Trois!“ Und auf Germaines verdutztes Gesicht hin: „Eine kleine Schwester. Il y a une sœur. Très petite.“ Er zeigt mit der Hand, wie klein sie noch ist, vermutlich. Denn er hat sie noch nie gesehen.
Germaine freut sich: „C’est jolie! J’ai seulement ma mère. Ich abe nur ein Mutter. Mais elle est très, très gentille! Sehr ... lieb. Mon père ... comprends ‚père‘?“
„Natürlich, ‚Vater‘.“
„Alors, mon Vater hat un accident“, sie deutet an, daß ihr etwas auf den Kopf fällt, Max nickt: „Un accident – ein Unfall.“
„Oui, Unfall – accident, dans la mine. Ich noch drei Jahr.“
„Du warst erst drei Jahre. Tu n’avais que trois ans ... Das ist traurig. C’est triste.“
Sie schüttelt den traurigen Gedanken ab und überlegt: „Tu as une amie chez toi? Tu as ain amie ...“
„Freundin“, hilft Max.
„Oui, amie – ou bien-aimée. Sehr gut amie?“
Max lächelt über ihre Neugier: „Nein. Keine amie. Keine Freundin. Keine Zeit – pas du temps. École – Soldat – Prisonnier, pas du temps für une amie.“
„Le temps que tu es ici, je pourrai être ton amie. Ich – dein Freundin.“
Max freut sich: „Das wär’ fein! C’était bon.“
Aber Germaine kommen doch Zweifel: „Mais, das geht nich. Les gens vont bavarder. Sie ...“, sie macht mit der Hand das Schnattern nach, „sie red’ viel.“
Max sieht eine Lösung: „Ich komme oft hier arbeiten. Je viendrais travailler ici, und wir können reden. Nous ... parler. Aber deine Mutter, ta mère?“
„Tu es aussi l’ami de ma mère. Du auch Freund meine Mutter. Compris?“
Neben der Laube steht noch vom letzten Sommer eine hohe silbrig-trockene Distel. Germaine pflückt die Kletten und bewirft Max damit.
„He! Laß das sein!“ weist er sie zurecht.
Sie lacht und bewirft ihn von neuem.
„Paß auf! Wenn ich dich erwische, gibt’s was!“ droht er ihr, wenn auch nicht ernsthaft.
Schließlich landen ein paar Kletten in seinen Haaren, er wirft den Spaten hin und versucht sie zu fangen. Sie flüchtet zur steinernen Treppe hin, um nicht in die Enge getrieben zu werden, bedenkt aber nicht, daß Max die Treppe nicht braucht, um nach oben zu gelangen. Er findet einen Absatz in der Mauer und zieht sich im Nu auf die obere Terrasse, um ihr den Weg abzuschneiden. Er fängt sie und hält sie fest. Sie will sich losreißen, versucht es aber nicht allzu sehr, denn sie fühlt sich wohl in seinen Armen. Zuerst will er ihr auch eine Klette ins Haar reiben, hält aber vorher inne, weil es ihm um die schönen blonden Haare leid tut. Sie hält still. Sie ist noch ein kleines Mädchen, erst zwölf Jahre alt, aber sie ist auf dem Wege, eine junge Frau zu werden.
Max spürt eine Welle von Zärtlichkeit, die ihn erschreckt, weil sie nicht nur Sympathie für das Kind ist. Auch Germaine lehnt sich enger an ihn als nötig.
Erlöst werden sie aus der Situation durch Madame Lacombe, die das Lachen und Albern gehört, dem Spiel der beiden eine Minute lang zugesehen und sich an ihrer Ausgelassenheit gefreut hat. Aber sie merkt auch, daß hier auch andere als freundlich-kindliche Gefühle eine Rolle spielen, und tritt jetzt an das Mäuerchen, das das Haus vom Abhang trennt, und ruft hinab, nicht allzu streng: „Monsieur Max! Ne me faites pas de souci! Machen Sie mir keinen Kummer!“
Max schaut verwirrt nach oben und läßt Germaine los, die wieder in ihr Läubchen läuft, und besinnt sich auf sich selbst: „Aber nicht doch, Madame! Das sind nur Albernheiten. Sottises!“ Aber er beschließt, in Zukunft vorsichtiger zu sein.

