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Aktueller Online-Flyer vom 19. Juli 2018  

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Lokales
Brache in Köln-Kalk in einen mobilen Bio-Gemeinschaftsgarten verwandelt
Keine Räumung der "Pflanzstelle"
Von Peter Kleinert

"Die Pflanzstelle - sozio-kulturelle und ökologische Landwirtschaft in der Stadt" heißt ein Projekt des "grenzenlos gärten e.V.", durch das vor etwa einem Monat Kölner und vor allem Bürgerinnen und Bürger aus dem Stadtteil Kalk ein seit langem brachliegendes Gelände in der Neuerburgstraße in einen mobilen Bio-Gemeinschaftsgarten verwandelt haben. Doch obwohl sich die Initiative mit dem Mieter des Geländes, dem Schauspielhaus, über eine Zwischennutzung geeinigt hatte, wollte die Stadtverwaltung das EU-geförderte Projekt an diesem Donnerstag räumen - zugunsten eines Investors.
 

Auch Kinder machen begeistert
mit bei der "Pflanzstelle"
Hilferufe an Unterstützer und Projektpartner bewegten allem Anschein nach etwas, nach Angaben des Vereins hat sich auch das in Zuständigkeiten verzettelte Liegenschaftsamt letzten Endes dafür eingesetzt, dass die Pflanzstelle in Kalk bleibt. Ein Zwischennutzungsvertrag ist in Vorbereitung.  

"Dass die Räumung am Montag abgewendet wurde, kam für uns völlig überraschend", erklärt Sebastian Edlich von "grenzenlos gärten e.V.". Bis zur ander-weitigen Nutzung durch einen Investoren wollen die Vereinsmitglieder und Nachbarn die Brachfläche beackern, am Samstag feiern sie die offizielle Eröffnung.  

Die "Pflanzstelle" ist ein mobiler, interkultu-reller und öffentlicher Gemeinschaftsgarten in der Stadt. Gemeinsam mit Freiwilligen und Interessierten, darunter auch viele Kinder, wird auf dem Gelände in der Neuerburgstraße seit Juli Gemüse in transportablen Pflanzmodulen angebaut, nachdem die lange vorher an einem anderen Ort bepflanzten Kästen von einer solidarischen Kölner Gärtnerin per Transportauto hierher geschafft worden waren. Durch die Module ist dieser Garten mobil und kann deshalb auch auf versiegelten oder belasteten Flächen wie auf Parkhausdächern, in alten Industriehallen oder auf einer der zahlreichen Brachflächen im Stadtgebiet grüne Oasen schaffen. Die "Pflanzstelle" ist öffentlich zugänglich und verfolgt so ein völlig anderes Konzept als Schrebergärten. Deshalb wurde dieses Projekt auch mit Unterstützung der Europäischen Union durch das Programm JUGEND IN AKTION finanziert.
"Diese Form des Gartens", so ein "Hilfe-Schrei" der "Pflanzstelle" im Internet(1), "schafft eine offene Begegnungsstätte, die zum gemeinsamen Gärtnern, Zeit verbringen, Austausch, Lernen und Essen einlädt. Durch Gartenbauaktionen, eine “Gartensprechstunde” sowie Bildungs- und Kulturangebote werden unterschiedliche Menschen über gesellschaftliche Grenzen hinweg aktiv in den Garten eingebunden. So können Familien ihren Kindern die Natur näher bringen, ohne weit fahren zu müssen. Senioren und Rollstuhlfahrer haben es durch die Hochbeete leichter. Und Gärtnerinnen und Gärtner ohne eigenen Garten können hier kostenlos ihrem Hobby nachgehen."


Ergebnis des Gemüseanbaus in der "Pflanzstelle"
 
Ökologisches Bewusstsein und Wissen werden in diesem Garten der "Pflanz-stelle" fast beiläufig vermittelt. Gleichzeitig wird eine gemeinschaftliche Verbindung zwischen Menschen und urbaner Umwelt geschaffen. Der Garten bietet den Ort dieses direkt und konkret im Kleinen auszuprobieren.
 