*

Max ist dabei, ein Spielzeugauto zusammenzubauen, der Obersteiger will eins für seinen Sohn und will es auch bezahlen.
Frömmich kommt fein gemacht in die Stube und schmeißt seine Mütze aufs Bett: „Wie man hört, raspelst du Süßholz bei Minderjährigen!“
Max versteht Bahnhof: „Wie kommste denn darauf?“
„Die Witwe hat sich bei mir beschwert, daß du mit Germaine was anfängst“
Max lächelt beim Gedanken an Germaine, hält aber Frömmichs Anschuldigung für Blödsinn, weil er nicht im Traum an eine Liebelei mit Germaine denkt. Außerdem ist Madame Lacombe sehr freundlich zu ihm und hat ihm nur scherzhaft ihre Besorgnis signalisiert. „Das ist doch Blödsinn! Germaine ist, glaube ich, ein bißchen verliebt in mich, wir mögen uns. Aber ich habe doch nichts im Sinn mit Kindern!“
Skroszny stichelt: „In Ermanglung beß’rer Spoise friß der Teufel Fledermäuse. Und die Kleine sieht doch ganz süß aus.“ Er reizt Max und Frömmich weiter: „Ich habe auch schon daran gedacht. In der Türkei wäre sie längst verheiratet.“
Frömmich versteht in der Sache keinen Spaß: „Ich sage euch: Wenn sich einer an der die Finger abwischt, bringe ich ihn um!“ Er wendet sich zu Max: „Übrigens, mach nicht etwa die Witwe an! Das ist besetztes Territorium, verstanden?“
In Max hat niemals dieser Gedanke gekeimt, aber er kann jetzt nicht einfach nicken, wenn er sich nicht selber als Waschlappen fühlen will: „Du hast ja Alpträume, Heinz. Du bist ja krank!“
Das ist hart an der Grenze.
Frömmich hält in der Bewegung inne und fixiert Max mit einem schrägen Blick. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als ob er auf ihn losgehen würde. Dann aber zieht er sich weiter aus: „Die Madame scheint was für dich übrigzuhaben. Aber ich habe dich gewarnt!“
Max verteidigt sich trotzig: „Bei ihr zu arbeiten wirst du mir wohl nicht verbieten wollen.“
Frömmich sagt, schon abgewendet: „Hauptsache, es bleibt dabei.“

*

Der Simca steht fahrfertig vor der Werkstatt, immer noch in schönem Mennigerot. Monsieur Cauchon, der Schweine­händler, betrachtet das Auto von allen Seiten, Frömmich und Max beobachten ihn, er ist offenbar sehr befriedigt.
Frömmich streicht liebevoll über die Motorhaube und sagt, mehr zu Max als zu Cauchon: „Hier werden wir schön spachteln und schleifen, bevor wir lackieren, dann wird das ein Museumsstück. Am schönsten wäre silbergrau, wenn Cauchon die Farbe besorgen kann.“
Er wendet sich an den Schweinehändler: „Monsieur Cauchon, que croyez-vous comme peinture? Je vous propose un gris argenté.“
Cauchon tut erstaunt: „Comme peinture? Mais c’est parfait comme ça!“
Frömmich ist entrüstet über so viel Banausentum: „Mais non, monsieur! Das ist nur der Vorstrich, die Grundierung, äh ... le fond. Il faut la finir, parfaire! Da muß noch ein ordentlicher Lack drauf. Und wenn sie noch neue, verchromte Scheinwerferringe besorgen könnten ... Äh, ce trucs ici ...“, er zeigt auf die Scheinwerferringe, um nicht mißverstanden zu werden, „il faudrait les changer ... Was heißt denn Ringe“, fragt er Max. „Bague?“
„‚Bague‘ ist ein Fingerring. Sonst ‚anneau‘, glaub’ ich.“
„Changer les anneaux du chrome“, sagt er nochmals zu Cauchon.
Der will aber gar keine weiteren Vorschläge und winkt ab: „Non, non! C’est très bien comme ça. Je vous remercie! Vous êtes un mechanicien supérieux! On va payer.“ Er watschelt zu seinem kleinen Lieferwagen.
Jetzt müßte das gute, große Geld kommen, denken Frömmich und Max im Bewußtsein, hervorragende Arbeit geleistet zu haben. Und das wird für Cauchon immer noch sehr billig.
Der Schweinehändler zerrt eine Zehnliter-Weinkruke aus seinem Auto und einen in Zeitungspapier eingewickelten Schinken. „C’est pour vous!“ sagt er gönnerhaft. „Un vin merveilleux, de mon vignier à St-Cyprien, et un bon jambon, un jambon délicieux, je vous jure ...“ Er redet wie ein Wasserfall, um Einwände zu ersticken, und Frömmich kann nur zwischendurch ein paar Worte anbringen: „Merci, monsieur Cauchon, mais ... vous avez dit que ... vous donnerez mille francs ..., natürlich wenn er lackiert ist, tausend Francs waren ausgemacht. Das war versprochen!“
Cauchon tut höchst erstaunt: „Mille francs? De quoi parlez vous?“ Er deutet auf Wein und Schinken: „Et ça? Ce n’est pas comme l’argent comptant? Aux moins cinq cent francs, je vous jure!“ Weiterredend zwängt er sich mühevoll in den Sportwagen und läßt den Motor an, der sofort anspringt.
Frömmich belegt ihn wütend: „Das ist Betrug! Sie sind ein Betrüger! Vous êtes un trompeur, monsieur Cauchon! Schweinehund, verfluchter ...“ Aber die Flüche gehen unter im Knattern des Motors, als Cauchon Gas gibt und das Auto mit einem Satz davonschießt.
„Hoffentlich bricht er sich das Genick damit!“ Frömmich gibt dem Schinken einen Tritt, aber Max rettet ihn und wischt ihn ab: „He, Mann! Der kann doch nichts dafür.“
„In Ste-Cécile wollten sie ihm die Karre überhaupt nicht mehr reparieren, und tausend Francs wären geschenkt gewesen! Aber selbst darum bescheißt er uns. Mistbolzen!“
„Jetzt wird mir klar, warum sie im Dorf den Schweinehändler alle nicht leiden können. Wir müssen ihm irgendeinen Streich spielen!“
„Da fällt uns schon noch was ein“, versichert Frömmich grimmig.