Nun, da die Räumung des Geländes abgewendet ist, kann das Projekt offiziell anlaufen. Zur Räumungsdrohung war es nach einem mehrmonatigen Verhandlungsmarathon zwischen " grenzenlos gärten e.V." und der Stadtverwaltung gekommen, weil die Ämter sich nicht im Klaren über ihre eigenen Zuständigkeiten waren. Eine ähnliche Auseinandersetzung zeichnet sich im Konflikt um die islamische Gemeinde Abess-Alshakeri und der christlichen Gemeinde Ministère de la Croix ab.(2) Auch hier droht die Stadt damit, die von den Gemeinden genutzten Häuser in der Schanzenstraße in Köln-Mülheim zugunsten der Hochtief-Konzern-Tochter Aurelis innerhalb einer nicht zumutbaren Frist von sieben Tagen zu räumen.


Gemüse-Angebot in den transportablen Pflanzmodulen
 
Die "Pflanzstelle" freut sich vorerst weiter auf interessierte Gärtnerinnen und Gärtner und solche, die es werden wollen - jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 14:00 – 21:00 Uhr - momentan noch in der Neuerburgstraße in Köln-Kalk. Und sie lädt zu einer Garteneröffnungsfeier am 13. August ein. Neben Angeboten für Kinder darf ab 14:00 Uhr gebastelt und gepflanzt werden und anschließend wird gemeinsam gegrillt. Dabei will sie ihre BesucherInnen mit ihrem Programm bekannt machen:
 
"Wir von der Pflanzstelle // über alle grenzen hinweg //
Gärten sind ein Hobby für einzelne.
Oder ein Mittel zur Stadtgestaltung und sozialer Treffpunkt für deren BürgerInnen. Oder ein Ansatz zur gesunden und bewussten Selbstversorgung.
Oder…
Aber warum eigentlich “oder”?
Wir von grenzenlos gärten e.V. sind von allen diesen und weiteren Facetten des Themenspektrums Garten fasziniert und wollen möglichst viele davon mit dem Projekt Pflanzstelle verwirklichen. Und zwar gleichzeitig, inmitten der Stadt und offen für alle, die sich dafür begeistern lassen.
Wie in einem gut abgestimmten Garten, können sich in einem Projekt nebeneinander existierende Formen positiv bestärken. Selbst neue Formen können entstehen. Pädagogische und bildende Angebote können neben einer Bühne für Ausstellung und Konzerte eingebunden werden und so die unterschiedlichen sozialen und kulturellen städtischen Milieus erreichen.
Hier und heute möchten wir aktiv an der zukunftsgemäßen Stadtgestaltung partizipieren und andere dafür sensibilisieren. Das wollen wir in einer ökologischen, kreativen und barrierefreien Weise. Methoden der urbanen Landwirtschaft, eingebettet in eine offene Projektform zum Erreichen und Aktivieren unserer Mitmenschen – diese Idee hat unglaubliches Potential.
Um den Garten in die Stadt zu bringen, ist Mobilität wichtig. Mit mobilen Pflanzmodulen ist jeder Ort ein potentieller Garten. Die verseuchte Industriebrache genauso wie Bauruinen oder schlicht der eigene Balkon. Gesunde, möglichst ökologische Ernährung sollte kein Luxusgut sein. Sondern selbstverständlich für alle. Bewusst gelebt erschließen sich uns dadurch auch größere Zusammenhänge unserer Umwelt und wir erlangen die Kompetenz, Vielfalt als hohes und zu förderndes Gut zu schätzen." (PK)
 
 
(1) http://gartenstadt2punkt0.wordpress.com/2011/08/05/ein-hilfe-schrei-kolner-gemeinschaftsgarten-vor-der-raumung/
(2) Hierzu in dieser Ausgabe der Artikel "Anzeige gegen Hochtief-Tochter Aurelis"
Weitere Informationen: Mail: grenzenlosgaerten@gmx.net, Tel. 0163-3846250 und http://pflanzstelle.blogsport.eu/uber-uns/


Online-Flyer Nr. 314  vom 10.08.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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