*

Der Schweinehändler ist auch der größte Kastanienhändler in Collet-de-Dèze. Sein Holzschuppen am Ende des Dorfes liegt an der Straße, bequem mit Fahrzeugen erreichbar, aber auch jedem Passanten sichtbar. Hinter der Rückwand springt das Gelände unregelmäßig zum Fluß hinab, so daß man von dort aus eigentlich nicht an den Schuppen herankommt. Eigentlich – aber wenn man beispielsweise einen alten Sägebock findet, den man als Trittleiter verwenden kann, sieht die Sache schon anders aus.
Frömmich und Max kommen, als die Dunkelheit schon eine Stunde alt ist. Frömmich hat ein Brecheisen mitgebracht, mit dem er ein Brett der Rückwand lockert. Die Nägel sind vom Rost zerfressen, die Bretter verwittert, sie lassen sich ziemlich leicht losbrechen. Das Brett knarrt ein wenig, die Nägel quietschen, aber Frömmich arbeitet vorsichtig. Max steht unten mit zwei Säcken. Seine Position unterhalb des Schuppens ist günstig, er kann seinen Sack direkt unter die entstehende Öffnung halten. Frömmich hat das untere Ende des Bretts gelockert und zieht es jetzt vorsichtig von der Wand ab. Es federt, weil es oben noch angenagelt ist. Innen sind die Kastanien auf einem großen Haufen gegen die Wand geschüttet, sie rutschen sofort nach, als das Brett sich löst, und kollern heraus, direkt in den offenen Sack.
„Paß auf, daß nicht zu viele kommen!“ sagt Max leise. „Die kann ich nicht auffangen.“
„Das ist nicht so einfach“, kommt die Antwort ebenso leise von oben, „die Biester drücken ganz schön nach!“
Der erste Sack füllt sich schnell. Max meldet: „Stopp! Der Sack ist voll!“ Er lehnt den Sack gegen den Hang und hält den leeren auf: „Weiter!“ Die Kastanien kollern jetzt weniger wild, aber Frömmich hört Schritte: „Still! Da kommt wer!“
Antoine, der Bahnwärter, wandert, von etlichen Schoppen beschwingt, zu seinem Häuschen am Rande des Dorfes und nuschelt wunderbar atonal vor sich hin: „Rien! Rien de rien! Non, je ne regrette rien ...!“
Sie warten, bis Schritte und Gesang verhallt sind. „Es geht weiter!“ Auch der zweite Sack füllt sich schnell. Frömmich drückt das Brett wieder an: „Reich mir mal ’ne Klamotte!“
Max ertastet im Dunkeln einen handlichen Stein und reicht ihn Frömmich zu: „Hier!“
Der befestigt mit vorsichtigen Schlägen die Nägel, immer wieder Pausen machend, um zu lauschen, ob irgend jemand zu hören ist, aber alles geht glatt. Er steigt vom Sägebock herab: „Sind viele danebengefallen?“
„Nicht viele.“
„Wir müssen versuchen sie aufzulesen, damit man nicht sieht, wo das Loch war.“ Sie ertasten auf der Erde drei Dutzend Kastanien und stecken sie noch ein.
„Der Rest vertut sich“, meint Frömmich. „Schmeiß ein paar Äste hin.“
Max findet schnell welche und kaschiert den Ort der Tat, so gut es geht. Inzwischen hat Frömmich zwei Enden Strippe aus der Tasche gezogen und bindet die Säcke zu: „Denn man los! Morgen verkaufen wir dem Cauchon wieder seine Kastanien. Der soll sich noch wundern, wie teuer ihn sein Auto kommt!“
Jeder schultert seinen Sack und bemüht sich, die Schritte vorsichtig zu setzen, um keinen Lärm zu machen. Sie überqueren die Straße und steigen hoch zum Bahndamm, dem sie bis oberhalb der Rattenburg folgen, wo sie ungesehen wieder absteigen können.

*

Max arbeitet allein in einem aufwärts führenden Schräg­vortrieb. Der ist nur durch eine Rutsche mit dem Hauptstollen verbunden und nur durch diese zugänglich. Unten steht ein Hunt für das Erz oder den Abraum, je nachdem, und Schmude, der den vollen Hunt zum Aufzug karren soll.
Die Luft staut sich im Vortrieb und wird immer stickiger. Das Flämmchen der Grubenlampe am Boden flackert, obwohl sich kein Lüftchen regt.
Max ist bei der Arbeit gerne allein. Nicht weil er faulenzen möchte. Es liegt ihm nicht, Zeit zu vergeuden, und selbst wenn er für jemand anderen arbeitet, tut er das lieber, als untätig herumzusitzen. „Arbeit macht das Leben süß, Faul­heit stärkt die Glieder!“ Was für ein Quatsch! Weil er hart arbeitet, wird er kräftig und zäh. Aber allein, kann er sich die Arbeit einteilen, seinen eigenen Rhythmus finden. Außerdem kann er seine Gedanken spazierengehen lassen, ohne daß ihn jemand dabei stört.

*

Diese Einstellung hatte ja auch an Bord von ‚Hans Lody‘ zum Streit mit dem Backschaftsältesten geführt. Das war ein spitzbärtiger, gnomartiger Hauptgefreiter, der im Zivilleben Klempner war und seinen Mangel an Persönlichkeit durch forsches Auftreten zu kompensieren suchte. Zu alledem hieß er Küßle, und sein süßer Name wurde ihm immer wieder mit gespitztem Mündchen dargeboten, was ihn jedes Mal zur Weißglut brachte, ohne daß er etwas dagegen tun konnte.
Sie lagen mit dem Zerstörer im Oslofjord, hatten beide Ausgang nach Oslo bekommen, und der Herr Hauptgefreite sah nicht ein, daß Max allein gehen und den Landgang nicht mit ihm gemeinsam verbringen wollte. Max wollte nur gerne allein sein, aber das wurde ihm von Küßle als Arroganz, Überheblichkeit, Elitedenken (als Offiziersanwärter) und Unkameradschaftlichkeit ausgelegt.
Max hielt sich zunächst sehr zurück, aber als Küßle auf seiner Forderung beharrte, war ihm die Sache lästig und er sagte irgendetwas von Primitivität, worauf Küßle ihn gegen den Tisch schubste. Max langte zurück, und Küßle stolperte rücklings über die Bank in der Back. Eine kleine Keilerei entstand, eigentlich mehr ein Gerangel, das sie schnell aus Mangel an gegenseitigem Interesse wieder aufgaben. Sie fuhren gemeinsam nach Oslo, und dann ging jeder seine eigenen Wege.

*

Das Flämmchen der Grubenlampe spendet ein blaues Licht.
Die graugelbe Höhle füllt sich schnell mit den bunten Bildern seiner Eindrücke und Visionen: das Tal im hellen Licht, die Maulbeerbäume mit den fad-süßen gelblichen oder blau-braunen Früchten, das schmale Rinnsal mit den blaugrünen Kolken, die zum Baden einladen, die Nixe Marie-Paule, die zerfurchten Gesichter der alten Männer vor dem Bistro, die Gesichter seiner Eltern, schemenhafter, weniger nah und seltsam unbewegt. Und immer wieder Paule, sanft, zärtlich, anschmiegsam, aber manchmal auch im Wege stehend. Die Bilder erscheinen ihm seltsam schwebend und flüchtig, sie lassen sich nicht festhalten, fügen sich nicht seinem Willen.
Schmude unterbricht die Phantasiewelt mit dem Warnruf: „Max! Achtung, Mauser kommt!“
Max zwingt sein Denken in die Wirklichkeit zurück und beginnt wieder, Abraum in die Rutsche zu werfen.
Mauser, daran gehindert hinaufzusteigen, versucht das Kollern des Gesteins zu übertönen und brüllt: „Allô! Atten-tion! Je veux monter. Fini donc! Du nicht hören? Wanze, verfluchte!“
Max tut noch ein bißchen so, als höre er nicht, dann macht er eine Pause, und Mauser kommt fluchend die Rutsche emporgekrochen, er hat eine Hand bandagiert: „Tu n’as pas des oreilles? Hä? Du hör’ nur Sachen piquantes, niederträchtiges, was?!“ Er schaut sich um: „Heute muß fertig sein hier! Nix bloß reden dummes Zeug. Auch Arbeit, ja?! Alors vite!“ Er steigt wieder in die Rutsche und ermahnt Max energisch: „Aber nix schmeiß’ bis ich bin unten. Ich ruf’. Compris?“
Max murmelt: „Leck mich am Arsch!“ Während Mauser hinabklettert, setzt er sich hin. Dann hört man von unten dumpf Mausers Stimme: „Fertig! Weiter arbeit’. Allez!“ Und zu Schmude: „Und du fahr los. Nicht warten auf großen Haufen, schnell wiederkomm’!“ Man hört das Rollen des abfahrenden Hunts.
Max schüttelt den Kopf, der ihm groß und schwer vorkommt. Das Flämmchen der Grubenlampe ist kleiner und ganz blau. Er versucht aufzustehen, aber er taumelt und findet keinen Stand. Am Rand der Rutsche hockt er sich hin. Ihm ist schwindlig, er versucht, tief durchzuatmen, aber seine Lungen wollen die Luft nicht aufnehmen, der Schwindel weicht nicht. Ihm wird dunkel vor Augen, er sackt zusammen und kullert die Rutsche hinab.
Sein Sturz endet im Drainagegraben neben den Gleisen. Verschwommen nimmt er ein fernes Gefühl von Kühle und Nässe wahr und wundert sich, daß ihn nicht Glut und Feuer erwarten. (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 314  vom 10.08.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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